Das religiöse Weltethos als Ethos für die Politik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
38 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einführung

2) Die Rolle der Religionen in Geschichte und Politik
2.1) Gewalt- und Friedenspotential in den Religionen
2.2) Wie viel Religion steckt in religiösen Konflikten?
2.3) Kampf der Kulturen

3) Wege zu einem gemeinsamen Ethos
3.1) Die Geschichte des Projekts und der Stiftung Weltethos
3.2) Das Parlament der Weltreligionen
3.3) Die Erklärung der Menschenpflichten

4) Die Völkergemeinschaft, Universalität und das Weltethos

5) Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1) Einführung

Wohl kein Thema verfügt gegenwärtig über mehr Aktualität und zugleich Brisanz, als die Fragen nach den Risiken und Chancen der Globalisierung, den Gefahren und Ursachen des internationalen, oder besser transnationalen Terrorismus, der Herr- schaft des Völkerrechts und des Multilateralismus oder der internationalen Anar- chie, verbunden mit einem Rückfall in die Machtpolitik des 19. Jahrhunderts oder gar in das Faustrecht des Mittelalters.

Als mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 der islamische, oder wie man vielleicht besser sagen sollte: islamistische Fundamentalismus schlagartig im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit auftauchte, kehrte auch die Frage nach der Bedeutung des Religiösen in seiner ganzen Dimension, aber auch Ambivalenz auf die Tagesordnung von Politik und Wissenschaft zurück.[1]

Vielleicht tauchte diese Problematik für viele deshalb so überraschend auf, weil man dem Thema Religion über viele Jahrzehnte hinweg in der Weltpolitik kaum Bedeutung beimaß.

Zur Zeit des Kalten Krieges waren die Fronten klar: Es gab zwei große politische Lager mit ihren jeweiligen einander ausschließenden Ideologien, die durch ihr Machtgleichgewicht aber stets von einer eskalierenden Konfrontation abgehalten wurden. Die Weltreligionen spielten im politischen Bewusstsein kaum eine Rolle. Der Kommunismus war sowieso prinzipiell atheistisch und im Westen lauteten die Schlagworte des eigenen Systems Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft. Auch dies keine Werte, die sich vornehmlich aus dem Christentum oder den Lehren einer anderen Religion begründeten.

Seit dem Zusammenbruch des Sowjet-Imperiums, dem Ende des Kalten Krieges und der mit zunehmender Geschwindigkeit fortschreitenden Globalisierung ist jedoch eine neue Entwicklung eingetreten. Dass die Menschen und Nationen aufgrund einer rasanten Entwicklung auf den Gebieten der Kommunikation, des Verkehrs, der Ökologie, des Tourismus und vor allem der Finanz- und Kapital- märkte immer schneller und enger zusammenrücken, bereits heute untrennbar mit- einander verflochten sind, wird wohl niemand mehr bestreiten wollen. Zugleich ist die Globalisierung aber auch ein zutiefst asymmetrischer Prozess, was sich nicht nur darin ausdrückt, dass sie sich in den verschiedenen Teilen der Welt mit völlig unterschiedlicher Geschwindigkeit vollzieht. Während die Wirtschaft längst die Grenzen der Nationalstaatlichkeit gesprengt hat, verharren Recht und Ethik weitest- gehend im engen Rahmen der Nationen und Kulturkreise. Die Globalisierung selbst führt keineswegs zu einer Homogenisierung der Entwicklungsprozesse, vielmehr löst sie neue Konflikte der Geltendmachung von Identität und einer Tendenz zur Regionalisierung und Lokalisierung aus. Ein neues Bedürfnis nach Dialog entsteht, um die positiven Kräfte der Globalisierung mobilisieren zu können.[2]

Nach den Anschlägen von New York und Washington bezichtigten viele europäische Intellektuelle von links und rechts die eigene Kultur, den Verlockungen von Hedonismus und Individualisierung anheim gefallen, somit verletzbar und dekadent geworden zu sein – und legitimierten damit indirekt die Weltsicht der fundamentalistischen Gotteskrieger. Auf der anderen Seite sah sich die Regierung der USA unter George W. Bush aufgefordert, einen „Kreuzzug“ gegen den Terrorismus zu führen und mit dem Willen und der Hilfe Gottes die Demokratie als eine quasi-religiöse Ordnung gewaltsam zu etablieren. Auch der Umgang mit China seitens der westlichen Welt stellt ein ungelöstes Problem dar: Die rasant wachsende größte Volkswirtschaft der Welt stellt, bei Bedarf, ihre Menschenrechtsvorstellung kulturrelativistisch als mit der des Westens unvereinbar dar.

Angesichts dieser Umstände liegt es nahe, dass sich die Weltbevölkerung - über ethnische, kulturelle und religiöse Grenzen hinweg - auf ethische Gebote und Verpflichtungen einigen muss, die auch den Traditionen ihrer Herkunftsländer Rechnung tragen, um als Resultat daraus dem internationalen Recht eine grund- legende Legitimation verschaffen zu können.

Was für Modelle kann es also für ein globales Ethos geben, wer entwickelt sie und wer entscheidet über ihre Gültigkeit?

Kaum jemand war in den vergangenen Jahren auf dem Gebiet dieser Frage engagierter als der Schweizer Theologe Hans Küng.

Anfang der 1990er Jahre entwickelte er das Projekt Weltethos, mit dessen Aus- gangspositionen und Auswirkungen auf die globale politische Landschaft ich mich im Folgenden beschäftigen will. Aber einem Themenkomplex, der sich mit fun- damentalen Fragen der Religion und Ethik beschäftigt, kann man sich nicht alleine aus politikwissenschaftlicher Perspektive nähern, sondern es müssen auch philosophische und theologische Fragen angesprochen und erörtert werden. Inter- disziplinäre Perspektiven sind hier geboten.

Allein bei dem Begriff „Religion“ werden bei jedem Menschen, entsprechend seiner Sozialisation und persönlichen Erfahrungen, ganz unterschiedliche Assoziationen geweckt. Gleich zu Beginn muss ich einen Gedanken aufgreifen, der sich bei vielen Betrachtern des aktuellen Weltgeschehens zwangsläufig einstellen wird: Stellen die Religionen nicht eher eine Gefahr für den Weltfrieden dar, als ein Potential für ein friedlicheres und gerechteres Miteinander der Völker und Kulturen?

Seit Karl Marx und Ludwig Feuerbach ist von Atheisten und Religionsskeptikern die These zu hören, dass alle religiösen Weltanschauungen von den Herrschenden erdacht und instrumentalisiert werden, um die gläubigen Massen wahlweise zu manipulieren, zu besänftigen, zu kontrollieren oder gegen Feinde aufzuhetzen.

Betrachtet man die Geschichte der christlichen Kirchen, die aktuelle Situation im Islam oder die zahlreichen religiösen Konflikte und theokratischen Regime ist ein Wahrheitsgehalt in dieser Annahme natürlich nicht von der Hand zu weisen.

Aber greift dieser Ansatz nicht zu kurz, erfasst er nicht nur einen kleinen Teil des individuellen, persönlichen Erlebens von Religion und der sozialen, kulturellen und auch politischen Funktion, die religiöse Weltanschauungen ausmachen?

Der Philosoph Jürgen Habermas erinnerte die westliche Gesellschaft mit ihrem säkular-liberalen Staats- und Politikverständnis daran, dass auch „die entzauberte Welt der Moderne ein Gespür für die Artikulationskraft religiöser Sprachen erhalten müsse, wenn sie sich nicht von unentbehrlichen und knappen Ressourcen der Sinnstiftung abschneiden wolle.“[3]

Ähnlich äußerte sich auch die kürzlich verstorbene Die Zeit -Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff, die bemängelte, dass alles Transzendente und Metaphysische aus dem heutigen Leben getilgt wurde und an ihre Stelle die Beherrschung der Technik, die Akkumulation von Reichtum und Konzentration der Macht getreten sind, die geistig-moralische Leere dabei von der Unterhaltungsindustrie ausgefüllt wird.[4]

Eines ist sicher: Das Wesen der Religion ist so vielseitig wie die menschliche Zivilisation selbst und wird auch in Zukunft Grundlage für das Bewusstsein und Handeln von Milliarden sein.

Welche Rolle kann ein globales Ethos darin spielen, wird es sich an der politischen Realität messen lassen können? Ist das Weltethos nur ein Gedankenspiel von Theologen, Philosophen und Religionswissenschaftlern, oder sogar - wie einige fundamentalistische Christen behaupten - ein Auswuchs von „New Age“- und Esoterikwellen? Oder ist es ein unverzichtbares Leitmotiv für die Heraus- forderungen des 21. Jahrhunderts?

Auf diese Frage werde ich im weiteren Verlauf versuchen, eine Antwort zu finden.

2) Die Rolle der Religionen in Geschichte und Politik

„Religion ist die im Erkennen, Denken, Fühlen, Wollen und Handeln betätigte Überzeugung von der Wirklichkeit persönlicher oder unpersönlicher transzendenter Mächte.“[5] Diese Definition stammt von Prof. Helmuth von Glasenapp, 1963 verstorbener Indologe und vergleichender Religionswissenschaftler und ist meiner Meinung nach eine der besten Erläuterungen, was das Wesen der Religion in Bezug auf den Menschen ausmacht.

Daraus wird deutlich, dass Religion immer auf das ausgerichtet ist, was höher ist als der Mensch und dem Gläubigen seine Umwelt, das Wesen der Welt, die Bedeutung seines Lebens und die Maßstäbe seines Handelns erklärt.

Gegenwärtig existieren sechs große lebendige Religionssysteme, die man gemeinhin als Weltreligionen bezeichnet, wobei diese Zählweise durchaus um- stritten ist. Dies sind Buddhismus, Hinduismus (oder Brahmanismus), Chinesischer Universismus, Judentum, Christentum und Islam.

Eine Weltreligion muss sich gemeinhin an ihrer globalen Verbreitung und der Zahl ihrer Anhänger messen lassen.[6] Bei einigen Vertretern entstehen da Definitions- probleme: Judentum und Hinduismus sind an eine ethnische Zugehörigkeit ihrer Anhänger geknüpft; ein Grund, warum diese Religionen niemals Mission betrieben haben. Eine weltweite Verbreitung dieser Religionen schließt sich von daher automatisch aus. Das Judentum ist mit ca. 13 Millionen Anhängern eigentlich zu klein für eine Weltreligion, aber da ihre Anhänger weltweit verstreut leben und das Judentum vor allem die Basis für alle abrahamitischen Religionen bildet, wird es meist dennoch dieser Gruppe zugerechnet. Konfuzianismus, Taoismus und Shin- toismus werden oftmals als chinesischer und japanischer Universismus zu- sammengefasst, obwohl jeder einzelne von ihnen ein eigenständiges religiöses System bildet. Christentum und Islam haben mit 2 Mrd., bzw. 1 Mrd. Gläubigen die größte Anhängerschaft. Die Zahl der Buddhisten ist nicht genau einzugrenzen, da sich viele Menschen in Ostasien mehreren Religionssystemen zugehörig fühlen, er hat aber auf jeden Fall in dieser Region - und zunehmend auch im Westen - eine sehr große Bedeutung.[7]

Ein weiterer interessanter Aspekt betreffend der Entwicklung der Religionen liegt in ihrer Entstehungszeit, bzw. ihrer Reformierung: „Alle großen Weltreligionen haben ihren Ursprung in Asien, und drei von ihnen – Judentum, Christentum und Islam – entstanden mehr oder weniger in derselben Region […]. Bemerkenswert ist auch, daß einige der großen Glaubensgemeinschaften mehr oder minder zur gleichen Zeit unter dem Einfluß wichtiger Führungspersönlichkeiten begründet oder radikal erneuert wurden: Die großen Propheten und Reformatoren des Hinduismus, Buddhismus, des Judentums, Konfuzianismus und Taoismus lebten alle im 6. Jahrhundert v. Chr.“[8]

Helmuth von Glasenapp unterteilt die großen Religionen in zwei Gruppen; „solche die östlich, und solche, die westlich des Hindukush entstanden sind.“[9] Erstere bezeichnet er als Religionen des ewigen Weltgesetzes, letztere als Religionen der geschichtlichen Gottesoffenbarung. Der Hindukush kann somit „[…] als die große geistige Wasserscheide in der Religionsgeschichte der Menschheit angesehen werden […].“[10]

Die vorangegangene Charakterisierung zeigt deutlich, dass für die westlichen Weltreligionen die historische Authentizität eine große Rolle spielt, des Weiteren betrachten sie ihre Lehren und Erscheinungsformen als abgeschlossen und für alle Menschen gleichermaßen verbindlich. Den Anspruch, oder auch nicht vorhandenen Anspruch, auf ausschließliche Gültigkeit muss man wohl als das für ihre kul- turellen, politischen und sozialen Traditionen bedeutsamste Unterscheidungs- merkmal der westlichen und östlichen Religionen herausstellen.[11]

Wie im Einzelnen das Wesen der Religionen das Verhalten der Menschen und Völker prägen und somit Konflikte fördern, provozieren oder aber vielleicht auch Versöhnung stiften, soll in den folgenden Abschnitten beleuchtet werden.

2.1) Gewalt- und Friedenspotential in den Religionen

Die Renaissance der Religionen geht vordergründig scheinbar mit kultureller Ab- schottung und radikalisierten Positionen einher, kulminierend in gewalttätigen Konfrontationen und Verweigerung des Dialogs.

Daher ist es kein Wunder, dass der religiöse Pluralismus sowohl von radikalen Atheisten, wie von Theisten, nicht als Bereicherung gesehen wird. Für die ersten ist es ein Unruhepotential, für die zweiten Blasphemie.[12]

In der öffentlichen Diskussion werden die Religionen oft mit stereotypen Klischees klassifiziert, so sei zum Beispiel der Islam eine aggressive Polit-Religion, der Buddhismus hingegen eine Religion der Friedfertigkeit und hoher Vergeistigung. Aber so einfach stellt sich die Situation religionswissenschaftlich nicht dar.

Allen Weltreligionen gemein ist die Ächtung der Gewalt als zentrale ethische Lehre. Betrachtet man aber die Geschichte der Glaubensgemeinschaften, explizit die von Judentum, Islam und Christentum, so fand man dennoch stets derart viele Ausnahmen, in denen Gewaltanwendung erlaubt oder sogar geboten schien, dass der Sonderfall zur Regel wurde. Die missionarische Verpflichtung, den eigenen Glauben wenn nötig auch mit „Feuer und Schwert“ zu verbreiten, die Verteidigung des eigenen religiösen Kulturraumes gegen heidnische Bedrohungen und die Durchsetzung despotischer kirchlicher Machtpolitik bestimmten über Jahrhunderte das Selbstverständnis der monotheistischen Religionen im Westen.

Die Vorrausetzung für weltanschauliche Unduldsamkeit liegt in der besonderen Konstitution der Hochreligionen. „Die Grundidee primitiver Religionen ist - üblicherweise amoralische - Macht. Im Polytheismus sind die Götter den Menschen überlegen […], doch nicht unbedingt moralisch; in den neuen Religionen dagegen handelt die Gottheit in rationaler, verständlicher Weise und fordert somit auch vom Gläubigen das rechte Verhalten.“[13]

Von der bloßen Überzeugung über das Wirken höherer Mächte haben sich alle Hochreligionen also irgendwann bis zu einer Stufe entwickelt, auf der sie mo- ralische Handlungsmaßstäbe setzten. Nicht willkürlich oder theoretisch erdacht, sondern von einer höheren Ordnung abgeleitet, die auf alle von Menschen konzipierten Rechts- und Sozialsysteme ausstrahlt und diese somit für alle gleicher- maßen verbindlich macht.

Rücken religiöse Gemeinschaften durch Taten ihrer Anhänger, die nicht den ethischen Vorstellungen der gesellschaftlichen Mehrheit entsprechen, in eine defensive Position, so distanzieren sich ihre Vertreter sofort von diesen Taten und bezeichnen diese als mit den Lehren ihrer heiligen Texte und der Überzeugung der Majorität der Gläubigen unvereinbar.

Der Islam steht in dieser Tendenz gegenwärtig an ganz exponierter Stelle. Im Wes- ten hat sich ein Feindbild gegenüber der mohammedanischen Religion etabliert und durch die jüngsten Ereignisse verfestigt, welches sie als despotisch, unaufgeklärt, sexistisch und statisch brandmarkt. Von moslemischer Seite hält man natürlich dagegen, so wird propagiert: „Selbstmordattentate haben nichts mit dem Islam zu tun.“[14] oder „Der Islam kennt keine Diskriminierung und Abstufung aufgrund des Geschlechts.“[15]

Aber kann man dies wirklich so pauschal stehen lassen? Die moslemische Welt hat gegenwärtig mit Herausforderungen zu kämpfen, die in anderen Religionen nicht oder nicht mehr existieren. Glaube und Staat lassen sich in islamischen Staaten kaum trennen, schon von daher leben diese Länder in einem politischen Konflikt mit dem Westen, der durch asymmetrische Wirtschaftsbeziehungen zusätzlich verschärft wird. Zum anderen durchlebt der Islam allerdings auch einen inneren Konflikt in der Frage, was als authentische Bestandteile des Glaubens anzusehen sind. Als Beispiel wäre hier nur das Märtyrertum zu nennen.[16]

Das Christentum hat die Phase der Reformation durchlebt, später haben Christen wie Juden sich mit dem philosophischen Paradigmenwechsel der Aufklärung auseinandersetzen müssen. Beides hat der Islam nicht erlebt und musste sich von daher nie theologisch mit der Moderne auseinandersetzen. Wissenschaft, Theologie und Rechtsauffassung sind daher in weiten Teilen in den Vorstellungen des Mittelalters verhaftet geblieben.[17]

Hans Küng resümiert sogar, dass der Islam durch den Propheten Mohammed in seiner gleichzeitigen Funktion als Staatsmann und General von seiner Ent- stehungsgeschichte her eine militärische Note hat, die dem Christentum so nicht zueigen ist, „die Muslime, die Gewalt anwenden, können sich unter Umständen auf den Propheten berufen, während der Christ, der Gewalt anwendet, sich nie auf Jesus, den Gewaltlosen aus Nazareth, berufen kann.“[18]

Dennoch sollte das Christentum keinen Anlass zur Überheblichkeit gegenüber dem Islam haben. Obwohl die „Heiligen Kriege“ des Islam unzähligen Menschen der unterschiedlichsten Kulturen das Leben gekostet hat, so sind laut Glasenapp „[…] die Moslems doch von größerer Duldsamkeit gewesen als die Christen, da sie nicht alle Unterworfenen nötigten, ihren Glauben anzunehmen […]. Bis zum 18. Jahrhundert sind hingegen in Europa nicht nur Heidentum und Islam, sondern auch die von der herrschenden Richtung abweichenden Sekten nach Möglichkeit ausgerottet worden.“[19] Die organisiertesten Verfolgungen Andersgläubiger hat das Christentum hervorgebracht. Man denke nur an die fast zwei Jahrhunderte andauernden Kreuzzüge, die hunderttausende fanatisierte Westeuropäer in den Nahen Osten führte und deren Schlachtruf „Gott will es!“ zum Sinnbild religiösen Eifers wurde - auch wenn sich zugegebenermaßen bezüglich der Motivation und Verhaltensweisen der Kreuzfahrer und Ordensritter viele falsche Vorstellungen eingebrannt haben.

Die „Heilige Inquisition“ der katholischen Kirche, die Eroberung Amerikas und das christliche Sendungsbewusstseins während der Zeit des Imperialismus im 19. Jahrhundert sind weitere plakative Exempel für eine gewalttätige und intolerante Tradition im Christentum.

Die östlichen Religionen besitzen keine derartige Geschichte des Glaubenshasses, dennoch blieben auch sie von derartigen Auswüchsen nicht verschont. Gewaltsame Bekehrung von Andersgläubigen kommt in der Geschichte des Buddhismus nur sehr vereinzelt vor, es wird von den orthodoxen Theravadins in Barma und den Anhängern der Mahayana-Schulen in Japan berichtet. Hindus betrieben die gewaltsame Ausrottung der buddhistischen Lehre Gautamas in Indien und die Arya-Samaj zählen zu den Vertretern einer militanten Sekte im Hinduismus.[20] Auf Sri Lanka wird heute einer der wenigen bewaffneten Konflikte zwischen Buddhisten und Hindus ausgetragen.

[...]


[1] Vgl. Lutterbach/Manemann (Hrsg.): Religion und Terror. Münster 2002, S. IX

[2] Vgl. Aboulmagd u.a. (Hrsg.): Brücken in die Zukunft. Frankfurt 2001, S. 60 u. 67

[3] Lutterbach/Manemann (Hrsg.): Religion und Terror. Münster 2002, S. 103

[4] Dönhoff: Zivilisiert den Kapitalismus. München 1999, S. 34

[5] Glasenapp: Die fünf Weltreligionen. Gütersloh 1991, S. 8

[6] Coogan (Hrsg.): Weltreligionen. Gütersloh 1999, S. 6

[7] Vgl. Coogan (Hrsg.): Weltreligionen. Gütersloh 1999, S. 6

[8] Parker (Hrsg.): Große illustrierte Weltgeschichte. Rheda-Wiedenbrück 1995, S. 87

[9] Glasenapp: Die fünf Weltreligionen. Gütersloh 1991, S. 8

[10] Ebd., S. 9

[11] Ebd., S. 375

[12] Vgl. Kuschel u.a. (Hrsg.): Ein Ethos für eine Welt?. Frankfurt 1999, S. 119

[13] Parker (Hrsg.): Große illustrierte Weltgeschichte. Rheda-Wiedenbrück 1995, S. 88

[14] Vgl. Lutterbach/Manemann (Hrsg.): Religion und Terror. Münster 2002, S. 15-18

[15] http://www.islam.de/?site=forum/faq&die=answers

[16] Vgl. Lutterbach/Manemann (Hrsg.): Religion und Terror. Münster 2002, S. 46-47

[17] Lutterbach/Manemann: Religion und Terror. Münster 2002, S. 7

[18] Küng: Wozu Weltethos? Freiburg 2002, S. 73

[19] Glasenapp: Die fünf Weltreligionen. Gütersloh 1991, S. 365

[20] Vgl. Glasenapp: Die fünf Weltreligionen. Gütersloh 1991, S. 365

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Das religiöse Weltethos als Ethos für die Politik
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Ringvorlesung und Hauptseminar: Von den Feindbildern der Europäer zur europäischen Friedenspolitik
Note
2
Autor
Jahr
2003
Seiten
38
Katalognummer
V17978
ISBN (eBook)
9783638224086
ISBN (Buch)
9783638645416
Dateigröße
625 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weltethos, Ethos, Politik, Ringvorlesung, Hauptseminar, Feindbildern, Europäer, Friedenspolitik
Arbeit zitieren
Christian Hesse (Autor), 2003, Das religiöse Weltethos als Ethos für die Politik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17978

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