Die Cleavage-Theorie als Erklärungsmodell für die Formierung des bundesrepublikanischen Parteiensystems


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theorien des Wahlverhaltens

3. Die Annahmen der Cleavage-Theorie

4. Abriss der Entwicklung des Parteiensystems der BRD zwischen 1945 und 1961

5. Die Konfliktlinien in der BRD
5.1 Die Klassen-Konfliktlinie
5.2 Die religiös-konfessionelle Konfliktlinie

6. Fazit und Ausblick14

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Parteien existieren in Deutschland bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Von einer Erfolgsgeschichte der politischen Vertretungen kann man im deutschen Kontext allerdings nicht sprechen. So wurde ihnen im Kaiserreich nur eine marginale Bedeutung beigemessen. Nach dem Niedergang der Weimarer Republik machte man sie gar für das Scheitern des Demokratieversuchs verantwortlich. Und schließlich wurden sie während des Nazi-Regimes ganz verboten. Eine Renaissance erlebten die politischen Vertretungen erst in der Bundesrepublik. Nach einer von 1949 bis etwa 1961 andauernden Konsolidierungsphase, die im Zentrum meiner Arbeit stehen soll, haben sie sich jedoch, und damit das Parteiensystem in Deutschland an sich, als sehr stabil erwiesen.

Doch warum entstehen überhaupt Parteien und wie bildet sich ein stabiles Parteiensystem heraus? Um diese Fragen zu beantworten ist es sinnvoll, zu einer Theorie des Wahlverhaltens zu kommen. Denn im „Parteienstaat“ der Bundesrepublik werden die gewählten Repräsentanten im parlamentarischen System fast ausschließlich von Parteien entsendet.

In Punkt 2 werde ich daher die zentralen Wahltheorien vorstellen. Aus der Sicht von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan waren diese Erklärungskonzepte jedoch zu einseitig, weshalb sie mit ihrer Cleavage-Theorie 1967 versuchten, sie zusammenzuführen.[1] Ihre Annahmen werde ich in Punkt 3 zusammenfassend darstellen.

Anschließend gebe ich einen kurzen Abriss über die Entwicklung des bundesrepublikanischen Parteiensystems von 1949 bis 1961 (Punkt 4), um dann in einem fünften Schritt die Cleavage-Theorie auf diese Entwicklung anzuwenden und die beiden aus meiner Sicht für die junge Bundesrepublik Deutschland entscheidenden Cleavages zu benennen und ihren Einfluss auf die Formierung des Drei-Parteiensystems darzustellen. Dabei konzentriere ich mich in erster Linie auf die beiden, für die Anfangsphase der BRD entscheidenden Parteien, CDU und SPD.

Zentral für meine Ausführungen werden neben der Publikation von Lipset und Rokkan die Sekundärwerke zur Cleavage-Theorie von Wilhelm Bürklin und Markus Klein sowie Wolfgang Müller sein. Bei meinen Ausführungen zur Entwicklung des Parteiensystems stütze ich mich vor allem auf die Kompaktdarstellungen von Ulrich von Alemann und Eckhard Jesse.

2. Theorien des Wahlverhaltens

Da die Cleavage-Theorie im weitesten Sinn als Modell zur Erklärung von Wahlergebnissen, und in der Folge von Parteisystemen, aufgefasst werden kann, werde ich zunächst in einem kurzen Exkurs auf die Theorien des Wahlverhaltens eingehen.

Nach Bürklin und Klein ist „die individuelle Wahlentscheidung das zum Stichtag bilanzierte Ergebnis des politischen Willensbildungsprozess“. Dabei sind

„ […] die der Wahlentscheidung vorgelagerten Prozesse der Meinungsbildung nicht als einfache Entscheidungsstrukturen aufzufassen, sondern als Ergebnis von sich wechselseitig beeinflussenden kurz, -mittel,- und langfristigen Faktoren“.[2]

Änderungen im Wahlverhalten seien dann auszumachen, wenn das Verhältnis zwischen dem Wähler und der Partei, die er gewöhnlich wählt, in irgendeiner Weise gestört sei. Als Erklärung für die Ursache dieser Störung gibt es zwei Ansätze. Dies ist zum einen das stratifikationstheoretische Modell.[3] Dieses gibt als Grund für die Entstehung von Bindungen an politische Parteien, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse oder Schicht an. Ändert sich die soziale Struktur, in die jemand verankert ist, so ändert sich auch seine Bindung an eine politische Partei. Im Gegensatz dazu konzentriert sich der institutionelle Ansatz nicht in erster Linie auf die Wähler und deren soziale Hintergründe, sondern auf die politischen Eliten und deren Fähigkeiten, gesellschaftliche Konflikte aufzunehmen und adäquat zu bearbeiten. Änderungen im Wahlverhalten sind hier darauf zurückzuführen, dass bestimmte Parteien es nicht schaffen, „gesellschaftliche Interessensgegensätze politisch konsensfähig zu integrieren“.[4]

Dieser Theorie entsprechen auch die Vorstellungen Anthony Downs von der Existenz des „rationalen Wählers“. Dabei werden die

„[…] Wähler als Akteure verstanden, die die jeweiligen Kosten und Nutzen der Programme der verschiedenen Parteien abwägen und dann nach dem Prinzip der Nutzenmaximierung vorurteilslos die Partei wählen, die ihrer eigenen Bedürfniskonstellation am nächsten kommen“.[5]

Ändert sich diese Kosten-Nutzen-Relation, so ist auch eine Änderung in der Wahlentscheidung zu erwarten. Stabilitäten im Wahlverhalten werden in dieser Theorie ebenfalls auf das persönliche Nutzenkalkül zurückgeführt. Denn das Individuum entscheidet sich jeweils für die Partei, von der es glaubt, dass sie ihm die größten Vorteile bringt, wenn sie an der Regierung ist.[6] In dieser Kosten-Nutzen-Rechnung des Wählers spielen allerdings auch strategische Überlegungen eine Rolle, die aus der Konfiguration des jeweiligen Wahlsystems resultieren, welche ich im Zusammenhang mit den Annahmen der Cleavage-Theorie in Punkt 3 näher erläutern werde.

3. Die Annahmen der Cleavage-Theorie

Im Vordergrund der von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan 1967 entwickelten Cleavage-Theorie stehen „conflicts and their translation into party systems”[7] sowie “ current alignments of voters behind each of the parties”.[8] Das entscheidende Stichwort dabei ist „Repräsentation“. Denn in den meisten westlichen Demokratien werden Wähler selten dazu aufgerufen, zu einem bestimmten Sachthema abzustimmen. Vielmehr müssen sie sich für Parteien entscheiden, die jeweils ein komplettes Programm zur Wahl stellen . Die einzelnen Parteien stehen sich dabei konfligierend gegenüber und trennen auf diese Weise die Wählerschaft, da ein bestimmtes Set an Ideen mit einem anderen um die Gunst der Bürger konkurriert.[9]

Unterhalb dieser gesamtstaatlichen Ebene bündeln verschiedenste Organisationen wie Kirchen, Gewerkschaften und andere Interessensverbände sektorale Sonderinteressen und artikulieren sie laut verstärkend im politischen Willens- und Entscheidungsprozess. Die Parteieliten übernehmen diese Interessen und machen sich für ihre Durchsetzung stark.[10]

Auf diese Weise entstehen „Repräsentationskoalitionen“ zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Parteien. Gesellschaftliche Konflikte werden also dadurch polarisiert und im Parteiensystem abgebildet, dass politische Parteien sich mehr für eine bestimmte soziale Gruppe und deren Interessensverbände in besonderem Maße einsetzen als für eine andere.[11]

Dass sich soziale Gruppen überhaupt an Parteien wenden, um ihre Interessen vertreten zu lassen, liegt an der Funktionsweise der repräsentativen Demokratie, in der Parteien als Träger des Parlaments maßgeblich im Gesetzgebungsprozess involviert sind. Dass Parteien wiederum bestimmte sektorale Sonderinteressen unterstützen, hängt damit zusammen, dass sie sich von den repräsentierten Gruppen Wählerstimmen erhoffen. Folglich verlaufen Cleavages zwischen eben jenen Koalitionen von gesellschaftlicher Gruppierung und Partei.

Die sich entlang der Konfliktlinien organisierten Gruppen weisen dabei eine große soziale Homogenität auf. Sind sie erst einmal eine Repräsentationskoalition mit einer politischen Partei eingegangen, wächst der Druck innerhalb des sozialen Milieus, eben diese Partei zu wählen. Auf diese Weise entstehen langfristige, stabile Verzahnungen zwischen Partei und sozialer Gruppe.[12]

Daher spielen also sozialstrukturelle und parteipolitische Faktoren eine Rolle, auch wenn Lipset und Rokkan in ihrer Theorie davon ausgehen, dass darüber hinaus „kurzfristige Einflüsse durchaus zu Änderungen im Wahlverhalten führen können“. „[…] Diese Änderungen aber durch die stabilisierenden Effekte der tradierten Cleavages sehr stark erschwert werden“.[13] Für die Entstehung der Parteiensysteme, auch des bundesdeutschen, sind damit die Konfliktgegnerschaften von konkurrierenden sozialen Gruppierungen entscheidend – oder, wenn man einen Schritt zurückgeht, die Politisierung der zu Grunde liegenden gesellschaftlichen Konflikte. Lipset und Rokkan machen bei ihrer historischen Betrachtung vier Konfliktgegnerschaften aus, die im Zuge der schrittweisen Ausdehnung des Wahlrechts von den politischen Parteien mobilisiert wurden.[14]

Der erste dieser Konflikte war der zwischen Zentrum und Peripherie im 16. und 17. Jahrhundert, der sich während den Reformationsbewegungen und den Staatsbildungsprozessen herauskristallisierte, im Zuge derer neue machtvolle politische Zentren entstanden. Gegen diese Entwicklungen gab es auf regionaler Ebene Widerstände.[15]

Daran angeschlossen hat sich der Konflikt zwischen dem neuen Nationalstaat und der Kirche. Dabei spielte im Zuge der sich ausweitenden Säkularisierung, neben finanziellen Aspekten, in erster Linie die Deutungshoheit über gesellschaftliche Normen und Regeln wie auch über das Bildungswesen eine Rolle.[16]

Die dritte Konfliktgegnerschaft bildete sich im Laufe der Industrialisierung heraus. Hier prallten die ländlichen, bisweilen bäuerlichen, Interessen mit denen der aufsteigenden Klasse der industriellen Arbeiter in der Stadt aufeinander.[17]

Die letzte der vier Konfliktlinien wird durch den Klassenkonflikt zwischen Arbeit und Kapital beschrieben. Dieser entstand nach den ersten Wellen der Industrialisierung durch die Bildung sozialistischer Arbeiterparteien und Gewerkschaften.[18] Gemeinsam haben alle vier Cleavages, dass sie das Produkt von Protestbewegungen gegen nationale Eliten und deren kulturelle Standards sind.

[...]


[1] Vgl. Bürklin, Wilhelm/ Klein Markus (1998): Wahlen und Wählerverhalten. Eine Einführung. Opladen, S. 20.

[2] Bürklin/Klein, S. 18.

[3] Vgl. Ebenda.

[4] Ebenda, S. 19.

[5] Downs, Anthony 1957, zit. Nach Müller, Wolfgang (1999): Sozialstrukturelle Cleavages bei Bundestagswahlen in Theorie und Empirie. Persistenz, Realignment oder Dealignment?. Frankfurt am Main, S. 128.

[6] Vgl. Müller, Ebenda

[7] Lipset, Seymour M / Rokkan, Stein (1967): Cleavage Structures, Party Systems and Voter Alignments. An Introduction. In: Seymour M. Lipset/ Stein Rokkan (Hg.): Party Systems and Voter Alignments. Cross-National Perspectives. New York, S. 5.

[8] Ebenda, S. 2.

[9] Vgl. Ebenda, S. 3f.

[10] Vgl. Müller, S. 82.

[11] Vgl. Bürklin, Klein, S.19.

[12] Vgl. Bürklin/ Klein, S. 74f.

[13] Ebenda, S. 20.

[14] Vgl. Ebenda.

[15] Vgl. Ebenda.

[16] Vgl. Lipset/ Rokkan, S. 15.

[17] Vgl. Ebenda, S. 43.

[18] Vgl. Ebenda, S. 18.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Cleavage-Theorie als Erklärungsmodell für die Formierung des bundesrepublikanischen Parteiensystems
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Kultur und Ideengeschichtliche Wurzeln sowie Entwicklung und Formierung des bundesrepublikanischen Parteiensystems (1945-1961)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V178821
ISBN (eBook)
9783656009726
ISBN (Buch)
9783656010418
Dateigröße
380 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
cleavage-theorie, erklärungsmodell, formierung, parteiensystems
Arbeit zitieren
Yannick Lowin (Autor), 2010, Die Cleavage-Theorie als Erklärungsmodell für die Formierung des bundesrepublikanischen Parteiensystems, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178821

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