Pest und Tod in Giovanni Boccaccios "Il Decamerone"


Essay, 2009

5 Seiten


Leseprobe

Pest und Tod in Giovanni Boccaccios „Il Decamerone“

Seit über zweitausend Jahren wird die Menschheit von einer Plage heimgesucht, die Angst und Schrecken verbreitet und unzählige Opfer gefordert hat - die Pest.

Wie ein ‚unaufhaltsamer Sturm’ fegt sie durch die Geschichte und überall wo sie auftritt, werden abertausende Menschen auf einen Streich ausgerottet. Dies hat ihr im Laufe der Zeit einen ‚zweifelhaften Ruhm’ eingebracht, der sich darin zeigt, dass sie auf unterschiedliche Weisen thematisiert wurde. So ist sie in vielerlei Hinsicht zu einem übernatürlichen ‚Schreckgespenst’ stilisiert wurden, das von niemandem aufgehalten werden kann und das niemanden verschont. In der Musik, der Kunst und der Literatur ist die Pest1 zu einem, die Jahrhunderte überdauernden Phänomen geworden. Bereits im 6. Jahrhundert n. Chr. schildert der byzantinische Schriftsteller Prokopius (500-562) die Symptomatik der Epidemie, die 541 in Konstantinopel weit mehr als 200.000 Opfer gefordert hat. Auch Daniel Dafoe (1660-1731), Schöpfer der Romanfigur „Robinson Crusoe“, thematisiert 1665 die Pest in seinem Werk ‚A Journal of the Plaque Year’.2 Dieser literarischen Verarbeitung gingen stets verheerende Pestwellen voraus.

Die schlimmste jener Wellen ereignete sich in Europa zwischen 1347-52. Schätzungsweise 20 Millionen Menschen vielen in dieser Zeit der Pest zum Opfer. Dies entsprach in etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung Europas.3

Aus jenem Zeitraum liegt uns ein bedeutendes Werk vor - „Il Decamerone“ des Italieners Giovanni Boccaccio (1313-1375).

Als Sohn eines Bankiers und einer französischen Adligen interessierte sich der junge Giovanni - ganz zum Missfallen seiner Eltern, die ihn lieber als Kaufmann oder Notar gesehen hätten - bereits in jungen Jahren für Lyrik und Prosa. Diese Leidenschaft für das geschriebene Wort, der eine eifrige Beschäftigung mit der griechischen und lateinischen Sprache vorausging, wurde zu einem ‚Ventil’, mit dessen Hilfe Boccaccio wichtige und prägende Ereignisse seines Lebens verarbeiten konnte.4 Dies trifft auch auf sein Werk „Il Decamerone“ zu.

Um 1347 hielt sich Boccaccio häufig in den Hafenstädten Ravenna und Forli sowie in Florenz auf. Allein in Florenz hatte die Pest bis 1348 annähernd 80.000 Menschen das Leben gekostet.5 Das Leid, die Verzweiflung und das regelrechte Massensterben erlebte Giovanni Boccaccio als Augenzeuge mit. In seiner Novellensammlung „Il Decamerone“ (entstanden zwischen 1349-53)6 versucht er dies - und darin könnte man ihn durchaus als literarisches Unikum beschreiben - auf humorvolle und ironisch-obszöne Weise zu verarbeiten. Der Inhalt des Buches, den man bereits am Namen erahnen kann, lässt sich kurz zusammenfassen.7

1348 fliehen sieben junge adlige Frauen und drei Männer aus Florenz um dem Peststerben zu entkommen. Sie begeben sich gemeinsam auf ein abgelegenes Schlösschen und leben dort zehn Tage zusammen. Um sich abzulenken und der traurigen Realität des grassierenden Todes zu entgehen, erzählen sie sich untereinander Geschichten. Diese haben jedoch kaum etwas mit Tod und Verzweiflung zu tun, sondern sie thematisieren vorwiegend lebensbejahende Dinge.8

Die Pest als solche bildet sozusagen nur den Rahmen, den Ausschlag bzw. den Anlass der gesamten Erzählung. Dies wird uns an dem vorliegenden Vorwort des Werkes deutlich. Hierin schildert Boccaccio die Zustände, die den Protagonisten seiner Erzählung den Ausschlag zur Flucht gaben. Jene Schilderung unterliegt jedoch einer so starken subjektiven Empfindung, dass an der Objektivität der Darstellung gezweifelt werden kann. Natürlich war Boccaccio als Zeitzeuge durchaus befähigt die Ereignisse wiederzugeben, jedoch ist er stark in seine humanistische Grundkonzeption verwurzelt, dass ihm eine neutrale und objektive Darstellungsweise schwer fällt.9 Nicht die Erkrankung als solche oder die damaligen Vorgehensweisen der Epidemieeindämmung sondern die Folgen auf die Bindungen der damaligen Gesellschaft rückt Boccaccio in den Mittelpunkt. Björn Hoffmann bemerkt richtig, dass Giovanni Boccaccio zwar keine medizinische Ausbildung besaß und seine Pestdarstellungen oftmals aus anderen Quellen übernommen hat10, doch den Zerfall sozialer Bindungen sowie die Bedeutungslosigkeit des Individuums, die er in seinem Vorwort beschreibt, sind durchaus nachvollziehbar und glaubhaft. Und genau dies ist die Hauptintention der Vorrede. Boccaccio will dem Leser deutlich machen – dies kennzeichnet auch den Quellenwert der Vorrede als Tradition – , wie sich das menschliche Miteinander in Zeiten des Elends verändert. Jedoch stellt er diese Veränderung als Verlust und Fehlentwicklung, nicht als Notwendigkeit angesichts der unvorstellbaren Opferzahlen dar.

[...]


1 Anmerkung DM: lat. pestis - Seuche, Unheil, Verderben. Vgl. dazu : http://www.auxilium-online.net.

2 Vgl. dazu: <http://de.encarta.msn.com/sidebar_1741587213/Die_lange_Geschichte_der_Pest.html>.

3 Vgl. dazu: <http://de.encarta.msn.com/encyclopedia_761565483/Pest.html>. Anmerkung DM: Dies sind nur Schätzungen. Sie basieren i. d. R. auf einer päpstlichen Anordnung, alle Opfer der Pest zahlenmäßig zu erheben.

4 Vgl. dazu : <http://www.dibb.de/boccaccio-decamerone.php>.

5 Vgl. dazu: <http://de.encarta.msn.com/sidebar_1741587213/Die_lange_Geschichte_der_Pest.html>.

6 Vgl. dazu: HOFFMANN, Björn: Die Pest in der Literatur. Eine Untersuchung von Boccaccio bis Camus, Lübeck 2006, Seite 157, <http://www.students.informatik.uni-luebeck.de/zhb/ediss327.pdf>.

7 Anmerkung DM: Das Wort ‚Decamerone’ ist den griechischen Worten deka (Zehn) und hmera (Tag) entlehnt und kann frei übersetzt werden mit dem „Zehntagewerk“. Vgl. dazu:

<http://www.klassiker_der_weltliteratur.de/decamerone.htm>.

8 Anmerkung DM: Am ersten Tag ist das Erzählthema von jedem der Anwesenden frei wählbar; am zweiten Tag werden Menschen thematisiert, die ein schwieriges Ziel erreichen; am dritten Tag wird vom Scharfsinn erzählt; der vierte sowie der fünfte Tag handeln von der Liebe; am sechsten Tag geht es um den Spott; der siebte und achte Tag sind den Streichen vorbehalten und am Schluss (neunte und zehnte Tag) wird über Edelmut und Hochsinnigkeit erzählt. Vgl. dazu: <http://www.klassiker_der_weltliteratur.de/decamerone.htm>.

9 Anmerkung DM: 1350 lernt Giovanni Boccaccio den italienischen Humanisten Francesco Petrarca (1307- 1374) kennen. Beide Männer verbanden zeitlebens eine enge Freundschaft und das gemeinsame Interesse an der Wiederbelebung der antiken Tradition. Sie werden treffender Weise auch als „Väter der italienischen Renaissance“ bezeichnet. Vgl. dazu: <http://www.dibb.de/boccaccio-decamerone.php>.

10 Vgl. dazu: HOFFMANN, Björn: Literatur, Seite 25.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Pest und Tod in Giovanni Boccaccios "Il Decamerone"
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Leben, Tod und Auferstehung
Autor
Jahr
2009
Seiten
5
Katalognummer
V179962
ISBN (eBook)
9783656024446
Dateigröße
373 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pest, Leben, Tod, Auferstehung, Schwarzer Tod, Giovanni Boccaccio, Decamerone, Europa, Totengräber, Hochmittelalter, Italien, Deutschland
Arbeit zitieren
Daniel Meyer (Autor), 2009, Pest und Tod in Giovanni Boccaccios "Il Decamerone", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179962

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