"Gehirngerechtes Denken"

Über Neuro-bullshitting in der Pädagogik


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2011
13 Seiten

Leseprobe

Terminologische Distanz gegenüber einem wissenschaftlichen Gegenstand lässt sich auf quantitativem oder qualitativem Wege gewinnen. Beim quantitativen Verfahren wird der Abstand zu einem Phänomen durch zunehmende Abstraktion, d.h. den Rückgriff auf allgemeinere Begriffe erreicht. Bei der qualitativen Methode dagegen wird der Distanzierungsgewinn durch die Wahl anderer Begriffe als der üblich verwendeten erzielt. Ein Beispiel für Verfremdungsversuche dieser Art ist die Wissenschaftsparodie. Wie der Titel gebende Ausdruck “gehirngerechtes Denken” zeigt, fühlen sich die folgenden Überlegungen einer so verstandenen “fröhlichen Wissenschaft” durchaus verpflichtet – nicht als Selbstzweck, sondern vielmehr, um gerade den Ernst der Lage zu berücksichtigen. Damit einige aktuelle Auseinandersetzungen um den menschlichen Zerebral-Apparat nicht noch weiter Opfer fehlenden Sinnes für die eigene Humorlosigkeit werden, muss deshalb anfänglich und leider ausdrücklich darauf hingewiesen werden: Der Neologismus “gehirngerechtes Denken” ist ein Nonsens-Ausdruck! Er ist weder dazu gedacht noch dazu geeignet, einen neuen Topos jener heutigen Neuro-Rhetorik zu begründen, die sich so gerne von sich selbst faszinieren lässt. Man hat diesen Ausdruck deshalb auch sorgfältig in Anführungszeichen zu setzen, die gleichsam als intellektuelle Gitterstäbe fungieren und einen Ausbruch in die freie Wildbahn verhindern sollen.

Für einen Gutteil der Humanwissenschaften ist das Gehirn mittlerweise zum Lieblingsorgan avanciert.[1] Dass Aristoteles einst die Hand als das “Organ der Organe” und als den körperlichen Ausdruck menschlicher Ver-nunftbegabung auszeichnete[2], goutiert heutzutage allenfalls noch die Paläoanthropologie. Die Mehrzahl der vor allem jungen Wissenschaftszweige, “macht jetzt in Gehirnen”. Dass dieser Trend zu einer Zerebralisierung von Problemen auch in der Erziehungswissenschaft vollends angekommen ist, verwundert zunächst nicht. Pädagogik ist eine Integrationswissenschaft und als solche auch aus guten Gründen auf Erkenntnisse etwa der Biologie, Medizin und Psychologie angewiesen. Auffällig ist allerdings, mit welch naivem Enthusiasmus teilweise immer noch pädagogische Adaptionsversuche der modernen Hirnforschung unternommen werden. Es entsteht deshalb der Verdacht, dass eine naturalisierte Pädagogik hier nicht besonders große Integrations -, sondern vielmehr gerade besonders große Delegations leistungen erbringt, die von einem schlichten Ausverkauf ureigener Fragestellungen erst noch unterschieden werden müssten. Die Pädagogik, nach wie vor in einem präparadigmatischen Zustand verhaftet und nach über zweihundert Jahren immer noch mit ihrem Wissenschaftscharakter hadernd, hat sich im Kampf gegen die eigene Überflüssigkeit unbemerkt oft genug schon selbst auf die Seite ihrer Gegner gestellt. Das Heilsversprechen jener hochgradig komplex organisierten Proteine in unserem Kopf ist aber auch in der Tat verführerisch. Der Rekurs auf biologische Materialität verheißt Seriosität – endlich könnte vielleicht auch die Pädagogik “hard science” betreiben. Dass die vermeintliche Leitwissenschaft Physik den Materiebegriff schon seit Jahrzehnten für im Grunde verzichtbar erklärt hat[3], irritiert dabei erstaunlich wenig. Wer, wie etwa Manfred Spitzer, Neurobiologie als “Medizin für die Pädagogik”[4] verordnen will, muss die Krise des physikalischen Materiebegriffs sowie des philosophischen Materialismus insgesamt[5] schon recht offensiv ignorieren, um nicht womöglich die Idee aufkommen zu lassen, man würde bloß Placebos feilbieten. Der Mensch ist, so macht der rhetorische Aufwand all jener glauben, die so gerne das Gefühl haben, endlich ohne große Mühe irgendwie modern sein zu können, vor allem ein “Gehirnwesen”[6]. Der pädagogische Ausdruck dieser Annahme ist besonders der Topos vom “gehirngerechten Lernen”.

Ihn zu hinterfragen ist das Ziel, das sich unsere Überlegungen im Folgenden gesetzt haben. Der Gedanke ist: Wenn uns schon der Begriff “gehirngerechtes Denken” unsinnig erscheint, warum sollten wir dieses Urteil dann nicht auch auf den Begriff vom “gehirngerechten Lernen” anwenden? Was der fröhlichen Wissenschaft ihr gehirngerechtes Denken – so der Vorschlag – ist der ernsthaften Erziehungswissenschaft womöglich ihr gehirngerechtes Lernen: ein ausgemachter Unsinn, ein regelrechter bullshit, dem man auch in anderen gängigen Topoi begegnen kann: Der “gehirngerechten Schule”, der so genannten “Neuro-Didaktik”, dem Ausdruck “Gehirn-Jogging”, dem Scientologen-Geschwätz davon, wir würden nur so und soviel Prozent unseres Gehirns “nutzen” oder auch der pseudo-demaskierenden Rede davon, unser Gehirn sei unser eigentliches und größtes “Sexualorgan”.[7] All solche mehr als schiefen Ausdrücke wären nicht so beklagenswert, wenn sie nicht gleichzeitig so viel Schaden anrichten könnten und es viel normaler wäre, ihnen mindestens gelegentlich einfach offen ins Gesicht zu lachen.[8] Denn, wie es bei Nietzsche heißt: “wer am gründlichsten tödten will, der lacht. 'Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tödtet man' [...].”[9]

Beginnen wir zunächst mit dem Begriff der “Gehirngerechtigkeit” selbst. Er erzeugt schnell eine diffuse Grundsympathie, die sich zweifellos der moralischen Komponente des Gerechtigkeitsbegriffs verdankt. Wer wollte schon gerne ungerecht sein? Wer wollte den Dingen nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen? Fragen dieser Art zeigen eine Merkwürdigkeit: Sie wenden sich an uns, an unser Denken, nicht an unsere Gehirne. Offensichtlich können sich Gehirne nicht selbst Gerechtigkeit verschaffen. Vielmehr soll dem Gehirn Gerechtwerdung ausgerechnet durch jene Figuren erwachsen, die die Hirnforschung so eifrig bemüht ist, als bloße Illusion zu entlarven, nämlich Menschen bzw. Personen. Gehirngerechtigkeit als Appell richtet sich komischerweise immer noch an die Adresse von Psychologen, Pädagogen, Philosophen usw., nicht aber an deren Zerebral-Apparate. Wie diese Inkonsistenz des Appells zu lösen ist, ist eine Frage, die wohl nur eine zukünftige und selbst “gehirngerechte Hirnforschung” wird beantworten können.[10] Halten wir bis dahin aber fest: Gehirne selbst fordern überhaupt nichts, auch keine Gehirngerechtigkeit. Das tun allenfalls Hirnforscher, die sich als Personen an andere Forscher richten, die ebenfalls Personen sind, die damit leider aber genau in eine Kategorie fallen, die die Hirnforschung so gerne fallen lassen würde, nämlich in die Kategorie des guten alten rationalen Subjekts, das womöglich sogar noch einen freien Willen für sich beansprucht.

Gehirngerechtigkeit ist, wie wir gesehen haben, appellativ zu verstehen. Es geht um eine Forderung. Doch das postulatorische Element des Ausdrucks ist nicht allein im Begriff der Gerechtigkeit aufgehoben, unter der Hand wird auch der Begriff des Gehirnes selbst normativ aufgeladen. Denn in der pädagogischen Forderung nach Gehirngerechtigkeit ist doch wohl nur eine bestimmte Art von Gehirn vermeint. Der Fokus auf spezifische Formen des Lernens, beispielsweise das in schulischen Kontexten, bringt schnell eine Nobilitierung ganz enger Ausschnitte aus der weiten Wunderwelt neurologischer Möglichkeiten mit sich. Wer ein gehirngerechtes Lernen fordert, wird dabei in den seltensten Fälle die Gehirne von Schizophrenen, Demenzkranken, Träumenden, Komapatienten oder gar Hirntoten zum Richtmaß wählen. Er wird vielmehr mit einer Vorstellung davon arbeiten, was wohl ein “normales” und “gesundes” Gehirn auszeichnen solle. Die medizinischen Wurzeln der Hirnforschung lassen solche Limitationen durchaus verständlich werden. Und die wenigsten von uns wären denn auch wohl bereit, von nun an freiwillig unter massiven neuronalen Beeinträchtigungen zu leiden, um damit gegen den vermeintlich abendländischen Terror einer normierenden Medizin endlich ein Zeichen zu setzten zu können. Doch darum ist es auch gar nicht zu tun. Vielmehr ist nur darauf zu achten, dass normative Anteile unseres wissenschaftlichen Treibens möglichst explizit sind, damit sie kritisiert und gegebenenfalls verändert werden können. Normen muss man legitimieren. Wir rechtfertigen Normen aber nicht vor Gehirnen, sondern durch unser Denken und vor unserer Vernunft. Hier stoßen wir also schon zum zweiten Mal auf die scheinbar unzeitgemäße Figur unseres Ich bzw. urteilenden Bewusstseins, die in einem Hirnatlas zu verorten die Forschung bislang immer noch nicht die Chuzpe gefunden hat.[11] Wenn es um das Prinzip geht, einem Phänomen gerecht zu werden, dann müssen wir also immer fragen: Sind Ansprüche, einer bestimmten Tatsache gerecht zu werden, selbst wiederum gerechtfertigt? Würde man lediglich versuchen, Faktizitäten zu berücksichtigen, könnte man auch Forderungen nach “gehirngerechter Folter” oder “Pädophilen-gerechten Schulen” erheben.

[...]


[1] Für die Geschichtswissenschaft gilt dies noch nicht, wäre der Unwert eines Verweises auf das menschliche Gehirn hier doch allzu offensichtlich. Man würde etwa behaupten müssen, „die Geschichte Europas vom 10. Jahrhundert bis in unsere Tage sei eine Anhäufung des Prozesses der Nervenleitung: das stimmt zwar, ist aber völlig belanglos.“ (Merleau-Ponty 2000, S. 353) Zur Banalität einer materialistischen Geschichtsschreibung vgl. bereits Leibniz 1996a, S. 366f.

[2] Vgl. Aristoteles 2007, 687a.

[3] Vgl. Einstein / Infeld 1960, S. 162 und Kutschera 1982, S. 251.

[4] Vgl. Spitzer 2011.

[5] Vgl. Kutschera 1993, S. 1-40, Kutschera 2003, S. 11-37, Kutschera 2006, S. 198-209 und Kutschera 2009, S. 162-170.

[6] Treml 1987, S. 48.

[7] Unser „größtes Sexualorgan“ – wenn man überhaupt so reden möchte – ist, wie wir seit Freud wissen, exakt genauso groß wie unser Körper insgesamt.

[8] Ähnliches gilt etwa auch für den Unsinns-Forderung nach „lebenslangem Lernen“, die in etwa so nützlich ist wie der Forderung nach „lebenslangem Atmen“.

[9] Nietzsche 1993, S. 392.

[10] „Hirnforschung darf sich nicht in einen Durchführungswiderspruch verwickeln (wie wenn jemand in brüllender Lautstärke behauptet, er flüstere gerade […]). Sonst dementiert sie sich selbst, indem sie den Menschen als Objekt so beschreibt, dass er nicht mehr als Subjekt eben diese Wissenschaft und eben diese Beschreibung hervorbringen kann. Hirnforschung würde damit einen 'transsubjetkiven' Geltungsanspruch verlieren.“ (Janich 2009)

[11] Vgl. hierzu Leibniz: „Denkt man sich etwa eine Maschine, deren Einrichtung so beschaffen wäre, daß sie zu denken, zu empfinden und zu perzipieren vermöchte, so kann man sie sich unter Beibehaltung derselben Verhältnisse vergrößert denken, so daß man in sie wie in eine Mühle hineintreten könnte. Untersucht man alsdann ihr Inneres, so wird man in ihm nichts als Stücke finden, die einander stoßen, niemals aber etwas, woraus man eine Perzeption erklären könnte.“ (Leibniz 1996b, S. 605 [Nr. 17])

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Details

Titel
"Gehirngerechtes Denken"
Untertitel
Über Neuro-bullshitting in der Pädagogik
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg  (Allgemeine Pädagogik)
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V178626
ISBN (eBook)
9783656006985
ISBN (Buch)
9783656006954
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gehirngerechtes, denken, neuro-bullshitting, pädagogik
Arbeit zitieren
Dr. Holger Wille (Autor), 2011, "Gehirngerechtes Denken", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178626

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