Freundschaft 2.0 - Wie Facebook & Co unsere Freundschaften beeinflussen

Chancen und Risiken


Examensarbeit, 2011

49 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einleitung
1.1 Motivation
1.2 Ziele der Arbeit
1.3 Gliederung

2 Grundlagen
2.1 Freundschaft
2.2 Soziale Netzwerke
2.2.1 Studienergebnisse zu Beziehungsformen
2.2.2 Studienergebnisse zur Netzwerkgröße
2.3 Sozialkapital
2.3.1 Studienergebnisse zur Arbeitsplatzsuche
2.3.2 Studienergebnisse zur Stärke von schwachen Beziehungen

3 Soziale Online-Netzwerke
3.1 Definition
3.2 Facebook & Co
3.3 Hintergründe, Daten und Fakten
3.4 Motivation der Nutzer
3.5 Nutzertypologie
3.6 Online-Freunde

4 Chancen und Risiken von Facebook & Co
4.1 Chancen
4.2 Risiken

5 Zusammenfassung und Ausblick
5.1 Bewertung
5.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang - Internetquellen

Vorwort

Neulich hat ein Artikel über Facebook meine Aufmerksamkeit geweckt. In dem Artikel war zu lesen, dass der durchschnittliche Facebook-Nutzer 130 Freunde hat. Eine beeindruckende Anzahl. Diese Aussage hat mich daraufhin eine ganze Weile beschäftigt, und so haben sich mir beispielsweise folgende Fragen gestellt:

- Bin ich eigentlich „normal“?

Ich habe zurzeit 3 sehr gute Freunde und vielleicht 5-7 gute Freunde. Und seit kurzem sogar eine Internetfreundin. Das sind zusammen allerdings nicht einmal annähernd 130. Aber ich bin ja auch nicht bei Facebook.

- Hätte ich auch bald 130 Freunde, wenn ich an Facebook teilnehmen würde?
- Will ich überhaupt 130 Freunde haben?
- Was würden mehr Freunde für mich besser machen?
- Wie gut können die genannten Freunde sein, wenn man 130 davon hat?
- Ist der Begriff „Freund“ in diesem Zusammenhang dann überhaupt sinnvoll verwendet? Bei dieser Anzahl sollte man doch wohl eher von Bekannten sprechen.
- Inwieweit entsprechen Facebook-Freunde den realen Freunden?

Diese und noch einige andere Fragen haben mich neugierig auf die aktuellen Entwicklungen im Bereich der sozialen Online-Netzwerke gemacht. Denn obwohl ich mich eigentlich zu den aktiven Nutzern des Internets und der neuen Technologien zähle, bin ich bei diesem aktuellen Trend noch nicht dabei. Versäume ich da gerade eine wichtige Entwicklung? Oder kann ich die Zeit, die man bekanntermaßen zum Aufbau und zur Pflege jedes neuen Werkzeugs investieren muss, nutzbringender gestalten?

In dieser Arbeit will ich am Beispiel von Facebook die Chancen und Risiken der sozialen Online-Netzwerke erörtern, insbesondere im Hinblick auf unsere realen Freundschaftsbeziehungen. Ziel der Arbeit wird es sein, eine Entscheidungshilfe für all diejenigen zu liefern, die eine Teilnahme an einem sozialen Online-Netzwerk in Erwägung ziehen.

1 Einleitung

1.1 Motivation

Zurzeit ist Facebook in aller Munde. Es vergeht nahezu kein Tag, an dem die Presse nicht in irgendeiner Form über Facebook berichtet - sei es über den rasanten Erfolg, die Firmenpolitik, mögliche Zukunftsszenarien und Gefahren oder auch nur über skurile Vorkommnisse bei der alltäglichen Facebook-Nutzung [1],[2].

Sogar die Filmindustrie von Hollywood hat bereits einen großen Kinofilm („The Social Network“, 2010) über die Entstehung, vielmehr aber über den Gründer von Facebook gedreht. Und die Besucherzahlen bestätigen ihrerseits das weltweite Interesse der Menschen an der aktuellen Facebook-Entwicklung.

Facebook ist das derzeit weltweit größte soziale Online-Netzwerk und verzeichnet seit 2010 sogar mehr Nutzer als Google[3]. Soziale Online-Netzwerke erlauben es einem Nutzer, sich selbst mit einem Profil darzustellen und sich mit seinen Freunden zu verknüpfen, so dass man dadurch einfach Kontakt zu seinen Freunden halten kann und immer über deren Aktivitäten informiert ist.

Der durchschnittliche Facebook-Nutzer hat 130 Freunde[4]. Diese Angabe wird gerne und häufig angeführt, wenn es um Nutzungsstatistiken von Facebook geht, und wirft natürlich einige Fragen auf. Warum haben Facebook-Nutzer so viele Freunde? Inwieweit entsprechen diese 130 Facebook-Freunde den real existierenden Freunden der betreffenden Person? Wird der Begriff „Freunde“ in diesem Zusammenhang überhaupt sinnvoll und treffend verwendet? Welche Arten von realen Beziehungen verbergen sich hinter Facebook-

Freundschaften? Warum wird der Quantität von Freunden mehr Bedeutung beigemessen als der Qualität?

Und natürlich stellen sich auch grundsätzlichere Fragen, etwa welche Auswirkungen die zunehmende Verbreitung dieser sozialen Online-Netzwerde auf unsere real existierenden sozialen Netzwerke haben wird. Stellen soziale Online-Netzwerke wie Facebook eine Bereicherung für die Pflege und Aufrechterhaltung existierender Freundschaften und Beziehungen dar? Bieten sie sogar geeignete Möglichkeiten zum Kontaktaufbau mit neuen Personen? Oder wirken sie sich eher hemmend aus, weil durch den zunehmenden Gebrauch derartiger Online-Angebote die Zeit für die Pflege und die Aufrechterhaltung existierender Freundschaften und Beziehungen reduziert wird?

Diese Fragen sind aktuell bedeutend für das individuelle und gesellschaftliche Leben, allerdings auch nicht ganz einfach und auf die Schnelle zu beantworten. Sie sind Gegenstand der vorliegenden Arbeit.

1.2 Ziele der Arbeit

Ziel der Arbeit ist es zunächst, das Verhältnis zwischen Facebook-Freunden und real existierenden Freunden zu ermitteln und deren Wechselspiel näher zu beleuchten. In diesem Zusammenhang soll auch die Angemessenheit des Begriffs „Freund“ untersucht und ggf. präzisiert werden.

Ein weiteres Ziel der Arbeit ist es, am Beispiel von Facebook die Bedeutung und den Einfluss von sozialen Online-Netzwerken auf reale Freundschaften und Beziehungen zu untersuchen. Dazu sollen sowohl Chancen als auch Risiken erörtert werden.

Schließlich soll ein Empfehlungskatalog zur Entscheidungsunterstützung für oder gegen die Teilnahme an einem sozialen Online-Netzwerk wie Facebook erarbeitet werden.

1.3 Gliederung

Die Arbeit gliedert sich wie folgt. In Kapitel 2 werden die Grundlagen für die vorliegende Arbeit erarbeitet. Nach einer Definition von Freundschaft wird die Betrachtung des Menschen im Kontext von seinen Freundschaften auf den Kontext all seiner sozialen Beziehungen erweitert. Diese Verallgemeinerung wird zu einem späteren Zeitpunkt einen besseren Vergleich zwischen Facebook-Freunden und real existierenden Freunden ermöglichen.

In Kapital 3 wird das Phänomen Facebook näher beleuchtet. Anhand von Zahlen, Fakten und Studien soll das Nutzungsverhalten greifbarer gemacht werden. Am Ende des Kapitels wird der Zusammenhang zwischen Faceook-Freunden und echten Freunden hergestellt.

Kapitel 4 bildet den Kern der vorliegenden Arbeit. Hier werden die Chancen und Risiken von sozialen Online-Netzwerken wie Facebook im Hinblick auf unsere realen Freundschaften und Beziehungen erörtert.

Im fünften und letzten Kapitel der Arbeit werden die gefundenen Ergebnisse und Erkenntnisse in Form eines Empfehlungskatalogs zusammengefasst. Diese Empfehlungen können neue potentielle Facebook-Nutzer bei der bewussten Entscheidung für oder gegen eine Facebook-Teilnahme unterstützen. Aber auch bereits aktive Facebook-Nutzer können anhand der Empfehlungen ihr Verhalten im Umgang mit Facebook überprüfen und es ggf. nutzbringender für sie selbst gestalten. Ein Ausblick auf mögliche zukünftige Entwicklungen im Bereich der sozialen Online-Netzwerke schließt die vorliegende Arbeit ab.

2 Grundlagen

In diesem Kapitel sollen zunächst die Grundlagen für die vorliegende Arbeit erarbeitet werden. Zu Beginn wird das Thema Freundschaft näher betrachtet, aus philosophischer und psychologischer Sicht. Daraus ergibt sich, dass die Berücksichtigung reiner Freundschaftsbeziehungen für die vorliegende Arbeit zu restriktiv wäre. Daher werden die Betrachtungen auf alle Beziehungsformen in real existierenden sozialen Netzwerken erweitert. Eine Reihe von Studienergebnissen wird Aufschluss über das Aussehen eines typischen sozialen Netzwerks geben. Schließlich soll über die Erläuterung des Begriffs des Sozialkapitals der Nutzen von sozialen Netzwerken verdeutlicht werden.

2.1 Freundschaft

Über Freundschaft ist schon viel geschrieben und nachgedacht worden (vgl. Lemke 2000). Schon die alten Schriftsteller und Philosophen wie Aristoteles, Cicero, Seneca oder Socrates haben ein Loblied auf die Freundschaft gesungen, und auch neuere Philosophen und Schriftsteller wie Montaigne oder Shakespeare stimmen in diesen Kanon mit ein. Auf der anderen Seite zweifeln Skeptiker wie Nietzsche oder Schopenhauer die bloße Möglichkeit von Freundschaft grundsätzlich an.

Gegenstand der philosophischen Betrachtungen sind dabei stets „wahre“ und „echte“ Freundschaften, sogenannte Tugend- oder Charakterfreundschaften - im Gegensatz zu Nutz- oder Zweckfreundschaften. Wahre, echte Freundschaften sind freiwillige und gleichberechtigte Beziehungen. Sie bestehen um der Person des Freundes willen, zeichnen sich durch Wertschätzung der anderen Person, Beständigkeit und gegenseitiges Wohlwollen aus.

Die philosophische Betrachtung von Freundschaft als Tugend- oder Charakterfreundschaft ist für die vorliegende Arbeit zu restriktiv. Hier soll der Mensch im Kontext von all seinen bestehenden Freundschaftsbeziehungen betrachtet werden. Die philosophischen Ansätze können die aktuelle Praxis der Freundschaftsbeziehungen weder adäquat beschreiben noch erklären. Daher soll ein Blick auf psychologische Betrachtungen zum Thema Freundschaft weiterhelfen.

Der Psychologe Dr. Ignace Lepp definiert Freundschaft als intensive geistige Gemeinschaft und betrachtet Freundschaft als die universalste zwischenmenschliche affektive Beziehung (vgl. Lepp 1965). Für die Entstehung von Freundschaft nennt er folgende Voraussetzungen:

gewisse Gemeinsamkeiten von mehr oder weniger wichtigen Interessen Bereitschaft, Wille und zeitliche Ressourcen auf beiden Seiten gewisse Ähnlichkeit der Charakter-/Temperamentsfamilien gewisse Übereinstimmung zwischen Ich-Idealen und Leitbildern Für eine Freundschaft ist ein tieferer geistiger Austausch von zentraler Bedeutung. Daher stellt die Kommunikation einen wichtigen Aspekt bei Freundschaften dar. Die Kommunikation kann bei persönlichen Begegnungen stattfinden, telefonisch oder in schriftlicher Form.

Mit der Definition als intensive geistige Gemeinschaft grenzt Lepp Freundschaft auch klar von anderen zwischenmenschlichen Beziehungen ab. Kameradschaft oder Kameradenbanden dienen mehr der gemeinsamen Zerstreuung und auch mit Kollegen und Genossen erfolgt nicht der geforderte intensive geistige Austausch. Selbst die Solidarität in der eigenen Familie muss nicht zwingend mit Freundschaft einhergehen.

Lepp lässt in seinem Buch sehr deutlich anklingen, wie wichtig und wertvoll Freundschaften für den modernen Menschen sind und dass dennoch die Mehrheit aller real stattfindenden Gespräche und Beziehungen lediglich oberflächlich und leer sind. Zur Erklärung bedient er sich des Philosophen Sartre bzw. dessen These zum Alleinsein der Menschen, die sinngemäß etwa folgendes besagt: „Allein wird der Mensch geboren, und allein stirbt er; nur durch Selbstbetrug kann er sich einreden, dass er zwischen diesen beiden entscheidenden Augenblicken nicht allein ist.“

Besonders der moderne Mensch, für den es keine feste Gruppenzugehörigkeit mehr gibt und die Individualität im Vordergrund steht, erfährt dieses Alleinsein sehr stark, auch wenn er nie wirklich alleine und immer umgeben von Menschen und Aktivitäten ist. Das beste „Mittel“ gegen dieses Alleinsein ist laut Lepp die Erfahrung von echter Freundschaft und einer intensiven geistigen Gemeinschaft. Da diese aber selten und nicht so leicht zu erlangen sind, sucht und nutzt der Mensch auch alle anderen Formen des Zusammenseins, um dem Gefühl des Alleinseins zu entgehen.

Dieses Streben der Menschen kann auch in der psychologischen Literatur wiedergefunden werden, beispielsweise unter dem Begriff „Affiliation“ (Studienbrief 4). Affiliation ist die „Beigesellung, Beziehungsaufnahme, Aufnahme sozialer Kontakte zu anderen Menschen ohne direkten Zweck aufgrund eines jedem Menschen innewohnenden Gesellungsdranges und dem Wunsch, von anderen Personen akzeptiert zu werden.“ (Wenninger 2000)

Auch speziell der Freundschaftsaufbau wurde in der psychologischen Literatur bereits betrachtet, grundsätzlich aus zwei Perspektiven (vgl. Mesch und Talmud 2006): Der eine Ansatz der „Sozialen Bedürfnisse“ (social needs) geht davon aus, dass der Mensch deshalb Beziehungen eingeht, um seinen Bedarf an Intimität, Selbstwertschätzung und Gesellschaft erfüllen zu können. Wohingegen der andere Ansatz der „Sozialen Kompensation“ (social compensation) den Freundschaftsaufbau aus Konflikten mit und einem geringen Nahverhältnis zu Familienangehörigen heraus motiviert.

Damit wird insgesamt klar, dass es für die vorliegende Arbeit nicht zielführend ist, den Fokus auf die Definition von echter Freundschaft und deren Abgrenzung von allen anderen Beziehungsformen zu legen. Vielmehr muss der Mensch als soziales Wesen im Rahmen all seiner Beziehungen betrachtet werden.

2.2 Soziale Netzwerke

Das soziale Netzwerk eines Menschen (egozentrierte Betrachtung) umfasst die Beziehungen zu allen Personen, mit denen der Mensch persönlich in Kontakt steht. In der Literatur findet man viele Arbeiten, die die unterschiedlichen Beziehungsformen innerhalb eines sozialen Netzwerks anhand von ihrer Stärke unterscheiden und demnach in starke und schwache Beziehungen unterteilen. Richtungsweisend dafür war sicherlich die Arbeit von Granovetter (vgl. Granovetter 1973).

Starke Beziehungen (strong ties) weisen einen hohen Grad an Vertrautheit und Selbstöffnung auf, einen emotionalen Austausch, Reziprozität (Gegenseitigkeit) sowie eine regelmäßige Interaktion.

Schwache Beziehungen (weak ties) sind dagegen eher informell, mit spärlichem und wenig vertraulichem Austausch.

Starke Beziehungen findet man hauptsächlich zwischen engen Freunden und Familienangehörigen, schwache Beziehungen eher zwischen oberflächlich Bekannten.

Im folgenden soll anhand von Studienergebnissen und Untersuchungen herausgefunden werden, wie ein typisches soziales Netzwerk aussieht, d.h. zu wie vielen Personen durchschnittlich Beziehungen bestehen und von welcher Art diese Beziehungen typischerweise sind.

2.2.1 Studienergebnisse zu Beziehungsformen

Wellman (vgl. Wellman et al 1988) hat schon früh empirische Untersuchungen zu unterschiedlichen Beziehungsformen in sozialen Netzwerken durchgeführt. Dabei betrachtet er Beziehungen nur, wenn ein aktueller Kontakt mit den Personen besteht (auch wenn dieser nur locker oder selten stattfindet). Diese aktuellen Beziehungen bezeichnet er als signifikant (significant) und unterscheidet sie weiterhin anhand von Bindungsstärke und Interaktionshäufigkeit in enge Beziehungen (intimate ties) und regelmäßige Beziehungen (routine ties).

Als regelmäßig gelten Beziehungen, in denen mindestens dreimal pro Woche Kontakt besteht, sei es in Form eines direkten Treffens, telefonisch oder schriftlich.

Wellman fand heraus: Ein typisches Netzwerk besteht durchschnittlich aus 11 signifikanten Beziehungen, von denen 4 als eng und 3 als regelmäßig bezeichnet werden. Durchschnittlich 2 Beziehungen gelten gleichermaßen als eng und regelmäßig, so dass man diese

Beziehungen dann wohl als „beste Freunde“ bezeichnen kann. Und 6 der signifikanten Beziehungen sind lediglich aktiv, d.h. sie gelten weder als eng noch als regelmäßig.

In derselben Studie untersuchte Wellman auch verschiedene Gemeinschaftsrollen in einem typischen Netzwerk. In Tabelle 1 ist dargestellt, wie sich die unterschiedlichen Gemeinschaftsrollen in den jeweiligen Beziehungsformen wiederfinden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tab. 1: Verteilung der Gemeinschaftsrollen innerhalb der jeweiligen Beziehungsklasse

Verwandte und Nachbarn machen gemeinsam den überwiegenden Teil (55%) aller Beziehungen aus. Nachbarn machen den größten Teil der regelmäßigen Beziehungen aus und sind eher selten eng. Zu Freunden wird selten regelmäßig Kontakt gepflegt, aber dennoch wird die Beziehung als eng eingestuft.

Arbeitskollegen machen insgesamt ein Viertel aller regelmäßigen Beziehungen aus, enge Beziehungen sind unter Arbeitskollegen eher selten zu finden. Vereinskollegen machen den kleinsten Teil aller signifikanten Beziehungen aus. Nur wenige davon sind als eng und regelmäßig einzustufen.

Wellman fand in dieser Studie weiterhin heraus, dass 21% der Freundschaftsbeziehungen aus Nachbarschaftsbeziehungen und 18% aus Arbeitsbeziehungen entstanden sind. Ehemalige Nachbarn und Arbeitskollegen werden somit zu engen Freunden, wobei die Freundschaften sogar dann bestehen bleiben, wenn Wohnort oder Arbeitsplatz gewechselt werden.

Weiterhin belegt die Studie, dass enge Beziehungen durchschnittlich 19 Jahre dauern, regelmäßige Beziehungen dagegen nur 8 Jahre. Die kürzere Dauer wird auf Umzüge und Arbeitsplatzwechsel zurückgeführt.

2.2.2 Studienergebnisse zur Netzwerkgröße

Eine in der Schweiz durchgeführte Studie (vgl. Franzen 2000) zeigte, dass durchschnittlich 10 Personen zu den engeren Freunden gezählt werden. Dies entspricht in etwa der Anzahl von signifikanten Beziehungen in der Studie von Wellman und zeigt, dass die gefundenen Ergebnisse auch heute noch und auch im europäischen Umfeld ihre Gültigkeit haben.

Franzens Erhebung beinhaltete zahlreiche soziodemographische Faktoren, so dass deren Einflüsse auf die Größe des Freundeskreises untersucht werden konnten. Einen größeren Freundeskreis haben demnach Menschen, die eine höhere Bildung haben, ein höheres Monatseinkommen aufweisen, verheiratet sind, in größeren Haushalten leben, mehr Geschwister haben, in einem nicht-städtischen Umfeld aufgewachsen sind, zumindest teilweise von zu Hause aus arbeiten, mehr Zeit mit ihren Familien, mit Sport oder mit anderen Outdoor-Aktivitäten verbringen.

Im Rahmen von dieser Studie wurde eine Vergleichsgruppe von Internetnutzern gebildet, um den Einfluss der Internetnutzung auf die Größe des Freundeskreises untersuchen zu können. Es stellte sich heraus, dass die Gruppe der Internetnutzer durchschnittlich sogar 12 Freunde hatte.

Allerdings bleibt bei diesen Querschnittsuntersuchungen die Richtung der Kausalität unklar. Aus der größeren Freundesanzahl der Internetnutzer kann nicht unbedingt geschlossen werden, dass das Internet zu dieser Vergrößerung beigetragen hat. Es kann auch sein, dass Menschen mit einem größeren Freundeskreis das Internet stärker nutzen. Was sich aber dennoch klar festhalten lässt, ist, dass Internetnutzer keineswegs sozial isoliert sind und dass das Klischee des einsam lebenden Computerfreaks somit auf die Mehrheit der Internetnutzer nicht zutrifft.

2.3 Sozialkapital

Wenn man sich mit sozialen Netzwerken und sozialen Beziehungsformen beschäftigt, kommt man an dem Begriff des Sozialkapitals nicht vorbei. Allerdings ist der Begriff mittlerweile derartig vielzitiert, dass auch unterschiedliche Definitionen existieren, die jeweils unterschiedliche Aspekte hervorheben. Für die Betrachtungen in der vorliegenden Arbeit ist folgende Definition sinnvoll, da sie den Aspekt des Gewinns aus sozialen Beziehungen hervorhebt:

„Social capital is an elastic construct used to describe the benefit one receives form one’s relationships with otherpeople. ” (Lin 1999)

Sozialkapital umschreibt den Nutzen, den eine Person aus ihren sozialen Beziehungen ziehen kann, und ist somit eine Art Maßzahl für den „Wert“ der sozialen Beziehungen. Als Sozialkapital werden solche Ressourcen bezeichnet, die eine Person nicht selbst besitzt, sondern über die sie lediglich aufgrund ihrer sozialen Kontakte zu anderen Personen verfügen kann. Derartige Ressourcen können beispielsweise Unterstützung, Hilfeleistung, Anerkennung, Wissen und Verbindungen bis hin zum Finden von Arbeits- und Ausbildungsplätzen sein.

Soziale Netzwerke helfen aber nicht nur bei der Arbeitssuche oder beim Auffinden wichtiger Informationen (instrumenteller Nutzen), sondern es zeigen sich auch positive Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit sowie die Lebenszufriedenheit (expressiver Nutzen) (vgl. Wöhler und Hinz 2007).

Voraussetzungen für Sozialkapital sind somit soziale Beziehungen, die in unterschiedlicher Weise zunächst aufgebaut und dann erhalten und gepflegt werden müssen, um tatsächlich auch Sozialkapital, also Nutzen abwerfen zu können.

Allgemein kann man sagen, dass aus starken Beziehungen eher ein emotionaler Gewinn gezogen wird, wohingegen bei schwachen Beziehungen der informationelle Gewinn im Vordergrund steht.

[...]


[1] http://www.computerwoche.de/schwerpunkt/f/Facebook.html

[2] http://www.spiegel.de/thema/facebook/

[3] http://www.hardlab.de/blog/google-bleibt-hinter-facebook-zurück-576/

[4] http://www.facebook.com/press/info.php?statistics

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Freundschaft 2.0 - Wie Facebook & Co unsere Freundschaften beeinflussen
Untertitel
Chancen und Risiken
Hochschule
Akademie für ganzheitliche Lebens- und Heilweisen
Veranstaltung
Studiengang Psychologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
49
Katalognummer
V178618
ISBN (eBook)
9783656008057
ISBN (Buch)
9783656007760
Dateigröße
2621 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freundschaft, Soziale Netzwerke, Sozialkapital
Arbeit zitieren
Bethina Brunner (Autor), 2011, Freundschaft 2.0 - Wie Facebook & Co unsere Freundschaften beeinflussen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178618

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