Die Theorie des Ödipuskomplexes und seine Relevanz für die heutige Erziehungswissenschaft

Mythos oder Wahrheit?


Hausarbeit, 2011
43 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Gedankengebäude der Psychoanalyse Siegmund Freud's
2.1 Diepsychischen Vorgänge
2.2 Das Unbewusste
2.3 Die Triebtheorie
2.4 Die Sexualtheorie

3 Der Ödipuskomplex
3.1 Vorbemerkung
3.1.1 Begründung meiner Analyse auf das männliche Geschlecht
3.2 Definition
3.3 DiealteSage
3.4 DasSchema desÖdipuskomplexes
3.4.1 DereinfacheÖdipuskomplex
3.4.2 Dervollständige Ödipuskomplex
3.4.3 Diezeitliche Lokalisation
3.4.4 DieBedeutung desÖdipuskomplexes

4 Kritik
4.1 AnsatzbeiBettelheim
4.2 AnsatzbeiBlumenberg
4.3 Ansatz bei Fromm
4.4 Wer ist der Schuldige?
4.5 Ist der Ödipuskomplex empirisch nachweisbar?
4.6 Grenzen des Ödipuskomplexes

5 Erkenntnisse für die pädagogische Praxis

6 Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

Herleitungen / Ergänzungen

1. Einleitung

Um verstehen zu können, wie die Theorie des Ödipuskomplexes aufgebaut ist, bedarf es für uns, sich vorab den basalen Gedanken Freuds über den psychischen Apparat zu nähern. Dazu widmen wir uns zunächst seinem Werdegang und seinen Grundbegriffen der Psychoanalyse. Dadurch kön­nen wir die Umstände verstehen, die Freud dazu veranlassten eine derartige Theorie zu entwerfen, sowie auch die Theorie an sich.

2. Das Gedankengebäude der Psychoanalyse Siegmund Freud's

Siegmund Freud (*1856, |1939) besuchte das Gymnasium und schloss das Abitur bei einem Alter von 17 Jahren mit der Note „summa cum laude“ (Bestnote) ab. Es folgte das Studium der Medizin. Seinerzeit herrschte der Vulgärmaterialismus in der Wissenschaft vor (auch bezeichnet als naturwis­senschaftlicher Materialismus), dieser entsprach der Gegenbewegung zur christlichen und philoso­phisch-systemischen Denkweise.1 Er kritisierte den Rationalismus und die moderne Philosophie und deren Einforderung einer Aufwertung des Bewusstseins gegenüber dem Körper. Er kehrt die plato­nisch-christliche Relation von Vernunft und Instinkt um. Demnach stehe das Geistige, Vernünftige unter dem Diktat der Körperlichkeit. Freud sah sich aufgerufen, das Bewusstsein als falsches Be­wusstsein zu entlarven.2 Rudolf Virchow propagierte ebenfalls sarkastisch, er habe schon tausende Körper geöffnet, jedoch noch keine Seele vorfinden können. Helmoltz war sich dennoch sicher, man könne mittels mathematisch-physikalischer Methoden den Menschen allumfassend erforschen. Später promoviert Freud in der Neuropathologie. Seine Denkanstöße erhielt er in den 1880er Jahren durch seinen Mentor Josef Breuer, sie behandelten eine hysterische Patientin, die Anna O., und Freud erkannte, dass auch der Hysterie ein Sinn innewohnen müsse. Unter Hypnose schienen die Symptome bei Anna O. abzuklingen. Bis in die 1890er Jahre wurden Freuds Gedanken von neurotischen Fragen bestimmt, denn jene waren physiologisch nicht zu heilen. Freud wandte die vulgärmaterialsitische Wissenschaft auf das Seelenleben an. Er war sich dessen sicher, dass die Detail-Wissenschaft die Philosophie ersetzen könne und müsse. Damit verlässt Freud die Anker der Empirie und begibt sich zum Hafen einer spekulativen Psychoanalyse, über dessen ungewisse Reise er sich aber durchaus bewusst ist. Er betrachtet den neuen Hafen als Hypothesen-Wissenschaft, die nur noch auf ihre Nachweise warte. Derweil ringt Freud immens mit passenden Termini für sein strukturiertes Modell der Psyche. Gegen Ende der 1890er versucht Freud seine These einer injedem Menschen angelegten Bisexualität biologisch zu begründen. In seinen Traumdeutungen dann (1900) deutet er spekulativ Luftschiffe, Schlangen, Baumstämme usw. als Penis-Symbole.3

2.1 Die psychischen Vorgänge

Zentral steht bei Freud das Unbewusste inmitten seiner Theorien. Demnach besteht der Mensch in seinem Handeln aus zumeist unbewussten Wünschen, Trieben und Bedürfnissen. Diese können zu­gelassen, verändert oder abgewehrt werden, wobei ein bewusster Zugang zu diesen Prozessen ne­giert wird. Die psychischen Repräsentanzen bestehen aus dem Ich, dem Es und dem Über-Ich.4 Nach Freud sind die drei Ebenen bewusst, unterbewusst und vorbewusst.5 Das Über-Ich steht, so werden wir noch sehen, in wichtigem Zusammenhang mit dem Ödipuskomplex. Ist das Ich ausge­glichen und autark, liegt ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Über-Ich und Es vor, andernfalls können psychische Probleme und Ich-Störungen auftreten. Das Über-Ich stellt praktisch unseren moralischen Teil dar. Dieser Teil unserer Persönlichkeit wird durch Erziehung und Sozialisation ge­bildet (Werte und Normen). Nicht selten stehen sie dem Es konträr gegenüber. Das Ich ist das Selbst, das jeder von uns als sich selbst denkenden und handelnden Menschen erlebt und interpre­tiert. Über-Ich und Es sind in einem bewusst-unbewussten System mit dem Ich verbunden. Das Ich stellt das Ergebnis des Austausches eines jeden mit seiner Umwelt dar.6 Das Ich kann auch als Rin­denschicht bezeichnet werden, die sich durch den Kontakt mit dem Es und der Umwelt abstößt.7 Als basalsten Teil der Psyche kann man das Es beschreiben, es ist bereits vorgeburtlich aktiv und reprä­sentiert die Triebe und Wünsche des Menschen, die er zum Überleben benötigt. Ein jedoch unge­bremstes Es kann ein entscheidender Faktor sein, wenn die Persönlichkeit sich nicht sozialisieren oder kultivieren kann.8 Das Unbewusste möchte ich folglich näher betrachten, denn ich denke, dass es für den Jungen und seine (vielleicht unbewusste) Objektbesetzung von hoher Relevanz erscheint.

2.2 Das Unbewusste

Wie bereits angeklungen war, steht das Unbewusste bei Freud im Mittelpunkt seiner Triebtheorie. Deshalb wollen wir uns nun diesem dunklen Feld seiner Theorie nähern und ebenso auch erkunden, was das Unbewusste nachgreifend für den ÖK bedeuten kann.

Freud postuliert dem Bewussten lediglich eine Priorität zweiten Ranges zu. Die Vernunft wird künstlich erworben und hinkt dem Instinkt praktisch hinterher. Das Bewusstsein ist für ihn nur eine Oberfläche und ist nicht stark vom Vorbewussten separiert. Jedoch gelingt Freud keine scharfe Trennung zwischen dem Ich und dem Es, denn das Ich ist körperlich und unbewusst. Ich und Es sind die Grundpfeiler der Libido, wobei das Ich keine Vormachtstellung besitzt, es steckt zwischen Es und Über-Ich in einer moralischen Zwickmühle. Die Triebe werden höherrangig bewertet, soll heißen, dass der Mensch ihr sich selbst nicht mehr gläsern ist. Das eigene Ich wird nach hinten in die Charge des unbewussten Seelenlebens befördert. Unangenehme Vorstellungen können verdrängt und irgendwann als Symptom oder Trieb ins Bewusste rücken. Im Unbewussten finden sich nach freudscher Ansicht widersprüchliche Wünsche, über die innerlich gestritten und dann kompromit­tiert wird. Somit entgeht der Wunsch einer Zensur und landet an der Oberfläche des Bewusstseins.9 10 Dazu Freud:

„Es ist der dunkle, unzugängliche Teil unserer Persönlichkeit [...] Wir nähern uns dem Es mit Ver­gleichen, nennen es ein Chaos, einen Kessel voll brodelnder Erregungen. Von den Trieben her er­füllt es sich mit Energie, aber es hat keine Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, nur das Bestreben, den Triebbedürfnissen unter Einhaltung des Lustprinzips Befriedigung zu schaffen [...] “ n Kommen wir nun in einem weiteren Schritt zur Triebtheorie Freud's, sie soll laut Freud erklären, wie der Mensch seine Bedürfnisse und Lust befriedigt. Was treibt den Menschen an, welche Phasen durchläuft er?

2.3 Die Triebtheorie

Mit ihr unterstellt Freud eine dauerhafte Spannung des Innenlebens zur Art- und Lebenserhaltung wie der Nahrungssuche und der Sexualität. Die Triebenergie benennt er Libido, ihr Ziel ist die reine Lust- und Bedürfnisbefriedigung {Eros). Diesem Trieb stellte er erst später den Todestrieb gegen­über.11 Die freudschen Phasen stellen sich wie folgt dar:

In der Oralen Phase erfährt der Säugling Befriedigung durch Saugen und Hineinführen (Gegenstän­de) in den Mund Bedürfnisbefriedigung. In dieser Phase wird Urvertrauen aufgebaut. In der Analen Phase empfindet das Kind durch das Ausscheiden und Zurückhalten seiner Ausscheidungen Lust und gibt ihm das Gefühl von Macht. Die phallisch/ödipale Phase, welche für unser Vorhaben beson­ders relevant ist, kennzeichnet das 3.-5. Lebensjahr. Das Kind entdeckt seinen Körper und Trieb­wünsche sind auf das gegengeschlechtliche Elternteil gerichtet. In der Latenzphase erfährt die Um­welt mehr Aufmerksamkeit und Relevanz durch die Möglichkeit der Lernerfahrung. Sexuelle Be­dürfnisse geraten in den Hintergrund, das Menschwesen wird zunehmens kulturell.12 Freud geht von einer dynamischen Psyche aus, die Libido kann frei oder gebunden sein, d.h., Ob­jekte können mit mehr oder weniger Libido besetzt sein, z.B. ist die Mutterbrust das erste Objekt, das bedeutsam wird für gefühlvolles Erleben. Wird die Libido jedoch zu stark auf sich selbst gerich­tet, kann dies Formen der Asozialität und Liebesunfähigkeit zur Folge haben (passiver Narzissmus).

Wobei eine anfangs auf das Ich gerichtete Libido (natürliche Entwicklung) als primärer Narzissmus bezeichnet wird (Selbstliebe).13

Nach Freud ist der Mensch ein unermüdlicher Lustsucher, wobei die gesamte psychische Aktivität darauf programmiert sei, Unlust zu vermeiden und Lust zu verschaffen. Deshalb seien unsere Hand­lungen durch Lust als auch Unlust determiniert. Dabei werden unangenehme Spannungen abgelei­tet, denn die Psyche strebt das Konstanzprinzip an, also dass die Erregungsquantität auf einem mög­lichst niedrigen Level beibehalten wird. Kann sich der Organismus keine Lust verschaffen, treten Symptome auf, woraufhin die Libido umgewandelt wird und das Ich verkümmert.14

2.4 Sexualtheorie

Nach Freud richtet sich die Libido (Sexualtrieb) auf Sexualobjekte (Personen) und Sexualziele (Handlungen). Freud glaubt, dass sein dualer Sexualansatz begründbar in der Latenzphase ist. Er glaubt, hierin die Grundlage der menschlichen Kultur gefunden zu haben. Diesen Vorgang bezeich­net Freud als Sublimierung der sexuellen Energie in eine kulturelle Höherentwicklung (der Mensch­heit).15 Das sublime Objekt hat seinen Sitz im Wortspiel, hier, in der Transzendenz, im Denken so­lange, bis der Sinn erschlossen ist. Freud glaubt, der Mensch wolle die Lust retten, die aus seiner Freiheit des Denkens erwächst, gemeint ist die subliminale Logik. Eben dieser Freiheit schickt es sich, den erkältenden Elementen zu widersagen. Freud denkt weiter, dass wir als psychisches Wesen einer Urverdrängung entstammen, deren formativer Kern sich als sublimativ darstelle.16 Die Psyche kommt ohne Sublimierung ebenso wenig aus, wie ohne Verdrängung, Sublimierung bedeutet also, die unbewusste Sublimation (Triebersatz) zu antizipieren, deren Phantasmen den Triebanspruch ins Vorbewusste transformieren. Sublimation zeigt sich demnach in Übertragung und Symptom, also in Kunst, soziales Handeln etc. Besonders aggressive Begehrungen lassen sich gut durch Sportbetäti­gung ausgleichen, sexuelle Wünsche gut mit schönen Künsten.17

Freud geht von einer infantilen Sexualentwicklung ab dem 3. Lebensjahr aus. Ab dann der Junge das penislose Mädchen sieht und fortan befürchtet, (auch) kastriert zu werden (Kastrationskom­plex). Zudem tritt eine Geringschätzung des anderen Geschlechts hinzu, da dieses keinen Penis be­sitzt. Darüber hinaus vertritt Freud die These, dass in früher Kindheit eine inzestuöse Objektwahl stattfindet, sich der Junge also in seine Mutter verliebt. An diesem Punkt konstatiert Freud, entstehe der Ödipuskomplex.18

Nachdem wir uns nun mit den freudschen Begriffen ein wenig vertraut gemacht haben, möchte ich in einem weiteren Schritt den Ödipuskomplex näher betrachten.

3. Der Ödipuskomplex

Wo findet der ÖK seinen Ursprung und wie kann man ihn definieren? Wie wir gesehen haben, hat Freud eine ödipale Phase zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr in seiner Triebtheorie festgeschrieben. Wie muss man sich den Ödipuskomplex genau vorstellen? Was hat er zu bedeuten und was sagt er aus? Vollzieht er sich aktiv oder passiv? Also bewusst oder unbewusst? Warum wird der ÖK oft als Mythos bezeichnet, er sei verkleidet in Fehldeutungen und dazu ohne nahrhaftes wissenschaftliches Substrat getränkt, sodass er nicht mehr als eine Fata morgana ist? Oder kann man dem ÖK dennoch einen Wahrheitsgehalt zusprechen?

3.1 Vorbemerkung

Zunächst sei erwähnt, dass Freud seine Grundgedanken des ÖK in mehreren Stadien entwickelt und ausdifferenziert hat. Deshalb ist eine getreue Wiedergabe seiner Theorie(n) kaum exakt möglich. Zudem hat Freud nie systematisch-additiv seine Gedanken zum ÖK dargelegt. Erschwerend macht eine Wiedergabe seiner Theorie auch der Umstand, dass Freud nie sonderlich Wert auf eine Wider­spruchsfreiheit seiner Äußerungen gesetzt hat. Somit gilt es, Vorsicht walten zu lassen, damit man nicht die zahlreichen Versionen verwechselt und Revisionen übersieht. Denn es existieren mittler­weile mehr als sechs Weiterentwicklungen seiner Theorie, die sich auch noch erheblich unterschei­den. Daneben muss man auch erkennen, dass aus dem Zusammenhang gerissene Theorien blind sind für Querverweise und Argumente, die sie hätten plausibler erscheinen lassen können. Hinter­grund hier ist, dass der ÖK in einen vernetzten Theorieentwurf der Psychologie eingebettet ist. So­mit müsse man eigentlich Kenntnisse über das gesamte Fach haben, um mit dem ÖK hantieren zu können. Dennoch ist eine Theorie nur dann wissenschaftlich vertretbar, wenn man ihr einzelne Ele­mente entnehmen, und aus ihnen konkrete Annahmen ableiten und empirisch überprüfen kann. Ist dies nicht möglich, muss einer Theorie Wissenschaftlichkeit versagt werden.

Dieses Thema wird in der weiteren Abhandlung noch eingehend im Abschnitt zur Kritik behandelt. Natürlich ist bei kleineren Arbeiten wie dieser eine verkürzende und auf Details verzichtende Ar­beitsweise nicht auszuschließen. Deshalb habe ich mich ausschließlich auf Literatur berufen, die sich ihrerseits direkt an Freud's Schriften anlehnt.19

Wie genau muss man sich also jetzt den Ödipuskomplex vorstellen? Dazu möchte ich zunächst das Vorgehen meiner Analyse begründen, und anschließend mit einer ausgewählten Definition fortfah­ren und mich so immer weiter an die schematischen Züge des ÖK heranarbeiten.

3.1.1 Begründung meiner Analyse auf das männliche Geschlecht

Warum möchte ich mich in dieser Arbeit ausschließlich in meiner Analyse auf das männliche Ge­schlecht beziehen? Zum Einen möchte ich in meiner späteren praktischen Tätigkeit überwiegend in der Jungenarbeit tätig sein (was Mädchen- oder Erwachsenenarbeit nicht ausschließen soll - auch eine Tätigkeit im Beratungsfeld halte ich für möglich). Dazu benötige ich hervorragendes päd. Wis­sen und Feinfühligkeit. Ich muss Situationen und Konstellationen korrekt und objektiv einschätzen können. Falls sich der ÖK als wahr entpuppen sollte, gilt dies umso mehr, denn mein Wissen wird unweigerlich Auswirkungen auf mein päd. Handeln haben. Sollte der ÖKjedoch wie eine Luftblase zerplatzen, so muss ich nach anderen Erklärungsmustern für das gleiche Verhalten innerhalb der Be­ziehungstriade suchen (falls diese sich als Mythos ohne empirische Belege enttarnt). Die Frage die sich dann allerdings stellt ist die: Was haben wir bislang durch die Annahme eine ÖK in der Erzie­hung falsch gemacht, und, was können wir besser machen? Zum Anderen möchte ich die ÖK-Theo- rie untersuchen, um mögliche Indikatoren für das heutige abweichende Verhalten von männlichen Jugendlichen zu erhalten.

3.2 Definition

„Ödipuskomplex, ist die Kennzeichnung bestimmterfrühkindlicher Beziehungen zu den Eltern. Dies Bez.; die sich während der frühen genitalen Phase entwickeln, bestehen bei beiden Geschlechtern in einer Liebe zum gegengeschlechtlichen Elternteil. Es kommt zu dieser Situation dadurch, daß die Libido auf die genitale Zone verlagert wird. Der gleichgeschlechtliche Elternteil wird zum Konkur­renten und mit Abneigung und Eifersucht belegt. Aus den Versagungen in der Beziehung zum ge­liebten Elternteil, auch aus der Angst vor Strafe (beim Sohn Angst vor der Kastration) ist das Kind zur Verdrängung seiner Regungen gezwungen. Dabei benützt es den Mechanismus der Identifikati­on mit den Eltern, d. h. es introjiziert die Wertungen (Gebote und Verbote) und Erwartungen der El­tern undformiert zugleich sein Über-Ich (vgl. Häcker & Stapf, 1998, S. 405 zit. nach L Brun, 1942; Erikson, 1957; Freud, 1910; Laplance, 1972).“20

Unter Komplex versteht „man Gedächtnisinhalte, die miteinander und mit ähnlichen Erlebnis- und Gefühlsinhalten verknüpft und ins Unterbewusstsein verdrängt sind und so bestimmte Handlungs­und Wahrnehmungsmuster verfestigt. “21

So wie es scheint, mengt Freud seiner ÖK-Theorie die Zutat einer universellen Gültigkeit hinzu. Wie kam Freud zu solch einer hoch spekulativen Annahme, bzw. worin liegt der Grund der freud'- schen Theorie?

Freud ließ sich dabei sehr unwissenschaftlich von einer griechischen Sage inspirieren.

3.3 Die alte Sage

Ödipus war ein vom Volk gewählter König im alten Griechenland. Nach dem rätselhaften Tod sei­nes Vorgängers König Laios beginnt er die Umstände zu erforschen. Er findet heraus, dass er nicht der Sohn des korinthischen Königspaares Polybos und Merope ist, sondern ein Findelkind. Er wur­de an seinem 3. Lebenstag mit zusammengebundenen und durchstochenen Fersen ausgesetzt. Ein Hirte bekundet als Zeuge vor Ödipus, er habe ihn (als Säugling) von seiner damaligen Mutter und jetzigen Gemahlin, Iokaste, übergebenbekommen mit dem Auftrag, ihn auszusetzen. Damit erkennt er, dass er seine leibliche Mutter heiratete. Seine Mutter wollte ihn also töten lassen. Sein Name, Ödipus, bedeutet: Schwellfuß (es ist also eine frühkindliche Misshandlung). Seine Mutter hatte ihn bislang immer belogen und behauptet, König Laios hätte dies zu entschulden. Die Rolle des Vaters beim Tötungsversuch des Ödipus ist bislang unklar, denn sie haben sich nie gekannt, sie sind sich fremd.22 Iokaste wusste schon bald, wer der Zurückgekehrte in Wahrheit ist und sie hinderte ihn dar­in, seine wahre Identität herauszufinden. Ein Inzestwunsch kommt offensichtlich hier von der Mut­ter aus - Ödipus hingegen trägt seine Abscheu gegen den Mutter-Inzest vor. Ödipus erklärt zudem, dass er niemals die Hand gegen seinen Vater erhoben hätte, was somit als eine Verbundenheit zum Vater zu deuten ist. Nachdem Ödipus erfährt, dass seine Mutter ihn umbringen wollte, sucht dieser sie mit einem Schwert auf. Als ihm die Tötung der Mutter nicht gelingt, sticht sich Ödipus die Au­gen aus und sucht die Verbannung aus Theben. Später dann erkennt Ödipus, dass er seinen Vater nicht mit Absicht getötet hatte (sie kannten sich nicht, zudem Notwehr) und der geplante Mutter­mord (nicht vollzogen - Suizid durch Iokaste selbst) stand unter einem Schirm von Unschuld. Ödi­pus wollte nicht wesenhaft schlecht sein. Danach steht Ödipus in der Gunst der Götter und fährt in den Himmel auf. Als Grund für die göttliche Gunst können wohl seine Aufrichtigkeit, Wahrheitslie­be und die Bewältigung seines familiären Schicksals angesehen werden.23 Der Vollständigkeit hal­ber sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass es zum ÖK auf der Seite des Mädchens eine Gegenan­nahme gibt, den Elektrakomplex. Hierbei steht das Mädchen in einem Konkurrenzkampf mit der Mutter um den Vater. Auch diese Beziehungsvorstellung ist einer griechischen Sage entnommen. Allerdings stellt sich die Entwicklung des Mädchens (weil bei ihr ebenfalls die Mutter das erste Lie- besobjekt ist) gänzlich anders dar. Erst später wendet sie sich dem Vater zu. Freud selbst hat den Begriff „Elektrakomplex“ nicht eingeführt24

Weil die obige Definition die Theorie nur stark reduziert und einseitig wiedergibt, möchte ich im Folgenden den genaueren Theorieentwurf nach Freud darlegen.

3.4 Das Schema des Ödipuskomplexes

Im Folgenden möchte ich den ÖK näher beschreiben, seine zeitliche Lokalisation darlegen, als auch seine Bedeutung genauer herausarbeiten, denn, worin gipfelt er, bzw. woheraus entstand der ÖK?

3.4.1 Der einfache Ödipuskomplex

Hierbei wird davon ausgegangen, dass er als universell bzw. ubiquitär gilt und im Kern interkultu­rell invariant sei.25 Dazu Freud: „Jedem menschlichen Neuankömmling ist die Aufgabe gestellt, den Ödipuskomplex zu bewältigen; wer es nicht zustande bringt, ist der Neurose verfallen.“26 Der einfache ÖK stellt sich so dar, dass der Junge durch die Berührung mit der Mutterbrust diese als Objekt besetzt und später auf die Mutter ausweitet. Eine Identifikation mit dem Vater passiert eben­falls und läuft parallel dazu ab, bis beim Jungen sich vermehrt sexuelle Wünsche nach der Mutter regen, wobei ihm der Vater ein Hindernis ist. Hier vollzieht sich nach Freud der eigentliche ÖK. Zum Vater ist der Sohn nun feindlich gesinnt, was darin gipfelt, dass er den Vater töten will, um ihn bei der Mutter zu ersetzen. Eine ab nun divergente Haltung zum Vater und die erotische Objektstre­bung nach der Mutter bilden die auch oft als positiven Ödipuskomplex bezeichnete Triade. Neben den als verhassten und bedrohlichen, wie auch bewundernden und stolzweckend empfundenen Zü­gen des Vaters, findet der Sohn sich auch in der fürsorglichen Wärme der Mutter wieder. Im positi­ven Fall (deshalb auch positiver ÖK) zieht die Mutter den Vater dem Sohn vor und stürzt diesen da­mit in Verzweiflung, aus der heraus sich der ÖK dann löst, wenn der Sohn die Objektbesetzung zur Mutter aufgibt und in zwei für den Jungen weiteren Möglichkeiten mündet: Er kann sich ab nun zum Einen mit der Mutter identifizieren, oder zum Anderen stärker dem Vater nacheifern. Letzteres gestattet eine „normale“ soziale und personale Weiterentwicklung und konserviert dennoch eine ge­wisse zärtliche Beziehung zur Mutter. Hierdurch erfahre, so Freud, der Sohn eine Festschreibung von Männlichkeit in seinem Charakter.27 Nach Loewald ist das Ende des ÖK auch „der Eingang des Kindes in die Erwachsenenwelt, in die moralische Ordnung.“28 Freud merkt dazu beinahe selbstsicher an:

„Die Situation des Ödipuskomplexes ist die erste Situation, die wir beim Knaben mit Sicherheit er­kennen [...] Dies ist so leicht zu bestätigen, daß es wirklich nur einer großen Kraftanstrengung ge­lingen konnte, es zu übersehen.“29

Ist dies wirklich so? Kann man ohne jeden Nachweis behaupten, dass etwas so scheint wie es ist, nur weil es am plausibelsten ist? Mache ich eine Theorie dann nicht empfänglich für den Zufall, gar der Spekulation? Denn Plausibilität bedeutet nicht gleich Wissenschaftlichkeit! Freud postuliert hier eine Wahrheit, die jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. Diesen Gedanken möchte ich im Kapitel der Kritik aber noch näher fortführen. Schauen wir uns nun aber ergänzend zum einfachen ÖK den vollständigen ÖK an. Wie gestaltet sich dieser?

3.4.2 Der vollständige Ödipuskomplex

Die obig vereinfachte Darstellung Freud's wird hier nun erweitert. Freud unterstellt eine positive und eine negative Haltung des Sprösslings. Hier knüpft er an die bereits erwähnte Bisexualität des Kindes an. Bei dieser Theorieveränderung behält Freud obige Haltungen des Kindes bei, erweitert siejedoch darum, dass er dem Jungen unterstellt, er benehme sich zusätzlich auch wie ein Mädchen, was bedeutet, dass er eine zärtliche Einstellung gegenüber dem Vater und analog dazu eifersüchtig­feindselige Gefühle zur Mutter hegt. Freud propagiert einen dual angelegten ÖK, der sich aktiv und passiv entsprechend der bisexuellen Veranlagung vollzieht.30 Freud äußert sich über die Konsequen­zen für die Person wie folgt:

„Ich meine, man tut gut daran, im allgemeinen und ganz besonders bei Neurotikern die Existenz des vollständigen Ödipuskomplexes anzunehmen,“31

Dergestalt eröffnen sich dem Knaben folglich zwei Möglichkeiten der Befriedigung, er könnte sich an die Stelle des Vaters setzen und die Mutter lieben, wobei ihm dann der Vater als Gegner entge­gentritt, oder er möchte die Mutter ersetzen und sich vom Vater lieben lassen, dies ließe die Mutter zum Feind werden. Hier wird sogar von manchen Autoren behauptet, dass (im Normalfall) zumeist passive Kinder den positiven ÖK mit dem negativen abwehren.32

3.4.3 Die zeitliche Lokalisation

Wie bereits dargelegt, vollzieht sich der ÖK in der ödipalen Phase, die nach Freud zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr liegt. Auch hier verirrt man sich in ewigen Widersprüchen, denn zuerst bestimmt Freud die Phase mit dem dritten (Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905 /1972 S.105), später dann im zweiten Lebensjahr. Neueren Diskussionen zufolge, hier bei Mertens, wird eine vorläufige Se­xualentwicklung angenommen, die dann im ÖK zwischen dem 4. und 6. Lebensjahr mündet. Mehr- heitlichjedoch wird in der neueren Literatur das 5. Lebensjahr angenommen. Nachzügler soll es im 6. Lebensjahr noch geben. Man hat somit praktisch die Wahl, was nicht gerade für den Wahrheitsge­halt einer Theorie spricht. Auch wenn hier gewisse Grenzen in der Entwicklung erkennbar sind, so bleibt die Identifizierung eines ÖK doch nur wage und liegt damit in der Sphäre von Vermutungen.33

3.4.4 Die Bedeutung des Ödipuskomplexes

In diesem Abschnitt möchte ich möglichen Bedeutungen nachgehen die der ÖK, wenn es ihn denn gibt, nach sich zieht (hierzu werde ich später noch kurz einige Studienergebnisse vorstellen). Verur­sacht er wie ein paar Zeilen zuvor erwähnt wirklich Neurosen oder bildet er das Über-Ich? Wie könnte man solche Wirkungen nachweisen? Welche Wirkungen kann man außerdem ausmachen? Was wollte Freud mit ihr bezwecken bzw. untersuchen? Freud platzierte die Ödipustheorie inmitten seiner psychoanalytischen Theorie. Er bediente sich der Fantasie als auch realer familiärer Prozesse und setzte zudem auf mythische, längst vergessene Spuren der Geschichte. Er schien sich sicher, so die Frage nach der Urschuld des Menschen lösen zu können.34 Was meint Freud damit? Wir wir be­reits erfahren konnten, löst sich der ÖK im positiven Fall dadurch auf, dass die Wünsche des Jungen an der Realität abprallen. Dadurch schlagen sich beim Ödipanden Schuldgefühle, Gewissens- und Charaktereigenschaften nieder, die sich im Über-Ich ausbilden. Dazu bemerkt Freud:

„So kann man als das allgemeinste Ergebnis der vom Ödipuskomplex beherrschten Sexualphase einen Niederschlag im Ich annehmen, welcher in der Herstellung dieser beiden, irgendwie mitein­ander vereinbarten Identifizierungen besteht. Diese Ichveränderung behält ihre Sonderstellung, sie tritt dem anderen Inhalt des Ichs als Ich-Ideal oder Über-Ich entgegen.“35

Das bedeutet ferner, dass alle möglichen Triebmuster- und Interaktionskonstellationen in der Triade möglich sind, was ferner bedeutet, dass diese auch nachweisbar wären. Freud hält daran fest, dass seine Theorie eine vererbbare Universalität besitzt, die unabhängig von sozialen Determinanten ist. 36 Dieser Punkt wird im Abschnitt der Kritik noch stärkeres Gewicht finden.

Der Untergang des ÖK vollzieht sich in der Angst des Knaben, (wie das Mädchen - da es keinen Penis besitzt) kastriert zu werden (Kastrationsangst), als auch der Anerkennung gegenüber dem In­zesttabu. Gelingt keine Loslösung von der Mutter, spricht man von einer Fixierung, dies hat zur Konsequenz, dass die nächst höhere Liebesfähigkeit (Liebesbeziehung mit einer anderen Frau), also die nächste Progression, nicht stattfindet. Der Knabe bleibt damit auf der Stufe seiner (Liebes-) Ent­wicklung stehen, er bleibt fixiert.37

Der Autor Lars Klein identifiziert im Über-Ich eine Grausamkeit, die ich im Weiteren erläutern möchte. Bereits Freud hatte diesen Gedanken, als er über den Sadismus des Über-Ichs bzw. Maso­chismus des Ichs schrieb. Klein will daraufhinweisen, dassjede Triebunterdrückung mit Schuldge­fühlen einhergeht, denn das Ich und das Über-Ich sind zwei Repräsentanzen eines Urhebers.

[...]


1 Vgl. http://www.udo-leuschner.de/psychologie/f1.htm.

2 Vgl. Salin, Sophie, Kryptologie des Unbewussten 61.

3 Vgl. http://www.udo-leuschner.de/psychologie/f1.htm.

4 Vgl. http://www.pg.bz.it/download/27dextp5Woih.pdf.

5 Vgl. http://www.udo-leuschner.de/psychologie/fl.htm.

6 Vgl. http://www.pg.bz.it/download/27dextp5Woih.pdf.

7 Vgl. http://www.udo-leuschner.de/psychologie/fl.htm.

8 Vgl. http://www.pg.bz.it/download/27dextp5Woih.pdf.

9 Vgl. Salin, Sophie, Kryptologie des Unbewussten 63-68.

10 Salin, Sophie, Kryptologie des Unbewussten 68.

11 Vgl. http://www.bruehlmeier.info/freud.htm.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. http://www.bruehlmeier.info/freud.htm.

14 Vgl. Salin, Sophie, Kryptologie des Unbewussten 69.

15 Vgl. http://www.udo-leuschner.de/psychologie/f1.htm.

16 Vgl. Bossinade, Johanna, Theorie der Sublimation 31.

17 Vgl. ebd.

18 Vgl. http://www.udo-leuschner.de/psychologie/f1.htm.

19 Vgl. Greve, Werner / Roos, Jeanette, Der Untergang des Ödipuskomplexes 21-23.

20 http://lexikon.stangl.eu/1867/oedipuskomplex/.

21 http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=1223.

22 Vgl. http://www.oedipus-online.de/oedipus.html.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. http://www.psychology48.com/deu/d/elektra-komplex/elektra-komplex.htm.

25 Vgl. Greve, Werner / Roos, Jeanette, Der Untergang des Ödipuskomplexes 23.

26 Freud 1905 / 1072S. 129, zit. nach: Greve, Werner / Roos, Jeanette, Der Untergang des Ödipuskomplexes 23-24.

27 Vgl. Greve, Werner / Roos, Jeanette, Der Untergang des Ödipuskomplexes 24-25.

28 Loewald, 1985, 435, zit. nach: Greve, Werner / Roos, Jeanette, Der Untergang des Ödipuskomplexes 25.

29 Freud 1925 / 1975, 258,58, zit. nach: Greve, Werner / Roos, Jeanette, Der Untergang des Ödipuskomplexes 25.

30 Vgl. Greve, Werner / Roos, Jeanette, Der Untergang des Ödipuskomplexes 26-27.

31 Freud, 1923 / 1975, 300f., zit. nach: Greve, Werner / Roos, Jeanette, Der Untergang des Ödipuskomplexes 26-27.

32 Vgl. Greve, Werner / Roos, Jeanette, Der Untergang des Ödipuskomplexes 28.

33 Vgl. Greve, Werner / Roos, Jeanette, Der Untergang des Ödipuskomplexes 31.

34 Vgl. Reich, Kersten, Symbolische Wunden 157.

35 Freud, 1975, S.301, zit. nach Reich, Kersten, Symbolische Wunden 159.

36 Vgl. Reich, Kersten, Symbolische Wunden 159.

37 Vgl. http://www.neuro24.de/show_glossar.php?id=1223.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Theorie des Ödipuskomplexes und seine Relevanz für die heutige Erziehungswissenschaft
Untertitel
Mythos oder Wahrheit?
Hochschule
Universität Osnabrück  (Erziehungs- und Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Das Unbewusste in der Pädagogik
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
43
Katalognummer
V179133
ISBN (eBook)
9783656015475
ISBN (Buch)
9783656016212
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorie, ödipuskomplexes, relevanz, erziehungswissenschaft, mythos, wahrheit
Arbeit zitieren
B.A. Manuel Berg (Autor), 2011, Die Theorie des Ödipuskomplexes und seine Relevanz für die heutige Erziehungswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179133

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