„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd“ . Mit diesen Worten beginnt Christa Wolfs 1976 erschienener Roman „Kindheitsmuster“, der zum Sinnstück für eine Debatte um Schuld, Vergeltung, Vergessen und Verdrängung wurde. Auch Franz Fühmann und Hermann Kant warfen in ihren bedeutenden Werken der siebziger Jahre Fragen zum Umgang mit der eigenen und fremden nationalsozialistischen Vergangenheit und der Identifikation mit dem Mythos Antifaschismus auf.
Im Kern dieses Essays soll die Frage stehen, inwieweit die literarischen Werke Christa Wolfs und Franz Fühmanns in Einklang oder Kontrast zum offiziellen antifaschistischen Gestus der DDR standen. Wolfs und Fühmanns Werke stehen stellvertretend für eine literarische Diskussion um Vergangenheitsbewältigung und authentische innere Auseinandersetzung. Dabei stehen zunächst die Grundzüge des politischen Antifaschismus in der DDR im Mittelpunkt. Ausgehend von den politischen Prämissen stellen die Darstellungen in „Kindheitsmuster“ und „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“ und ihr Beitrag zur Diskussion um den Mythos Antifaschismus den Kernpunkt der Betrachtung dar.
Inhaltsverzeichnis
1. Mythos Antifaschismus? Ein Mythos im Spiegel von „Kindheitsmuster“ und „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“
2. Antifaschismus in der DDR
3. Antifaschismus in „Kindheitsmuster“
4. Antifaschismus in „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“
5. Mythos Antifaschismus – Wünsche und Wirklichkeiten
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die kritische Auseinandersetzung mit dem offiziellen Staatsmythos des Antifaschismus in der DDR anhand der literarischen Werke „Kindheitsmuster“ von Christa Wolf und „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“ von Franz Fühmann, um das Spannungsfeld zwischen staatlicher Ideologie und individueller Vergangenheitsbewältigung aufzuzeigen.
- Analyse des offiziellen Antifaschismus-Verständnisses in der DDR
- Untersuchung literarischer Vergangenheitsbewältigung bei Christa Wolf
- Reflexion über Identität und Schuld bei Franz Fühmann
- Gegenüberstellung von staatlichem Mythos und gelebter Realität
Auszug aus dem Buch
Antifaschismus in der DDR
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Ende des nationalsozialistischen Faschismus stand die ideologische Ausrichtung der DDR fest: Antifaschismus sollte die geistig-ideologische Grundlage des neuen Staates darstellen. Das Prinzip sollte der elitären Massenverachtung, der Verherrlichung des Brutalen und der Denunziation der Vernunft während des Nationalsozialismus entgegenstehen. Trotz der späteren Mythisierung und Stilisierung war „Antifaschismus“ nach Ende des Krieges keineswegs ein aufgeladener Begriff. Er wurde von westlichen wie östlichen Politikern, Humanisten und Intellektuellen oft und gern zur Prämisse erhoben. Doch während der Westen in ihm prinzipiell Mittel zum Zweck sah, repräsentierte Antifaschismus in der DDR vor allem eine Gegenposition zum Kapitalismus. Das Konzept des radikalen Antifaschismus erhielt Zuspruch. Die kulturelle Elite, unter ihnen die zurückgekehrten Intellektuellen Bertolt Brecht, Anna Seghers, Ernst Bloch und Hans Mayer, sah im Kapitalismus und Imperialismus die quasi-faschistischen Ursachen des Zweiten Weltkrieges und der NS-Diktatur. Desweiteren traf eine antifaschistische Staatskonzeption den Zeitgeist. Die spezifisch deutschen Vorbedingungen, die Schuldgefühle innerhalb der Bevölkerung aufgrund der Mittäterschaft während des Nationalsozialismus und das Bewusstsein über die Notwendigkeit eines Neuanfangs, gaben der antifaschistischen Staatsausrichtung ihre Existenzberechtigung.
Zusammenfassung der Kapitel
Mythos Antifaschismus? Ein Mythos im Spiegel von „Kindheitsmuster“ und „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“: Einleitung in die Thematik der Vergangenheitsbewältigung in der DDR-Literatur und Vorstellung der untersuchten Autoren und Werke.
Antifaschismus in der DDR: Historische Einordnung der antifaschistischen Staatsdoktrin als geistig-ideologische Grundlage der DDR und deren Funktion als legitimierendes Element der Staatsbildung.
Antifaschismus in „Kindheitsmuster“: Analyse von Christa Wolfs Roman, der die Wandlung eines Kindes zur NS-Jugendlichen thematisiert und das Schweigen über die NS-Vergangenheit bricht.
Antifaschismus in „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“: Untersuchung von Franz Fühmanns Prosa als rücksichtslosen Selbstversuch zur Aufarbeitung der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit.
Mythos Antifaschismus – Wünsche und Wirklichkeiten: Fazit über die Diskrepanz zwischen dem staatlichen Antifaschismus-Mythos und der tatsächlichen persönlichen Vergangenheitsbelastung der Bevölkerung.
Schlüsselwörter
Antifaschismus, DDR, Christa Wolf, Franz Fühmann, Kindheitsmuster, Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens, Nationalsozialismus, Vergangenheitsbewältigung, Identität, Literatur, Ideologie, Staatsmythos, Erinnerung, Schuld, Faschismustheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie literarische Werke in der DDR den offiziellen Staatsmythos des Antifaschismus reflektierten und kritisch hinterfragten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit, die Rolle der individuellen Schuld und der Konflikt mit der staatlich verordneten antifaschistischen Identität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Autoren wie Christa Wolf und Franz Fühmann durch ihre Prosa das staatlich geprägte Geschichtsbild dekonstruieren und eine subjektive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ermöglichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse sowie den historischen Vergleich, um die Werke in den ideologischen Kontext der DDR-Zeit einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die beiden Romane „Kindheitsmuster“ und „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“ hinsichtlich ihrer Darstellung von Prägung, Wandlung und der Konfrontation mit der eigenen NS-Vergangenheit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Antifaschismus, DDR, Vergangenheitsbewältigung, Identität, Ideologie und kollektives Gedächtnis.
Wie unterscheidet sich Christa Wolfs Ansatz in „Kindheitsmuster“ von der staatlichen Linie?
Anstatt eine kommunistische Siegergeschichte zu erzählen, hinterfragt Wolf die Sozialisierung in der NS-Zeit und zeigt auf, wie Individuen zu Teilen des Systems wurden, was dem offiziellen Narrativ des kollektiven antifaschistischen Wandels widersprach.
Warum war für Franz Fühmann die literarische Arbeit ein „Selbstversuch“?
Fühmann sah sich gezwungen, seine eigene Vergangenheit als überzeugter Nationalsozialist kritisch zu hinterfragen, um seine neue Identität als Sozialist innerhalb der DDR-Gesellschaft zu begründen und mit seiner persönlichen Schuld umzugehen.
- Citar trabajo
- Thomas Schulze (Autor), 2010, Mythos Antifaschismus? Ein Mythos im Spiegel von „Kindheitsmuster“ und „Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179161