Autorenvergleich. Walser, Achternbusch, Schneider


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

28 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

Vorüberlegungen

Autoren im Auf- und Abtauchen

Spielverderber und Enttäuscher

Vergleichsphase I
Spazierwege, Irrwege

Text, Selbst und Referenz

Vergleichsphase II
Dienen, Krisen, Komik

Kommunikation cum und versus Nichtkommunikation

Vergleichsphase III
Mikrogramm Zensur Missverstehen

Abschluss und Ausblick

Literaturverzeichnis

Und der große geborgene Vogel / kreist um der Gipfel reine Verweigerung[1]

Vorüberlegungen

­­­­– Ich vergleiche, indem ich zwei oder mehr Elemente in Beziehung zueinander setze und aneinander messe. Hierfür sind unterschiedliche Ausgangssituationen denkbar: Entweder ich unterziehe die willkürlich ausgewählten Elemente[2] A und B einem Vergleich, oder ich wähle ausgehend von einer Idee bewusst geeignete Elemente[3] aus, um gleiche Phänomene zu erkennen und zu weiteren Erkenntnissen zu gelangen.
– Der Gegenstand der Literaturwissenschaft wird, vereinfacht gesagt, qualitativ definiert. Qualitativ – wenn etwa Vollkommenheit und Polysemie zum Kriterium werden oder wenn Orte und Formen[4] scheinbar per se über höhere Wertigkeiten verfügen. Autoren, deren Werke außerhalb der Demarkationslinie des Kanons liegen, unterliegen der Gefahr, zu Oberflächenphänomenen reduziert zu werden, die Parameter des Diskurses drohen bedeutende Randerscheinungen zu trivialen Marginalien zu degradieren. Philologischer Starrsinn und hermeneutische Einfalt erhöhen den literarischen Rahmen zur unüberwindbaren Barriere - Außergewöhnliches wird dann für gewöhnlich ausgegrenzt. Nicht besser ist jedoch hingegen der enervierende Standesdünkel der Subkultur, der Kritik mit Intoleranz verwechselt, in dem Anhängerschaft Selbstaufgabe heißt.
– Neugier, größtmögliche Unvoreingenommenheit, Werkkenntnis und die Bereitschaft, spielerisch mit Texten umzugehen, können neue Wege erschließen, auf denen von überraschenden Begegnungen bis zur Wiederentdeckung von Altbekanntem vieles möglich ist. Die Arbeitsweise kann sich von philologischer Kleinstarbeit zur umfassenden Diskursanalyse weiten – der Reiz sollte im Perspektivenwechsel liegen, der Anspruch ist, statt in Suche nach letztmöglicher Wahrheit, in der Freiheit des Widerspruchs, die Herausforderung im Querdenken zu sehen. Dem Anspruch auf Totalität wird durch Anleuchten der Facetten genüge getan. Jeder Text, als Aktion und Reaktion verstanden. gehorcht und widersetzt sich. Jedem Schreiben liegen Techniken und Prinzipien zugrunde, jedem Schreiben über Schreiben Prämissen, jedes Lesen geschieht aus einer Haltung. Verflechtungen im Gewebe zwischen, Autor und Kunst, Wissenschaft und Theorie sowie Leser und Rezeption wären zu markieren.

zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel / Mich nicht hinab geleitet[5]

Autoren im Auf- und Abtauchen

Was haben Robert Walser, Herbert Achternbusch, Helge Schneider gemein – was unterscheidet sie in Wesen, Werk, Wirkung von anderen – was macht sie einzigartig? In selbstreflexiver Haltung als „Zu philosophisch“ skizziert Walser lyrisch die Bewegung der eigenen Entwicklung, „Wie geisterhaft im Sinken / und Steigen ist mein Leben.“[6] In einem Film Achternbuschs wird der Wunsch „Daß jemand mit dem Schreiben aufhört und einen anderen Weg findet“[7] zum Handlungsprinzip, Schneider versteht es, spielerisch mit den Topoi des Showgeschäfts „Abschied“ und „Comeback“[8] in seinen Liedern umzugehen. Doch lässt sich das Changieren zwischen Erfolg und Scheitern nicht nur in der Kunst, sondern auch in den Biographien wiederfinden. Die schwierigen Lebensumstände Walsers, die Filmskandale um Achternbusch, Flops und Tops Schneiders – sind selbst im Gedächtnis einer breiten kulturwahrnehmenden Öffentlichkeit haften geblieben.

Doch wenn auch die Genannten über eine gewisse Präsenz im öffentlichen Bewusstsein verfügen, so ist augenfällig, dass diese mehr durch Legenden, Eklats und Erregungen im öffentlichen Auftreten erreicht wurde, als durch eingehende Beschäftigung mit den Kunstwerken. Nahezu exemplarisch lässt sich an ihnen der Dissens zwischen öffentlicher Wahrnehmung und künstlerischer Wirklichkeit beschreiben. Diese Autoren eint ein seltenes Verhältnis von Ablehnung und Anerkennung, eine Mischung aus Außenseitertum und Kultstatus, Reaktionen von öffentlicher Stilisierung bis zur totalen Ignoranz. Von Robert Walser bis Helge Schneider lässt sich die Ambivalenz aus geneigter Kennerschar einerseits und breiter Meinungsbildung andererseits nachzeichnen. Über ästhetische Urteile hinaus - ragen kulturkritische, sogar moralische Bedenken. Und es ließe sich angesichts massiver Vorverurteilungstendenzen die Lessingsche Formel[9] in „Wir wollen weniger verdammt, doch dafür mehr gelesen sein“ wandeln. Da nimmt es nicht wunder, dass es in den Stätten der Sinnproduktion nicht gelungen ist, eine erfolgreiche Etikettierung der Autoren vorzunehmen. Dagegen Gegenwehr – erneutes Abtauchen.

Spielverderber und Enttäuscher

die Regel muss von der Tat, vom Produkt abstrahiert werden, an welchem andere ihr eigenes Talent prüfen mögen.[10]

‚Impliziter und expliziter Leser, ärgere dich nicht!’ könnte der Autor als ‚homo ludens’ dem Enttäuschten zurufen. Kunst und Literatur als Spiel im zweifachen Sinne verstanden:

Ein Spiel, das von den Teilnehmern (den Rezipienten) ein Sich-ein-lassen auf die Fiktion, ein Aufgehen in ihrer Totalität und die Akzeptanz, der vom Spielmacher (dem Künstler) vorgegebenen Regeln erfordert. Das Ziel des Spiels (der Lektüre) liegt im Spiel selbst, das Spielen wird zum Selbstzweck. Bei den Teilnehmern liegen unterschiedliche Interessenlagen vor, die immanentes Konfliktpotenzial freilegen können.

Die Dichtkunst als die Fähigkeit ein, „freies Spiel der Einbildungskraft als ein Geschäft des Verstandes auszuführen“,[11] schürt gleichsam im Verlauf eines Spiels Erwartungen, die erfüllbar oder enttäuschbar sind.

Ein mögliches Verfahren für die Enttäuschung stellt der Fiktionsbruch dar, der den Leser jäh desillusioniert und ihm die Kontingenz des Geschehens vor Augen führt. Wenn wir, aus gutem Grund, davon ausgehen, dass vom paratextuellen Ort – im Titel – eine Referenz auf den Inhalt ausgeht, so laufen wir Gefahr, vom Titelgeber irregeleitet zu werden, wenn die Bezugnahme offensichtlich nicht vorliegt. Mit jeder literarischen Form gehen spezifische Vorstellungen von Stil und Inhalt einher, die wenn sie nicht realisiert werden, zu Verfremdungseffekten führen. Die Defunktionalisierung der Form bietet die Option neben Zer- und Verstörung Überholtem neue Aufgaben und Möglichkeiten zuzuweisen. Die Folgen des avantgardistische Impetus können von unmittelbaren emotionalen Effekten bis hin zu prägenden poetologischen Entwürfen reichen.

Inwieweit Textsorten und Schreibverfahren epochentypisch, also charakteristisch für Zeitgeistphänomene sind, wäre in diesem Sinne zu überlegen: „Mir scheint, dass der Essay (Montaigne) postmodern ist und das Fragment (das Athenäum) modern.“[12]

Vergleichsphase I

Spazierwege, Irrwege

Alle drei Autoren eint ein augenfälliges Verhältnis zur Bewegung, das sich schon in formelhaften Kennzeichnungen widerspiegelt.

So zeichnet Peter Utz[13] Walser als Tänzer auf den Rändern zwischen Raum und Zeit, der es geschickt versteht, seine Konturen zu verwischen. Eine Möglichkeit, dergestalt zu erzählen, findet Walser, indem er Begebenheiten scheinbar zwanglos aneinander reiht, sie im Erleben beim „Spaziergang“[14] motivisch strukturiert und den Leser so explizit zum Begleiter macht:

„Indem du dir, lieber Leser, die Mühe nimmst, mit dem Erfinder und Schreiber dieser Zeilen sorgfältig vorwärts in die helle, gute Morgenluft hinauszumarschieren, nicht eilig und hastig, sondern lieber nur ganz säuberlich, behaglich, sachlich, bedächtig, glatt und ruhig, gelangen wir beide [...]“[15]

Auch Achternbusch, vieldeutig als Niemandslandstreicher[16] porträtiert, hat eine ähnliche Vorgehensweise zum Erzählprinzip gemacht: Sowohl in der Prosa als auch im Film werden schon in Titeln wie „Wohin“[17] und „Weg“[18] auf ähnliche Verfahren verwiesen:

„So ruhig habe ich mich immer gehalten. Von jeher mehr Spaziergänger als Wanderer. [...] Und wieder nicht einmal ein Wanderer, vielmehr Verweiler, verweilend im Schritt. Der nächste Waldrand ist nur 100 Meter entfernt.“[19]

Mit der ebenso figurativen wie letztlich nichtssagenden selbstkreierten Etikettierung der „singenden Herrentorte“[20] lässt Helge Schneider das Bild des unvergleichlichen Entertainers vor unseren Augen entstehen, der sein Publikum auf seinen imaginären Reisen in absurde Welten mitnimmt.

Ich sprang auf [...] rannte mit Riesenschritten an der Würstchenbude vorbei, [...] rannte durch den Oberflur, rutschte die Holzstufen runter unten durch die Halle an den Skulpturen vorbei, riss die Stores auf, sprang durchs Hauptportal, mit großen Sätzen die breiten Marmorstufen herab und stapfte dann eiligen Schrittes [...][21]

Doch zum Spielverderben zurück. Mehrfach bricht Walser in der Erzählung „Der Spaziergang“ die Sinn, und Handlungs- ebenen, wenn er vom Beginn der Erzählung im Präteritum „Eines Vormittags, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, setzte ich den Hut auf den Kopf [...][22] bereits nach kurzem ins Präsens „Ich wittere einen Buchladen samt Buchhändler [...][23] wechselt, um im nächsten Satz „Vorher hätte ich aber einen Pfarrer zu erwähnen“[24] zum Konjunktiv zu wechseln und schließlich in erzählerischer Selbstreflexion zu münden. Ständig spielt Walser mit der Beliebigkeit seiner Schilderung, um bühnengleich in der letzten Szene mit:

Habe ich Blumen gepflückt, um sie auf mein Unglück zu legen?“ fragte ich mich, und der Strauß fiel mir aus der Hand. Ich hatte mich erhoben, um nach Hause zu gehen, denn es war schon spät und alles war dunkel.“[25]

den Vorhang zu schließen, das Geschehen aufzulösen und einen ratlosen Leser zurückzulassen. Mit „Schneewittchen“[26] ist es Walser gelungen, den Märchenstoff zu einem Dramolett fort- und umzuschreiben. Die Handlung beginnt mit dem eigentlichen Ende des Märchens. Doch wer auf ein Happy-End hofft, wird enttäuscht werden, statt dessen lässt Walser auch hier das Ende offen und verweigert das übliche moralische Angebot.

Diese Verweigerungshaltung zerstört auch in Achternbuschs „MixWix“[27] die Erwartungen. Der Protagonist ,„MixWix“ stirbt, bevor er die inszenierte Dankperformance seiner Belegschaft zur Übergabe seines Kaufhauses überhaupt wahrnehmen kann, und empört wird der Tote von einem Mitarbeiter angeherrscht: „Was glaubst du wofür machen wir denn den ganzen Scheiß?“[28] Achternbusch nutzt darüber hinaus die Möglichkeit, den filmischen Paratext mit Irritationspotential zu versehen, wenn er „Ab nach Tibet“[29] im Untertitel als Wirtschaftsfilm kennzeichnet und der Zuschauer erfahren muss, dass es sich weniger um eine Genrebezeichnung als um die Charakterisierung eines Handlungsortes handelt.

Der Effekt, den Walser im Text benutzt, Achternbusch im Film einbaut, wird von Helge Schneider vor allem im Medium der Mündlichkeit eingesetzt. Die absurde Schilderung einer Polarexpedition mit Reinhold Messner wird schließlich mit den Worten: „Das beste ist, das stimmt alles gar nicht“ eigentlich vollkommen überflüssig als Phantasieprodukt entlarvt, was beim Publikum zur Erheiterung führt, doch sofort behauptet Schneider das Gegenteilige, „Nein, stimmt doch“, um weiteres Gelächter zu erzeugen.

[...]


[1] Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, in: Rilke, Rainer Maria: Der ausgewählten Gedichte erster Teil. Wiesbaden: Insel – Verlag 1951. S.74.

[2] In diesem Fall Autoren bzw. Künstler (die Bezeichnungen werden im folgenden, synonym gebraucht.)

[3] Die quasi nach einem Vorvergleich für den Vergleich in Erwägung gezogen wurden.

[4] Z.B. Buch und Roman im Gegensatz zu Feuilleton und Fragment.

[5] An die Parzen von Friedrich Hölderlin in: Stuttgarter Hölderlinausgabe Band 1, S. 241.

[6] Robert Walser: Zu Philosophisch. Zit. nach Catherine Sauvat: Vergessene Weiten. Biographie zu Robert Walser. Zürich: Bruckner & Thünker 1989. S. 5.

[7] Herbert Achternbusch: Ab nach Tibet (1995).

8 Z.B. Helge Schneider: Comeback in: es rappelt im Karton (CD - 1995).

[9] Die Sinngedichte an den Leser

Wer wird nicht einen Klopstock loben,
doch wird ihn jeder lesen - nein.
Wir wollen weniger gelobt,
doch dafür mehr gelesen sein.

(G. E. Lessing)

[10] Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Hg. v. Wilhelm Weischedel. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1995. S. 245.

[11] Ebd. S. 258.

[12] Lyotard, Jean-François: Postmoderne für Kinder. Briefe aus den Jahren 1982-1985. Wien: Edition Passagen 1987. S. 30.

[13] Vgl. Utz, Peter: Tanz auf den Rändern. Robert Walsers „Jetztzeitstil.“ Frankfurt am Main: Suhrkamp 1998.

[14] „Ich wittere einen Buchladen samt Buchhändler, ebenso will bald, wie ich ahne und merke, eine Bäckerei mit Goldbuchstaben zur Geltung kommen. Vorher hätte ich aber einen Pfarrer zu erwähnen.“ Aus: Walser, Robert: Romane und Erzählungen. Der Spaziergang. Zürich: Suhrkamp Verlag 1978. S. 41.

[15] Ebd. S.48.

[16] „Der Niemandslandstreicher“, Dokumentation - 3sat.

[17] Achternbusch, Herbert: Wohin? Köln: Kiepenheuer & Witsch 1988. „Man fährt mit der Straßenbahn in die Stadt, einen jeden Tag, so gut wie einen jeden Tag, aber immer auf das Inlandeis.“ S. 8.

[18] Achternbusch, Herbert: Weg. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1985.

[19] Achternbusch, Herbert: Das Haus am Nil. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1981. S. 9.

[20]Wenn mich einer fragt, ob ich ein Kabarettist bin, sage ich nein, ich bin eine singende Herrentorte.“ Helge Schneider, in: TV Movie. Dez. 1994.

[21] Helge, Schneider: „Operette für eine kleine Katze“ in: Es gibt Reis, Baby. (CD - 1993.)

[22] Der Spaziergang, a.a.O. S. 40.

[23] Ebd. S. 41.

[24] Ebd. S. 41.

[25] Ebd. S.108.

[26] Walser, Robert: Märchenspiele. Aschenbrödel / Schneewittchen. Frankfurt am Main: 1998.

[27] Achternbusch, Herbert: Mixwix (1988).

[28] Ebd.

[29] Herbert Achternbusch: Ab nach Tibet (1995).

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Autorenvergleich. Walser, Achternbusch, Schneider
Hochschule
Universität Siegen  (Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar: Robert Walser
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
28
Katalognummer
V17956
ISBN (eBook)
9783638223928
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autorenvergleich, Walser, Achternbusch, Schneider, Hauptseminar, Robert, Walser
Arbeit zitieren
Daniel Seibel (Autor), 2002, Autorenvergleich. Walser, Achternbusch, Schneider, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17956

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