Parteien existieren in Deutschland bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Von einer Erfolgsgeschichte der politischen Vertretungen kann man im deutschen Kontext allerdings nicht sprechen. So wurde ihnen im Kaiserreich nur eine marginale Bedeutung beigemessen. Nach dem Niedergang der Weimarer Republik machte man sie gar für das Scheitern des Demokratieversuchs verantwortlich. Und schließlich wurden sie während des Nazi-Regimes ganz verboten. Eine Renaissance erlebten die politischen Vertretungen erst in der Bundesrepublik. Nach einer von 1949 bis etwa 1961 andauernden Konsolidierungsphase, die im Zentrum meiner Arbeit stehen soll, haben sie sich jedoch, und damit das Parteiensystem in Deutschland an sich, als sehr stabil erwiesen.
Doch warum entstehen überhaupt Parteien und wie bildet sich ein stabiles Parteiensystem heraus? Um diese Fragen zu beantworten ist es sinnvoll, zu einer Theorie des Wahlverhaltens zu kommen. Denn im „Parteienstaat“ der Bundesrepublik werden die gewählten Repräsentanten im parlamentarischen System fast ausschließlich von Parteien entsendet.
In Punkt 2 werde ich daher die zentralen Wahltheorien vorstellen. Aus der Sicht von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan waren diese Erklärungskonzepte jedoch zu einseitig, weshalb sie mit ihrer Cleavage-Theorie 1967 versuchten, sie zusammenzuführen. Ihre Annahmen werde ich in Punkt 3 zusammenfassend darstellen.
Anschließend gebe ich einen kurzen Abriss über die Entwicklung des bundesrepublikanischen Parteiensystems von 1949 bis 1961 (Punkt 4), um dann in einem fünften Schritt die Cleavage-Theorie auf diese Entwicklung anzuwenden und die beiden aus meiner Sicht für die junge Bundesrepublik Deutschland entscheidenden Cleavages zu benennen und ihren Einfluss auf die Formierung des Drei-Parteiensystems darzustellen. Dabei konzentriere ich mich in erster Linie auf die beiden, für die Anfangsphase der BRD entscheidenden Parteien, CDU und SPD.
Zentral für meine Ausführungen werden neben der Publikation von Lipset und Rokkan die Sekundärwerke zur Cleavage-Theorie von Wilhelm Bürklin und Markus Klein sowie Wolfgang Müller sein. Bei meinen Ausführungen zur Entwicklung des Parteiensystems stütze ich mich vor allem auf die Kompaktdarstellungen von Ulrich von Alemann und Eckhard Jesse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorien des Wahlverhaltens
3. Die Annahmen der Cleavage-Theorie
4. Abriss der Entwicklung des Parteiensystems der BRD zwischen 1945 und 1961
5. Die Konfliktlinien in der BRD
5.1 Die Klassen-Konfliktlinie
5.2 Die religiös-konfessionelle Konfliktlinie
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Formierung und Stabilisierung des bundesrepublikanischen Parteiensystems zwischen 1945 und 1961 unter Anwendung der Cleavage-Theorie von Seymour M. Lipset und Stein Rokkan. Dabei wird analysiert, inwieweit soziale Konfliktlinien die Entstehung von Parteibindungen und die Herausbildung der Parteienlandschaft der frühen Bundesrepublik maßgeblich beeinflusst haben.
- Analyse theoretischer Ansätze des Wahlverhaltens.
- Darstellung der zentralen Annahmen der Cleavage-Theorie.
- Historischer Überblick der Parteienentwicklung (1945–1961).
- Untersuchung der Klassen-Konfliktlinie und der religiös-konfessionellen Konfliktlinie.
- Evaluation der Bedeutung von Repräsentationskoalitionen für die Parteienstabilität.
Auszug aus dem Buch
3. Die Annahmen der Cleavage-Theorie
Im Vordergrund der von Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan 1967 entwickelten Cleavage-Theorie stehen „conflicts and their translation into party systems” sowie “ current alignments of voters behind each of the parties”. Das entscheidende Stichwort dabei ist „Repräsentation“. Denn in den meisten westlichen Demokratien werden Wähler selten dazu aufgerufen, zu einem bestimmten Sachthema abzustimmen. Vielmehr müssen sie sich für Parteien entscheiden, die jeweils ein komplettes Programm zur Wahl stellen. Die einzelnen Parteien stehen sich dabei konfligierend gegenüber und trennen auf diese Weise die Wählerschaft, da ein bestimmtes Set an Ideen mit einem anderen um die Gunst der Bürger konkurriert.
Unterhalb dieser gesamtstaatlichen Ebene bündeln verschiedenste Organisationen wie Kirchen, Gewerkschaften und andere Interessensverbände sektorale Sonderinteressen und artikulieren sie laut verstärkend im politischen Willens- und Entscheidungsprozess. Die Parteieliten übernehmen diese Interessen und machen sich für ihre Durchsetzung stark. Auf diese Weise entstehen „Repräsentationskoalitionen“ zwischen gesellschaftlichen Gruppen und Parteien. Gesellschaftliche Konflikte werden also dadurch polarisiert und im Parteiensystem abgebildet, dass politische Parteien sich mehr für eine bestimmte soziale Gruppe und deren Interessensverbände in besonderem Maße einsetzen als für eine andere.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet die Stabilität des deutschen Parteiensystems und stellt die methodische Vorgehensweise vor, mittels der Cleavage-Theorie die Entwicklungen von 1949 bis 1961 zu analysieren.
2. Theorien des Wahlverhaltens: Dieses Kapitel gibt einen Exkurs in wahltheoretische Ansätze, insbesondere das stratifikationstheoretische Modell, den institutionellen Ansatz sowie das Konzept des rationalen Wählers.
3. Die Annahmen der Cleavage-Theorie: Es werden die Grundkonzepte der Theorie von Lipset und Rokkan erläutert, insbesondere der Prozess der Repräsentation und die Entstehung von Repräsentationskoalitionen.
4. Abriss der Entwicklung des Parteiensystems der BRD zwischen 1945 und 1961: Der Abschnitt skizziert die historische Entwicklung des Parteiengefüges in den Besatzungszonen und der frühen Bundesrepublik unter Berücksichtigung des Lizenzierungsverfahrens.
5. Die Konfliktlinien in der BRD: Hier wird die Relevanz der Klassen- und Konfessionskonflikte für die Formierung der Parteienlandschaft in der Bundesrepublik erörtert.
5.1 Die Klassen-Konfliktlinie: Das Kapitel untersucht die enge Bindung zwischen Gewerkschaften, Arbeitern und der Sozialdemokratie sowie die Transformation der SPD.
5.2 Die religiös-konfessionelle Konfliktlinie: Es wird analysiert, wie die Konfessionszugehörigkeit und die Bindung an die Kirche das Wahlverhalten und die Integration in das konservative Lager der Union prägten.
6. Fazit und Ausblick: Das Fazit bestätigt die hohe Erklärungskraft der Cleavage-Theorie für die Stabilität der frühen Bundesrepublik und reflektiert über die Grenzen des gewählten Ansatzes.
Schlüsselwörter
Cleavage-Theorie, Parteiensystem, Bundesrepublik, Wahlverhalten, Repräsentation, Repräsentationskoalition, SPD, CDU, Konfession, Klassenkonflikt, Sozialstruktur, Wahlsystem, Parteien, Konsolidierungsphase, Interessenverbände
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Formierung und Entwicklung des deutschen Parteiensystems in den frühen Jahren der Bundesrepublik (1945–1961) unter Anwendung sozialwissenschaftlicher Theorieansätze.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Parteien nach dem Zweiten Weltkrieg, die Entstehung stabiler Wählerbindungen und die Rolle gesellschaftlicher Konfliktlinien.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Formierung des Drei-Parteiensystems zu erklären, indem die Cleavage-Theorie auf die spezifischen Entwicklungen der jungen Bundesrepublik angewendet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretisch-analytische Methode, indem sie die Cleavage-Theorie von Lipset und Rokkan mit historischer Literatur und Daten zum Wahlverhalten kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden neben den theoretischen Grundlagen insbesondere die Klassen-Konfliktlinie und die religiös-konfessionelle Konfliktlinie detailliert auf ihre Wirkung auf das Parteiensystem untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Cleavage-Theorie, Repräsentationskoalitionen, Parteiensystem, Wahlverhalten und die sozio-religiösen bzw. ökonomischen Konfliktlinien bestimmt.
Warum war laut der Arbeit die SPD besonders stark bei Gewerkschaftsmitgliedern verankert?
Aufgrund der historisch gewachsenen Repräsentationskoalition zwischen der Arbeiterschaft, den Gewerkschaften und der SPD, die nach 1945 erneuert wurde, blieb die SPD die primäre politische Vertretung dieser Gruppe.
Welche Rolle spielt die Kirche bei der religiösen Konfliktlinie der 1950er Jahre?
Die Kirche fungierte als stabilisierender Faktor für die CDU, da eine starke Kirchenbindung bei Katholiken die Wahrscheinlichkeit erhöhte, für die Union zu stimmen, und somit als eine Art Wahlnorm wirkte.
Wie bewertet der Autor die Stabilität des Parteiensystems im Fazit?
Der Autor konstatiert, dass die historisch gewachsenen Koalitionen sehr stabil waren und das Parteiensystem durch das Zusammenspiel von Cleavages und dem Wahlsystem eine hohe Festigkeit erlangte.
- Quote paper
- Yannick Lowin (Author), 2010, Die Cleavage-Theorie als Erklärungsmodell für die Formierung des bundesrepublikanischen Parteiensystems, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178821