Die Arbeit beschäftigt sich mit theatralen Momenten und den entsprechenden Erzähltechniken in folgenden Werken Heinrich von Kleists: Über das Marionettentheater, Der Zweikampf, Die Marquise von O..., Der Findling und Die Verlobung in St. Domingo. Insbesondere werden narrative Körperinszenierungen und Beobachtungsszenarien untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theatralität in Kleists Biographie
3. Theoretische Grundlagen
3.1. Erzähltechnik
3.2. Körpertheater
3.3. Beobachtungsszenarien
4. Textanalysen
4.1. Über das Marionettentheater
4.2. Der Zweikampf
4.3. Die Marquise von O...
4.4. Der Findling
4.5. Die Verlobung in St. Domingo
5. Resümee
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die spezifische Funktion theatraler Elemente in ausgewählten Erzählungen von Heinrich von Kleist. Dabei wird analysiert, wie diese Elemente, etwa durch szenisches Erzählen oder narrative Körperinszenierungen, die Kommunikation zwischen Text und Leser gestalten, den Leser als Beobachter in den Prozess der Sinnstiftung einbinden und zur Reflexion über Wahrnehmungs- und Erkenntnisvorgänge anregen.
- Die Verwendung von Theatermetaphorik und theatralen Strukturen bei Kleist.
- Die narrative Vermittlung von Körperlichkeit, Mimik und Gestik als Kommunikationsmittel.
- Die Inszenierung von Beobachtungsszenarien als Mittel zur Leserlenkung.
- Die Interaktion zwischen textueller Gestaltung und dem interpretierenden Leser.
- Die Analyse der Schuldfrage und der Ambivalenz zwischen Schein und Sein in Kleists Erzählwerk.
Auszug aus dem Buch
Die narrative Inszenierung von Beobachtungsvorgängen
Theatralität in Bühnenaufführungen, aber auch in anderen Medien wie Text, Bild oder Film lässt sich definieren „als je spezifische Inszenierung von Körpern im Hinblick auf eine je besondere Art der Wahrnehmung“ (Fischer-Lichte 2001b, S. 4). Die Faktoren Körper und Wahrnehmung bzw. Kinesis und Aisthesis als Teilbereiche von Theatralität sind für die Literatur um 1800 von besonderer Bedeutung (vgl. Huber 2003, S. 77). Bei Theatralität in Erzähltexten geht es freilich immer um Inszenierungen in „bereits medial vermittelte[r] Form“, es handelt sich also nicht um tatsächliche Inszenierungen für die Aufführung auf einer Bühne, sondern um „´narrative Inszenierung[en]´“ (ebd., S. 82) bzw. „´narrative´ Theatralität“ (ebd., S. 81).
Narrative Körperinszenierungen und Wahrnehmungsvorgänge finden sich in Kleists Erzählungen allenthalben. Rollenspiel auf Figurenebene und Theatersemantik sind ebenfalls häufig anzutreffen. Darüberhinaus wird in der Forschung seit langem auf die besondere dramatische Qualität des kleistschen Erzählens hingewiesen bzw. eine Theatermetaphorik verwendet, um dieses zu beschreiben (vgl. Ott 2003, S. 35). Selten wird allerdings danach gefragt, welche Funktion solche theatralen Elemente übernehmen. Ott macht diesen Versuch, wird aber wenig konkret mit seiner Aussage, das Zusammenspiel von Theatralität als „thematische[m] Komplex (als Frage also nach Vorstellung und Verstellung, Bewahrheitung oder Täuschung)“ einerseits und „der textuellen Darbietung, als Präsentationsweise von Personen und Geschehnissen in einem [...] inszenatorischen Gestus“ mache „die spezifische Faszination und Komplikation vieler Texte Kleists“ aus (vgl. ebd., S. 29). Diese Annahme möchte ich hier weiterdenken und bei der im Folgenden zu leistenden Darstellung theatraler Aspekte in Kleists Erzählungen den Fokus zum einen auf deren Funktion innerhalb der Texte, zum anderen auf die wirkungsästhetische Funktion in der Kommunikation zwischen Text und Leser richten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des "theatralen Erzählens" bei Kleist ein und stellt die Forschungsfrage nach der Funktion dieser Elemente sowie deren wirkungsästhetische Bedeutung für den Leser.
2. Theatralität in Kleists Biographie: Dieses Kapitel beleuchtet Versuche Kleists, die eigene Person und den Körper lebensweltlich zu inszenieren, was sich in ständigen Rollenwechseln und dem inszenierten Selbstmord widerspiegelt.
3. Theoretische Grundlagen: Hier werden die Konzepte der Erzähltechnik, des Körpertheaters und der Beobachtungsszenarien theoretisch fundiert und für die Analyse der Texte vorbereitet.
4. Textanalysen: In diesem Hauptteil wird die Anwendung theatraler Erzählweisen an den Werken "Über das Marionettentheater", "Der Zweikampf", "Die Marquise von O...", "Der Findling" und "Die Verlobung in St. Domingo" detailliert untersucht.
5. Resümee: Das Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass theatrale Elemente bei Kleist primär dazu dienen, den Leser aktiv in das Geschehen einzubinden und ihn zur Interpretation und Reflexion anzuregen.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Theatralität, Narratives Erzählen, Körpertheater, Beobachtungsszenarien, Wahrnehmung, Inszenierung, Leserlenkung, Erzähltechnik, Schuldfrage, Körperzeichen, Illusion, Wirkungsästhetik, Dramatische Qualität, Zwischenmenschliche Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die theatralen Aspekte in den Erzählungen Heinrich von Kleists und analysiert, wie diese Elemente genutzt werden, um eine spezifische Wirkung beim Leser zu erzielen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die narrative Inszenierung von Körperlichkeit, der Einsatz von Beobachtungsszenarien innerhalb der Texte sowie das Wechselspiel zwischen dem Erzählten und der Wahrnehmung durch den Leser.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, welche spezifische Funktion theatrale Elemente in Kleists Erzählungen übernehmen und wie sie die Kommunikation zwischen Text und Leser beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt einen qualitativen Forschungsansatz, der literaturwissenschaftliche Konzepte theatralen Erzählens mit einer detaillierten Analyse der erzähltechnischen Gestaltung der primären Texte verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden fünf zentrale Texte Kleists analysiert: "Über das Marionettentheater", "Der Zweikampf", "Die Marquise von O...", "Der Findling" und "Die Verlobung in St. Domingo".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Theatralität, Körpertheater, Beobachtungsszenarien, narrative Inszenierung und Leserlenkung.
Welche Rolle spielen die Körperzeichen in den Textanalysen?
Körperzeichen fungieren als Kommunikationsmittel, die Verbalsprache ergänzen oder ersetzen, und dienen dazu, innere Gefühlszustände nach außen sichtbar zu machen, wobei ihre Deutung oft problematisch bleibt.
Warum wird der Leser in der Arbeit als "Beobachter zweiter Ordnung" bezeichnet?
Der Leser wird so bezeichnet, weil er nicht nur die Handlung verfolgt, sondern auch die wechselseitige Beobachtung und die Missverständnisse der Figuren beobachtet, wodurch er zur kritischen Reflexion des Gesehenen gezwungen wird.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in "Der Findling" von den anderen Texten?
Im Gegensatz zu anderen untersuchten Novellen bildet "Der Findling" eine Ausnahme, da die Verstrickungen der Figuren nicht durch Erkenntnis gelöst werden, was den Leser stärker in die Rolle des alleinigen Überblicks drängt.
Welche Funktion hat die vertikale Metaphorik in Kleists Erzählungen?
Die vertikale Bewegungsrichtung, etwa durch Stürze oder den Abstieg vom Schloss, dient dazu, gesellschaftliche oder moralische Auf- und Abstiege der Figuren sowie deren Schuld- oder Unschuldszustände symbolisch zu akzentuieren.
- Arbeit zitieren
- Julia Piu (Autor:in), 2009, Theatralität in ausgewählten Erzählungen Heinrich von Kleists, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179195