Über Richard Wagners Programmschrift "Das Kunstwerk der Zukunft" und dessen Bedeutung für die modernen Medien Film und Computerspiel


Seminararbeit, 2011

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zusammenfassung von Wagners Grundthesen zum „Kunstwerk der Zukunft“

3.1 Vergleich zwischen Wagners Theoriekonzept eines Gesamtkunstwerkes und dem späteren Medium Film
3.2 Vergleich zwischen Wagners Theoriekonzept eines Gesamtkunstwerkes und dem späteren Medium Computerspiel

4. Ergebnis der Analyse

5. Literaturangaben

1. Einleitung

Der berühmte Komponist und Dirigent Richard Wagner (1813-1883) war nicht nur Urheber praktisch umgesetzter Musik- und Theaterkunstwerke, sondern verfasste und publizierte zudem mehrere kunstwissenschaftliche Essays über seine diversen Vorstellungen von Kunst- und Kulturschaffen. Seine erstmals 1850 im Leipziger Otto Wigand Verlag erschienene Programmschrift „Das Kunstwerk der Zukunft“, die als eine der ersten kunstwissenschaftlichen Schriften überhaupt gilt, richtete sich vornehmlich an Künstler aller Gattungen mit der allgemeinen Aufforderung, sich künftig in Vereinigungen zusammenzufinden, um mit gemeinsamen Kräften unter dem verbindenden Element des Dramas sogenannte Gesamtkunstwerke zu erschaffen. Auf diese Weise sollte die von Wagner vielfach beklagte Zersplitterung der Kunstarten überwunden werden, die seiner Meinung nach lediglich unverständliche Werke von egoistisch motivierten Künstlern hervorbringen würde.

Wagner konnte seine Theorien zum „Gesamtkunstwerk“ mit der Errichtung seines eigenständig geplanten Bayreuther Festspielhauses (Eröffnung 1876) und seinen dort permanent aufführbaren Musikdramen erstmals praktisch umsetzen.

Es soll bei dieser Abhandlung examiniert werden, inwieweit Wagners Thesen über zukünftige „Gesamtkunstwerke“ die später aufgekommenen Medien Filmdrama und Computerspiel geprägt beziehungsweise deren generelle Konzeption vorhergesagt haben. Hierzu werden Wagners grundsätzliche Thesen zusammengefasst diesen beiden weit verbreiteten Medien exemplarisch gegenübergestellt, um deren Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu extrahieren.

2. Zusammenfassung von Wagners Grundthesen zum „Kunstwerk der Zukunft“

Das nun folgende Resümee bezieht sich auf die beiden letzten Kapitel (IV und V) Grundzüge des Kunstwerkes der Zukunft und Der Künstler der Zukunft, da hier spezifischer auf die Konzeption von zukünftig erwünschten „Gesamtkunstwerken“ eingegangen wird.

Laut Wagner ist die moderne Kunst allgemein unfähig, auf das öffentliche Leben einzuwirken, weil diese nicht wirklich aus dem Leben hervorgegangen ist. Kunst bietet nur verständnisvollen Menschen Genuss; der Masse bleibt sie jedoch vollkommen unverständlich. Das derzeitige Kunstschaffen ist egoistisch und hat dem öffentlichen Leben nichts zu bieten, es fehlt ein Mittelglied zwischen Gebildeten und Ungebildeten. Die moderne Kunst sollte vorzüglich Bildung verbreiten, was sie aber nicht „von oben herab“ zu Tun imstande ist, da Künstler und Volk in verschiedenen Sprachen sprechen, weshalb solche Kunstwerke zu Verwirrungen und Missverständnissen führen.1 Der Künstler kann nur in der Vereinigung aller Kunstarten voll aufblühen und frei sein, in der Vereinzelung hingegen kommt seine Kunst nicht zur vollen Geltung. Ohne dramatische Handlung ist jede Kunstgestaltung willkürlich, zufällig und unverständlich. Die besonderen Fähigkeiten der einzelnen Künstler sollen diese nicht verherrlichen, sondern der allgemeinen „Verherrlichung des Menschen“ dienen, die in der dramatischen Handlung zur vollen Geltung kommt. Nur mit gemeinschaftlichem Drang der einzelnen Künstler kann das Gesamtkunstwerk entstehen, wobei der Zweck einer solchen Genossenschaft das Drama darstellt, da nur in ihm ein allgemein verständlicher Bezug zum „wahren Leben“ erreicht werden kann.2

Wagner ist der Überzeugung, dass sich die einzelnen Künstler bei der Dramenherstellung dem Gesamten unterordnen müssen, um dann effektvoller zum richtigen Zeitpunkt zu wirken, anstatt ihre egoistischen Kunsttriebe auszuleben, was nur durch Disziplin zu erreichen ist. Wenn der einzelne Künstler seinen „zufälligen Gelüsten“ folgt, entstehen „scheußliche Auswüchse im Leben und in der Kunst“. Das stärkste Bedürfnis des vollkommenen künstlerischen Menschen ist der klare Mitteilungsdrang, der nur allgemeinverständlich im Drama erreicht werden kann. Der Künstler erschafft in ihm eine individuelle Persönlichkeit, die zum allgemeinen menschlichen Wesen stilisiert wird, um so dem erwünschten Verständnis zu dienen.

Der Darsteller des Helden steht im Gesamtkunstwerk im absoluten Mittelpunkt, deshalb sollen sich alle anderen Beteiligten an seiner schöpferischen Reproduktion der Handlung ausrichten. Die Interpretation des in seiner Rolle aufblühenden Darstellers geht nur so weit, wie es der Gesamthandlung und dem Zusammenspiel aller Beteiligten dienlich ist. Er führt die künstlerische Genossenschaft nur so lange an, bis die gemeinsame Absicht, also die Mitteilung an die Öffentlichkeit, erreicht wird, womit dann seine „Diktatur“ endet. Durch eine gleichsam persönliche Identifizierung mit der Heldenfigur können die verschiedenen Künstler die Wirkung der dramatischen Handlung verstärken, womit sie selbst zum Dichter und Darsteller werden. Jeder Einzelkünstler ist aufgefordert, seine besondere Individualität mit einzubringen, wenn es dem gemeinsamen Ziel dient, wodurch eine „Vereinigung des Individuellen mit dem Allgemeinen“ generiert werden soll.3

Wagner hält jene Dramen für am besten geeignet, bei denen der Protagonist durch seine notwendigen Taten gezwungen wird, seine Persönlichkeit und schließlich sein Leben dem Allgemeinwohl zu opfern. Dadurch sind dann keine Spekulationen über zukünftige, unvollendete Handlungen mehr möglich, weshalb die Heldenfigur nun endgültig bewertet werden kann. In der Komödie hingegen wird der Held eine umgekehrte Rolle haben als in der Tragödie, da er als Egoist im Verlauf der Handlung gezwungen wird, sich dem Allgemeinwohl unterzuordnen.

Bei den eingesetzten Künsten sollen die diversen Details auf jene Aspekte reduziert werden, die der allgemeinen Verständlichkeit dienen. Die Architektur von Theatergebäuden soll ebenso streng nach dem künstlerischen Zweck konzipiert sein, also auf die Bedürfnisse des speziellen Bühnenstücks ausgerichtet werden, statt dem Luxus und der Prunksucht zu dienen. Das Szenenbild (Kulisse) schafft die räumlichen Bedingungen und soll die Natur möglichst überzeugend darstellen, um somit dem Zuschauer mehr Verständnis für die dramatischen Handlungen zu geben.4 Der Zuschauer soll sich dadurch voll und ganz auf die Bühne konzentrieren müssen, die zum absoluten Mittelpunkt wird, um ihn quasi hineinzuziehen. Durch Landschaftsmalerei, mit deren Hilfe die Grenzen der plastischen Architektur überwunden werden, soll die Kulisse vervollständigt werden, indem die Natur so dem künstlerischen Zweck, also dem Drama, angepasst werden kann. Landschaftsgemälde werden so erstmals für einen höheren Gesamtzweck verwendet, das heißt sie stehen in einem konkreten Zusammenhang und dienen so dem Verständnis des Gesamtkunstwerks.

Durch die Vereinigung der drei Schwesterkünste Tonkunst, Dichtkunst und Tanzkunst im Darsteller können alle drei ihr volles Potenzial ausschöpfen, denn wenn die Möglichkeiten einer dieser Künste enden, kann eine andere, adäquatere übernehmen, um zur Verständlichkeit beizutragen. Also sollen sich die drei Schwesternkünste je nach Situation entweder allein oder im Wechselspiel jeweils ergänzen. Die einzelnen Künste sollen somit gut ausgebildet im zukünftigen Gesamtkunstwerk zur vollen Geltung kommen. Zudem sollen diese Wechselspiele der verschiedenen Künste zu neuen Erfindungen anregen, inspiriert durch die jeweils anderen.

Nach der Ansicht Wagners wird sich besonders die Musik im Rahmen des Dramas entfalten können, weil durch das Wirken des eingesetzten Orchesters die dargestellten Gefühle wesentlich verstärkt werden können. Die Bühne gibt dem Drama das Naturelement, die Musik hingegen erweitert es um das Gefühlselement.5

Eine gewaltfreie Vereinigung von Menschen kann nur erreicht werden, wenn ein gemeinsames Bedürfnis vorhanden ist. Dann richten sich alle nach dem gemeinsamen Zweck, nämlich der Befriedigung des Bedürfnisses, bis dieses erreicht ist, wonach sich die Vereinigung wieder auflösen kann. Durch diese Gemeinsamkeit werden sich die Gesetze ganz von selbst bilden und befolgt werden. Moderne Staaten hingegen sind die unnatürlichsten Vereinigungen der Menschen, da sie willkürlich und erzwungen sind, und nicht auf gemeinsamen Bedürfnissen basieren, so Wagner. Das gemeinsamste Interesse aller Menschen ist „zu leben und glücklich“ zu sein.

Die zukünftigen Vereinigungen der Menschen werden sich nach Individualität, Ort und Zeit richten und im steten Wechsel sein. Je geistiger diese Bedürfnisse sein werden, desto reger wird der Wechsel solcher Vereinigungen sein.6 Die starren staatlichen Vereinigungen der Gegenwart werden durch die wechselnden Bedürfnis-Vereinigungen abgelöst werden, da diese im Gegensatz immer durch Individualisten dynamisch sein werden. Das gegenwärtige Leben ist konform und nur das Abbild des Staates, aber die künstlerischen Vereinigungen der Zukunft werden besonders produktiv und dynamisch sein, da die vielen Individualisten zu immer neuen Bedürfnissen der Mitteilung anregen werden, bis diese befriedigt sind.7

[...]


1 vgl. Wagner, Richard: Das Kunstwerk der Zukunft, Kapitel IV Grundzüge des Kunstwerkes der Zukunft (Seite 149)

2 vgl. Wagner, Richard: Das Kunstwerk der Zukunft, Kapitel IV Grundzüge des Kunstwerkes der Zukunft (Seite 150)

3 vgl. Wagner, Richard: Das Kunstwerk der Zukunft, Kapitel V Der Künstler der Zukunft (Seite 167)

4 vgl. Wagner, Richard: Das Kunstwerk der Zukunft, Kapitel IV Grundzüge des Kunstwerkes der Zukunft (Seite 152)

5 vgl. Wagner, Richard: Das Kunstwerk der Zukunft, Kapitel IV Grundzüge des Kunstwerkes der Zukunft (Seite 157)

6 vgl. Wagner, Richard: Das Kunstwerk der Zukunft, Kapitel V Der Künstler der Zukunft (Seite 168)

7 vgl. Wagner, Richard: Das Kunstwerk der Zukunft, Kapitel V Der Künstler der Zukunft (Seite 169)

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Über Richard Wagners Programmschrift "Das Kunstwerk der Zukunft" und dessen Bedeutung für die modernen Medien Film und Computerspiel
Hochschule
Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe  (Kunstwissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Transreality Games
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V179944
ISBN (eBook)
9783656024781
ISBN (Buch)
9783656024514
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Analyse von Richard Wagners Grundthesen zu seinen zukünftig erwünschten "Gesamtkunstwerken" im Vergleich zu den später entstandenen Medien Film und Computerspiel.
Schlagworte
Richard Wagner, Kunstwissenschaft, Gesamtkunstwerk, Drama, Dramaturgie, Filmdramaturgie, Dramatische Handlung, Filmdrama, Künstlervereinigung, Film, Computerspiel
Arbeit zitieren
Magnus Goebel (Autor), 2011, Über Richard Wagners Programmschrift "Das Kunstwerk der Zukunft" und dessen Bedeutung für die modernen Medien Film und Computerspiel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179944

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