Die Kenning in der altnordischen Literatur


Seminararbeit, 2005
16 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2. Einleitung

3. Das historische und literarische Umfeld der Kenning
3.1. Das historische Umfeld
3.2. Das literarische Umfeld

4.Die Kenning: Aufbau, Definition und Charakter
4.1 Definition, Aufgabe und Charakter der Kenning
4.1.1. Definition
4.1.2. Aufgabe und Charakter
4.2. Aufbau der Kenning
4.2.1. Die verschiedenen Kenningtypen

5.Schlusswort/Zusammenfassung

6.Literaturverzeichnis

2.Einleitung

In dieser Arbeit werde ich die „Kenning“ behandeln. Dieses spezielle Stilmittel prägt die altnordische Literatur und macht einen Teil ihres Reizes aus. Es gibt verschiedene Blickwinkel, mit welchen man Kenningar betrachten kann und über welche auch schon Werke vorliegen. Um den Charakter und die Seele eines Textes erfassen zu können, muss man auch die Werkzeuge, derer er sich bedient, verstehen. Mich persönlich fasziniert das Spiel der Worte in und mit dem Text, ihr Aufbau und ihre Verwendung. Da meine Altnordischkenntnisse stark begrenzt sind, entschied ich mich, mich weder auf Originaltexte zu beziehen noch eine Übersetzung zu analysieren. Ich werde mich hauptsächlich auf die Kenning selbst beschränken und erklären was eine Kenning eigentlich ist, welche verschiedene Definitionen es gibt und wie sie aufgebaut ist. Zudem werde ich ihre Geschichte und ihren Ursprung erläutern, ihre Verwendung, ihre Aufgaben darlegen und ihren Charakter beschreiben. Ich musste mich mit verschiedenen Schwierigkeiten auseinandersetzen. Bei der Literatur, die ich zum Thema fand, handelte es sich meist um Dissertationen. Die Herausforderung diesbezüglich war, mich nicht von der Fachterminologie abschrecken zu lassen und die für meine Arbeit relevanten Informationen herauszufiltern. Als ich diese zusammengetragen hatte, fing ich mit dem Schreiben der Arbeit an. Die grössten Probleme hierbei stellten sich mir bezüglich des Aufbaus. Da die verschiedenen Themenschwerpunkte sehr eng mit einander verknüpft waren und manchmal ineinander übergingen, war es nicht einfach, eine sinnvolle Reihenfolge zu finden, die Themen für die Unterkapitel festzulegen und schliesslich die gesammelten Informationen einem Kapitel zuzuordnen. Schlussendlich gelang es mir jedoch, indem ich schrittweise vorging und von groben zu immer spezifischeren Zuordnungen überging.

3. Das historische und literarische Umfeld der Kenning

Zu Beginn werde ich erläutern, woher die Kenning kommt und wie sie zu ihrer uns heute bekannten Form gelangt ist.

3.1. Das historische Umfeld

Die erste nordische Kenning findet sich auf dem Stein von Eggjum (Norwegen), welcher auf um 700 n. Chr. datiert wird. Auf dieser Platte findet sich das Wort „náseo“ was so viel wie „Leichensee/ -nass“ bedeutet. Im Kontext erscheint „Leichensee/- nass“ nun als eine metaphorische Umschreibung für „Blut“ (Krömmelbein, Metaphorik, S.8). Diese Inschrift ist das erste Beispiel für bewusste Kenningsetzung und das 150 Jahre bevor der Skalde[1]Bragi seine Werke schuf.

Die Kenning als Stilfigur ist nicht nur in der germanischen Literatur bekannt, auch im Altirischen, dem Sanskrit und im Griechischen wurden ähnliche Formen gefunden. Grundsätzlich unterscheidet sich die norwegische und isländische Kenning bezüglich der Variation und Häufung von ähnlichen Formen in anderen Literaturen. Zudem gibt es einzig in den nördlichen Gebieten mehr als 2-gliedrige Kenninge und nur hier stehen die Kenninge in Appositionsstellung, was eine formale Wurzel der Kenning ist (Krause, Die Kennung, S.10).

3.2. Das literarische Umfeld

Hauptsächlich behandelt man im Bezug auf Kenningar die Literatur der Skaldik. Die Skaldik ist eine hochkomplexe Dichtung, deren frühster überlieferter Text, die Ragnarsdràpa von Bragi, aus dem 9.Jahrhundert stammt. Das Wort Skaldik kommt vom Altnordischen „skald“, was so viel wie „schelten“ heisst. Der Dichter, Skalde genannt, war ursprünglich also ein Schimpf- und Spottdichter. Im 9. und 10. Jahrhundert entstand die Skaldik als norwegische Kulturäusserung, ging dann aber nach dem 11. Jahrhundert vollständig in isländische Hand über. Mit der Christianisierung Skandinaviens entstand vom 14. bis 16. Jahrhundert die christliche Skaldik.

In ihren Gedichten behandelten die Skalden Taten von Königen und Fürsten, von Ereignissen, die mit diesen in Zusammenhang standen. Ihre Werke trugen sie dann an den Fürsten- und Königshöfen vor. Deswegen ist das Hauptversmass der Skaldendichtung das Drótkvætt, was so viel wie Hofton bedeutet. Dieses Versmass, die Satzverschlingung und die komplexen Kenninge sind die Hauptmerkmale der skaldischen Dichtung. „ Die Dichtung wird so zum Moment, das der Welt den Ruhm des Gepriesenen auf lange Zeit verkündet, es wird als Gabe und Gegengabe für ein Geschenk gewissermassen verdinglicht. Es ist das Gastgeschenk, mit dem sich der Skalde auf dem Fürstenhof einfindet.“ (Marold, Kenningkunst, S.28)

Bragi ist einer der bekanntesten Skalden, was sich darin zeigt das er später zum Gott der Dichter wurde. Ihm und Þjódólfr[2]ist wohl die Errichtung der wichtigsten Züge des Drótkvætts zuzurechnen (Engster, Poesie, S.192). Diese Weiterentwicklung war so entscheidend, dass die Neuerungen für alle nachfolgenden Skalden verbindlich waren und als Vorbild dienten. Dennoch ist die Kenning keine Neuschaffung von Bragi, denn bereits seit dem 7. und 8. Jahrhundert bestand sie wohl in ähnlicher Form und mit ähnlichem Verwendungszweck. So stand die Kenningkunst zur Zeit Bragis beinahe vollständig da. Er konnte sich also auf ein fundiertes System stützen, in dem es aber wahrscheinlich noch keine 3- gliedrigen Kenninge gab. Erst durch die Skaldik und den Drótkvætt – Stil entwickelte sich die Kenning von einem einfacheren zu einem sehr viel komplexeren Stil. Aus sprachhistorischen Gründen ist es gar nicht möglich, dass skaldische Dichtung auf Bragis Niveau bereits im 8. Jahrhundert existierte (Engster, Poesie, S. 22). Wie die Rolle der Kenning als Stilfigur in der Dichtung vor Bragi war, lässt sich nicht feststellen. In der vorwikingerzeitlichen Helden- und Götterdichtung finden sich zwar auch Kenningar, aber diese sind ähnlich wie in der Edda[3]schlichte, 2-gliedrige Schmuckmittel (Engster, Poesie, S.172). So lässt sich sagen, dass die Skalden die Kenninge und die metrischen Merkmale wohl in der Tradition vorgegeben gefunden haben, diese aufgriffen und daraus ein System entwickelten (Engster, Poesie, S.173).

In der Skaldik zählen nicht Gefühle und Anschaulichkeit, sondern hochkompliziert- raffiniert, streng traditionsgebundene, ausserordentlich anspielungsfähige Metaphorik und kunstvolle Verschränkung von Satz und Versbau so wie das feinfühlige Spiel mit klanglichen Elementen eine Rolle (Krömmelbein, Metaphorik, S. 3). Um die skaldische Dichtung zu verstehen, müssen alle stilistischen und inhaltlichen Phänomene gleichzeitig betrachtet werden. Das Vermögen der Kenningsprache ist die Gedanken verweben zu können und die zeitliche Einläufigkeit der gesprochenen Rede zur Mehrläufigkeit zu steigern (Krömmelbein, Metaphorik, S. 21).

4.Die Kenning: Aufbau, Definition und Charakter

Um die Kenning zu verstehen, müssen verschiedene Aspekte betrachtet werden wie der technische Aufbau, wie sie im Text wirkt und wodurch sie diese Wirkung erreicht. Hierbei spielt es eine Rolle, als was die Kenning definiert wird. Dazu müssen ihre spezifischen Eigenschaften und ihr Charakter analysiert werden.

4.1 Definition, Aufgabe und Charakter der Kenning

Um das Wesen der Kenning zu erfassen, reicht es nicht, nur die „technischen“ Aspekte zu kennen. Genauso wichtig, wenn nicht so gar bedeutungsvoller ist, was sie im Text erreicht, wie sie wirkt. Eine entscheidende Rolle spielt hierbei, mit welchem Blickwinkel man die Kenning betrachtet, ihre Definition. Daraus leitet sich dann ihre Aufgabe und ihr Charakter ab.

[...]


[1]Nähere Erläuterungen zur Skaldik siehe Kapitel 3.2, S. 4

[2]Der älteste uns bekannte norwegischer Skalde, er dichtete die Glymdrápa.

[3]Ältere oder Liederedda, Sammlung nordischer Dichtung unbekannter Autoren.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Kenning in der altnordischen Literatur
Hochschule
Universität Basel  (Nordische Philologie)
Veranstaltung
Runer, skaldediktning, landskaplove, riddersagaer, folkeviser- Literatur im mitterlalterlichen Norwegen
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V178917
ISBN (eBook)
9783656012009
ISBN (Buch)
9783656012146
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kenning, Nordische Philologie, Sprachwissenschaft, Altnordisch
Arbeit zitieren
Nina Ratavaara (Autor), 2005, Die Kenning in der altnordischen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178917

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Kenning in der altnordischen Literatur


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden