Die räumliche Orientierung der Wohnbevölkerung im Kontext abgeschwächter Stadt-Land-Differenzen


Hausarbeit, 2003

24 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

1.Von der Kernstadt zum Stadtland

2. Hintergründe der räumlichen Neuorientierung suburbaner Haushalte

3. Der politisch-administrative Umgang mit den Folgeerscheinungen einer mobilen Gesellschaft

4. Abschließende Betrachtung

Quellenverzeichnis

Vorwort

Suburbanisierung lässt sich unter verschiedenen Aspekten betrachten. Unter dem empirischen Gesichtspunkt stehen dabei vor allem der zeitliche Ablauf und die räumliche Ausprägung im nationalen und globalen Kontext im Vordergrund. Der Blickwinkel richtet sich bei weiterer Differenzierung auf die unterschiedlichen Landnutzungsformen, wie die Wohnsuburbanisierung, die Einzelhandels- und Gewerbesuburbanisierung. Der vorliegende Aufsatz betont auf dieser Betrachtungsebene die Suburbanisierung der Wohnstandorte, welche raumnutzungsbezogen den Beginn des Entstädterungsprozesses einleitete.

Die quantitativ spärliche Literatur zum Thema Suburbanisierung untersucht die verschiedenen Ausprägungsformen wesentlich im normativen Kontext, beschäftigt sich also mit den gesellschaftlichen und räumlichen Konsequenzen des Prozesses.[1] Zumeist wird dabei die negative Seite der Suburbanisierung betont, also aus dem politisch-planerischen Blickwinkel werden Kanalisierungs- und Eingrenzungspotentiale hervorgehoben, mit denen der räumlich-dezentralistischen Entwicklung Einhalt geboten werden kann. Die gewachsenen urbanen Strukturen werden gedanklich - wenn auch nicht restituiert - zumindest konserviert. Von Seiten der Stadtsoziologen wird die sozialräumliche Segregation mit der Suburbanisierung in Verbindung gebracht und negativ bewertet:

„Since it is mainly the middle class that leaves the core city, the proportion of elderly, poor people, singles, and immigrants increases in the core city creating severe financial problems for the local authorities.”[2]

Doch können innerhalb eines demokratischen politischen Systems tragfähige Maßnahmen ergriffen werden, um den Prozess zu stoppen? Bahrenberg bestreitet dies[3].

Im Zentrum dieser Arbeit soll die kognitive Betrachtungsweise stehen, welche die bis dato vorangeschrittene Abschwächung der Stadt-Land-Differenzen als gegeben hinnimmt, um so den Blick auf die Hintergründe und Bezugsverflechtungen der räumlichen und gesellschaftlichen Ausprägungen zu richten.

Worpswede, im Spätsommer 2003 Martin Runkel

1. Von der Kernstadt zum Stadtland

Obwohl die Wohnsuburbanisierung bereits im 17. und 18. Jahrhundert in England ihren Ausgang nahm und von dort aus relokativ nach Amerika diffundierte, taucht der Begriff der Suburbanisierung in Deutschland erst nach dem zweiten Weltkrieg auf.[4] Die bis zu dieser Epoche ablaufende Suburbanisierung war quantitativ weitestgehend unbedeutend, so dass die Stadt-Land-Wanderung unter siedlungsstrukturellen Aspekten erst in den vergangenen Dekaden ins Blickfeld geriet.[5]

Zur Zeit der Industrialisierung waren die Städte Wachstumszentren sowohl durch die Zuwanderung der Wohnbevölkerung als auch der Betriebe und Unternehmen des sekundären und tertiären Sektors. Neben dem jeweiligen Zuwachs in absoluten Zahlen hebt Bahrenberg das flächenhafte Wachstum der Städte hervor, welches auf die enorm dichte räumlicher Nutzung in den vorindustriell gewachsenen Stadtkernen zurückgeführt wird.[6] Ein hoher Verstädterungsgrad, die lange Geschichte der Stadtentwicklung in den Jahrhunderten vor der Motorisierung und die äußere Begrenzung durch Befestigungsanlagen förderten ein hochverdichtetes Wohnen, welches mit strenger stadtplanerischer Regulierung kontrolliert und begrenzt wurde.[7] Eine intraurbane Expansion war aus diesem Grund räumlich nicht zu realisieren. Die Städte wuchsen über die Stadtmauern hinaus[8], und es kam zu Eingemeindungen des vormals ländlich geprägten Umlandes. Erst seit den 1960er und frühen 70er Jahren ist der suburbane Raum in die Lage gekommen, diesen raumintegrativen Bemühungen der Kernstädte zu widerstehen.[9]

Der Prozess der Suburbanisierung zeichnet sich durch eine dieser Wachstumsphase entgegenstehende Entwicklung aus: Den „relative[n] Bedeutungsgewinn der Umländer gegenüber den Städten […], ohne dass die Bevölkerung oder die Zahl der Arbeitsplätze in dem Stadt und Umland umfassenden Gebiet in gleichem Umfang mitwachsen.“[10] Mit dieser relativen Verlagerung der Wohnbevölkerung und nachfolgend des Gewerbes und der Arbeitsplätze von der Stadt in das Umland geht eine flächenbezogene Auflockerung der vorindustriell gewachsenen Städte einher. Parallel zu dieser Wohnsuburbanisierung durch Stadt-Land-Wanderung erfolgen der relative Zuwachs und die flächenbezogene Expansion des suburbanenen Raumes durch interregionale Zuwanderung aus dem Umland.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2 Nach: Bahrenberg (c) (2003), S. 8

Der bis zum Beginn der Wohnsuburbanisierung bestehende scharfe Gegensatz zwischen der Stadt einerseits und dem ländlich geprägten Umland anderseits wurde in Folge der räumlichen Diffusion städtischer Landnutzungsformen durch eine dritte siedlungsstrukturelle Kategorie ergänzt: den suburbanen Raum.[11] Dass es sich bei der Ausweitung der städtischen Funktionen nicht ausschließlich um ein Phänomen der westlichen Welt handelt, verdeutlicht das Beispiel Indien. Zwar wird von dem Begriff der Suburbanisierung durch die Parallelität von Verstädterung und der Expansion urbaner Funktionen in den ländlichen Raum wenig Gebrauch gemacht[12], dennoch lässt sich das typische Nebeneinander städtischer und ländlicher Funktionen im „Urban Fringe“ indischer Großstädte ausmachen. Im Unterschied zur euro-amerikanischen Entwicklung aber standen diese Prozesse (bisher) nicht im Zeichen einer funktionalen Ausdifferenzierung, sondern zeigen bis heute Parallelen zu der in vorindustrieller Zeit in den europäischen Städten dominierenden sozialen und funktionalen Mischung auf.[13] Insofern nimmt die „gegenwärtige Urbanisierung Indiens […] die Form der europäischen Suburbanisierung an“[14]. Die Gleichsetzung von Suburbanisierung und Urbanisierung im indischen Sprachgebrauch kann, so Bahrenberg, aber auch mit der Parallelität von Wohnsuburbanisierung und der Anreicherung des Umlandes mit städtischen Funktionen, ähnlich wie in den postsozialistischen Staaten[15], zusammenhängen, die den kaskadischen Expansionsprozessen des Wohnens und des Gewerbes in Europa entgegensteht. Während die Suburbanisierung der Stagnation des Städtewachstums folgte, unterblieb diese „zeitliche Koinzidenz“[16] in Indien.

Der stetige Rückgang landwirtschaftlicher Nutzung und das gleichzeitige Fehlen von urbanen Funktionen ließen eine Zuordnung des Umlandes zur einen oder anderen Raumstruktur nicht zu. Die intensive Verflechtung von Stadt und Umland spiegelt sich in dem Begriff der Stadtregion[17] wider, welche vor allem in den intensiven Verkehrsbeziehungen zum Ausdruck kommt.[18]

This terminology reflects that both parts – core city and the suburban hinterland – built a unit in funktional terms resulting in the growing traffic (commuting) between them.”[19]

Die damit einhergehende räumliche Trennung von Wohnen (im Umland) und Arbeiten (in der Stadt) legt die Abhängigkeit beider Siedlungseinheiten voneinander offen. Während die Existenzsicherung und die Versorgung mit Gütern des täglichen und langfristigen Bedarfs in der Stadt konzentriert waren, konnten die gestiegenen Wohnansprüche ausschließlich im Umland und nicht in der beengten und naturräumlich wenig attraktiven Stadt befriedigt werden. Welches Ausmaß diese Entwicklung bis heute erreicht hat, wird an der Region Bremen deutlich (vgl. Abb.2): Bereits 1970 machte die bremische Umlandbevölkerung 70% der Stadtbevölkerung aus. 1999 aber war die städtische Bevölkerung erstmals quantitativ kleiner als die des Umlandes.[20]

Bahrenberg weist gerade in diesem Zusammenhang auf einen bisher wenig beachteten Aspekt hin: Die Entlastung der städtischen Immobilienmärkte durch die Wohnsuburbanisierung eröffneten der Stadt räumliche Potentiale „zum Erhalt städtischer Freiräume und Grünanlagen“.[21] Diesem Aspekt wird in der normativ-kritischen Literatur zum Thema Suburbanisierung kein Gewicht beigemessen, wohl vor allem deshalb, weil der direkte wirtschaftliche Effekt für die städtischen Haushalte nicht offensichtlich ist. Trotzdem darf dieser „aus der Suburbanisierung resultierende Nutzen für die Kernstadt“[22] zunächst aus dem ökologischen und sozialen Blickwinkel, langfristig aber auch aus ökonomischer Sicht, nicht unterbewertet werden.

Angezogen durch die Nachfrage der suburbanen Wohnbevölkerung nach haushaltsnahen Dienstleistungen folgten der Einzelhandel wie auch das Gewerbe der Bevölkerung ins Umland. Diese Suburbanisierung der Arbeitsplätze war zudem Folge des intensiven Ausbaus der physischen Verkehrsinfrastruktur (und damit der inhärenten Attraktivität, Güter und Dienstleistungen auf regionaler oder gar nationaler Ebene kostenextensiver vermarkten zu können[23] ), der es den Betrieben ermöglichte, die bisher nur potentiellen (im Vergleich zur City preisgünstigeren) Flächenkapazitäten des Umlandes durch den sukzessiven Abbau der Distanzwiderstände urbar zu machen. Die fortschreitende Ansiedung großflächiger Einzelhandelsunternehmen, ausschließlich routinemäßiger Verwaltungsfunktionen sowie der Freizeit- und Unterhaltungsindustrie bedeuteten nicht nur für die im Umland ansässige Wohnbevölkerung eine größere Unabhängigkeit von den Kernstädten (bezogen sowohl auf die Versorgung als auch auf die Beschäftigungsmöglichkeiten).

Die räumlichen Resultate verdeutlichen sich in zunehmender Weise unter dem siedlungsstrukturellen Aspekt. Mit der Expansion städtischer Funktionen entwickelt sich der Verdichtungsraum zu einer zentrumslosen Agglomeration, bei der eine funktionale Zuordnung einzelner Teilräume oder eine Hierarchisierung zunehmend schwer fällt. Diese Emanzipation des Umlandes kommt auf begrifflicher Ebene durch Raumkategorien wie „Zwischenstadt“ oder „Stadtland“[24] zum Ausdruck. Sie geht zu Lasten des Begriffes der „Stadtregion“ dessen Verwendung auf dem „funktionale[n] Angewiesensein von Kernstadt und Umland“ basiert.[25] Diese Entflechtung ist in den USA am weitesten fortgeschritten, wie Bahrenberg an der Intensivierung tangentialer Verkehrsbeziehungen im amerikanischen „Stadtland“ aufzeigt. Diese Tendenzen bestätigen auch Untersuchungen der Pendlerverkehrsbeziehungen zwischen Bremen und seinem Umland: Während der Arbeitsstandort 1970 für 42 162 Erwerbstätige aus dem Bremer Umland in der Stadt lag (44,32% aller Umlandbeschäftigten), reduzierte sich der prozentuale Wert bis 1987 auf 40,64% (absolut: 65 980)[26] (vgl. Abb. 3).

Im gleichen Zeitraum aber wuchsen die Anteile derjenigen, die in der Wohnortgemeinde bzw. in anderen Umlandgemeinden beschäftigt waren. Daraus ist zu schließen, dass sowohl die tangentialen wie auch die innergemeindlichen Verkehrsbeziehungen zugenommen haben und das Umland als Arbeitsort weiter an Bedeutung hinzugewonnen hat. Bahrenberg rechnet diesen Arbeitsplatzzuwachs des Umlandes zu ca.50% der Wohnsuburbanisierung zu.[27]

[...]


[1] vgl. Brake, Dangschat, Herfert (Hrsg.), (2001)

[2] Bahrenberg (c) (2003), S. 4

[3] Bahrenberg (c) (2003), S. 5

[4] Bahrenberg (a) (2003), S. 1, Erst Ende der 1960er Jahre wurde das Verlassen der Städte in Deutschland zu einem siedlungsstrukturelle bedeutsamen Thema. (Bahrenberg (c) (2003), S. 1)

[5] Bahrenberg (a) (2003), S. 1

[6] Bahrenberg (a) (2003), S. 1

[7] Knox / Marston (2001), S.543

[8] Bahrenberg (c) (2003), S. 1

[9] Bahrenberg (c) (2003), S. 5

[10] Bahrenberg (a) (2003), S. 1/2

[11] Bahrenberg (a) (2003), S. 2

[12] Bahrenberg (b) (2003), S. 5

[13] Bahrenberg (b) (2003), S. 5

[14] Bahrenberg (b) (2003), S. 5

[15] vgl. Lichtenberger (2002), S. 187ff.

[16] Bahrenberg (b) (2003), S. 5

[17] Mit dem Begriff der Stadt region wie auch dem des sub urbanen Raumes wird die prioritäre Stellung der Stadt gegenüber dem Umland untermauert. Die funktionale Einheit von Stadt und Umland, wie sie beispielsweise im Begriff des Verdichtungsraumes (oder Verflechtungsraumes, Anm. d. Autors ) zum Ausdruck kommt, blieb (und bleibt) vor dem Hintergrund einer gedanklichen Grenzziehung zwischen Stadt und Umland wenig gebräuchlich. (Bahrenberg (a) (2003), S. 2)

[18] Bahrenberg (a) (2003), S. 1

[19] Bahrenberg (c) (2003), S. 1

[20] Bahrenberg (c) (2003), S. 2

[21] Bahrenberg (a) (2003), S. 2

[22] Bahrenberg (a) (2003), S. 2

[23] Bahrenberg (c) (2003), S. 2

[24] Der Begriff des Stadtlandes bezeichnet sehr trefflich die Abschwächung einer städtisch-ländlichen Dichotomie und verdeutlicht die Tatsache, dass suburbia nicht als einheitlicher Siedlungsraum aufzufassen ist. (Bahrenberg (c) (2003), S. 3)

[25] Bahrenberg (a) (2003), S. 3

[26] Bahrenberg (b) (2003), S. 1

[27] Bahrenberg (b) (2003), S. 1

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die räumliche Orientierung der Wohnbevölkerung im Kontext abgeschwächter Stadt-Land-Differenzen
Hochschule
Universität Bremen  (Institut für Geographie)
Veranstaltung
Suburbanisierung
Note
1
Autor
Jahr
2003
Seiten
24
Katalognummer
V17864
ISBN (eBook)
9783638223270
Dateigröße
1026 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit behandelt das Thema &quot,Suburbanisierung&quot, nicht wie in der einschlägigen Literatur in einem normativen Zusammenhang (kritisiert also nicht die zuhehmende Verlagerung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Funktionen in das städtische Umland), sondern versucht diese globale Entwicklung in einem kognitiven Kontext aufzugreifen um so mögliche Entwicklungen nachzuvollziehen, die außerhalb des planerisch und politisch angestrebten stehen.
Schlagworte
Orientierung, Wohnbevölkerung, Kontext, Stadt-Land-Differenzen, Suburbanisierung
Arbeit zitieren
Martin Runkel (Autor), 2003, Die räumliche Orientierung der Wohnbevölkerung im Kontext abgeschwächter Stadt-Land-Differenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17864

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