"Objektive Wahrheit” und “Parteilichkeit” in Hinsicht auf Propaganda und Presse in der DDR

Hatte die Partei "immer recht"?


Essay, 2010

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

1. Einleitung

Die Deutsche Demokratische Republik war die zweite Diktatur Deutschlands. Da sie im Gegensatz zu ihrem Namen nicht demokratisch aufgebaut war, gab es in ihr keinen Platz für freie Meinungsäußerung, da dies das ganze System in Frage gestellt und somit letztendlich zu Fall gebracht hätte. Damit die SED ihre Machtposition behalten konnte, musste sie sich selbst als unfehlbar darstellen und gleichzeitig Kritik unterbinden, d.h. von allen Bürgern Parteilichkeit fordern. So musste sie selbstverständlich die Massenmedien kontrollieren, sie mit Propaganda speisen und alles, was die Unzufriedenheit des DDR-Bürgers wecken könnte, durch Zensur ausmerzen. Somit hatte die SED ein Monopol auf die Wahrheit, die immer im Sinne der Partei zugerechtgestutzt wurde und die zu keinem Zeitpunkt objektiv vermittelt wurde. Wie sie dies bewerkstelligte, soll nachfolgend behandelt werden. Ich möchte dabei zusätzlich auf den Aspekt der Beeinflussung durch die Westmedien eingehen, die über die Mauer hinweg ein tatsächliches Bild der Wahrheit in die Wohnzimmer der DDR brachten.

2. Zensur

2.1 Zensur ohne Zensor

Bei einem Staatsbesuch in der CSSR sagte Walter Ulbricht auf einer Pressekonferenz:

„Als wir aus der Presse erfuhren, dass sie [die Westdeutschen] die Pressezensur abgeschafft haben, waren wir bei uns erstaunt, weil wir so etwas nicht kannten. Wir haben nie eine Pressezensur gehabt, und Sie sehen, wir sind ganz gut vorwärtsgekommen auch ohne Pressezensur.“[1]

Je nachdem worauf sich Ulbricht mit dieser Aussage bezog, log er nicht. So garantierte Artikel 27 der DDR-Verfassung jedem Bürger das Recht, „den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß seine Meinung frei und öffentlich zu äußern.“[2] Da jedoch in Artikel 1 der Führungsanspruch der SED verankert war, hieß dies nichts anderes, als dass man nur das äußern durfte, was die SED erlaubte. Somit war Artikel 27 nichtig.

Doch Ulbricht hatte teilweise Recht, da die Pressezensur sehr subtil ablief und auf der freiwilligen Parteilichkeit der Journalisten beruhte. Es gab keine institutionalisierte Zensurbehörde wie etwa in der Sowjetunion, sondern lediglich „Empfehlungen“ der SED-Spitze, die die Arbeit der Redaktionen bestimmten.[3]

Bei dem beliebten Satire-Magazin „Eulenspiegel“ zum Beispiel lief der Prozess bis zum Erscheinen des Blattes folgendermaßen ab: Der Chefredakteur wurde wöchentlich bei der „Donnerstags-Argumentation“ vom ZK darüber informiert, welche Wünsche die Leiter der Parteipresse hatten und bekam zudem ein Gespür dafür, welche politische Stimmung herrschte. Die sogenannten „Empfehlungen“ oder „Bitten“ der Partei kamen zwischendurch auch schriftlich oder per Telefon.[4] Diese gab der Chefredakteur nun an seine Mitarbeiter weiter. Nun aber folgte die Nachzensur. Wenn bei dieser festgestellt wurde, dass sich ein Mitarbeiter des Blattes nicht an die Vorlagen gehalten hatte, so wurde meist ausschließlich der Chefredakteur bestraft. Die Empfehlungen waren nämlich verbindlich und wer sich nicht nach ihnen richtete, handelte gegen den Willen der Partei und wurde bestraft.

Die „Schere im Kopf“ der um ihre berufliche Existenz besorgten Journalisten machte fT eine Vorzensur vollends überflüssig.“[5] Die Funktion der Journalisten wurde im Wörterbuch der sozialistischen Journalistik der Karl-Marx-Universität Leipzig klar definiert: „Er [der Journalist] hilft, das Vertrauensverhältnis des Volkes zu Partei und Staat zu festigen. Seine gesamte Tätigkeit wird grundlegend vom Programm und den Beschlüssen der marxistisch-leninistischen Partei der Arbeiterklasse sowie durch die Verfassung des sozialistischen Staates bestimmt."[6]

Journalisten, die von den Sanktionen der SED betroffen waren, waren meist überzeugte Marxisten - wer dies nicht war, wurde gar nicht erst eingestellt. Ihnen drohte der Parteiausschluss und die Versetzung in abgelegene Teile des Landes, wo sie keinen Einfluss mehr ausüben konnten.[7]

2.2 Gegenstand der Zensur

Von der Zensur konnten einzelne Wörter bis hin zu ganzen Büchern betroffen sein. Bei einzelnen Wörtern, die in der Presse auftauchten, wurden negative Konnotationen verhindert, sodass etwa „Waldschäden" anstatt „Waldsterben" oder „Gewinnprozess von Arbeitskräften" anstatt „Freisetzung" verwendet werden musste.[8]

Thematisch kann grob gesagt werden, dass nur Probleme aufgezeigt werden durften, die lösbar und nicht systemimmanent waren - kurz, die das Handeln der Partei nicht in Frage stellten.[9] Kritik durfte nicht verallgemeinernd sein und selbstverständlich auch keine führenden Politiker treffen, sondern sollte nur auf persönliche Verfehlungen hinweisen oder auf Missstände, die zu beheben waren, ohne in das System einzugreifen.[10]

So wollte die SED beispielsweise aufgrund des Mangels an Karotten und Mandeln verhindert wissen, dass ein Rezept mit eben jenen Zutaten in der „Liberal­demokratischen Zeitung" in Halle am 17. September 1982 erschien[11] - der Mangel an Lebensmitteln war nämlich auf das Wirtschaftssystem der DDR zurückzuführen und somit wäre ein Benennen des Mangels als Kritik an den Führungsqualitäten der SED ausgelegt worden.

Die Veröffentlichung eines Buches nahm zwei bis drei Jahre in Anspruch, da das Manuskript durch viele Hände gereicht wurde, bis es den Druckgenehmigungsstempel bekam - und selbst dann kam es wegen des Papiermangels und den Kapazitätsproblemen in die Druckereien zu weiteren Verzögerungen.[12]

Selbst Weltliteratur wurde von der Partei überprüft - zwei Gutachten waren erforderlich und selbst längst etablierte Weltliteratur wurde mit „pädagogisch eingefärbten Vor- oder Nachworten" versehen.[13] So mussten selbst verstorbene, berühmte Schriftsteller der Partei ergeben sein, bevor man ihre Werke dem gemeinen Volk übergab - ob sie nun wollten oder nicht.

2.3 Das Paradoxon der Zensur

Die Kontrolle der Öffentlichkeit ist unerlässlich für eine Diktatur. Jedoch untergrub die SED damit auch gleichzeitig ihre eigene Macht. Wenn sie die Staatsform der DDR als die einzig richtige betrachtete, warum war es dann nötig, Kritik daran zu unterbinden? Tatsächlich wusste man in der SED ja am besten über die Missstände Bescheid und Wolle behauptet sogar, „ein Apparat, dessen Funktionsträger die obrigkeitlich sanktionierten Lügen wirklich geglaubt hätten, wäre innerhalb weniger Tage zusammengebrochen."[14] Auch hier handelte es sich um ein Paradoxon - die SED wollte einerseits, das auch ranghöhere Parteimitglieder an das System glaubten, auf der anderen Seite mussten sie die Missstände kennen, um gegen sie anzukämpfen.[15]

Paradox ist ebenfalls, dass gerade die SED-Spitze meist weniger gut informiert war als ihre Informanten. Die Berichte, die sie erhielten, wurden stilistisch sowie inhaltlich beschönigt, um nicht zu niederschmetternd zu wirken.[16]

Beim X. Schriftstellerkongress der DDR vom 24.-26. November 1987 konstatiert Christoph Hein Folgendes in seiner Rede:

„Die Zensur ist überlebt. Sie hatte ihre Berechtigung in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, [...] als die geistige Schlacht um Deutschland [...] noch nicht entschieden war. [...] Die Zensur ist nutzlos, denn sich kann Literatur nicht verhindern, allenfalls ihre Verbreitung verzögern. [...] Die Zensur ist paradox, denn sie bewirkt stets das Gegenteil ihrer erklärten Absicht. Das zensierte Objekt verschwindet nicht, sondern wird unübersehbar, wird selbst dann zum Politikum aufgeblasen, wenn Buch und Autor dafür untauglich sind […].“[17]

[...]


[1] Zensur in der DDR, 20f.

[2] Vgl. Die heile Welt der Diktatur, S. 162.

[3] Vgl. Zensur ohne Zensor, S. 218.

[4] Vgl. Unterm Strich, S. 12.

[5] Vgl. Zensur ohne Zensor, S. 218.

[6] Zensur ohne Zensor, S. 124.

[7] Vgl. Zensur ohne Zensor, S. 135-140.

[8] Vgl. Zensur in der DDR, S. 29.

[9] Vgl. Zensur ohne Zensor, S. 41.

[10] Vgl. Unterm Strich, S. 10f.

[11] Vgl. Zensur ohne Zensor, S. 40.

[12] Vgl. Die heile Welt der Diktatur, S. 195-198.

[13] Vgl. Die heile Welt der Diktatur, S. S. 198f.

[14] Die heile Welt der Diktatur, S. 160.

[15] Vgl. Die heile Welt der Diktatur, S.161.

[16] Vgl. Die heile Welt der Diktatur, S. 164f.

[17] Zensur in der DDR, S. 34f.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
"Objektive Wahrheit” und “Parteilichkeit” in Hinsicht auf Propaganda und Presse in der DDR
Untertitel
Hatte die Partei "immer recht"?
Hochschule
University of Sheffield  (German Department)
Veranstaltung
Geschichte und Gesellschaft der DDR
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
9
Katalognummer
V180018
ISBN (eBook)
9783656029809
ISBN (Buch)
9783656383444
Dateigröße
693 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
objektive, wahrheit”, parteilichkeit”, hinsicht, propaganda, presse, hatte, partei
Arbeit zitieren
Sonja Kaupp (Autor), 2010, "Objektive Wahrheit” und “Parteilichkeit” in Hinsicht auf Propaganda und Presse in der DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180018

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