Entstehung des Starwesens


Seminararbeit, 2003

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung:

Einleitung

1. Modelle zur Entstehung des Stars
1.1. Literaturübersicht
1.2. Die Theorie des Filmdiskurses
1.3. Kritik am Diskursmodell

2. Die Filmindustrie vor 1910
2.1. Die USA
2.2. Frankreich

Schlussbemerkungen

Literaturliste

Einleitung

Überblickt man die Literatur zum Thema Genese des Stars unterscheiden sich die Autoren auf den ersten Blick vor allem in zwei grundlegenden Aussagen. Zum einen wirkt die Frage nach der Datierung der Herausbildung des Filmstars und der Datierbarkeit solcher Ereignisse überhaupt polarisierend. Zum anderen scheint dieser Frage eine grundsätzlich verschiedene Beurteilung hinsichtlich der Charakteristiken des Filmstars voraus zu gehen: Ist der Filmstar durch den Filmdiskurs entstanden und nur mit ihm ein Star oder genügt es Attribute wie Ruhm und Internationalität für die Kennzeichnung des Stars anzuführen. Eng mit diesen beiden Fragestellungen ist das Problem der Namensnennung des Stars verbunden. Kann man einen Filmakteur also nur dann einen Star nennen, wenn auch sein bürgerlicher Name dem Publikum vertraut ist? Diese Fragen sollen in dieser Arbeit anhand von ausgewählten Autoren diskutiert werden, um dadurch eine reflektierteren Erklärungsansatz für die Genese des Stars zu erhalten.

1. Modelle zur Entstehung des Stars

1.1. Literaturübersicht

Zieht man zum Überblick über den Star und Starkult ein Filmlexikon heran erhält man für die hier zu thematisierenden Fragen etwa folgende Erklärungsansätze[1]:

Der Star wird definiert, als sowohl von den Studios als auch vom Publikum gemacht. Seine Starqualität leitet sich davon ab „in den Rollen Träume zu binden und zu befriedigen[2]. Er ist also nicht nur berühmt, sondern auch begehrt. Weiterhin zeichnet sich der Star durch seine Internationalität aus. Er ist streng genommen keine lokale Größe. Seine Bedeutung für die Industrie liegt in der Möglichkeit Filme mit den Darstellern anzupreisen und somit die Produkte unterscheidbar zu machen: „Wenn ein Darsteller so populär wurde, daß er für das Publikum die Filme prägte, war er zum Star geworden.[3] Der Filmstar ist daher ebenso durch seinen internationalen Ruhm geprägt, als auch auf der Rezeptionsebene durch seine Fähigkeit Identifikationsangebote darzustellen, sowie auf der Produktionsebene eine Produktdifferenzierung zu gewährleisten.

Obwohl alle drei Charakteristika des Stars auf eine längerfristige Entwicklung hindeuten, überrascht Rother mit der Angabe eines genau datierbaren Ereignisses der Entstehung des Filmstars:

Mit der Abwerbung der beim Publikum als Biograph Girl bekannten Florence Lawrence durch den unabhängigen Produzenten Carl Laemmle begann eine Entwicklung, die schon vor 1920 zum Starsystem in Hollywood führte.

Damit greift Rother auf die klassischen Erklärungsansätze der Filmgeschichte[4] zurück, nach denen sich folgendes Erklärungsschema der Genese des Filmstars ergibt[5]: Obwohl das Publikum die Namen der Darsteller erfahren will, halten die Produzenten diese geheim, da sie zum einen, die aus dem Theaterbetrieb bekannte, Gagenspirale vermeiden wollten und zum anderen die Schauspieler bei Bekanntgabe ihrer Namen um ihre Reputation fürchteten. Carl Laemmle, der mit seiner unabhängigen Filmfirma Marktanteile gewinnen will, durchbricht die Vereinbarungen des Filmtrusts, wirbt Florence Lawrence ab und veröffentlicht ihren Namen. Diese erste Bekanntgabe des Namens gilt als Geburt des Filmstars.

Spätestens in den 1970er Jahren ändert sich die Darstellung der Entwicklung des Filmstars.[6] Die klassischen Erklärungsmuster werden zunehmend kritisiert, wie etwa von Tino Balio:

Myth has it that the star system was introduced by the independents against the Trust. A conservative enterprise, the MPPC manufactured a standardized product with anonymous actors. The fear was that the public acclaim for performers might lead to demands for higher salaries. Actually, the star system evolved during the heyday of the Trust, although not all members embraced it.[7]

Die Kritik Balios zielte dabei darauf, dass die Filmindustrie seit jeher mit anderen Formen der Unterhaltung, wie Theater und Varieté konkurrierte, in denen das Starsystem bereits etabliert war und fast alle amerikanischen Filmfirmen bereits ab 1909 dieses System zu übernehmen versuchten.[8] Dabei ging Laemmle nur aggressiver vor als seine Konkurrenten.[9]

Eine andere Form der Beurteilung erfährt die Genese des Filmstars bei Anthony Slide. Er argumentiert, dass die meisten Schauspieler dankbar über Angebote in Filmen waren. Ihre Reputation war schon allein aus dem Grund nicht gefährdet, da sie nicht an den großen Theatern, sondern in der Provinz spielten, eine Filmrolle daher die Karriere eher förderte.[10]

War die Kritik Balios und Slides eher auf einzelne Aspekte der klassischen Theorie zur Entstehung des Filmstars gerichtet, strebt Richard deCordova einen vollkommen neuen Erklärungsansatz an.

1.2. Die Theorie des Filmdiskurses

DeCordova fasst den Forschungsstand der 70er und 80er Jahre mit dem Argument zusammen, dass sich die Entwicklung des Starsystems nicht auf eine einzige Handlung oder Person beschränkte.[11] Er analysiert daher nicht mehr den Star, sondern das Starsystem. Der individuelle Star ist demnach nur das Ergebnis der Produktionspraktiken der 1910er Jahre. Das Starsystem ist für deCordova sowohl ökonomisch, als auch diskursiv geprägt.[12] Gegenstand seiner Analyse bleibt aber leider nur die diskursive Dimension des Starsystems.

Elementarer Bestandteil des Stardiskurses ist nach deCordova der journalistische Diskurs,[13] weshalb seine Untersuchung zu großen Teilen auf der Analyse von Werbeplakaten, Zeitungen, vor allem aber filmischen Fachzeitschriften basiert. DeCordova weist zwischen 1905 und 1915 verschiedene Diskurse nach: Vor 1907 lag der Fokus auf dem Apparat, nicht auf dem Schauspieler.[14] Vielmehr war der Beruf des Schauspielers dem frühen Kino fremd und der „legitimate stage“ eigen. Der Diskurs über die menschliche Arbeit und mit ihm auch über die Schauspieler im Film beginnt erst 1907. Die Jahre 1907-1909 nehmen daher eine Schlüsselstellung für die Entstehung des Starwesens ein. DeCordova begründet dies mit dem Anstieg der narrativen Filmproduktion von 17% (1907) auf 66% (1908)[15] und dem Erscheinen zahlreicher Filme, die das Medium als Kunst nutzen, womit vor allem Pathés „Film d´Art“ gemeint sind.

[...]


[1] Die folgenden Äußerungen beziehen sich beispielhaft auf: Rainer Rother: Star, in: ders. [Hrsg.]: Sachlexikon Film, Reinbek 1997, Seite 276-278.

[2] Ebenda Seite 276.

[3] Ebenda Seite 277.

[4] Etwa Terry Ramsaye: A Million and One Nights – A History of the Motion Picture Industry, New York 1964; Lewis Jacobs: The Rise of the American Film – A Critical History, New York 1939; oder in abgewandelter Form Alexander Walker: Stardom – The Hollywood Phenomenon, New York 1970.

[5] Zur Kategorisierung der Literatur vgl. Richard deCordova: Picture Personalities – The Emergence of Star System in America, Urbana/ Chicago 1990, Seite 5f..

[6] Als Beispiele seien aufgeführt: Anthony Slide: Aspects of American Film History Prior to 1920, Metuchen/ London 1978; und wie im folgenden dargestellt: Tino Balio [Hrsg.]: The American Film Industry, Madison/ London 1976.

[7] Vgl. Balio(1976), Seite 113f..

[8] Edison Company 1909, Kalem und Vitagraph 1910, vgl. Balio (1976) Seite 114.

[9] Ebenda: „Independents though were probably more aggressive showman.”.

[10] Vgl. Slide (1978) Seite 3.

[11] Vgl. Richard deCordova (1990), Seite 8.

[12] Ebenda Seite 10.

[13]Journalism provided the institutional setting for much, if not most of the stars.”, ebenda.

[14]It was obvios that people were represented on the screen, but the thought that these people were actors was not considered.”; Richard deCordova: The Emergence of Star System in America, in: C. Gledhill: Stardom- Industry of Desire, London 1991, Seite 19-29, hier Seite 19.

[15] Er bezieht sich dabei auf Robert C. Allen: Vaudeville and Film 1895-1915 - A Study in Media Interaction, New York 1980, Seite 212.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Entstehung des Starwesens
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Medienwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Medienstars - Transmediale Inszenierung von Geschlecht und Identität
Note
2,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
17
Katalognummer
V17995
ISBN (eBook)
9783638224246
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entstehung, Starwesens, Seminar, Medienstars, Transmediale, Inszenierung, Geschlecht, Identität
Arbeit zitieren
Peter Schubert (Autor), 2003, Entstehung des Starwesens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17995

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