„Eine Geschichte kann man ohne weiteres erzählen, ohne genau anzugeben, an welchem Ort sie spielt oder ob dieser Ort mehr oder weniger weit von dem Ort entfernt ist, wo man sie erzählt; während es so gut wie unmöglich ist, sie nicht zeitlich in Bezug zu dem narrativen Akt zu situieren, da man sie notwendigerweise in einer Zeitform der Gegenwart, der Vergangenheit oder der Zukunft erzählen muss.“1 Doch nicht nur diese Zeit der Narration spielt eine wichtige Rolle, sondern auch die gesamte zeitliche Organisation. Sie gilt als ein wesentlicher Teil der Textstruktur. Gérard Genette hat 1972 in seinem Buch „Die Erzählung“ ein Analyseinstrumentarium entwickelt, das geeignet ist, die „äußerst komplexen Strukturen der Zeitkonstitution zu erfassen“.2
Robert Petsch (1934) erkannte die Zeitstruktur als eine unerläßliche Dimension im Text. Bahnbrechend waren die Feststellungen, dass bestimmte Formen der Zeitbehandlung ein Organisationsprinzip par excellence narrativer Texte seien und dass sie nicht nur eine handlungsbezogene Funktion hätten, sondern zugleich eine Bedeutung in Bezug auf den Leser. Die Zeitbehandlung wird also als Wirkinstrument entdeckt. Die temporale Struktur ist zum Beispiel Träger einer „Botschaft“, aber auch eine wichtige strukturierende Instanz und ein verbindendes Element zwischen Erzähler und Leser. In meiner Hausarbeit möchte ich mich mit dem Thema „Zeitarrangement und Wirkpotenz“ am Beispiel von Honoré de Balzacs Roman „Vater Goriot“ beschäftigen. In meiner Analyse werde ich mich vor allem auf das Werk von Genette beziehen, in welchem er zwischen den Organisationsprinzipien ‚ordre‘, ‚durée‘ und ‚fréquence‘3 unterscheidet – mit der Absicht, die Rezeption des Lesers stärker zu lenken. Honoré de Balzac ist am 20. Mai 1799 in Tours geboren und am 18. August 1850 in Paris gestorben. In nur 40 Tagen hat er den Roman „Vater Goriot“, mit dem er eine der ergreifendsten Gestalten seiner Menschlichen Komödie geschaffen hat, fertiggestellt. Es ist ein Meisterwerk der „Scènes de la vie privée“, wo er die Spezies Mensch als gesellschaftliches Wesen mit naturwissenschaftlicher Methode darzustellen versucht. Balzac zeigt kraftvolle Charaktere, die sich gegen die herrschende Gesellschaft auflehnen. „Seine Geschöpfe, mögen sie noch so bizarr erscheinen, leben und sind wirklicher als die Wirklichkeit. Es sind Prototypen, die einen Stand, einen Charakter, eine Eigenschaft in übertriebener Weise vertreten: [...] Vater Goriot die Vaterliebe, Baron von Nucingen die Finanz [...].“4
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Gliederung des Romans
3. Elemente der Erzählstruktur im Expositions- und Handlungsteil
3.1 Zäsuren als bewußte Form der Zeitangabe
3.2 Zeit der Erzählung
3.2.1 Zeitenwechsel Gegenwart – Vergangenheit
3.3 Anachronien der Erzählung
3.3.1 Prolepse
3.3.2 Analepse oder Retrospektion
3.3.2.1 Analepse in der Analepse
3.3.2.2 Zeitüberlagerung
3.4 Dauer einer erzählten Geschichte
3.4.1 Isochronie
3.4.2 Anisochronie
3.4.2.1 Summary und Szene
3.4.2.2 Pause oder Zeitdehnung
3.4.2.3 Zeitliche Ellipse
3.5 Wiederholungsbeziehungen
4. Schlußbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Zeitarrangement und dessen Wirkpotenz in Honoré de Balzacs Roman "Vater Goriot", um aufzuzeigen, wie erzähltechnische Strukturen gezielt zur Lenkung der Leserezeption eingesetzt werden.
- Analyse der narrativen Zeitstruktur (Ordnung, Dauer, Frequenz) nach Gérard Genette.
- Untersuchung der zeitlichen Gliederung und ihrer Bedeutung für den Spannungsaufbau.
- Erforschung von Anachronien wie Prolepsen und Analepsen als erzählerische Mittel.
- Untersuchung des Tempos der Erzählung durch den Wechsel von Summary, Szene und Pause.
- Betrachtung der auktorialen Erzählsituation im Kontext des französischen Realismus.
Auszug aus dem Buch
3.3.2.2 Zeitüberlagerung
Die Zeitüberlagerung ist gegeben, wenn eine Figur neben ihrem gegenwärtigen unmittelbaren Handeln (das die Zeitebene I darstellt) eine weitere durchgehende Fiktionsebene - wie zum Beispiel die Erinnerung – schafft, die entweder der Vergangenheit (Zeitebene II) angehört oder auf der Ebene des Bewußtseins (in Form von imaginierten Situationen) liegt und zeitlos ist.
Als Beispiel könnte man hier die Erinnerungen des Jean Joachim Goriot an seine Töchter nennen, die er auf seinem Sterbebett hat: „Mein Paradies war die Rue de la Jussienne. [...] Des Morgens kamen sie zu mir herunter. [...] Ich nahm sie auf den Schoß und trieb allerlei Spaß mit ihnen, sie streichelten mich zärtlich. [...] Als sie noch in der Rue de la Jusienne waren, zankten sie nicht, sie wußten noch nichts von der großen Welt und liebten mich innig; lieber Gott, warum sind sie nicht immer kleine Kinder geblieben!“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der zeitlichen Organisation narrativer Texte ein und legt das methodische Fundament anhand von Gérard Genettes Erzähltheorie.
2. Gliederung des Romans: Dieses Kapitel analysiert die formale Struktur von "Vater Goriot", insbesondere die Unterteilung in einen statischen Expositionsteil und einen dynamischen Handlungsteil.
3. Elemente der Erzählstruktur im Expositions- und Handlungsteil: Hier erfolgt die detaillierte Untersuchung der zeitlichen Gestaltungsmittel, unterteilt in Zeitangaben, Erzählzeit, Anachronien, Dauer und Frequenz.
4. Schlußbemerkung: Die Schlußbemerkung fasst zusammen, wie die geschickte chronologische Anordnung und der Einsatz erzähltechnischer Mittel den unaufhaltsamen Spannungsaufbau des Romans konstituieren.
Schlüsselwörter
Vater Goriot, Honoré de Balzac, Gérard Genette, Zeitarrangement, Erzählstruktur, Anachronien, Analepse, Prolepse, Anisochronie, Zeit der Erzählung, erzählte Zeit, Rezeptionslenkung, Realismus, Zeitebenen, Erzählzeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die spezifischen erzähltechnischen Mittel der Zeitgestaltung in Balzacs Roman "Vater Goriot" und deren Wirkung auf den Leser.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Kategorien der narrativen Zeit nach Gérard Genette, wie Ordnung (Anachronien), Dauer (Isochronie/Anisochronie) und Frequenz (Wiederholungsbeziehungen).
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie Balzac durch gezielte Manipulation des Zeitarrangements den Spannungsaufbau steuert und die Rezeption des Lesers beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung nutzt die narratologische Analyse, basierend auf dem von Gérard Genette entwickelten Analyseinstrumentarium zur Erfassung der Zeitkonstitution in epischen Texten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der chronologischen Zäsuren, die Untersuchung von Anachronien (Prolepse/Analepse) sowie die Betrachtung von Erzähltempi durch Summary, Szene, Pause und Ellipse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Zeitarrangement, Erzählstruktur, Anachronien, Anisochronie, auktoriale Erzählsituation und Rezeptionslenkung.
Wie beeinflussen "Zäsuren" die Struktur des Romans?
Die Arbeit zeigt auf, dass Balzac durch chronologische Zäsuren den Roman in acht Kapitel untergliedert, was eine objektive, textbelegbare Struktur ermöglicht.
Welche Funktion hat die "Zeitüberlagerung" bei Balzac?
Zeitüberlagerung entsteht, wenn Figuren durch Erinnerungen eine zusätzliche Fiktionsebene schaffen, die neben der aktuellen Haupthandlung existiert und so die psychologische Tiefe der Charaktere verstärkt.
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- Susanne Richter (Author), 2001, Zeitarrangement(s) und Wirkpotenz, untersucht am Roman "Vater Goriot" von Honoré de Balzac, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17922