Der Privatdetektiv Nestor Burma und der Kommissar Jules Maigret - ein Vergleich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

47 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Die Krimi-Autoren Léo Malet und Georges Simenon
1.1 Léo Malet – ein Überblick über sein Leben und Schaffen
1.1.1 Die Entstehung der Kriminalserie
1.1.2 Die Erfindung der Figur Nestor Burma
1.1.3 Verschmelzung zwischen Autor und Gestalt
1.2 Georges Simenon – über Sein Leben und Wirken
1.2.1 Simenons Weg von Liège nach Paris
1.2.2 Die Schaffung eines literarischen Mythos
1.2.3 Simenon und sein „kleines” Ebenbild Maigret
1.2.4 Die letzten Jahre

2. Die Krimihelden Nestor Burma und Jules Maigret
2.1 Aus dem Leben eines Privatdetektivs
2.1.1 Der einsame Einzelkämpfer
2.1.1.1 Burma zwischen Größenwahn und Versagensängsten
2.1.1.2 Der Privatdetektiv und seine Pfeife
2.1.1.3 Der Sprachgebrauch des Krimihelden
2.1.1.4 Nestor Burma und das liebe Geld
2.1.2 Der Privatdetektiv, seine Anhänger und Widersacher
2.1.2.1 Seine treue Sekretärin Hélène Chatelain
2.1.2.2 Nestor Burma und seine Gefährten und Helfer
2.1.2.3 Die Beamten vom Quai des Orfèvres
2.1.2.4 Burmas Kontrahenten
2.2 Der Kriminalkommissar vom Quai des Orfèvres
2.2.1 Maigrets Weg zur Polizei
2.2.1.1 Seine Arbeitsweise
2.2.1.2 Die Mitarbeiter vom Quai des Orfèvres
2.2.2 Madame Maigret und die Wohnung am Boulevard Richard Lenoir
2.2.3 Ein unerschütterlicher Mensch und seine Eigenheiten
2.2.4 Maigrets Freizeit

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis
4.1 Zeitschriftenverzeichnis
4.2 Romanverzeichnis
4.3 Weitere Quellen

Einleitung

„Aus welchem Land die spannendsten Kriminalromane kommen? […] Aus Frankreich natürlich! Denn wie nirgends sonst wird dort der düstere, realistische, mitunter politische Kriminalroman gepflegt und geschätzt.“[1] Frankreich verfügt über eine völlig eigenständige Krimitradition. Ein kurzer Rückblick in der Geschichte des französischen Krimis, des Polar, zeigt, dass er seine Eigenständigkeit in erster Linie zwei Autoren zu verdanken hat: Georges Simenon und Léo Malet. Simenon hat die Figur Jules Maigret geschaffen. Den Pfeife rauchenden, väterlichen Kommissar. Diese „romans dur“[2] sind als nüchterne Psychogramme einer Gesellschaft bis heute unerreicht. Léo Malet ist in erster Linie für seinen durch die Pariser Arrondissements führenden Nestor Burma bekannt und schuf mit ihm den ersten Privatdetektiv der französischen Literatur. Aufgabe soll nun sein, in dieser Hausarbeit den Kommissar und den Privatdetektiv nacheinander vorzustellen und miteinander zu vergleichen.

Der erste Teil der Arbeit verschafft einen kurzen Überblick über das Leben und Schaffen der Schriftsteller und die Erfindung ihrer Hauptdarsteller. Das soll Parallelen und Unterschiede zu ihren Helden aufzeigen. Der zweite Teil beschäftigt sich ausführlich mit dem Privatdetektiv Nestor Burma und dem Kommissar Jules Maigret: mit ihrem Leben, ihrem Wesen, ihrer Arbeitsweise und ihren Eigenheiten. Im dritten Teil, der Schlussbemerkung, werden noch einmal die wichtigsten Gemeinsamkeiten und Unterschieden der zwei Männer benannt.

Die Literaturrecherche erwies sich als relativ schwierig. Überraschend war vor allem die geringe Quantität und Qualität von Publikationen, die sich mit dieser Thematik beschäftigen. Dabei muss erwähnt werden, dass über Georges Simenon und seinen Kommissar Jules Maigret mehr geschrieben wurde als über Léo Malet und seinen Protagonisten Nestor Burma. Letztere erscheinen auf den Seiten, die auf den „roman noir“ eingehen, wenn überhaupt, nur in Randbemerkungen. Die Betrachtung der Nouveaux Mystères de Paris bleibt fragmentarisch und oberflächlich. Meist steht dabei die Feststellung seiner maßgeblichen Bedeutung für die Entwicklung des „roman noir“ im Zentrum. Trotz dieses Ungleichgewichts die Literatur betreffend wurde in dieser Hausarbeit Wert darauf gelegt, die beiden Figuren und deren Schöpfer gleichermaßen intensiv zu behandeln.

1. Die Krimi-Autoren Léo Malet und Georges Simenon

1.1 Léo Malet – ein Überblick über sein Leben und Schaffen

Léo Malet wurde am 7. März 1909 in Montpellier geboren. Noch im selben Jahr starben seine Eltern und sein einziger Bruder an Tuberkulose. Seine Großeltern väterlicherseits nahmen ihn deshalb auf und zogen ihn groß. Er machte eine Lehre zum Bankangestellten, ging dann aber nach Paris, wo er anfangs kleine Gelegenheitsarbeiten annahm. Er hatte nie Geld und bezog Quartiere unter Brücken und in billigen Absteigen. Ab und zu schlug er sich auch mit kleinen Gaunereien durch. Dann schloss er sich jedoch den Anarchisten um André Colomer an. In Paris wollte er seine künstlerischen Ambitionen verwirklichen und debütierte bald im Cabaret „La Vache enragée“ als Chansonnier.[3] 1929 gründete er mit Lucien Lagarde im Quartier Latin das „Cabaret du poète pendu“, in dem er seine eigenen Chansons vortrug. Daneben verfasste er regelmäßig Artikel für diverse anarchistische Zeitungen. Aber auch während dieser Zeit verdiente er seinen Lebensunterhalt noch mit vielfältigen Aushilfstätigkeiten, unter anderem als Zeitungsverkäufer, Tellerwäscher, Handwerker oder Fabrikarbeiter. Im Alter von 32 Jahren schloss sich Malet den Surrealisten um André Breton an und beteiligte sich in dieser Phase, die sein künstlerisches Schaffen wesentlich prägte, an einer Vielfalt von Aktionen.[4]

Schon zu Beginn der 30-er Jahre waren erste Übersetzungen der „hard-boiled novels“, vor allem der Romane Dashiell Hammetts, nach Frankreich gelangt. Aber während der Zeit der deutschen Okkupation war ein Import der Romane aus den Vereinigten Staaten nicht mehr möglich. Daraufhin erschienen in den Editions de Minuit und bei Ventillard pseudo-amerikanische „Ersatz“-Kriminalromane französischer Autoren, die sich hinter amerikanischen Pseudonymen verbargen. Diese Veröffentlichungen fanden bei der Bevölkerung großen Anklang. Auf die Anregung eines Freundes hin und aufgrund der Tatsache, dass für Krimis halbwegs anständige Honorare gezahlt wurden, schrieb Malet unter dem Pseudonym Frank Harding[5] die Kriminalserien um den amerikanischen Journalisten Johnny Métal und den Privatdetektiv Mike Rowland und unter dem Pseudonym Léo Latimer den Kriminalroman La Mort de Jim Licking. „Diese Plagiate führten zu seiner Trennung von den Surrealisten, die den Roman als bürgerliche Kunstform ohnehin ablehnten: Malet hielt die Ziele der Surrealisten für unvereinbar mit seiner Tätigkeit als Autor von Trivialromanen.“[6]

Im April 1940 heiratete Léo Malet seine Freundin Paulette Doucet. Noch im gleichen Jahr wurde er wegen der Gefährdung der inneren und äußeren Staatssicherheit verhaftet. Beim Einmarsch der deutschen Truppen wurden die Häftlinge freigelassen. Malet geriet jedoch in deutsche Gefangenschaft und wurde daraufhin im Stalag XB Sandbostel[7] zwischen Hamburg und Bremen interniert. Hier verbrachte er zehn Monate. 1941 wurde er aus gesundheitlichen Gründen entlassen und konnte nach Paris zurückkehren. Es folgte eine für ihn als Schriftsteller wichtige Zeit, geprägt von einer großen Schaffenskraft.[8]

Léo Malet starb am 3. März 1996 im Alter von knapp 87 Jahren in Paris. Er hat einen unverwechselbaren, äußerst französischen Typ geschaffen. Nestor Burma ist die französische Version des einsamen Privatdetektivs, eine Art Pariser Philip Marlow. Der Franzose war ein fleißiger Autor, seine Bibliographie umfasst rund 50 Kriminalromane, von denen viele aber so schnell wieder vergessen wurden wie Malet sie geschrieben hat.

1.1.1 Die Entstehung der Kriminalserie

Die wesentlichen Impulse zur Entstehung der Nouveaux Mystères de Paris gingen von einer allmählichen Wendung gegen die Stagnation des Kriminalromans im Frankreich der 30-er und frühen 40-er Jahre aus. Der Kriminalroman dieser Zeit imitierte entweder die Muster und Topoi der Klassiker Christie, Leblanc oder Leroux, oder die der „hard-boiled novel“, wie die bereits erwähnten zahlreichen pseudo-amerikanischen Kriminalromane der Okkupationszeit. Den einzigen Gegenentwurf stellte zunächst die eigenständige französische Maigret-Serie des Belgiers Georges Simenon dar.

Neben dieser neuerlichen Serie von Plagiaten zeigten sich erste innovative Phänomene. Nachdem Malet inzwischen einiges unter seinem Pseudonym veröffentlich hatte, kam auch in ihm eine Art von Eitelkeit auf und er entschied sich seinen folgenden Roman 120, Rue de la gare mit seinem richtigen Namen zu versehen. Hier tauchte auch der Privatdetektiv Nestor Burma zum ersten Mal auf, der im Buch mit einem Sanitätszug in Lyon ankommt.[9] Dieser 1943 geschriebene Roman, in den Malet seine persönlichen Erlebnisse als Kriegsgefangener einfließen ließ, wählt neben einem Internierungslager in Deutschland erstmals wieder das zeitgenössische Frankreich als Schauplatz, nämlich Lyon und Paris unter deutscher Besatzung. Malet war mit sich selbst unzufrieden, weil er das pseudo-amerikanische Milieu mit seinen Klischees in seinen früheren Romanen völlig unreflektiert übernommen hatte.

Nicht nur mit der Figur Burma startete Malet 1943 ein neues Projekt. Er hatte auch den Einfall, jeden der Romane in einem anderen Pariser Arrondissement spielen zu lassen. Aber erst 1954, nachdem zwischen 1943 und 1949 sieben Romane und mehrere Erzählungen veröffentlicht worden waren, die nicht nur in Paris handelten, kehrte Malet zu seiner ursprünglichen Idee zurück und entwickelte die Grundkonzeption einer Kriminalserie, in der Paris nicht nur durchgängig als Schauplatz und Tatort fungierte, sondern vielmehr das Phänomen Paris zum Gegenstand hatte.[10] Sein achter Roman[11] spielte als erster von insgesamt 15 in einem der Pariser Arrondissements. Die Anregung, der Serie den plakativen Untertitel Les Nouveaux Mystères de Paris zu geben, kam von Maurice Renault.[12] Was am Anfang eher als ein Gag gedacht war, wurde schnell zur eigentlichen Qualität einer Reihe von Romanen. Dabei ist Paris mehr als nur Dekor. Die Stadt ist der eigentliche Akteur. Sie verschlingt die Menschen und spuckt sie wieder aus – Nestor Burma vor die Füße.[13]

Léo Malet beschert den Parisern und den Paris-Fans ihre Déjà-vu-Erlebnisse. Er lockt die Kenner und die Eingeweihten mit bekannten Namen, zum Beispiel von Restaurants: Im „Deux Magots“ hockte Sartre vor seinem Aperitif und im „Aux Cris de Paris“ pflegte Brigitte Bardot zu speisen. Aber das sind eher periphere Zugeständnisse. Ansonsten meidet Léo Malet in seinen Büchern bewusst die touristischen Pflichtstationen und führt Nestor Burma und den Leser in die Seitenstraßen und die Hinterhöfe, in dunkle Passagen und schmierige Bistros, weil dort das wirkliche Paris ist: das Paris der Huren und Zuhälter, der kleinen und großen Gauner, der kleinen und großen Bürger, das Paris der Pariser; hier, wo Paris stöhnt, knurrt und stinkt, wo es sich mehr ins Herz schmeichelt als auf den Prachtboulevards. In den 40-er und 50-er Jahren war Paris das kulturelle Zentrum Europas, und das spiegelt sich auch in Malets Romanen wider. Jazzclubs und Literaten, Filmstars und Theaterleute, Autoschieber und algerische Drogengangs bilden den Hintergrund für seine Ermittlungen.

1.1.2 Die Erfindung der Figur Nestor Burma

In der editorischen Notiz zu 120, Rue de la gare kann man nachlesen[14], was Léo Malet in einem Interview auf die Frage eines Journalisten geantwortet hat, wie er auf die Figur des Nestor Burma gekommen war: „Ich habe lange überlegt. Einen Journalisten? Es gab schon Rouletabille. Einen Polizisten? Es gab schon Maigret ... und abgesehen davon liebte ich diese Bullen nicht besonders. Einen Banditen? Es gab schon Arsène Lupin. Und so habe ich einen Privatdetektiv erfunden, weil er eine unabhängige Persönlichkeit darstellt. Ein Journalist ist vom Chef abhängig, ein Polizist von der Verwaltung ... der Privatdetektiv ist nur von sich selbst abhängig. In gewisser Weise ist er ein Abenteurer, eine Figur am Rande der Gesellschaft, und das entspricht ja auch meinem Charakter.“

Malet wählte mit Absicht einen Namen mit einer besonderen Bedeutung. „Nestor“ bedeutet Malet zufolge etymologisch betrachtet sowohl „schwarz“, was für eine Figur, die Malet als mythische Gestalt der Nacht und des Traumes konzipiert hat, äußerst passend ist, als auch „der, der sich erinnert“. Das heißt, er suggeriert eine Fähigkeit, die für seinen Berufsstand von entscheidender Bedeutung ist. Über die Bedeutung des Nachnamens schreibt Sabine Rohlff folgendes: „Der Nachname, den Malet einer Zeile der Exploits du Dr. Fu Manchu entnommen hat, indiziert eine enge Affinität der Figur zur Exotik, die hier […] von fernen Ländern auf die zeitgenössische Großstadt mit ihren entdeckenswerten mystères projiziert wird. Der Name stellt folglich ein entscheidendes Element für die lisibilité des Textes dar. Er fungiert als Vorbedeutung der Rolle, die die Figur im Zyklus spielt, sowie der vom Leser zu erwartenden Handlung, die durch Burmas selbstgewählten nom de guerre „l’homme qui met le mystère knock-out“ zusätzlich abgesichert wird. Als nichthistorischer Eigenname ist „Nestor Burma“ zugleich eine semantische Leerstelle, die der Gesamttext mit Porträt, Beschäftigung, Vita, Verhalten, gesellschaftlicher Rolle, etc. füllen kann.“[15]

1.1.3 Verschmelzung zwischen Autor und Gestalt

Léo Malet und Nestor Burma sind seelenverwandt. Laut Sabine Rohlff deckt sich der bewegte Lebenslauf des Autors samt und sonders mit dem seines Helden. So wurden beide 1909 geboren und sind im Jugendalter nach Paris gegangen. Sie haben eine anarchistisch-poetische Vergangenheit, kamen beide in deutsche Gefangenschaft (Malet allerdings aufgrund eines Versehens, er war nicht Soldat), sie besitzen gebündelte Welterfahrung, gewürzt mit einem Schuss Sehnsucht nach dem Damals. Auch seinen Humor und die trockene Art der Weltansicht überträgt er auf seinen Protagonisten. Beide rauchen Pfeife[16] und haben einen Hang zu männermordenden Damen. Malet und Burma sind Nonkonformisten in solchem Maße, dass sie sich beharrlich jeder Einordnung verweigern. „In einem gallig-bitteren Selbstporträt, 1970 geschrieben, lässt Malet Nestor Burma auf seinen geistigen Vater treffen und da heißt es:

Dem Kerl, der im Türrahmen auftauchte, stand der dauernde Riesenärger im Gesicht geschrieben. Er hatte die Visage eines kleinen Scheißers, der soeben eine Leiche im Keller verbuddelt hat und vor einem Polypen steht, an der Kleidung noch Spuren von Lehm. Er rauchte Pfeife und stieß nervöse Rauchwolken aus. (…) „Oh! Nestor Burma!“ sagte er mit einem sonderbaren Lächeln voller Melancholien wie einer, der sich an etwas erinnert, was unwiederbringlich dahin ist.[17]

Malet hat für seinen Protagonisten - im Gegensatz zu George Simenon - keine konkrete Biografie geschaffen. Scheinbar beiläufig lässt er Hinweise in den Romanen einfließen. Auf eine psychologische Stringenz verzichtet er dabei völlig.

1.2 Georges Simenon – über sein Leben und Wirken

Ein anderer sehr bekannter Kriminalautor ist Georges Joseph Christian Simenon. Er wurde am 14. Februar 1903[18] in der belgischen Industriestadt Liège als Sohn kleinbürgerlicher Eltern geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Der Vater, Désiré Simenon, war ein fleißiger und bescheidener Mann. Er arbeitete als Buchhalter bei einer Versicherungsgesellschaft, was ihm nur ein geringes Gehalt einbrachte - sehr zum Leidwesen seiner Frau Henriette, die unter der angespannten finanziellen Situation litt.[19]

Als sein Vater 1919 starb, verschlechterte sich die Lage der Familie Simenon zunehmend. Der junge Georges verließ das Gymnasium und nahm wahllos Arbeit an. Eigentlich sollte er Priester werden, doch er machte eine Lehre als Konditor und wechselte dann zum Journalismus und Buchhandel. 1921 erschien sein erster Roman Au Pont des Arches, der die Lebensgewohnheiten in Liège karikiert. Bis 1922 war Simenon Lokalreporter bei der Tageszeitung „Gazette de Liège“. Hier verfasste er vor allem Polizeiberichte und beschäftigte sich in diesem Rahmen intensiv mit den Schicksalen der „einfachen Leute“. Während dieser Zeit entdeckte er seine Liebe zum Schreiben. So sehr Simenon auch immer das Schicksal des „kleinen Mannes“ am Herzen lag, fühlte er sich vom provinziellen Milieu Lüttichs doch zunehmend eingeengt.

1.2.1 Simenons Weg von Liège nach Paris

Nachdem er seinen Wehrdienst absolviert hatte, nahm Georges Simenon im Alter von 19 Jahren endgültig Abschied von seiner Heimatstadt und bestieg am 11.12.1922 den Zug nach Paris.[20] Auch hier arbeitete er weiter als Reporter und freier Schriftsteller. Da er seinen Lebensunterhalt verdienen musste, war er nicht sehr wählerisch bei seinen Themen. Er schrieb Liebes- und Abenteuerromane. 1923 folgte ihm seine Verlobte Régine Renchon, eine Malerin, die er in Lüttichs Künstlerszene kennen gelernt hatte. Das Paar heiratete noch im selben Jahr. Obwohl sich Simenon auch in Paris zunächst mehr schlecht als recht durchschlug, war er begeistert vom pulsierenden Leben der Weltstadt und mischte sich schnell in die Kreise der Pariser Bohéme. Bald zählte er so prominente Persönlichkeiten wie die Schriftstellerin Colette und die Tänzerin Josephine Baker, mit der er sogar für kurze Zeit ein Verhältnis hatte, zu seinem Bekanntenkreis.[21] Sein ausschweifendes Leben hinderte ihn aber nicht daran, viel zu schreiben.

Durch seine enorme Produktivität verbesserte sich die finanzielle Situation der Familie Simenon Anfang der 30er Jahre zusehends. Georges Simenon und seine Frau unternahmen nun ausgedehnte Reisen. Im Laufe der Jahre bereiste der Autor, der seine Erlebnisse in Reisereportagen festhält, Afrika, Indien und die Türkei. 1929 lässt George Simenon das Segelschiff L'Ostrogoth bauen, um mit diesem zwei Jahre lang Richtung Norden zu segeln. Die Reise führte ihn und Régine nach Belgien, Holland, Norwegen, Lappland und Deutschland und sie sollte für Simenon schicksalhaft werden…

1.2.2 Die Schaffung eines literarischen Mythos

Die Figur des fülligen, Pfeife rauchenden Mannes erschien vor seinem inneren Auge, als er sich 1929 in einem kleinen Ort namens Delfzijl in Holland aufhielt. Daraufhin versuchte sich der junge Journalist Georges Simenon an einer Reihe von Kriminalromanen um eine wiederkehrende Hauptfigur. Das war Kommissar Jules Amédée Maigret, eine Figur, die seinen Weltruhm begründen sollte.[22] In kürzester Zeit und hintereinanderweg schrieb er 18 Bücher, gewissermaßen um ein Metier zu erlernen und um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber erst 1931 fand er einen Verleger. Noch im gleichen Jahr schrieb er zehn weitere Krimis, 1932 sind es sieben. Er war sehr produktiv. In seinen besten Zeiten schrieb er 80 bis 100 Seiten am Tag. Manchmal brauchte er nur drei Tage, meist nicht mehr als eine Woche, um einen kompletten Roman aufs Papier zu bringen, anfangs noch handschriftlich, später mit seiner Schreibmaschine.

[...]


[1] http://www.amazon.de/exec/obidos/tg/feature/-/186209/ref%3Db%5F117%5Fri%5F2%5F4/302-6119239-9076844

[2] „Harte Romane“, wie Simenon sie selbst genannt hat.

[3] Bereits im Alter von 15 Jahren hat er seinen ersten Chanson geschrieben.

[4] Er unterzeichnete zum Beispiel surrealistische Manifeste und betätigte sich auf dem Gebiet der bildenden Kunst.

[5] Die französischen Verlage waren zu der Zeit der Meinung, ein guter Krimi könne nur von einem Angelsachsen geschrieben werden.

[6] Vgl. Rohlff, Seite 23

[7] Im so genannten „Wehrkreis X Hamburg“ sind während des Krieges insgesamt vier Mannschaftsstammlager (Stalag) eingerichtet worden. Sandbostel war eines der größten Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht. Insgesamt sollen über Jahre bis 1945 über 1 Million Menschen aus 46 Nationen das Lager durchlaufen beziehungsweise belegt haben.

[8] Diese Phase soll im Punkt 2.1.1 genauer beleuchtet werden.

[9] Wie kurz zuvor auch Léo Malet.

[10] Etwa zwischen 1954 und 1957 hat Malet die meisten Romane der berühmten Serie Les Nouveaux Mystères de Paris geschrieben. Zuvor waren etliche, noch ortsungebundene Abenteuer des rührigen Privat-„Flics“ entstanden, zumeist vor dem Hintergrund des Krieges und der deutschen Besatzung. Das bedeutet, grob gesagt teilt sich das Werk Malets in die Serie Les Nouveaux Mystères de Paris und die davor veröffentlichten Romane.

[11] Das war Le Soleil naît derriere le Louvre, der im 1. Arrondissement spielt. Bis 1959 entstehen in schneller Folge 14 weitere Romane.

[12] Nach der Veröffentlichung von 120, Rue de la gare kam Malet erstmals mit Renault, dem Begründer des für den neueren französischen Kriminalroman bedeutsamen „Mystère Magazine“, in Kontakt. Daraufhin wird Renault Malets Agent, der dem Autor nahe legt, weitere Romane um den Privatdetektiv Nestor Burma zu verfassen.

[13] Léo Malet hat das Kunststück fertig gebracht, nicht allein die Topografie einer Stadt abzufahren, mit dem Zeigefinger den Stadtplan entlang, sondern seine Romane auf diese Stadt zu beziehen und die Fälle Nestor Burmas begreifbar zu machen. Was Paris auch für den Nicht-Krimi-Liebhaber durchaus reizvoll macht. Die Arrondissements sind nicht nur Verwaltungseinheiten, sondern Viertel mit gelebtem Eigensinn. „Die Topografie schleift ihre Spuren in die Menschen. Und Nestor Burma tastet die Runzeln an“, beschreibt das Rudi Kost auf Seite 29 sehr treffend. „Die schmucken deutschen Malet-Ausgaben im Elster-Verlag, wo die gesamte Burma-Serie peu à peu erschienen ist, haben als Vorsatzblatt die gleichen Arrondissement-Stadtpläne, wie sie jeder Flic aus der Tasche zieht, wenn man nach dem Weg fragt.“ Die Romane sind Kursbücher, erwanderbare Literatur, die zur Fiktion geronnene Realität überprüfbar.

[14] Vgl. Malet, 120, Rue de la gare

[15] Vgl. Rohlff, Seite 93

[16] Malet hat Burma zu einem ebenso leidenschaftlichen Pfeifenraucher gemacht, wie er selbst einer ist. Schon im Alter von 14 Jahren hat Malet mit dem Rauchen begonnen. Im Préface (3) kann man lesen, dass er einmal Folgendes über sich geschrieben hat: „C’est d’ailleurs vers quatorze ans, à cause de Montmartre, que j’ai commencé à fumer la pipe. Ça faisait ”rapin de la butte“. On les représentait toujours avec des chapeaux à grandes ailes, des lavallières, des pipes enormes. Je m’étais dit: on est Montmartrois ou on ne l’est pas! La première pipe m’a rendu malade comme un chien, mais j’ai décidé de ne pas m’arrêter en si bon chemin, et j’ai rebourré une autre pipe pour voir ce que ça donnerait. Le résultat a été absolument désastreux, je suis rentré chez moi blanc comme un ligne, terrassé par des haut-le-cœur … je n’ai pas vomi, mais j’étais vraiment malade. […] Le lendemain, j’ai remis ça avec ma pipe, et, cette fois, ça a été la bonne, je n’ai éprouvé aucune indisposition, et, depuis, malheureusement pour moi, je continue.“

[17] Vgl. Kost, Seite 24/25

[18] Glaubt man einer Anekdote, kam der kleine Simenon schon am 13. Februar zur Welt. Da es sich dabei jedoch um einen Freitag handelte, soll seine abergläubige Mutter den Geburtstermin auf den 14. Februar verlegt haben.

[19] In Lettre à ma mère, einem seiner persönlichsten Werke, beschreibt Simenon, wie sehr er sein ganzes Leben unter der Gefühlskälte seiner Mutter, die wohl Ausdruck ihrer Frustration über das ärmliche Leben war, gelitten hat.

[20] Dieser Ortswechsel ist ein Ereignis, das sich in zahlreichen seiner Romane widerspiegeln sollte: Menschen fliehen, oft ohne Vorwarnung, entweder aus ihrem angestammten Umfeld, der Stadt, dem Dorf, dem Beruf. Oder sie gehen in die innere Immigration, bleiben ihrer Familie, ihrem Arbeitsplatz zwar treu, verweigern aber jede wirkliche Auseinandersetzung und tun Dinge, mit denen niemand gerechnet, die ihnen niemand zugetraut hätte: der Einbruch des Unerwarteten in den Alltag, in die normale, scheinbar so fest gefügte Welt.

[21] Zu seinen größten Bewunderern und Freunden zählten der Nobelpreisträger André Gide und der Regisseur Federico Fellini. Gide war für Simenon väterlicher Freund und Ratgeber, mit Fellini dagegen verband Simenon über Jahrzehnte hinweg eine Art Seelenverwandtschaft. Der Regisseur bewunderte den Autor gleichermaßen für dessen künstlerische wie sexuelle Potenz, hatte doch Simenon in einem Briefwechsel mit Fellini gestanden, in seinem Leben mit mehr als 10.000 Frauen geschlafen zu haben.

[22] Der Roman Pietr le Letton war der Erste mit Jules Maigret und auch der Erste, den Simenon unter seinem eigenen Namen publizierte. Mit Hilfe von Maigret zog er sich aus dem Sumpf seiner pseudonymen Schreiberexistenz. Wahrscheinlich wusste er, dass er sich damit als Schriftsteller selbst erschuf.

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Der Privatdetektiv Nestor Burma und der Kommissar Jules Maigret - ein Vergleich
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Kriminalroman und Kriminalfilm in Frankreich
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
47
Katalognummer
V17920
ISBN (eBook)
9783638223621
ISBN (Buch)
9783638699952
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Note wäre eine 1,0 gewesen, wenn die Zitate in Französisch zitiert worden wären.
Schlagworte
Privatdetektiv, Nestor, Burma, Kommissar, Jules, Maigret, Vergleich, Kriminalroman, Kriminalfilm, Frankreich
Arbeit zitieren
Susanne Richter (Autor), 2003, Der Privatdetektiv Nestor Burma und der Kommissar Jules Maigret - ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17920

Kommentare

  • Thomas Edeling am 17.7.2006

    Vergleich.

    Liebe Frau Richter,

    für die Erstellung eines Referats habe ich im Jahr 2005 Ihre Arbeit heruntergeladen.
    Ich konnte mit ihr sehr gut arbeiten.
    Sehr gut fand ich den sehr erhellenden Vergleich zwischen den beiden Kommissaren.
    Die Charakterisierung ist sehr gut gelungen.
    Vielleicht wäre ein Rückgriff auf ein paar mehr Romane noch erhellender gewesen.
    Aber dafür hat vielleicht der Platz nicht ausgereicht.

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