Repräsentation, Sichtbarkeit und Schein am mittelalterlichen Hof - Die Trübung der Sichtbarkeit


Seminararbeit, 2002

19 Seiten, Note: 3


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Geschichtliche Hintergründe

3. Untergang der Sichtbarkeit im Nibelungenlied
3.1. Die Steigbügelszene
3.2. Auslegungen der Steigbügelszene in der Forschung
3.3. Zusammenfassende Überlegungen zu der Steigbügelszene
3.4. Die Kampfszene um Brünhilds Hand
3.5. Wie Brünhild in Worms empfangen wurde
3.6. Die Bedeutung der Standeslüge
3.7. Ring und Gürtel als Memorialzeichen

4. Schluß

5. Bibliographie

1. EINLEITUNG

In meiner Hausarbeit möchte ich darstellen, von welcher Bedeutung Sichtbarkeit höfischer Ordnung und Kultur war und welche Funktionen sie erfüllte.

Das gesellschaftliche Leben am königlichen Hof unterlag einem festen Protokoll, das besonders bei feierlichen Anlässen in Erscheinung trat. Zu besonderen Anlässen zählten Krönungen, Hochzeiten und Schwereleiten. Anhand von Beispielen aus den uns im Seminar bekannt gewordenen Werken möchte ich ein paar prägnante Ereignisse heranziehen, die uns die Bedeutung der Sichtbarkeit näher bringen.

Im zweiten Teil meiner Hausarbeit möchte ich anhand des Nibelungenliedes zeigen, dass auch die höfische Sichtbarkeit manipuliert und verfälscht werden konnte. Konsequenzen dieser Manipulationen zeigten sich in Konflikten, die sich im Laufe der Zeit immer mehr steigerten und es schließlich doch zu dem unvermeindlichen Bruch kam. „Diu vil michel ere was da gelegen tot.“ (Str. 2378, I - Nl.)

Jan-Dirk-Müller drückt dies folgendermaßen aus: „ Wenn alle Verstellung beseitigt ist und alles, was die Sicht verstellen könnte, aus dem Weg geräumt, gibt es auch nichts mehr zu sehen.“1

Regeln der Sichtbarkeit in der nibelungischen Welt und Aspekte des miteinander Handelns im Nibelungenlied insgesamt zu beschreiben, wäre eine Aufgabe, die den Rahmen der Hausarbeit überschreiten würde. Daher richteten sich die Überlegungen auf wenige signifikante Einzelphänomene. Diese Hausarbeit könnte noch im Weiteren ausgearbeitet werden und sich dem zweiten Teil des Werkes widmen.

Überlegungen dieser Hausarbeit stellen vielleicht ein Grundgerüst für weitere Analysen dar, die noch vertieft werden könnten.

2. Geschichtliche Hintergründe

Das Zeremoniell der höfischen Umgangsformen konnte erst seinen Ursprung im 12. bzw. im 13. Jahrhundert finden: Dies war die Zeit der Residenzbildung.

Zum früheren Zeitpunkt war der Hof die zentrale Herrschaftsinstanz. Da es keinen Beamtenapparat, keine Finanzorganisation und keine öffentliche Verwaltung gab, wurde Herrschaft persönlich ausgeübt. Der Herrscher traf sich mit seinen Vertrauten am Hof. Sie unterstützten ihn in seiner Arbeit. Zur Durchführung seiner Aufgaben nahm der Herrscher „Rat und Hilfe“, consilium et auxilium, seiner adligen Lehnsträger in Anspruch. Bildlich sah das so aus, dass der Herrscher höchstpersönlich mit seinem Hof im Land herumzog und auf seinem Reiseweg wichtige Entscheidungen traf und entscheidende Treffen wahrnahm. Bevor es zur Residenzbildung kam, war die charakteristische Form der Herrschaftsausübung also die Reiseherrschaft.

Später wurde die mobile Herrschaftsausübung aufgegeben und neue Formen der Staatlichkeit entstanden. Königliche Höfe entwickelten sich zu ortsfesten Regierungssitzen. Dieser Prozess begann im 12. Jahrhundert in Frankreich und in England, in Deutschland um das 13. Jahrhundert herum. Die Tendenz zur Sesshaftigkeit begann bei den Fürstenhöfen eher als auf den königlichen Höfen. Das Festwerden der Höfe spielte die entscheidende Rolle und hatte Konsequenzen für das Gesellschaftsleben und die Formen der höfischer Repräsentation. Gleichzeitig war es Voraussetzung für die Ausbildung einer zentralen Landesverwaltung. In dieser Zeit war die Tendenz des besonderen Bemühens, einen eigenen „courtoisen“ Raum zu schaffen, nicht zu übersehen:

„Das Herrschafts- und Sozialgebilde <Hof> verweist nicht allein auf neue Formen der Herrschaftsorganisation, sondern gleichermaßen [...] auf die Ausbildung eines neuen Lebensstils [...].“2

Der Adel bildete neue Standarts der Selbstdarstellung aus und versuchte, ein höfisches Symbolsystem zu etablieren. Dieses Symbolsystem verständigte sich nach innen und grenzte sich auch gleichzeitig nach außen ab. Es wurden neue höfische Verhaltensstandarts, Lebensformen und Sprachregelungen ausgeformt.

Reden der Darsteller höfischer Romane belegen, dass das Leben am Hof einem nach innen integrierendem und sich nach außen distanzierendem Regelwerk unterworfen wird. So heißt es im Hartmanns Erec:

„ swer hin ze hove kumt

daz ez im so lutzel vrumt

als ez mir nu hie tout,

dem waere da heime also guot.

swer ze hove wesen sol,

dem gezimet vreude wol

und daz er im sin reht tuo.“

(Erec, 5052 ff.)

Dieses Regelwerk wurde am wenigsten am adligen Haus, aber am deutlichsten im höfischen Zeremoniell ausgeprägt. Grundsätzlich ging es darum, der Statusposition des Herrschers und des Sozialgebildes gerecht zu werden, durch dieses neue Symbolsystem, verursacht durch die Residenzbildung, werden Rang und Rangansprüche öffentlich dargestellt. Diese Statusprivilegien waren unmittelbar an die Person gebunden und aus diesem Grund mussten sich die Statusträger von der übrigen Gesellschaft deutlich abheben. Wenn ein Herrscher einen Rang beanspruchte, so musste er sich durch seine Erscheinung und statusadäquates Handeln ausweisen. Diesem statusadäquatem Handeln musste der Herrscher immer wieder aufs Neue gerecht werden.

An dieser Stelle wird eine Reihe von Qualitäten beschrieben, durch die sich ein mittelalterlicher Herrscher auszeichnete.

Wenn im Mittelalter von einem Herrscher die Rede war, stellte man sich einen Menschen vor, der craft besaß, der kühne war und dessen Ruhm weit reichte. Er kämpfte siegreich und wurde auch durch den siegreichen Kampf zum Herrscher. Er musste die richtige Frau heiraten und nicht selten war der siegreiche Kampf der Gewinn der Gattin.

Der Herrscher vergab Lehen, war zu Gefangenen großzügig und gnädig. Er hielt Feste und Turniere an, verteilte reichliche Gaben an seine Gäste und verhielt sich Fremden gegenüber, die keine feindlichen Absichten verfolgten als gastfreundlich. Die Bewirtung musste hervorragend sein. Im wesentlichen werden Tugenden des positiven Herrschers als Herrscherideal dargestellt.

Die Statusposition eines Herrschers wurde durch höfisches Zeremoniell präsentiert, welches auf den Herrscher zentriert war. Hoffmann beschreibt zwei verschiedene Sachverhalte der Repräsentation:

„Zum einen handelt es sich um Darstellung politischer Einheit durch Personifizierung, zum anderen um Herstellung, um die Bildung politischer Einheit durch Verbindlichkeit erzeugendes Verhalten ihrer Mitglieder. [...]. Was beides miteinander verbindet, ist das archetypische Bild des politischen Körpers mit Haupt und Gliedern.“2

Das Haupt stand für den ganzen Körper, wie der Fürst als Stellvertreter und Darsteller für das ganze Land. Was dargestellt wurde, war das abwesende Ganze, corpus, und kam unmittelbar in der Person in Erscheinung, z.B. der Papst repräsentierte die ganze Kirche, der König das Königtum und der Landesherr das Land. Man kann sagen, dass die Repräsentation des Herrschers die Darstellung seiner Idee war. Durch das Prinzip der Visualität und durch die öffentliche Wahrnehmung gelang es dem Herrscher, seine Statusposition zu demonstrieren.

Der Herrscher war der Spiegel der Gesellschaft. Wurde das Bild des Herrschers zerstört, so konnte auch das Selbstbild derer zerstört bzw. verwirrt werden, die auf den Herrscher hinschauten, um sich selbst zu erkennen und die sich mit ihm identifizierten.

Die ere drückte sich also im Ruf eines Hofes aus. Was man von einem Hof sagte, lockte Fremde an, die den Glanz selbst sehen wollten und die ihn ihrerseits selbst steigerten.3 Was erzählt wurde, spiegelte sich in der Wahrnehmung derer, die es später bezeigen konnten und weitererzählen sollten.

3. Untergang der Sichtbarkeit im „Nibelungenlied“

Im nächsten Schritt möchte ich den Untergang der Sichtbarkeit am Beispiel des „Nibelungenliedes“ unter Einbezug einiger pragmatischer Ereignisse darstellen.

Den Einstieg erleichtert uns eine kurze Inhaltsangabe des erwähnten Werkes.

Es beginnt mit der Vorstellung der Hauptpersonen des ersten Handlungskomplexes: Siegfried von Xanten und der Burgundin Kriemhild. Diese ist die Schwester von Gunther, Gernot und Giselher, die als die Könige des Reiches Burgund eingeführt werden. Die wichtigsten Gefährten der drei Könige sind: Hagen von Tronje, sein Bruder Dankwart, Ortwin von Metz, Gere, Eckewart, Volker von Azley, Rumold, Sinold und Hunold. Siegfried ist der Sohn von Sieglinde und dem König Siegmund von Xanten.

Der gerade erwachsen gewordene Siegfried beschließt um Kriemhild zu werben und reitet an den Hof der Burgunden nach Worms. Nach anfänglichen Provokationen seinerseits wird er besänftigt und herzlich willkommen geheißen und bleibt ein ganzes Jahr am Hofe, ohne Kriemhild treffen zu dürfen. Erst nachdem Siegfried an der Seite der Burgunden gegen Liudeger von Sachsen und Lindegast von Dänemark gekämpft hat und diese so besiegt werden konnten, kann Siegrfried Kriemhild bei einem prächtigen Siegesfest erblicken. Durch Gruß und Kuss darf Kriemhild Siegfried auszeichnen. Die Liebe erwacht in den Beiden. Siegfried lässt sich abermals erbitten, am Burgundenhofe zu bleiben. Als vertrauter Freund der Könige darf er jetzt täglich mit Kriemhild zusammensein.

Auf ferner Burg am Meer Isenstein (Island) sitzt die starke Jungfrau Brünhild, die ihre Liebe nur dem gewähren will, der sie in drei Kampfesspielen überwindet, Gunther beschließt um sie zu werben. Siegfried, der um die Gefahren dieser Brautwerbung weiss, kann erst dann überredet werden mitzukommen, als Gunther ihm in Aussicht stellt, ihm Kriemhild zur Frau zu geben.

3.1. Die Steigbügelszene

An dieser Stelle möchte ich die 7. Aventiure, die Steigbügelszene des Nibelungenliedes als erstes Beispiel der Täuschung beschreiben.

Diese Szene zeigt uns die ersten Anzeichen dafür, dass Konflikte sich in der Manipulation und in der Verfälschung ansammeln und sich dann entladen können, das Ende kann sehr verheerend sein.

Die Helden landen auf Island und erblicken schon von weitem die Königin Brünhild und die schönen Jungfrauen. Obwohl Gunther Brünhild noch nie gesehen hat, erkennt er sie an ihrer Schönheit und an ihrer wunderschönen schneeweißen Kleidung.

[...]

1 Jan-Dirk Müller: Spielregeln für den Untergang: die Welt des Nibelungenliedes. Tübingen 1998, S. 249.

2 Klaus Schreiner: <Hof> (curia) und <höfische Lebensführung> (vita curtalis) als Herausforderung an die an die christliche Theologie und Frömmigkeit. In: Höfische Literatur. Hofgesellschaft. Höfische Lebensformen um 1200. Hrsg. Von Gert Kaiser und Jan-Dirk-Müller. Düsseldorf 1986 (Studia humaniora 6), S. 67-140, hier S. 88.

2 Hasso Hoffmann: Der spätmittelalterliche Rechtsbegriff der Repräsentation in Reich und Kirche. Tübingen 1990. S. 21.

3 Ein in der Heldenepik verbreitetes Motiv: Biterolf z.B. hört von Etzels Macht und will sie daraufhin sehen (Bit 464): daz wir, die grozen ere / bie zen Hiunen wolden sehen (Bit 1198f.). Er bleibt an Etzels Hof und dient ihm, weil er die recken gerne sach (Bit 1353).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Repräsentation, Sichtbarkeit und Schein am mittelalterlichen Hof - Die Trübung der Sichtbarkeit
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für deutsche Literatur)
Veranstaltung
GKC - Ältere deutsche Literatur
Note
3
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V17889
ISBN (eBook)
9783638223423
Dateigröße
557 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand. Entspricht etwa 28 Seiten.
Schlagworte
Repräsentation, Sichtbarkeit, Schein, Trübung, Sichtbarkeit, Literatur
Arbeit zitieren
Kamila Urbaniak (Autor), 2002, Repräsentation, Sichtbarkeit und Schein am mittelalterlichen Hof - Die Trübung der Sichtbarkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17889

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