Verfassungswandel und Verfassungserhalt in der "Politik" von Aristoteles


Hausarbeit, 2007

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2.1 Das Gesamtwerk „Politik“, historische Voraussetzungen
2.2 Verfassungswandel und Verfassungserhalt
2.2.1 Allgemeine Ursachen für Umstürze
2.2.2 Allgemeine Ursachen für Erhalt
2.2.3 Demokratie
2.2.4 Politie
2.2.5 Oligarchie
2.2.6 Aristokratie
2.2.7 Alleinherrschaft im Allgemeinen
2.2.8 Tyrannis
2.2.9 Monarchie

3. Kritische Betrachtung/Interpretation

4. Fazit

5. Literaturangaben

1. Einleitung

Wenn man die Geschichte der attischen Stadt (polis) im vierten und fünften Jahrhundert vor Christus betrachtet, stellt man fest, dass sie stark vom Wandel geprägt ist. In der Zeit von 411-403 v. Chr. erlebte Athen eine viermalige Änderung seiner politeia, der Verfassung, zwischen der Demokratie, dem oligarchischen Rat der Vierhundert und der Tyrannis der Dreißig. Der Wandel war ein Phänomen, der alle damaligen griechischen Städte betraf. Es gab viele Staaten mit den verschiedensten Staatsordnungen und da die Verfassungen noch in ihren Anfängen standen und noch nicht etabliert waren dementsprechend auch häufigen Wechsel von einer zur anderen Verfassung. In seinem großen Werk griechischer Staatstheorie, der „Politik“, hat sich Aristoteles unter vielen anderen Themen auch dem Thema des Verfassungswandels und des Verfassungserhalts gewidmet. Dabei werden die sechs verschiedenen Herrschaftsformen (Verfassungen), die Aristoteles ausmacht und beschreibt dahingehend geprüft, welche Momente der Veränderung und welche dem Erhalt dienlich sind. Aristoteles versucht sich dabei - im Gegensatz zu seinem Lehrer Platon, den er in der „Politik“ auch entsprechend kritisiert - dem Thema empirisch zu nähern und es genau zu durchleuchten. Er war der erste Philosoph und Staatstheoretiker, der sich so intensiv mit den Verfassungen auseinandergesetzt hat.

Zunächst möchte ich etwas zum Gesamtwerk der „Politik“ einleitend ausführen bzw. zu seiner Bedeutung, um dann das Themas Verfassungswandel und Verfassungserhalt in das Gesamtwerk einzuordnen. Darauf folgt die Darstellung der entscheidenden Punkte, die laut Aristoteles für Wandel und Erhalt verantwortlich sind. Diese ist sehr eng am Basistext der „Politik“ orientiert, um dem Leser einen möglichst unverstellten Blick auf die Ansichten von Aristoteles zu dem Thema zu gewähren. Eine kritische Betrachtung und Interpretation seiner Ausführungen soll sich daran anschließen. Den Schluss bildet ein kurzes Fazit.

2.1 Das Gesamtwerk „Politik“

Die „Politik“ lässt sich als wissenschaftliche Abhandlung der praktischen Philosophie zurechnen, ist also auf eine Handlung zielend. Dies ist absolut charakteristisch für das Werk, dass es den Gegenstand der Betrachtung nicht nur darlegen will, sondern Handlungsanweisungen bietet, um bestimmte positive Effekte zu erzielen. In der praktischen Philosophie der Ethik und Politik geht es somit um die Verwirklichung bestimmter Ziele des einzelnen Menschen oder der Städte. Diese Ziele sind laut Aristoteles Tugendhaftigkeit und Glück. Wer diese Werte besitzt und anwendet, wird auch eine gerechte und gute Gesellschaft erzeugen. Aristoteles ist aber auch klar, dass er im Bereich der Politik nicht zu Schlussfolgerungen kommen kann, die allgemein gültig und auf alle Fälle anwendbar sind (siehe Höffe S. 14).

Der Aufbau und Inhalt der „Politik“ stellt sich wie folgt dar: In Buch 1 zeigt Aristoteles, dass der Mensch nur in der polis autark ist, und betrachtet dann die elementaren menschlichen Gemeinschaften, aus denen sich die Familie aufbaut (Mann und Frau bzw. Herr und Sklave), die wiederum den Staat konstituiert. Buch 2 gibt einen Überblick über die bestehenden utopischen und realen Staatsmodelle, wie es ähnliche Überblicke auch in anderen Schriften des Aristoteles gibt. Buch 3 untersucht die Grundbegriffe des Bürgers, der polis und gibt einen systematischen Überblick über die Verfassungen. Dies setzt sich in Buch 4 fort. Für mein Thema ist die Darstellung der drei guten und der drei entarteten Verfassungen wichtig: Politie, Aristokratie und Monarchie sind dem Gemeinwohl dienlich und damit gute Verfassungen, Demokratie, Oligarchie und Tyrannis dienen nur dem einzelnen oder einer Gruppe und sind damit negativ einzuschätzen. In Buch 5 kommt Aristoteles dann auf das Thema Verfassungswandel und Verfassungserhalt zu sprechen, auf das ich gleich ausführlich eingehen werde. Wie man sieht, nimmt das Verfassungsthema in der Politik einen großen Raum ein. Buch 7 und 8 sind dem Wunschsstaat, das heißt dem Idealstaat gewidmet; es geht um das Glück unabhängig von der jeweiligen politischen Realität (siehe Kullmann S. 13 ff.).

Als historische Voraussetzung sollte man noch erwähnen, dass Aristoteles sich bei seinen Schilderungen auf die Polis als Staat bezieht, also auf Stadtstaaten. Diese sind allein einwohnermäßig nicht mit den heutigen Staaten bzw. Städten zu vergleichen. Zu Zeiten des Aristoteles hatte Athen ungefähr 2000 Einwohner und es war damals eine der größten Städte auf der Welt. Außerdem war die Definition des „Bürgers“ eine andere als heute. Bürger waren allein männliche Personen, die gebürtige Athener waren. Sklaven, Frauen und Ausländer hatten politisch kein Mitspracherecht. Politisch engagiert und richtig interessiert waren schwerpunktmäßig nur die reicheren Bürger. Bauern, Handwerker und einfache Arbeiter hatten die Zeit dazu nicht. Dies unterstreicht auch Detel:

„Nach Aristoteles folgt daraus, dass nicht jede Person, die für den Staat und seine Aufrechterhaltung notwendig ist, auch Staatsbürger sein sollte. Wer ständig arbeiten muss, kann weder ethische noch politische Tugend erwerben und kann und sollte daher kein Staatsbürger sein; “ (Detel S. 117)

Somit war der Kreis der politisch relevanten Personen klein und die Größe des zu regierenden Staates überschaubar. Dies muss man bei den Ausführungen von Aristoteles im Hinterkopf behalten, da sich sonst viele Dinge nicht richtig erschließen.

2.2 Verfassungswandel und Verfassungserhalt

Nun wende ich mich der Darstellung des Buchs 5 in Aristoteles „Politik“ zu, also dem Kernthema der Arbeit.

2.2.1 Allgemeine Ursachen für Umstürze

Aristoteles formuliert zu Beginn einige Grundprobleme, welche alle Verfassungen innehaben. Viele Verfassungen sind daraus entstanden, dass man einig war das Recht bestehe in der verhältnismäßigen Gleichheit der Menschen, aber nicht alle die gleiche Vorstellung von dem Begriff „Gleichheit“ hatten. Die Reichen zum Beispiel legten die Betonung auf das Vermögen des einzelnen und leiteten aus dieser offensichtlichen Ungleichheit eine größere Machtstellung für sich ab. Die Armen hingegen forderten Anteil an allem, obwohl dies auch nicht berechtigt war. Zudem sind einige Menschen tugendhafter als andere und so von Natur aus ungleich, müssen also eigentlich mehr Rechte bekommen. Diese unterschiedlichen Meinungen und Eigenschaften lassen sich laut Aristoteles über eine Verfassung immer nur ansatzweise zusammenführen. Aristoteles hat die Verfassungen als Kompromiss zwischen diesen verschiedenen Gruppen gesehen, die somit die Bedürfnisse der Bürger nie vollkommen befriedigen können. Dies stellt für ihn die eigentliche Voraussetzung dar, dass Verfassungswandel überhaupt gewollt wird.

Er unterscheidet dabei zwei Grundvarianten: Einmal wollen die Bürger den kompletten Umsturz der Verfassung, also zum Beispiel statt einer Oligarchie eine Demokratie, oder sie wollen die Verfassung behalten, jedoch selbst die Macht besitzen oder das Mehr oder Minder einer Verfassung, also beispielsweise eine Oligarchie die stärker oligarchisch ausgestaltet ist oder eben auch weniger oligarchisch.

Als nächstes wendet er sich den übergeordneten und konkreten Gründen und Ursachen zu, die bei Verfassungswandeln eine Rolle spielen. So schreibt Aristoteles:

„Denn es gilt zu erkennen, in welcher inneren Verfassung sich die Menschen befinden, die zum Aufruhr schreiten, und zu welchem Zweck sie es tun und drittens, welches die Gründe der staatlichen Erschütterungen und der Streitigkeiten der Menschen gegeneinander sind. “ (Aristoteles S. 222, 20-23)

Den Punkt der inneren Verfassung bezieht Aristoteles auf die Unterschiede im Gleichheitsverständnis. So wollen manche Bürger von der Minder- zur Gleichberechtigung gelangen und andere von der Gleich- zur Mehrberechtigung. Diese Ansprüche können berechtigt oder unberechtigt sein, aber in jedem Fall erzeugen sie Aufruhr. Zweck der Aufruhr sind die Erlangung von Gewinn und Ehre oder auch Unehre und Strafe zu umgehen. Die Gründe, durch welche die Menschen in die geschilderte Stimmung versetzt werden sind laut Aristoteles folgende: Wie eben schon erwähnt Gewinn und Ehre, aber in dem Sinn, dass sie der Meinung sind, dass andere sich (un)rechtmäßig in einen Mehrbesitz dieser beiden gebracht haben und gegen das Unrecht vorgehen wollen oder einfach neidisch sind. Des Weiteren sind Maßlosigkeit, Furcht, Überlegenheit, Verachtung und unverhältnismäßiges Wachstum verantwortlich. Diese Punkte führt Aristoteles noch weiter aus: Maßlosigkeit und Gewinnsucht entstehen durch Übermut und Habsucht der Regierenden, wodurch sich die Staatsbürger nicht nur gegen die Verfassung, sondern auch gegeneinander erheben. Aus Furcht begehen die Menschen Aufstände, welche zu recht oder zu unrecht Strafe fürchten müssen und dem zuvorkommen wollen, meint Aristoteles. Überlegene Macht eines einzelnen oder mehrerer bringt dann Staatsumwälzungen hervor, wenn sie größer ist, als es sich mit den Verhältnissen des Staates oder der Macht der Regierung verträgt. Verachtung sieht Aristoteles dann als Problem an, wenn die an den Verfassungsrechten nicht beteiligten in der Mehrzahl sind oder sich mächtiger fühlen als die Beteiligten. Das unverhältnismäßige Emporwachsen kann einzelne Personen wie auch Personengruppen betreffen und kann das Gleichgewicht innerhalb eines Staates ins Wanken bringen. Ein wichtiger Punkt, den Aristoteles nennt, sind auch Nachlässigkeiten die bewirken, dass Verfassungsfeinde in wichtige Staatsämter gelangen und dann den Umsturz einleiten. Hier spielt ebenfalls der Punkt eine Rolle, dass das Gleichgewicht innerhalb des Staates möglichst immer gewährleistet sein muss, um Umstürzen entgegenzuwirken. Besonders problematisch wird dies, wenn es eine heterogene Gesellschaft gibt, die beispielsweise verschiedene Stämme zusammenfasst. So wird es von vorneherein schwierig, die nötige Gleichheit und Gerechtigkeit zu erreichen. Als weitere Probleme nennt Aristoteles das Auseinandergehen von Tugend und Schlechtigkeit und Reichtum und Armut, welche bei den vorherigen Punkten auch schon angeklungen sind.

2.2.2 Allgemeine Gründe für Erhalt der Verfassungen

Aristoteles sagt zunächst ganz allgemein, dass das Gegenteil von dem, was der Verfassung schädlich ist ihrem Erhalt dient. Dabei belässt er es natürlich nicht, sondern nennt folgende Gründe die bei allen Verfassungen erhaltend wirken: Die Regierenden müssen sich und die Staatsbürger wachsam halten in Bezug auf die Bewahrung der Verfassung. Dabei ist die Nähe zerstörender Elemente durchaus nützlich, da dies der Wachsamkeit und der Furcht vor Umsturz förderlich sein kann. Zudem soll man niemanden übermäßig emporkommen lassen, vor allem indem man nur kleinere Ämter und Ehren vergibt und nur nach längerer Zeit anstatt jemandem rasch große Macht zu verleihen, die ihn übermütig machen könnte. Großen Wert legt Aristoteles auf die Abwehr von Bereicherung:

„Die Hauptsache aber ist in jeder Verfassung, dass durch die Gesetze und die ganze übrige Staatseinrichtung die Verhältnisse so geordnet sind, dass man sich an den Staatsämtern nicht bereichern kann... Denn die große Masse empfindet es nicht so schmerzlich, von der der Teilnahme an der Staatsregierung ausgeschlossen zu sein, ist vielmehr sogar ganz zufrieden damit, wenn man sie ruhig bei ihren Privatgeschäften lässt, wenn sie aber glaubt, dass die Regierenden sich am öffentlichen Gut vergreifen, dann schmerzt sie beides: von den Ehrenämtern ausgeschlossen zu sein und vom Gewinn.. “ (Aristoteles S. 244 31-39)

In diesem Zusammenhang schlägt er vor, dass die Übergabe der Staatskassen in Gegenwart aller Staatsbürger vor sich gehen soll, damit die nötige Transparenz gewährleistet ist.

Aristoteles beschreibt auch, wie er sich geeignete Personen vorstellt, die für den Erhalt der Verfassung Sorge tragen. Sie müssen drei Eigenschaften besitzen: Erstens Ergebenheit gegenüber der bestehenden Verfassung, zweitens die bestmögliche Befähigung für die Amtsgeschäfte und drittens Tugend und Gerechtigkeit je nach Maßgabe der jeweiligen Verfassung. Die Bedeutung dieses Nachsatzes sollte man nicht unterschätzen, da das Ausmaß von Tugend und Gerechtigkeit zwischen den verschiedenen Verfassungen stark variieren kann (man denke zum Beispiel an den Vergleich Tyrannis und Politie).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Verfassungswandel und Verfassungserhalt in der "Politik" von Aristoteles
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V179749
ISBN (eBook)
9783656022060
ISBN (Buch)
9783656021575
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aristoteles, Politik, Theorie- und Ideengeschichte, Verfassung, Staatstypologie
Arbeit zitieren
Gunnar Wett (Autor), 2007, Verfassungswandel und Verfassungserhalt in der "Politik" von Aristoteles, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179749

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