Alfred Andersch - Sansibar als Utopie

Die Freiheit als Ursprung des Daseins


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
17 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sansibar – eine verwandelte Welt
2.1. Die Innenperspektive
2.2. Freiheit als Fluchtpunkt

3. Der letzte Grund – die Therapie?
3.1. Der Moralist Alfred Andersch
3.2. Autobiographisches Verzerren?

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Alfred Anderschs autobiographischer Bericht Die Kirschen der Freiheit[1] erntete in Zeiten des politischen und sozialen Wandels im jungen Deutschland lediglich negative Kritiken. Schonungslos berichtete der Autor hier über seine persönlichen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und eckte mit seinen eigenen Ansichten dazu bei einigen Lesern an.

Im Gegensatz zu seinem autobiographischen Erlebnisbericht konnte sein erster Roman Sansibar oder der letzte Grund[2] beinahe ausnahmslos positive Kritik verzeichnen.

Er wurde durch seinen ersten Roman zu einem populären Erfolgsautor, der sowohl damals als auch heute noch zum Denken anregt und uns im Schaffen unzähliger Möglichkeiten so viele Spielbälle zuwirft, wie wir niemals auffangen können.

Die vorliegende Arbeit wirft einen Blick auf Alfred Anderschs ganz persönliches Sansibar. Sein ganzes Werk beruft sich immer wieder auf die Freiheit im Sinne des Existentialismus. Das Forschen nach dem letzten Grund ist für ihn die Suche nach der Freiheit. Im weiteren Verlauf widmet sich diese Arbeit Anderschs Sansibar als Fluchtpunkt aus der Krise. Es stellt sich die Frage, ob Andersch einen moralischen Anspruch verfolgt hat. Es handelt sich um ein Werk, das eine Möglichkeit durchspielt und zeigt, dass die Not Menschen zusammenbringt. Des Weiteren ist es interessant, ob Alfred Andersch vielleicht einerseits mit dem erhobenen Zeigefinger auf seinen Leser herabschaut und andererseits den Protagonisten des Romans oder gar weitere Charaktere dazu nutzt seinen eigenen Lebenslauf zu begradigen. Beim Lesen des Werkes könnte sich durchaus die Frage stellen, ob hier eine Art des autobiographischen Verzerrens geschieht.

Nach einer ausführlichen Auseinandersetzung mit den benannten Aspekten werde ich ein abschließendes Fazit zu meiner Arbeit ziehen.

2. Sansibar – eine verwandelte Welt

„Man mußte Rerik verlassen, erstens, weil in Rerik nichts los war, zweitens, weil Rerik seinen Vater getötet hatte, und drittens, weil es Sansibar gab, Sansibar in der Ferne, Sansibar hinter der offenen See, Sansibar oder den letzten Grund.“[3]

Sansibar oder der letzte Grund war Anderschs erstes populäres literarisches Werk, das in den Medien Beachtung fand. Nachdem die Aufarbeitung seiner Vergangenheit in Die Kirschen der Freiheit kein besonderes Interesse beim Publikum geweckt hatte, schuf er durch das Durchspielen einer Möglichkeit einen neuen Blick auf Vergangenes.

„[In seinem ersten Roman versucht er] im Gegensatz zu seinem autobiographischen Bericht Die Kirschen der Freiheit objektive Korrelate sowohl für seine eigenen Erfahrungen […] als auch für das schwierige Projekt einer ‚Aufarbeitung der Vergangenheit‘ [zu finden].“[4] Der Journalist Friedrich Sieburg stellt den Roman gar auf eine Linie mit den Romantikern: „Die Welt wird hier nicht mehr verändert, sondern verwandelt.“[5]

Durch einen Zufall treffen die fünf Protagonisten der Junge, Helander, Judith, Knudsen und Gregor Ende Oktober 1937 in der kleinen Küstenstadt Rerik aufeinander. Die politischen Verhältnisse in Deutschland zwei Jahre vor dem Kriegsausbruch erschweren das Leben Andersdenkender und lassen sie um ihr Leben fürchten. Die fünf Personen, die in diesem Roman zusammengeführt werden, haben alle ein gemeinsames Ziel, jeder aus einem eigenen Motiv heraus: die Flucht.

Warum die Figuren so handeln wie sie es tun und welche Entwicklung sie erleben, lässt sich besonders gut an der Erzählperspektive und der Bedeutung der Flucht ablesen.

2.1. Die Innenperspektive

Das Figurenensemble wird meist aus einer personalen Erzählsituation heraus beschrieben. Alfred Andersch wendet dabei ein Prinzip der Typisierung an, wie es charakteristisch für die Romane der fünfziger Jahre ist. Die Personen werden demnach zunächst über ihre äußeren Merkmale charakterisiert.

Diese Handhabung des Beschreibungsstenogramms lässt sich jedoch nicht einwandfrei verwenden. An den Textstellen, an denen angebliche Merkmale der von den „Anderen“ verfolgten ethnischen Gruppen beschrieben werden, lässt sich dies äußerst kritisch betrachten und wirft nicht unbedingt ein positives Licht auf die jeweils zu charakterisierende Figur.

„Gregor erkannte das Gesicht sofort; es war eines jener jungen jüdischen Gesichter, wie er sie im Jugendverband in Berlin, in Moskau, oft gesehen hatte. Dieses hier war ein besonders schönes Exemplar eines solchen Gesichts.“[6]

Absurderweise wirft diese Aussage die Frage auf, ob Gregor nicht entgegen all seiner Behauptungen, Ansichten der von ihm bekämpften Ideologie vertritt. Auch weitere Äußerungen Gregors wirken deplatziert, ja geradezu rassistisch. Sie werfen einen kritischen, wenn nicht sogar negativen Blick auf Gregor und versetzen Judith in eine hilflose Ausgangsposition. Und um ihrer vorgegebenen Rolle gerecht zu werden, stattet Andersch sie mit einer gehörigen Portion Verwöhntheit, Naivität und Hilflosigkeit aus. Judiths Weltfremdheit und Leichtfertigkeit zwingen Gregor dazu, in die Rolle des klassischen Helden zu schlüpfen. Nur, dass der klassische Held, der sich vor das junge schutzbedürftige Fräulein stellt, dieses gar nicht so bezaubernd findet. Abstoßung und Gefallen führen schließlich zu einer gewissen Zuneigung auf beiden Seiten. Während Gregor die aktive ausführende Position innehat, „hat [Judith] wie die Barlachfigur vor allem eine passive, handlungsauslösende Funktion.“[7]

Walter Hinderer betont zudem, dass die Charaktere des Romans einen auffallend „spezifisch poetisch-ästhetischen Erfahrungsraum“[8] besäßen: „beim Jungen ist er durch die Lektüre von Mark Twains Huckleberry Finn bestimmt, bei Knudsen durch den Fischerberuf, bei Gregor durch eine Schlüsselerfahrung vor der Stadt Tarasovka auf der Halbinsel Krim, beim Pfarrer durch die metaphysische Revolte einer Theologie der Krise und bei Judith durch eine realitätsferne Erziehung.“[9] Und obwohl die Erzählweise personal gehalten ist, schiebt sich hin und wieder der Erzähler dazwischen und wird zum Fadenzieher im Hintergrund.

[...]


[1] Andersch, Alfred: Die Kirschen der Freiheit. Ein Bericht. Zürich 2006.

[2] Andersch, Alfred: Sansibar oder der letzte Grund. Zürich 2006. (im Folgenden abgekürzt mit Sansibar)

[3] Andersch (2006). Sansibar oder der letzte Grund. S. 95.

[4] Hinderer, Walter: Arbeit an der Gegenwart. Zur deutschen Literatur nach 1945. Würzburg 1994. S. 145.

[5] Friedrich Siegburg, zitiert in: Schütz (1980). S.44.

[6] Andersch (2006). Sansibar oder der letzte Grund. S. 68.

[7] Hinderer (1994). S.155.

[8] Ebd.

[9] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Alfred Andersch - Sansibar als Utopie
Untertitel
Die Freiheit als Ursprung des Daseins
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Der Erzähler Alferd Andersch
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V178599
ISBN (eBook)
9783656007050
ISBN (Buch)
9783656007210
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Alfred Andersch, Sansibar, Freiheit, Die Kirschen der Freiheit, Autobiographisches Verzerren, Innenperspektive, Moralist, Nationalsozialismus
Arbeit zitieren
Sarah Müller (Autor), 2010, Alfred Andersch - Sansibar als Utopie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178599

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