Paul Celan und das hermetische Gedicht

Literaturdidaktische und –theoretische Untersuchungen


Hausarbeit, 2009

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Wie man sich hermetischer Lyrik im Unterricht nähert

III. Todesfuge

IV. Literaturverzeichnis

I.Einleitung

Das Thema meiner Hausarbeit lautet „Paul Celan und das hermetische Gedicht“. Somit verweist bereits der Titel auf die besondere Sprache Paul Celans, die gleichzeitig von vielen als schwer zugänglich oder sogar als kryptisch bis hin zu berüchtigt empfunden wird, gleichzeitig aber auch gerade deshalb so berühmt geworden ist. „Die Gedichte Celans üben eine Faszination aus, die auch dadurch nicht getrübt wird, dass sie in ihrer Gesamtheit, als Gefüge der vereinzelten Lektüre oftmals unverständlich bleiben.“[1]

Krieg und Nachkriegszeit liegen Jahrzehnte zurück und sind für viele Menschen bereits „weit abgerückte Vergangenheit“[2]. Die Autoren der Literatur nach 1945, zu denen auch Paul Celan gehörte, gingen unterschiedlich mit den damaligen Geschehnissen um. Dennoch lassen sich „einzelne Phasen, Entwicklungslinien und Themenschwerpunkte erkennen und beschreiben, auch wenn die Zuordnung und Einschätzungen - in der literaturgeschichtlichen Forschung ebenso wie unter denen , die diese Zeit miterlebt haben- unterschiedlich, zum Teil sogar gegensätzlich sind.“[3]

Paul Celan schrieb dazu in einem 1958 von der Pariser Buchhandlung veröffentlichten „Almanach“, in dem sich verschiedene deutsche Schriftsteller zu ihrer Arbeit äußerten: „Die deutsche Lyrik geht, glaube ich, andere Wege als die französische. Düsteres im Gedächtnis, Fragwürdiges um sich her, kann sie, bei aller Vergegenwärtigung der Tradition, in der sie steht, nicht mehr die Sprache sprechen, die manches geneigte Ohr immer noch von ihr zu erwarten scheint… Dieser Sprache geht es, bei aller unabdingbaren Vielstelligkeit des Ausdrucks, um Präzision. Sie verklärt nicht, „poetisiert“ nicht, sie nennt und setzt, sie versucht, den Bereich des Gegebenen und des Möglichen auszumessen.“[4]

Im Folgenden beschäftige ich mich nun mit der Frage: „Wie man sich hermetischer Lyrik im Unterricht nähern kann“. Danach werde ich auf die „Todesfuge“, eines der am häufigsten interpretierten Celan-Gedichte, näher eingehen.

II. Wie man sich hermetischer Lyrik im Unterricht nähert

Obwohl Gedichte, die der „hermetischen Lyrik“ angehören, oft als schwierig, unverständlich, rätselhaft, sperrig bis hin zu kryptisch und leserfeindlich gelten, sind sie doch gleichzeitig oft das Objekt schulischer Interpretationspraxis. Vorzugsweise spielen hierbei die Gedichte von Celan, Bachmann und Bobrowski eine übergeordnete Rolle.

Der „Hermetismus“ (<ital. Ermetismo= dunkler Stil) knüpft an den französischen Symbolismus des 19. Jahrhunderts an und stellt Klangeffekte sowie die dunkle Gefühlssymbolik der Texte über die Sinngebung. Besonders letzteres macht das Verstehen der Texte für uns oft sehr schwer.

Wie nähert man sich nun einem solchen Gedicht im Unterricht, dessen „hermetischer“, das bedeutet unmittelbarer Zugang uns zunächst verschlossen bleibt durch den „Geheimnischarakter, ihren Beziehungsreichtum, ihre Chiffrenhaftigkeit und ihre magische Dunkelheit“[5] ?

Im Unterricht sollte der eigene Verstehensprozess zum Thema gemacht werden. Metaphern sollten also nicht im Kollektiv der Klasse oder des Kurses aufgelöst werden, so dass am Ende das Bild einer „einzig wahren, adäquaten Interpretation“ entsteht, sondern viel mehr sollte das individuelle Assoziieren im Mittelpunkt stehen. So entsteht eine Vielzahl unterschiedlicher „Bilder“, die wiederum verschiedene Themen beschreiben und zum Teil sehr unterschiedlich bis hin zu gegensätzlich sein können. Eine solch mannigfache Sichtweise ermöglicht dabei unterschiedliche Interpretationsansätze und hilft am Ende kein zu „stark eingeschwärztes, pessimistisches Statement zu Vergangenheit und Zeitgeschichte (…)“[6] zu entwickeln. Wie bereits angesprochen, steht der eigene Verstehensprozess im Unterricht im Mittelpunkt. Dieser ist wiederum abhängig von der eigenen Bereitschaft sich auf diese Lyrik einzulassen. Jedem Schüler gelingt dies in einem anderen Maße, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass es durchaus auch zu konkurrierenden Zugängen kommt, oder gar „einzelne Elemente des Textes nur aspekthaft zur Sprache kommen“[7].

Weitere Zugänge zum Text können über die Lebensgeschichte des Autors, die Entstehungsgeschichte oder die Zeitgeschichte führen. Dabei soll jedoch nicht die Intention beim Schreiben des Gedichts im Vordergrund stehen, sondern vielmehr soll das „Selbstverständnis und die Schreibhaltung eines Autors näher erläutert und damit Impulse“[8] für weitere Zugänge, die beispielsweise den Anspruch der Poetik und des Literaturbegriffs des Autors prägen, entstehen.

Wie die Interpretation hermetischer Lyrik über eine „schrittweise Annäherung“[9] versucht werden kann, haben wir in unserem Referat an Paul Celans „Fadensonnen“ erläutert. Dazu teilten wir jedem Seminarteilnehmer ein Arbeitsblatt[10] aus mit dem sich jeder fünf Minuten lang beschäftigen und eine Art „Brainstorming“ durchführen sollte. Schlüsselbegriffe und Sinnrichtungen sollten erkannt und mögliche Hypothesen erstellt werden. Durch Textmarkierungen und Annotationen wurden den Kursteilnehmern weitere Auffälligkeiten, Eigenarten der Struktur und Beziehungen zwischen den Sprachelementen verdeutlicht. Experimente, wie die Umformungsprobe in Prosa, die Ersatzprobe oder das bildliche Darstellen des Gedichts, können ebenfalls der Sinnerschließung dienen. Bei der Umformungsprobe in Prosa zeigt sich beim Gedicht „Fadensonnen“, dass die harten Versbrüche des Originals den Charakter des Gedichts wesentlich prägen. So würde sich im Prosasatz „ Es sind noch Lieder zu singen“ eine Pause ergeben und die Aussage eher harmlos, fast tröstlich wirken.

Die Ersatzprobe kann zu weiteren möglichen Sinnrichtungen führen. So könnte „es sind noch Lieder zu singen(…)“ durch „Es müssen noch Lieder gesungen werden“ und „Lieder“ durch „ Lob- oder Ruhmeslieder“ ersetzt werden.

Eine andere Möglichkeit ist das bildliche Darstellen des Gedichts. Dabei nimmt das Dargestellte meist die Position der Schlüsselbegriffe ein und die Farbwahl gibt Aufschluss über die Stimmung, die das Gedicht vermittelt.

III. Todesfuge

Das Gedicht „Todesfuge“ von Paul Celan entstand zwischen den Jahren 1944 und 1945 unter dem Eindruck der Judenvernichtung im Nationalsozialismus, wurde jedoch erst 1952 durch den Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“ bekannt[11]. In dem Gedicht wird das Leben und Sterben in Konzentrationslagern thematisiert und dabei auf die schrecklichen und unmenschlichen Taten der Nationalsozialisten eingegangen.

Bevor ich auf den Inhalt des Gedichts eingehe, werde ich zunächst die Entstehungsgeschichte näher beschreiben und dabei auf einige Probleme, die die damalige Zeit mit sich brachte, näher eingehen. Wie bereits erwähnt entstand die „Todesfuge“ Ende 1944, beziehungsweise am Anfang des Jahres 1945 unter dem Eindruck der Judenvernichtung im Nationalsozialismus. Paul Celan, der selbst bis 1944 in einem Arbeitslager war und dessen Eltern 1942 deportiert wurden und noch im gleichen Jahr starben, verarbeitet in diesem Gedicht die schrecklichen Erlebnisse aus dieser Zeit. Der Veröffentlichung des Gedichts ging eine umfassende Diskussion um die Frage, inwieweit Gedichte nach Auschwitz überhaupt möglich sind und ob das Reden über die schrecklichen Vorkommnisse in Auschwitz in Form eines Gedichtes eine Ästhetisierung der Judenvernichtung bedeute voraus. Diese Diskussion hatte Theodor W. Adorno mit seiner Äußerung entfacht: „Je totaler die Gesellschaft, um so verdinglichter auch der Geist und um so paradoxer sein Beginnen, der Verdinglichung aus eigenem sich zu entwinden. Noch das äußerste Bewußtsein vom Verhängnis droht zum Geschwätz zu entarten. Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barberei gegenüber: nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es möglich ward, heute Gedichte zu schreiben. Der absoluten Verdinglichung, die den Fortschritt des Geistes als eines ihrer Elemente voraussetzte und die ihn heute gänzlich aufzusaugen sich anschickt, ist der kritische Geist nicht gewachsen, solange er bei sich bleibt in selbstgenügsamer Kontemplation."[12] Nach Veröffentlichung der „Todesfuge“ änderte Adorno seine Meinung später und entschuldigte sich mit den Worten: „Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz ließe sich kein Gedicht mehr schreiben."[13] Auch der Literaturwissenschaftler Walter Müller Seidel meint im Bezug auf Celans „Todesfuge“: „ein Gedicht- auch ein modernes- kann gar nicht schön genug sein, wenn es nur nichts beschönigt. Von jeder Beschönigung aber ist Celans Todesfuge (…) so weit entfernt wie nur eines“[14] Noch weiter geht Harald Weinrich 1976 indem er in einem Artikel in der ZEIT schreibt: „Nach Auschwitz ist kein Gedicht mehr möglich, es sei denn auf Grund von Auschwitz. Wir können seitdem vielleicht sogar noch einen Schritt weiter gehen und sagen, dass heute in Deutschland wieder unbefangene Gedichte möglich sind, weil Celan mit seinem poetischen Werk unserer Befangenheit eine Sprache gegeben hat, die brüderlich vernommen und nachgesprochen werden kann. Wir sehen darin, jenseits aller vordergründigen Ästhetik, nicht nur eine moralistische und politische Haltung, sondern den Ausdruck einer fast messianischen Stellvertretung, die nach der Katharsis dieser Gedichte, wenn man sie beklommen gelesen hat, vielleicht Unbefangenheit wieder möglich macht auf Grund von Celan."[15]

Bevor ich nun auf den Inhalt des Werkes eingehe und mit der eigentlichen Interpretation beginne, werde ich mich zunächst mit dem Begriff der „Fuge“ in der Musik beschäftigen, umso den Aufbau des Gedichtes erklären zu können.

„Fuge“ kommt vom lateinischen „fuga“ und bedeutet „Flucht“ oder „Weglaufen“. Folglich flieht in einer „Fuge“ das Thema von einer Stimme zur anderen und wirkt dabei wie ein Gespräch zwischen drei oder mehr Personen. Im ersten Teil, der Exposition, die einem Kanon ähnelt, wird das Thema der Fuge festgelegt. Nachdem die erste Stimme das Thema enthüllt hat, ahmt die zweite Stimme dieses nach. Die Nachahmung kann als Antwort verstanden werden. Nach diesem Prinzip „flieht das Thema von Stimme zu Stimme“.

[...]


[1] Paha, Bernhard (2001): Die "Spur" im Werk Paul Celans. Eine "wiederholte" Lesung Jacques Derridas. Marburg: Tectum-Verl.

[2] Aleker, Wolfgang; Mettenleiter, Peter (2008): Blickfeld Deutsch. Oberstufe. [Neubearb.], 8. Dr. Paderborn: Schöningh im Westermann Schulbuchverlag (Blickfeld Deutsch, Schülerbd.).

[3] Aleker, Wolfgang; Mettenleiter, Peter (2008): Blickfeld Deutsch. Oberstufe. [Neubearb.], 8. Dr. Paderborn: Schöningh im Westermann Schulbuchverlag (Blickfeld Deutsch, Schülerbd.).

[4] Flinker- Almanach, Paris 1958,

[5] Aleker, Wolfgang; Mettenleiter, Peter (2008): Blickfeld Deutsch. Oberstufe. [Neubearb.], 8. Dr. Paderborn: Schöningh im Westermann Schulbuchverlag (Blickfeld Deutsch, Schülerbd.).

[6] http://www.uni-due.de/literaturwissenschaft-aktiv/nullpunkt/pdf/arendt_prozessen.pdf (Stand 17.08.09)

[7] http://www.uni-due.de/literaturwissenschaft-aktiv/ (…)

[8] http://www.uni-due.de/literaturwissenschaft-aktiv/ (…)

[9] Aleker, Wolfgang; Mettenleiter, Peter (2008): Blickfeld Deutsch. Oberstufe. [Neubearb.], 8. Dr. Paderborn: Schöningh im Westermann Schulbuchverlag (Blickfeld Deutsch, Schülerbd.).

[10] Siehe Anhang (1.Arbeitsblatt)

[11] Das Gedicht „Todesfuge“ erschien bereits 1948 im Gedichtband „Der Sand aus den Urnen“. Da Celan diesen aber auf Grund zu vieler sinnentstellender Druckfehler zurück zog und bis auf wenige Exemplar einstampfen ließ, erlang die „Todesfuge“ erst mit dem zweiten Gedichtband öffentliche Aufmerksamkeit und wurde bekannt.

[12] Adorno, Theodor W. (2003): Negative Dialektik. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1706).

[13] Adorno, Theodor Wiesengrund; Tiedemann, Rolf (2003): Eingriffe, Stichworte, Anhang. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Kulturkritik und Gesellschaft, 2).

[14] Müller-Seidel, Walter (1965): Probleme der literarischen Wertung. Über die Wissenschaftlichkeit eines unwissenschaftlichen Themas. Stuttgart: Metzler.

[15] Weinrich, Harald (1976). In: Die ZEIT, Jg. 1976, 23.07.1976,

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Paul Celan und das hermetische Gedicht
Untertitel
Literaturdidaktische und –theoretische Untersuchungen
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
2,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
14
Katalognummer
V179975
ISBN (eBook)
9783656025856
ISBN (Buch)
9783656026341
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
paul, celan, gedicht, literaturdidaktische, untersuchungen
Arbeit zitieren
Marina Kils (Autor), 2009, Paul Celan und das hermetische Gedicht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179975

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