Wie denken Jugendliche über die Zukunft, wenn sie über den Klimawandel urteilen? Und was verändert sich, wenn sie darüber ins Gespräch kommen?
Diese Unterrichtsstudie untersucht, welche Zeitvorstellungen Schülerinnen und Schüler im Chemieunterricht der Sekundarstufe I einbringen, wenn sie die umstrittene Frage der künstlichen Beeinflussung des Klimas bewerten sollen. Grundlage sind Audioaufnahmen von Gruppendiskussionen. Sie wurden qualitativ ausgewertet und mit einem eigens entwickelten Kategoriensystem beschrieben.
Die Ergebnisse zeigen, dass Zeitvorstellungen in allen Gruppen zur Sprache kamen und bei unterschiedlichen Sichtweisen erste Reflexionsprozesse anstießen. Diese blieben meist beim Beschreiben und Bewerten stehen. Das Buch leitet daraus Ansatzpunkte für den Unterricht ab. Es richtet sich an Fachdidaktikerinnen und Fachdidaktiker, Lehrkräfte und Studierende der Naturwissenschaften sowie der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Wie denken Jugendliche über die Zukunft, wenn sie über den Klimawandel urteilen? Und was verändert sich, wenn sie darüber ins Gespräch kommen?
Diese Unterrichtsstudie untersucht, welche Zeitvorstellungen Schülerinnen und Schüler im Chemieunterricht der Sekundarstufe I einbringen, wenn sie eine umstrittene Frage bewerten sollen: die künstliche Beeinflussung des Klimas. Grundlage sind Audioaufnahmen von Gruppendiskussionen. Sie wurden qualitativ ausgewertet und mit einem eigens entwickelten Kategoriensystem beschrieben.
Die Ergebnisse zeigen, dass Zeitvorstellungen in allen Gruppen zur Sprache kamen und bei unterschiedlichen Sichtweisen erste Reflexionsprozesse anstießen. Diese blieben meist beim Beschreiben und Bewerten stehen. Das Buch leitet daraus Ansatzpunkte für den Unterricht ab.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur Buchausgabe
1 Einleitung
2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Bewertungskompetenz als Ziel naturwissenschaftlichen Unterrichts
2.2 Zeitvorstellungen beim Urteilen und Entscheiden über den Klimawandel
2.3 Reflexion als didaktischer Zugang zu habitualisierten Vorstellungen
2.3.1 Alltagsphantasien und die Notwendigkeit der Reflexion
2.3.2 Zwei-Prozess-Modelle des Urteilens und Entscheidens
2.3.3 Reflexion als metakognitiver Prozess: Begriff und Komponenten
2.4 Forschungsstand und Ableitung des Erkenntnisinteresses
3 Fragestellung
4 Methode
4.1 Untersuchungsdesign und Kontext der Untersuchung
4.2 Stichprobe
4.3 Intervention: Aufbau und Durchführung der Unterrichtsstunde
4.4 Datenerhebung
4.5 Datenaufbereitung und Auswertung
4.5.1 Aufbereitung und Selektion des Audiomaterials
4.5.2 Entwicklung des Kategoriensystems
4.5.3 Auswertungsschritte und Gütekriterien
5 Ergebnisse
5.1 Holistische Gesamteinschätzung
5.2 Kategoriensystem zu Zeitvorstellungen
5.3 Thematisierung von Zeitvorstellungen
5.4 Veränderung von Zeitvorstellungen im Stundenverlauf
5.5 Zeitvorstellungen und Urteilsbildung
5.6 Reflexionstiefe der beobachteten Aushandlungsprozesse
6 Diskussion
6.1 Zusammenfassung und Interpretation der Ergebnisse
6.2 Einordnung in den aktuellen Forschungsstand
6.3 Grenzen der Untersuchung
6.4 Implikationen für die Unterrichtsgestaltung
7 Fazit und Ausblick
Zielsetzung und zentrale Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht in einer explorativen Unterrichtsstudie, ob und inwiefern zentrale, zeitbezogene Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern beim Bewerten des Klimawandels durch eine gezielte unterrichtliche Intervention der Reflexion zugänglich gemacht und vertieft werden können.
- Analyse von Bewertungskompetenz und zeitbezogenen Vorstellungen im naturwissenschaftlichen Unterricht
- Rolle von Alltagsphantasien und Zwei-Prozess-Modellen bei intuitiven und deliberativen Urteilsprozessen
- Durchführung und qualitative Auswertung einer explorativen Unterrichtsstudie im Chemieunterricht
- Empirische Erfassung von Zeitvorstellungen mittels Audiographien und Gruppendiskussionen
- Diskussion der Reflexionstiefe und Implikationen für die künftige Unterrichtsgestaltung
Auszug aus dem Buch
2.3.2 Zwei-Prozess-Modelle des Urteilens und Entscheidens
Es besteht in der psychologischen Entscheidungsforschung an allgemeiner Konsens darüber, dass manche Urteile und Entscheidungen spontan, intuitiv, gewissermaßen „aus dem Bauch heraus“ gefällt werden, während andere langsam und nach gründlichem Nachdenken entstehen. Zwei-Prozess-Modelle systematisieren diese Erfahrung, indem sie von einer dualen Architektur des menschlichen kognitiven Systems ausgehen: Beim Urteilen und Entscheiden wird auf zwei qualitativ unterschiedliche Arten kognitiver Prozesse zurückgegriffen (vgl. die ausführliche Darstellung bei Dejanovikj, 2024: 12ff., mit Bezug u. a. auf Evans, 2008, und Kahneman, 2012). Der intuitive Prozess läuft automatisch, schnell und ohne bewusste kognitive Anstrengung ab; er orientiert sich assoziativ an bestehenden Erfahrungen, Emotionen und Affekten und wird häufig mit dem „Bauchgefühl“ assoziiert. Der deliberative Prozess ist demgegenüber kontrolliert, intentional, langsam, erfordert kognitive Anstrengung und Aufmerksamkeit und orientiert sich an Regeln, arbeitet abstrakt und abwägend (Dejanovikj, 2024: 13).
Für das Zusammenwirken beider Prozesse werden in der Literatur unterschiedliche Mechanismen diskutiert. Parallel-kompetitive Ansätze nehmen an, dass beide Prozesse parallel und in Konkurrenz zueinander zu einem Urteil gelangen; default-interventionist Ansätze gehen demgegenüber davon aus, dass jedes Urteil zunächst einem intuitiven Prozess entspringt, der gegebenenfalls nachträglich durch Deliberation korrigiert wird (Dejanovikj, 2024: 13). Die fachdidaktische Forschung zum Urteilen und Entscheiden – so auch Sander (2017) und die vorliegende Untersuchung – orientiert sich überwiegend at default-interventionist Ansätzen, weil eine ständige Aktivität kognitiv aufwendiger deliberativer Prozesse unwahrscheinlich ist und der deliberative Prozess vor allem in neuen, unklaren oder schwierigen Situationen in Anspruch genommen wird (Evans & Stanovich, 2013).
Ein für die vorliegende Untersuchung besonders anschlussfähiges Prozessmodell beschreibt Dejanovikj (2024: 14ff.): Jedes Urteil hat seinen Ursprung in einer Entscheidungssituation, die in einen Kontext eingebettet ist. Bei einer intuitiven Urteilsfindung werden beim Entscheidenden unmittelbare, meist unbewusste Affekte und Einstellungen ausgelöst, die auf bisherigen Erfahrungen mit Merkmalen der Situation beruhen; diese ersten Affekte können in ein „schnelles Urteil“ münden, das anschließend post-hoc begründet und damit rationalisiert wird. Bei einer deliberativen Urteilsfindung wägt der Entscheidende demgegenüber Überlegungen und Assoziationen, die aus dem Gedächtnis abgerufen werden, gegeneinander ab.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort zur Buchausgabe: Beschreibt die Überarbeitung und Anonymisierung der ursprünglichen Unterrichtsstudie sowie die Ergänzung um neuere fachdidaktische Forschung.
1 Einleitung: Führt in das Konzept der Bewertungskompetenz ein, verknüpft es mit Vorstellungen zur nachhaltigen Entwicklung und leitet das Erkenntnisinteresse ab.
2 Theoretischer Hintergrund: Beleuchtet Bewertungskompetenz, Zeitvorstellungen und Reflexionsprozesse auf Basis von Alltagsphantasien und Zwei-Prozess-Modellen.
3 Fragestellung: Formuliert die beiden zentralen Forschungsfragen bezüglich der Zugänglichkeit und Veränderbarkeit von Zeitvorstellungen im Unterricht.
4 Methode: Erläutert das qualitative Fallstudien-Design, die Stichprobe, die Interventionsstruktur sowie Datenerhebung und Auswertungsmethoden.
5 Ergebnisse: Präsentiert die empirischen Befunde zur Holistischen Gesamteinschätzung, dem Kategoriensystem, der Thematisierung sowie zur Reflexionstiefe.
6 Diskussion: Fasst die Ergebnisse zusammen, ordnet sie in den aktuellen Forschungsstand ein, benennt Grenzen und gibt Implikationen für den Unterricht.
7 Fazit und Ausblick: Zieht ein zusammenfassendes Resümee des Unterrichtsversuchs und skizziert offene Fragen für künftige Untersuchungen.
Schlüsselwörter
Bewertungskompetenz, Klimawandel, Zeitvorstellungen, Reflexion, Alltagsphantasien, Zwei-Prozess-Modelle, Urteilen und Entscheiden, Chemiedidaktik, Qualitative Unterrichtsstudie, Nachhaltige Entwicklung, Climate Engineering, Metakognition
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht in einer explorativen Unterrichtsstudie, wie Schülerinnen und Schüler im Chemieunterricht der Sekundarstufe I ihre zeitbezogenen Vorstellungen beim Bewerten des Klimawandels reflektieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themenfelder sind die Förderung von Bewertungskompetenz, die Bedeutung von Zeitvorstellungen bei sozial-ökologischen Dilemmata, psychologische Zwei-Prozess-Modelle des Urteilens sowie die didaktische Einbindung von Reflexionsprozessen.
Welches primäre Ziel oder welche Forschungsfrage verfolgt die Studie?
Im Fokus stehen die Fragen, ob zentrale Zeitvorstellungen im unterrichtlichen Setting der Reflexion zugänglich sind (F1) und inwieweit diese durch eine kurze unterrichtliche Intervention veränderbar sind beziehungsweise vertiefte Aushandlungsprozesse zeigen (F2).
Welche wissenschaftlichen Methoden werden in der Arbeit angewandt?
Es wird ein qualitatives Fallstudien-Design eingesetzt, das durch Methodentriangulation aus Audiographien von Kleingruppendiskussionen, strukturierten Beobachtungsprotokollen und Schülerprodukten gestützt wird.
Was wird im umfangreichen Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst den theoretischen Rahmen, die detaillierte Beschreibung des methodischen Vorgehens, die qualitative Auswertung und Darstellung der empirischen Ergebnisse sowie eine kritische Diskussion im Kontext aktueller fachdidaktischer Forschung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Publikation charakterisieren?
Die Publikation wird durch Begriffe wie Bewertungskompetenz, Klimawandel, Zeitvorstellungen, Reflexion, Alltagsphantasien und Zwei-Prozess-Modelle geprägt.
Wie wirken sich zeitbezogene Vorstellungen auf die Urteilsbildung der Jugendlichen aus?
Die Analyse zeigt, dass eine pessimistische Sicht auf die globale Zukunft oft mit einer optimistischen Einschätzung der eigenen Zukunft einhergeht, was häufig zu Verantwortungsdelegation und zur Marginalisierung weit entfernter Folgen führt.
Welche Rolle spielen intuitive und deliberative Prozesse beim Bewerten?
Gemäß den zugrunde gelegten Zwei-Prozess-Modellen entspringen Urteile oft intuitiven Affekten („Bauchgefühl“), die im Nachhinein rationalisiert werden, während deliberative Prozesse vor allem in neuen oder unklaren Situationen aktiviert werden.
Warum wurde der Kontext des Climate Engineering gewählt?
Die künstliche Beeinflussung des Klimas eignet sich besonders gut als offenes „Wir-Problem“, das zahlreiche Präkonzepte und zeitbezogene Vorstellungen evoziert und damit fruchtbare Diskussionen in Kleingruppen anregt.
- Citar trabajo
- Hannes Sander (Autor), 2017, Zeitvorstellungen beim Bewerten des Klimawandels, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1786988