Kirchengeschichte nach der Shoah


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

16 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

2 Entwicklung der Perspektive zum Judentum

3 Historische Rekonstruktion
3.1 Kontextualisierung
3.2 Kirchengeschichte gegenüber praktischer Theologie

4 Schluss

Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit dem Thema Shoah wird in dieser Arbeit ein vieldiskutiertes angesprochen, das eine wichtige Bedeutung bzw. Position in der Geschichte einnimmt. Viele Menschen haben durch sie ein Leid erfahren, das in Bezug auf seine Opferzahlen Geschichtlich kaum mit einem Ereignis zu vergleichen ist. Nie waren Morde und Gräueltaten so auf eine einzige Volksgruppe konzentriert. Unterstützt oder geduldet wurden dieser Zustand und das Vorgehen gegen Juden von einem Großteil der Bevölkerung, sodass es wenig Widerstand gab. Auch die katholische Kirche, deren Verhältnis zum Judentum schon seit langer Zeit negativ geprägt ist, hat sich nicht öffentlich gegen das Verhalten und das Vorgehen der Nationalsozialisten ausgesprochen, sondern eine zurückhaltende Rolle eingenommen.

Diese Arbeit soll sich mit dem Verhalten der Kirchengeschichte nach der Shoah auseinandersetzten. Zunächst wird die Entwicklung der Perspektive zum Judentum betrachtet. Es soll geklärt werden, wie sich das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum im Laufe der Vergangenheit entwickelt hat und ob es sich zum Positiven gewendet hat. Daran schließt sich die historische Rekonstruktion an, die klären soll, in welcher Weise man sich der Vergangenheit annähern kann, um den Täten und Opfern in ihrer Rolle als Individuum der damaligen Zeit gerecht zu werden.

Ein wichtiges und oft erwähntes Mittel, um sich mit der Vergangenheit und dem Verhalten auseinander zu setzen, ist die Kontextualisierung. Es soll geklärt werden, ob eine Kontextualisierung überhaupt möglich ist und wie diese vorgenommen werden kann. Außerdem soll geklärt werden, inwieweit eine Wertung der Handlungen vorgenommen werden kann. Eine wichtige Frage ist in diesem Punkt die, ob das „Aussetzen von Verstehen und Erklären“[1] eine angemessene historische Methode sein kann.

Zuletzt wird diskutiert, wie sich Kirchengeschichte in diesen Prozess der Auseinandersetzung mit der Shoah einordnen kann und auch soll. Es ist zu klären, ob das bloße Berichten und Erzählen der Vergangenheit eine angemessene Methode ist, um mit ihr umzugehen oder hat die Kirchengeschichte eine weitgreifendere Aufgabe, die sie erfüllen muss. Die Frage, wie sich Kirchengeschichte angesichts der Shoah verhalten und handeln muss, ist zu klären.

2. Entwicklung der Perspektive zum Judentum

Die Wahrnehmung der Juden in der Kirchengeschichte ist sehr differenziert. Ein gewisser Antijudaismus ist in der christlichen Geschichte nicht zu leugnen und dieser prägt auch die Veröffentlichungen und die Auseinandersetzung mit dem Judentum. Doch Kirchengeschichte hat weit vor der Shoah sein Verhältnis und seine Wahrnehmung verändert. Als Wendepunkt wird zwar häufig das 2. Vatikanum gesehen, doch geschieht eine Veränderung schon viel früher. Es wird ein Prozess oder eine Veränderung begonnen, als der Klerus 1910 kaum noch antijüdische Traktate veröffentlicht.[2] So wird deutlich, dass das zweite Vatikanische Konzil zwar durch seine Thematik auch seinen Beitrag zum Paradigmenwechsel beigetragen hat, jedoch die Initialzündung dafür schon weitaus früher stattgefunden hat. Ein weiterer Punkt für einen Wechsel der Wahrnehmung ist die Gründung des Vereins der „Amici Israel“, dessen Ziel es war, ein neues Verhältnis zum Volk Israels zu schaffen. Dieser Verein wurde 1926 gegründet und hatte binnen kürzester Zeit viele Kardinäle, Bischöfe und Priester als Mitglieder.[3] So zum Beispiel durch die Abschaffung der Fürbitte „pro perfideis Judaeis“ und die Bekämpfung der Rede von den „Gottesmördern.[4] Doch durch ihre an der „paulinische Vorstellung von der endzeitlichen Gemeinschaft der Völker des Bundes“[5] orientierte Herangehensweise kam es dazu, dass der Verein durch ein Dekret bereits im 1928 wieder offiziell aufgehoben wurde. Trotz seiner Aufhebung jedoch kam es mit ihr zur ersten offiziellen römischen Verurteilung des rassistischen Antisemitismus. Durch die Aufhebung konnte der Verein „Amici Israel“ seine Ziele nicht verwirklichen, aber durch ihn wurde ein Anstoß zur Neuorientierung gegenüber dem Judentum geleistet.

Ein weiterer wichtiger Haltepunkt in der Geschichte des Verhältnisses zwischen Katholiken und Juden ist im Jahr 1935 anzusetzen. In der Zeit, als der Nationalsozialismus sich in Deutschland etablierte, musste man sich mit dem Judentum besonders eingängig auseinandersetzen, da die Katholiken durch die Nationalsozialisten gemeinsam mit dem Judentum als semitische Religion angesehen wurden.[6] Da Jesus als Gründer der Religion selbst Jude war, war es für die Nationalsozialisten nahe liegend diese Verbindung zum Christentum zu ziehen. In der damaligen Zeit war es den Katholiken jedoch nicht bewusst, dass Jesus zu seiner Zeit als Jude gelebt hat und dieser Fakt war daher für die Menschen sehr befremdlich.[7] In der heutigen, aufgeklärten Zeit ist es für Katholiken kein Novum, dass Jesus nicht selbst als Katholik, sondern als Jude gelebt hat und dass aus dem Judentum das Christentum hervorging. Die Äußerung, dass Jesus kein Jude war, sondern Gottes Sohn, wie es in einer Broschüre zu dieser Zeit heißt, macht deutlich, dass das Christentum ein sehr differenziertes Verhältnis zum Judentum pflegte. Einerseits entsteht durch die Verbindung mit Jesus Christus eine Art Identifikation mit dem Judentum, aber aufgrund der Stellung der Nationalsozialisten zu den Juden distanzierten sich die Christen von ihnen.[8] Diese „ambivalente Theologie“[9] belastet die Beziehung zwischen Judentum und Christentum enorm, sodass eine Besserung des Verhältnisses zwischen beiden Theologien nicht stattfinden kann. Die Kluft wird durch diese Handlungen nur noch vergrößert und so bleibt das differenzierte Verhältnis bestehen.

Nach 1945 findet jedoch keine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit dem Thema Kirche, Judentum und Shoah statt.[10] Ein Punkt, der für diese Situation sprechen könnte, ist das Verhalten, das das Christentum zur Zeit des Nationalsozialismus gegenüber den Juden gezeigt hat. So war es für das Christentum nicht möglich, ohne Behutsamkeit das Thema aufzugreifen. Es musste eine behutsame Annäherung stattfinden, um langsam eine Basis zu schaffen, die es ermöglicht das Verhältnis zum Judentum zu verbessern. Um 1950 steigt das Interesse am Judentum, aufgrund verschiedener Ereignis, wie die Veröffentlichung des „Tagesbuches der Anne Frank“ oder die Kriegsverbrecherprozesse.[11] Dieses steigert sich jedoch erst mit der Zeit und erwirkt Mitte der 1970er Jahre eine weitere Wandlung. Es entstehen Publikationen, die sich mit der Thematik auseinandersetzten und das Interesse der Öffentlichkeit dadurch intensivieren. Es findet ein Wandel vom Verhältnis zur Geschichte in der Gesellschaft statt.[12] Die Gesellschaft besinnt sich ihrer Vergangenheit und es entsteht eine wachsende „Erinnerungskultur“. Versuche, das Vergangene zu erklären oder zu entschuldigen, finden nicht statt, sondern die Vergangenheit etabliert sich in den Köpfen der Menschen. Die Gesellschaft bewahrt kein Stillschweigen mehr, sie führt Jahres- und Gedenktage ein, damit bei niemandem die Vergangenheit in Vergessenheit geraten kann, sondern ihnen allgegenwärtig ist. Es geht sogar soweit, dass eine Fernsehserie die Thematik aufgreift und erstmals den Begriff Holocaust den Deutschen bewusst macht.[13]

[...]


[1] Holzem, Andreas: Praktische Theologie in der Vergangenheitsform. Die Geschichte des Christentums als Geschichte des ,geglaubten Gottes’, in: Doris Nauer, Rainer Bucher, Franz Weber (Hrsg.), Praktische Theologie. Bestandsaufnahme und Zukunftsperspektiven. Ottmar Fuchs zum 60. Geburtstag (Praktische Theologie heute, Bd. 74), Stuttgart 2005, S. 390.

[2] vgl. Damberg, Wilhelm: Christen und Juden in der Kirchengeschichte: Methoden, Perspektiven und Probleme, in: Peter Hünermann / Thomas Söding (Hrsg.), Methodische Erneuerung der Theologie. Konsequenten der wieder entdeckten jüdisch-christlichen Gemeinsamkeiten, Freiburg u. a. 2003, S. 99.

[3] ebd.

[4] ebd. S. 99 f.

[5] ebd. S. 100.

[6] ebd. S. 101.

[7] vgl. Damberg, Wilhelm: Christen und Juden in der Kirchengeschichte: Methoden, Perspektiven und Probleme, S. 101.

[8] ebd. S. 102.

[9] ebd.

[10] ebd.

[11] ebd. S. 103.

[12] ebd. S. 103 f.

[13] ebd. S. 104 f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Kirchengeschichte nach der Shoah
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Katholisch-theologische Fakultät)
Veranstaltung
Heils- oder Profangeschichte
Note
2,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V179281
ISBN (eBook)
9783656015512
ISBN (Buch)
9783656015666
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Shoa, Judentum, Kontextualisierung, Kirchengeschichte, Praktische Theologie, Papst, Stellungnahme
Arbeit zitieren
Marcel Butkus (Autor), 2008, Kirchengeschichte nach der Shoah, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179281

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