Untersuchungsbasis dieser Arbeit ist die ältere Reihe der Corveyer Traditionen, die die Jahre 822 bis 877 umfasst. In der im Auftrag der Historischen Kommission Westfalen und durch Klemens Honselmann herausgegebenen neuen Edition der Quelle wird der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung aktuelle Forschungsstand mit einbezogen. Daher ist sie den älteren Editionen, beispielsweise von Falke oder Wigand, eindeutig vorzuziehen.
Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist die Frage nach der Rolle von Frauen in den Corveyer Traditionen. Treten Frauen in den gleichen Funktionen, die auch für das Auftreten von Männern verzeichnet sind, in Erscheinung? Wie groß ist der Anteil von tradierenden Frauen? Was schenkten Frauen und warum schenkten sie? Wer waren die Frauen, die schenkten und lassen sich Verbindungen zwischen ihnen aufzeigen?
Darüber hinaus sollen aber auch Frauen, die in anderer Funktion in Erscheinung treten, nicht unerwähnt bleiben, um so einen, wenn auch groben, Gesamtüberblick über die eingangs erwähnte Thematik zu liefern.
Als problematisch bei der Bearbeitung dieses Themas erweist sich die Zuordnung von Namen zu ihrem jeweiligen Geschlecht. In einigen Traditionen markieren Termini wie „uxor“, „soror“, „mater“, „ancilla“ oder andere die benannten Personen als Frauen. Dennoch sind auch einige Regelmäßigkeiten in Bezug auf Namensendungen festzustellen, mit Hilfe derer sich Frauen auch ohne eindeutige Ausweisung durch Termini als solche identifizieren lassen. Obschon aus diesem Grunde in dieser Arbeit möglicherweise nicht alle erwähnten Frauen berücksichtigt werden können, bieten die zahlreichen Traditionen, in denen Frauen eindeutig ihrem Geschlecht zuzuordnen sind, ausreichend Material für eine genauere Betrachtung der Thematik.
Wenngleich die meist informationsarmen Einträge in der Traditionsliste nur wenig Hinweise auf die Hintergründe der einzelnen Frauen geben, so wird in dieser Arbeit dennoch versucht, einen Ausblick auf die unterschiedlichen Lebensformen der Frau des Mittelalters zu erschließen. Darüber hinaus wird die Rekonstruktion von Verwandtschaftsverhältnissen einiger Frauen eine Rolle spielen. Wie viel geben die Traditionen diesbezüglich her? Lassen sich ganze Stammbäume erschließen? Gibt es womöglich Verbindungen zu berühmten Adelsgeschlechtern?
In einem anschließenden Überblick soll zudem noch umrissen werden, inwieweit die gesammelten Informationen Rückschlüsse auf die Rechts- und Geschäftsfähigkeit der Frau im Mittelalter zulassen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Frauen als Teil der Schenkung
2.1. Servi und ancillae
2.2. Mancipii
2.3. Liti
2.4. Homini/Homini lati
2.5. Zur speziellen Bedeutung der familia
3. Frauen als Schenkerinnen
3.1. Allgemeines
3.2. Zur möglichen Herkunft und Bedeutung einzelner Schenkerinnen
3.2.1. Haduwy
3.2.2. Ida
3.2.3. Tetta
3.2.4. Halecghard
4. Frauen, für deren Heil geschenkt wird
5. Frauen als Teil der Traditionsbeschreibung oder –bedingung
6. Der Bezug zur Rolle der Frau im Mittelalter
6.1. Zu unterschiedlichen Lebensformen von Frauen
6.2. Zur Rechts- und Geschäftsfähigkeit
7. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Frauen in den Corveyer Traditionen des Zeitraums 822 bis 877. Ziel ist es, zu analysieren, in welchen Funktionen Frauen in den Quellen erscheinen – sei es als Schenkerinnen, als Teil von Schenkungsobjekten oder als Personen, für deren Seelenheil gestiftet wurde –, um Rückschlüsse auf ihre Lebensformen, Rechtsfähigkeit und sozialen Zusammenhänge im Frühmittelalter zu ziehen.
- Analyse der Funktion von Frauen in frühmittelalterlichen Schenkungsakten
- Untersuchung von Verwandtschaftsverhältnissen und genealogische Rekonstruktion
- Bedeutung der familia als sozialer und ökonomischer Rahmen
- Die Rechts- und Geschäftsfähigkeit von Frauen in der historischen Rechtspraxis
- Motive für Schenkungen wie Memorialpflege und materielle Absicherung
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Haduwy
Haduwy tritt in zwei Traditionen auf, beide Male als Schenkerin. Mit Blick auf die Gesamtheit der hier betrachteten älteren Reihe der Traditionen sollte eine weibliche Tradierende als Ausnahmeerscheinung betrachtet werden. Um den Umstand, dass eben diese Frau als Schenkerin in Erscheinung tritt, zu erklären, ist die genaue Untersuchung der Person und ihres Umfeldes unabdingbar.
Tradition 163 gibt erste Auskunft über die Familienverhältnisse und Lebensumstände der Haduwy. Haduwy tradiert pro redemtione videlicet anime viri sui Amalung atque filiorum suorum Bennid, Amalung. Dies kennzeichnet einen gewissen Amalung als ihren Mann und Bennid und einen weiteren Amalung als ihre gemeinsamen Söhne. Alle drei sind bereits verstorben. Haduwy begründet überdies die Schenkung ihres Besitzes mit dem Streben danach, aeterna temporalibus mercari et caducis semper mansura acquirere. Dies deutet laut Honselmann auf den baldigen Eintritt der Haduwy in das Stift Herford hin. Auch Eduard Hlawitschka identifiziert Haduwy in seinem Aufsatz „Zur Herkunft der Liudolfinger und zu einigen Corveyer Geschichtsquellen“ als künftige Äbtissin von Herford, die als solche in den Geschichtsquellen für die Jahre 858 und 887 nachgewiesen ist. Auch die Herforder Chronik des Julius Normann verzeichnet eine gewisse Hathuwic in den Jahren 856 bis 890 als Äbtissin in Herford.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert die Corveyer Traditionen als Quelle und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Rolle von Frauen in diesen Dokumenten.
2. Frauen als Teil der Schenkung: Dieses Kapitel untersucht Frauen als Schenkungsobjekte, insbesondere in ihrer Rolle als Teil von unfreien Schichten wie Servi, Mancipii und Liti, sowie ihre Einbindung in die familia.
3. Frauen als Schenkerinnen: Hier wird analysiert, in welchen Fällen Frauen als aktive Schenkerinnen auftreten und welche familiären Hintergründe bei exemplarischen Personen wie Haduwy oder Ida erkennbar sind.
4. Frauen, für deren Heil geschenkt wird: Das Kapitel befasst sich mit der Memorialpflege und dem Gedenken an verstorbene Frauen durch Schenkungen.
5. Frauen als Teil der Traditionsbeschreibung oder –bedingung: Es wird erörtert, wie Frauen durch spezifische Bedingungen in Schenkungsurkunden ihre Versorgung, etwa als Witwen, absicherten.
6. Der Bezug zur Rolle der Frau im Mittelalter: Dieses Kapitel diskutiert die Rechts- und Geschäftsfähigkeit sowie unterschiedliche Lebensmodelle von Frauen auf Basis der vorliegenden Quellen.
7. Schlussbetrachtungen: Die Arbeit fasst zusammen, dass Frauen im Frühmittelalter entgegen früherer Forschungsansichten durchaus als handelnde Individuen mit eigener Entscheidungsgewalt auftreten konnten.
Schlüsselwörter
Corveyer Traditionen, Frühmittelalter, Frauenrolle, Schenkungsrecht, Memorialpflege, familia, Adelsgeschichte, Rechtsfähigkeit, Haduwy, Ida, Grundherrschaft, Kloster Herford, Witwenversorgung, Schenkungen, Quellenanalyse
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die Rolle von Frauen in der älteren Reihe der Corveyer Traditionen (822–877) und analysiert ihre verschiedenen Funktionen innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Beteiligung von Frauen an Schenkungsakten, ihre Rechts- und Geschäftsfähigkeit, die Bedeutung von Familienstrukturen (familia) und die Memorialpflege.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, auf Basis der knappen Informationen der Corveyer Traditionen aufzuzeigen, dass Frauen im Frühmittelalter keineswegs rechtlose Individuen waren, sondern aktiv als Schenkerinnen oder als Empfängerinnen von Absicherungen agierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine quellenkritische Analyse der Corveyer Traditionen, vergleicht diese mit moderner Fachliteratur und versucht, familiäre Zusammenhänge durch genealogische Rekonstruktionen zu erhellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Frau als Schenkungsobjekt, als Schenkerin, als Subjekt der Memorialpflege und in Bezug auf ihre Rechtsstellung und Lebensformen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Corveyer Traditionen, Frühmittelalter, Rechtsfähigkeit, Memorialpflege, Schenkungsrecht und Adelsgeschichte.
Welche Rolle spielt die "familia" in der Arbeit?
Die Arbeit definiert die familia nicht nur als moderne Kleinfamilie, sondern als einen ökonomischen Hausverband, dem neben freien auch unfreie Personen angehörten, was für die Interpretation der Schenkungen essenziell ist.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Haduwy?
Haduwy wird als prominentes Beispiel für eine Schenkerin angeführt, deren Besitzübertragung an Corvey im direkten Zusammenhang mit ihrem späteren Eintritt in das Stift Herford als Äbtissin steht.
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- Antje Weckmann (Autor), 2011, Frauen und ihre Rolle in den Corveyer Traditionen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178819