Der Begriff des Corporate Citizenship – zählt zu den „schillernde[n] Phänomenen“ in der
wirtschaftsethischen Diskussion um die Stellung von Unternehmen in unserer heutigen
Gesellschaft. Im Fokus des deutschen Diskurses standen anfänglich Großunternehmen.
Zu der Gesamtheit aller auf dem deutschen Markt tätigen Firmen zählen in erster Linie
aber kleine und mittlere Unternehmen (KMU) mit einem Anteil von 99,7 Prozent. Diese
sind es auch, die neuerdings ins Blickfeld der Europäischen Union (EU) geraten, und sich
zu ihrem Engagement durch Dokumentation bekennen sollen. Jenes Engagement findet
bisher eher im Stillen statt und wird aus einer gewissen Selbstverständlichkeit heraus
praktiziert. Wie beispielsweise die Ergebnisse einer Studie des
Meinungsforschungsinstituts „Forsa“ verdeutlichen, ist jedoch die Bereitschaft von kleinen
Betrieben, für wohltätige Zwecke einzutreten, um ein Vielfaches höher als die von
Großkonzernen. Bei Betrieben mit einem Umsatz von 100.000 Euro im
Jahresdurchschnitt liegen die freiwillig gespendeten Beträge bei 3,1 Prozent ihres
Jahresumsatzes. Großkonzerne geben lediglich etwa 0,1 Prozent für wohltätige Zwecke
aus.
Im Jahr 2004 lagen noch keine anhand von Branche, Unternehmensgröße und Region
differenzierenden Analysen zu Corporate Citizenship-Aktivitäten in Deutschland vor.
Nach Kenntnis des Verfassers trifft der Mangel an umfangreichen Arbeiten über das
Corporate Citizenship nach wie vor auf Handwerksbetriebe zu. Da diese jedoch etwa ein
Viertel in der Größenkategorie der KMU ausmachen, stellen die Handwerksbetriebe einen
bedeutenden Wirtschaftsfaktor in Deutschland dar. Über die Bedeutung des Handwerks
äußerte sich auch der ehemalige Bundeskanzler Ludwig Erhard. Seine besondere
Verbundenheit zum Handwerk sah er nicht nur darin begründet, dass diese „die Bürger
mit Wurst, Bier und Brötchen versorgen“, sondern ihn beeindruckten vielmehr deren
selbstverantwortliches Handeln und persönliches Engagement. Er sah im Handwerk ein
"soziologisch und politisch stabilisierende[s] Element". Dementsprechend soll die
vorliegende Arbeit durch ihre ausschließliche Konzentration auf das Corporate Citizenship
im Handwerk dazubeitragen, den Mangel an Informationen, der bisher über diese
Berufsgruppe vorherrscht, zu reduzieren. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1 Fragestellung
1.2 Inhaltliche Vorgehensweise
2. Das Handwerk im gesamtwirtschaftlichen Kontext
2.1 KMU Definition und Merkmale
2.2 Abgrenzung von Handwerk und Industrie
2.3 Zustandsbeschreibung des Handwerks im gesamtwirtschaftlichen Kontext
2.4 Das Handwerk in der Stadt und ländlichem Raum
3. Corporate Citizenship
3.1 Begriffsklärung
3.2 Abgrenzung zu Corporate Social Responsibility
3.3 Konzepte des Corporate Citizenship
3.3.1 Corporate Giving
3.3.2 Das Konzept des Voluntarismus
3.4 Gründe für Corporate Citizenship
4. Theoretische Argumente für Corporate Citizenship
4.1 Raumbezogene Identität
4.1.1 Versuch einer Begriffsklärung
4.1.2 Funktionen raumbezogener Identität
4.1.3 Maßstabsfragen
4.2 Raum und Handeln
4.2.1 Von der raum- zur handlungsorientierten Perspektive
4.2.2 Handlungstheorien
5. Corporate Citizenship im Handwerk von Oberbayern – ein Vergleich zwischen Stadt und ländlichem Raum
5.1 Untersuchungsgebiet Oberbayern
5.1.1 Allgemeine Charakteristika des Regierungsbezirkes und der Handwerksorganisation in Oberbayern
5.1.2 Kennzahlen des Handwerks in Oberbayern
5.2 Empirische Befragung der Handwerksbetriebe in Oberbayern
5.2.1 Hinführung
5.2.2 Methodische Vorgehensweise der Erhebung
5.2.3 Aufbau des Fragebogens und des Gesprächsleitfadens
5.3 Empirische Ergebnisse
5.3.1 Charakteristika der antwortenden Unternehmen
5.3.2 Räumliche Verteilung der antwortenden Unternehmen
5.3.3 Maßnahmen und Bereiche des Corporate Citizenship
5.3.3.1 Häufigkeit und Art der Maßnahmen
5.3.3.2 Bereiche
5.3.4 Zeitliche Auslegung des ehrenamtlichen Engagements
5.3.5 Räumliche Verortung des Corporate Citizenship
5.3.6 Bekanntmachung des Corporate Citizenship
5.3.7 Gründe für Corporate Citizenship
5.3.8 Zukünftige Ausübung von Corporate Citizenship
6. Schluss – Bedeutung des Handwerks für die Gesellschaft
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das gesellschaftliche Engagement (Corporate Citizenship) von Handwerksbetrieben in Oberbayern. Das primäre Ziel ist es, Unterschiede im Engagementverhalten zwischen Handwerksbetrieben im ländlichen Raum und in städtischen Gebieten zu identifizieren und die Rolle der regionalen Verbundenheit sowie individueller Unternehmermotivation zu klären.
- Analyse des Corporate Citizenship im Handwerkssektor
- Vergleich zwischen Stadt und ländlichem Raum
- Räumliche Dimensionen und Identität im unternehmerischen Handeln
- Empirische Erhebung bei oberbayerischen Handwerksbetrieben
- Bedeutung der regionalen Verwurzelung für bürgerschaftliches Engagement
Auszug aus dem Buch
3.1 Begriffsklärung
Seit den neunziger Jah ren des vergangenen Jahrhunderts wird der Begriff „Corporate Citizenship“ nahezu inflationär in der politischen, wirtschaftsethischen und wissenschaftlichen Diskussion in Deutschland verwendet. Unzählige Bücher und Aufsätze werden unter diesem Titel verfasst, Informationsveranst altungen werden abgehalten und Initiativen gegründet. Im Deutschen findet sich als Übersetzung aus dem angloamerikanischen Sprachgebrauch häufig „Bürgerschaftlich es Engagement von Unternehmen“. Der steigende Bedeutungsgrad dieses Ansa tzes wird ebenso in seiner zunehmenden Verwendung in der Unternehme nskommunikation offensichtlich wie in der Stellungnahme des World Econo mic Forums zu Global Corporate Citizensh ip. Einen prominenten Niederschlag findet die Diskuss ion in der Gründung des Global Compacts durch die Vereinten Nationen. Auffällig ist auch die zunehmende Anzahl von wissenschaftlichen Instituten, die eigens für die Forschun g und Lehre im Bereich von bürgerschaftlichem Engagement vo n Unternehmen gegründet wurden und immer noch werden.
Was verbirgt sich nu n hinter diesem Schlagwort, das heutzuta ge nicht n ur in akademischen Kreisen, sondern a uch in gew öhnlichen Informationsmedien permanent aufgegriffen wird? Eine Begriffsklärung kann nicht trennsch arf vorenommen werden, da Corporate Citizenship zum einen von Unt ernehmen in der Pra xis sehr vielseitig gehandhabt und zum a nderen in der Literatur auf die unterschiedlichsten Arten definiert wird. Dies ist ein Hinweis sowohl auf die veränderten gesellschaft lichen Erwartungen an die Unternehmen, als auch auf die Wandlung des u nternehmerischen Selbstverständnisses. Deutschland blickt, anders als die angelsächsischen Länder, auf eine lange Tradition als sozialer Rechtsstaat und ein umf assendes soziales Sicherungssystem zurück.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Definition der Forschungsfrage, die das Corporate Citizenship von Handwerksbetrieben in den Fokus rückt und methodisch ein regionales Vergleichsdesign zwischen Stadt und Land vorsieht.
2. Das Handwerk im gesamtwirtschaftlichen Kontext: Einordnung der KMU-Struktur des Handwerks und Erläuterung der wirtschaftshistorischen Entwicklung sowie der Abgrenzung zur Industrie.
3. Corporate Citizenship: Theoretische Fundierung des Begriffs sowie Vorstellung von Konzepten wie Corporate Giving und Voluntarismus im betrieblichen Umfeld.
4. Theoretische Argumente für Corporate Citizenship: Diskussion raumbezogener Identität und handlungstheoretischer Ansätze, um die Motivation für bürgerschaftliches Engagement zu begründen.
5. Corporate Citizenship im Handwerk von Oberbayern – ein Vergleich zwischen Stadt und ländlichem Raum: Darstellung der empirischen Ergebnisse, basierend auf der Befragung von Handwerksbetrieben in Oberbayern hinsichtlich Umfang, Art und räumlicher Motivation ihres Engagements.
6. Schluss – Bedeutung des Handwerks für die Gesellschaft: Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass Handwerksbetriebe stark regional verwurzelt sind und ihr Engagement vor allem aus persönlicher Überzeugung und Verbundenheit speisen.
Schlüsselwörter
Corporate Citizenship, Handwerk, Oberbayern, KMU, ländlicher Raum, städtischer Raum, regionales Engagement, Unternehmensethik, soziales Engagement, Ehrenamt, Handwerkskammer, Raumbezogene Identität, betriebliche Verantwortung, Vereinsleben, Sponsoring
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht das gesellschaftliche Engagement von Handwerksbetrieben und vergleicht dabei das Verhalten von Betrieben im ländlichen Raum mit dem von Betrieben in städtischen Gebieten Oberbayerns.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die Schwerpunkte liegen auf der begrifflichen Einordnung von Corporate Citizenship, der ökonomischen und sozialen Bedeutung des Handwerks sowie der theoretischen Verknüpfung von Raum, Identität und unternehmerischem Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel besteht darin zu klären, ob sich die regionale Verankerung von Handwerksbetrieben im ländlichen versus städtischen Kontext signifikant auf ihr gesellschaftliches Engagement auswirkt und welche Motive (wirtschaftlich vs. altruistisch) dabei eine Rolle spielen.
Welche wissenschaftlichen Methoden wurden angewendet?
Es wurde ein triangulativer Ansatz gewählt, bestehend aus einer quantitativen Online-Befragung von Handwerksbetrieben und ergänzenden qualitativen Interviews, um tiefergehende Einblicke in die Motivation der Unternehmer zu erhalten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die empirischen Daten aus der Befragung in Oberbayern: Dazu gehören die Art und Häufigkeit von Engagementmaßnahmen, die räumliche Verortung und die Gründe für das bürgerschaftliche Engagement der Handwerker.
Was sind die charakteristischen Schlüsselbegriffe der Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Corporate Citizenship, Handwerk, regionale Verbundenheit, KMU, Ehrenamt und raumbezogene Identität.
Wie unterscheidet sich das Engagement im ländlichen Raum von dem in der Stadt?
Die Untersuchung zeigt, dass Handwerker im ländlichen Raum tendenziell stärker lokal verankert sind und sich häufiger aufgrund ihrer engen Einbindung in das soziale Vereinsleben engagieren, während in Städten andere Dynamiken und teils höhere Skepsis gegenüber Spendenstrukturen vorliegen.
Welche Rolle spielt die Person des Handwerksunternehmers?
Die Persönlichkeit und die individuelle Motivation des Unternehmers sind entscheidende Einflussgrößen, da in den untersuchten Kleinbetrieben der Inhaber meist direkt über Art und Umfang des Engagements entscheidet.
Was ist das Hauptergebnis bezüglich der Tradition im Handwerk?
Überraschenderweise ergab die Studie, dass das Engagement primär nicht allein durch Tradition ("das wurde schon immer so gemacht") begründet wird, sondern vielmehr durch eine bewusste Überzeugung an der Sache und die Verbundenheit zur Region.
- Citation du texte
- Manuel Müller (Auteur), 2009, Corporate Citizenship im Handwerk von Oberbayern – ein Vergleich zwischen Stadt und ländlichem Raum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178813