Welche gesellschaftlichen Folgen entfalteten die Familienverhältnisse auf die Nachkriegssituation in Deutschland?


Seminararbeit, 2009

20 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung – Trümmer, Tränen, Zuversicht

2. Die Familienverhältnisse im nationalsozialistischen Reich

3. Die Familienverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg
3.1. „Frauenüberschuss“ bzw. „Männermangel“
3.2. Die Kriegerwitwen
3.3. Die Kriegsheimkehrer

4. Ergebnis und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einführung – Trümmer, Tränen, Zuversicht

Nach der bedingungslosen Kapitulation des nationalsozialistischen Reiches am 8. Mai 1945 lag Deutschland in Trümmern und Asche. Viele Landstriche wurden während des sechs Jahre andauernden Krieges von der völligen Zerstörung und der absoluten Verwüstung heimgesucht. Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten strömten in die ausgebombten deutschen Städte und verschlechterten dort, die ohnehin schon angespannte Versorgungslage deutlich.

Durch den Krieg und seine Folgeerscheinungen änderten sich die Familienverhältnisse in den deutschen Nachkriegsjahren grundlegend. Für die Frauen, welche den größten Anteil der „Daheimgebliebenen“ ausmachten, begann nun endgültig der Kampf ums Überleben, welcher untrennbar mit der Versorgung der Familie verbunden war. Insbesondere die so genannten „Trümmerfrauen“, dessen enorme Bedeutung für den deutschen Wiederaufbau und den damit einhergehenden Wirtschaftsaufschwung bis heute stets betont wird, prägten das Bild der deutschen Nachkriegsjahre.

„Nach dem Kriege leisteten die Frauen Überlebensarbeit, das ist unbestreitbar.“1

Im Besonderen der Begriff des „Frauenüberschusses“ bzw. des „Männermangels“, welcher durch die zahlreichen, im Krieg gefallenen oder während der Kriegsgefangenschaft bzw. an ihren Auswirkungen verstorbenen Soldaten hervorgerufen wurde, symbolisierte den gesellschaftlichen Wandel in der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland.2

Die folgende Arbeit beschäftigt sich auf der Grundlage dieser Überlegungen mit der Fragestellung: „Welche gesellschaftlichen Folgen entfalteten die Familienverhältnisse auf die Nachkriegssituation in Deutschland?“

Der Hauptteil dieses Aufsatzes fokussiert sich auf die Darstellung der Familienverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Speziellen wird hier auf die Alltagsbewältigung der Kriegerwitwen sowie auf die Situation der Kriegsheimkehrer und ihre gesellschaftspolitischen Auswirkungen eingegangen. Um jedoch eine zufrieden stellende Antwort auf diese Problematik zu erhalten, müssen zuvor die

Familienpolitik des nationalsozialistischen Reiches und ihre Folgen für die deutsche Nachkriegszeit detailliert betrachtet werden. Nachfolgend liegt die schwerpunktmäßige Untersuchung auf den Geschlechterverhältnissen der deutschen Nachkriegsjahre hinsichtlich der Problematik des „Frauenüberschusses“ bzw. des „Männermangels“, um auf dieser Basis die gesellschaftlichen Bedingungen für die „Daheimgebliebenen“ und die „Zurückkehrenden“ genauer darstellen zu können. Im Anschluss wird sowohl die Situation der Kriegerwitwen als auch die Lage der Heimkehrer und die daraus resultierenden Folgen für die Familienverhältnisse im Hinblick auf die deutsche Nachkriegszeit differenziert diskutiert. Abschließend werden die weiteren Entwicklungen der Familienverhältnisse bis hinein in die 50er Jahre aufgegriffen und beurteilt. Mit dieser Erörterung ist die Grundlage für eine kritische Beantwortung der Fragestellung, nach den gesellschaftlichen Auswirkungen der Familienverhältnisse auf die Nachkriegssituation in Deutschland geschaffen.

Auf Grund der Komplexität der aufgeführten Thematik beschränkt sich diese Arbeit auf die Darstellung der westdeutschen Familienverhältnisse. Die gesellschaftliche Situation in der sowjetischen Besatzungszone tritt in den Hintergrund und findet nur dann Erwähnung, insofern diese für oben genannte Bereiche Auswirkungen entfaltet hat.

Um der aufgezeigten Fragestellung gerecht zu werden, ist nicht nur eine vielschichtige, sondern ebenfalls eine breit gefächerte Primär- und Sekundärliteratur erforderlich. Im Besonderen findet hier das Werk von Merith Niehuss: „Familie, Frau und Gesellschaft“3, in welchem die Autorin die Strukturgeschichte der Familie in Westdeutschland in den Jahren 1945 bis 1960 charakterisiert, Beachtung. Die Primärliteraturangabe wird sowohl durch die Schrift von Anna Schnädelbach: „Kriegerwitwen“4 als auch durch die dreiteilige Buchreihe „Wer die Zeit nicht miterlebt hat…“ von Margarete Dörr5 vervollkommnet.

Die methodische Grundlage für die Anfertigung dieser Arbeit ist die Textanalyse dieser Schriften. Ebenfalls werden die vielfältigen Zeitzeugenberichte sowie

empirische Untersuchungen und Statistiken, welche sich mit der deutschen Bevölkerungsstruktur der Nachkriegsjahre beschäftigen in die Überlegungen eingearbeitet. Die aufgeführte Sekundärliteratur dient dem Quellenachweis und stellt eine fächerübergreifende Ergänzung im Hinblick auf die Bearbeitung der aufgeführten Thematik dar.

2. Die Familienverhältnisse im nationalsozialistischen Reich

„Den ersten, besten und ihr gemäßesten Platz hat die Frau in der Familie, und die wunderbarste Aufgabe, die sie erfüllen kann, ist die, ihrem Volk Kinder zu schenken.“6

Dieses Zitat macht deutlich, dass das weibliche Geschlecht in der nationalsozialistischen Weltanschauung die Rolle der Mutter und Hausfrau einnahm. Die damit verbundene umfassende gesellschaftliche Anerkennung war bis dahin einmalig in der deutschen Geschichte und wurde auch in den Nachkriegsjahren der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland so nicht erreicht.7

Im Folgenden wird die Ehe-, Frauen- und Familienpolitik des Dritten Reiches aufgegriffen und kritisch erörtert, um auf dieser Grundlage die gesellschaftlichen Auswirkungen auf die Familienverhältnisse der deutschen Nachkriegsjahren in den späteren Betrachtungen differenziert beurteilen zu können.

Obwohl viele Grundsätze der nationalsozialistischen Ehe-, Frauen- und Familienpolitik jener der Vergangenheit entsprachen, wurden diese erst durch die Politik des „NS-Regimes“ als Mittel zur Machtfestigung genutzt.8 Die finanzielle Unterstützung des Kinderreichtums und die Förderung der konservativen Kernfamilie standen im Mittelpunkt der nationalsozialistischen Ehe- und Familienpolitik. Dementsprechend stieg sowohl die Zahl der Eheschließungen als auch die Geburtenrate während des Nationalsozialismus stetig an.9

Gefördert wurden jedoch nur sozial und politisch einwandfreie Frauen bzw. Familien, welche dem Menschenbild der Nationalsozialisten gerecht wurden.10

Insbesondere Organisationen wie die „NS-Frauenschaft“, das „deutsche Frauenwerk“, die „NS-Volkswohlschaft“ und ihre Intuitionen: „Mutter und Kind“ oder „Kraft durch Freude“ stellten hier die grundlegenden Elemente des sozialen Fürsorgeapparates dar.11

Da den Frauen Positionen in der Partei oder Anstellungen im öffentlichen Dienst verwehrt blieben, symbolisierten diese Vereinigungen die wichtigsten Orte des weiblichen Engagements und der Partizipation im nationalsozialistischen Gesellschaftsgefüge. Diese ehrenamtliche Arbeit im Dienste des Staates, welche allgegenwärtig unter den Vorgaben und Grenzen des „NS-Regimes“ stand, ermöglichte es den Frauen das gesellschaftliche Leben mitzubestimmen und am späteren Krieg indirekt teilzunehmen. Das Engagement brachte den Frauen somit vor allem eine Erweiterung ihrer sozialen Kontakte, ein gesteigertes Selbstwertgefühl und die Möglichkeit der Machtausübung.12

Eine Vielzahl der Frauen bejahte die Politik des Nationalsozialismus und gab sich freimütig der Illusion der Volksgemeinschaft hin. Diese Zustimmung beruhte jedoch nur teilweise auf der ideologischen Identifikation mit der nationalsozialistischen Weltanschauung, sondern war vor allem dem obrigkeitshörigen Verhalten der Frauen, welches die eigene moralische Wahrnehmung und die staatsbürgerliche Verantwortung ersetzt hat, geschuldet. Stattdessen verhielten sich die meisten Frauen gegenüber politischen Entscheidungen, welche sie nicht direkt in ihrer Rolle als Hausfrau oder Mutter betroffen haben, als desinteressiert und bezeichneten sich selbst als „unpolitisch“.13

Diese allgemeine politische Gleichgültigkeit diente als Blockade für den allumfassenden psychischen Zugriffs des Regimes. Eine ideologische

[...]


1 Dörr, Margarete, Wer die Zeit nicht miterlebt hat…. Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und danach: Kriegsalltag, Bd. 2, Frankfurt am Main 1998, 77.

2 Vgl. Dörr, Margarete, Wer die Zeit nicht miterlebt hat…. Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und danach: Das Verhältnis zum Nationalsozialismus und zum Krieg, Bd. 3, Frankfurt am Main 1998, 80-138.

3 Vgl. Niehuss, Merith, Familie, Frau und Gesellschaft. Studien zur Strukturgeschichte der Familie in Westdeutschland 1945-1960, Bd. 65, Göttingen 2001.

4 Vgl. Schnädelbach, Anna, Kriegerwitwen. Lebensbewältigung zwischen Arbeit und Familie in Westdeutschland nach 1945, Frankfurt am Main u.a. 2009.

5 Vgl. Dörr, Margarete, Wer die Zeit nicht miterlebt hat…. Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und danach, 3 Bde., Frankfurt am Main 1998.

6 Goebbels, Joseph, Eröffnungsansprache der Ausstellung in Berlin im März 1933: Die Frau, Frauenleben und -wirken in der Familie, Haus und Beruf; in: Kuhn, Annette (Hrsg.): Die Chronik der Frauen, Dortmund 1992, 477.

7 Vgl. Dörr, Margarete, Wer die Zeit nicht miterlebt hat…. Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und danach: Lebensgeschichten, Bd. 1, Frankfurt am Main 1998, 7-14.

8 Vgl. Dörr, Margarete, Wer die Zeit nicht miterlebt hat…. Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und danach: Das Verhältnis zum Nationalsozialismus und zum Krieg, Bd. 3, Frankfurt am Main 1998, 360-381.

9 Vgl. Gestrich, Andreas, Geschichte der Familie im 19. und 20. Jahrhundert. Enzyklopädie Deutscher Geschichte, Bd. 50, München 1999, 8/9.

10 Vgl. Niehuss, Merith, Familie, Frau und Gesellschaft. Studien zur Strukturgeschichte der Familie in Westdeutschland 1945-1960, Bd. 65, Göttingen 2001, 36-42.

11 Vgl. Dörr, Margarete, Wer die Zeit nicht miterlebt hat…. Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und danach: Das Verhältnis zum Nationalsozialismus und zum Krieg, Bd. 3, Frankfurt am Main 1998, 360-381.

12 Vgl. Kramer, Nicole, Integration in den totalen Staat. Krieg und Partizipation: „Volksgenossinnen“ in den NS-Frauenorganisationen; in: Hikel, Christine/ Kramer, Nicole/ Zellmer, Elisabeth (Hrsg.), Lieschen Müller wird politisch. Geschlecht, Staat und Partizipation im 20.Jahrhundert, Bd. 4, München 2009, 73-84.

13 Vgl. Dörr, Margarete, Wer die Zeit nicht miterlebt hat…. Frauenerfahrungen im Zweiten Weltkrieg und danach: Lebensgeschichten, Bd. 1, Frankfurt am Main 1998, 7-14.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Welche gesellschaftlichen Folgen entfalteten die Familienverhältnisse auf die Nachkriegssituation in Deutschland?
Hochschule
Universität der Bundeswehr München, Neubiberg
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V178854
ISBN (eBook)
9783656009597
ISBN (Buch)
9783656010234
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
folgen, familienverhältnisse, nachkriegssituation, deutschland
Arbeit zitieren
Susanne Lossi (Autor), 2009, Welche gesellschaftlichen Folgen entfalteten die Familienverhältnisse auf die Nachkriegssituation in Deutschland?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178854

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Welche gesellschaftlichen Folgen entfalteten die Familienverhältnisse auf die Nachkriegssituation in Deutschland?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden