Handreichung für den Deutschunterricht zu Günter Grass: "Katz und Maus"


Unterrichtsentwurf, 2011

93 Seiten

Herbert Fuchs (Autor)


Leseprobe

INHALT

Biografie Günter Grass

Interpretation

Didaktische Überlegungen

Stundenskizzen
Der Anfang der Novelle ‒ Die Rolle des Erzählers
Der Große Mahlke
Mahlkes Motive
Marienverehrung ‒ Reden der Leutnants ‒ Schule
Mahlkes Scheitern
Der Erzähler Pilenz
Heroismus
Der Autor Günter Grass

Gestaltungsversuche

Themenvorschläge für Klassenarbeiten/Klausuren

Audiovisuelle Materialien

Ausgewählte Literatur

Zitiert wird nach der 1997 im Steidl Verlag erschienenen Ausgabe von Katz und Maus (Bd.4 der Werkausgabe)

Die Zitate aus Texten von Günter Grass sind nicht rechtschreibreformiert

BIOGRAFIE GÜNTER GRASS

„Mich hat es nie gereizt und würde es auch nie reizen, meinem Lebenslauf nachzugehen und meinen wechselnden Empfindungen, mich quasi herauslösend aus dem jeweiligen Zeitgeschehen. Für mich ist meine eigene Biographie immer nur dann interessant gewesen, wenn ich sie begriff mit Zeitströmungen, mit Wendungen, mit Umbrüchen und Brüchen wie 1945 …“ (Günter Grass)

Günter Grass wurde am 16. Oktober 1927 in Danzig geboren.

Seine Eltern besaßen in dem Danziger Vorort Langfuhr ein Lebensmittelgeschäft. Der Vater stammte aus einer alteingesessenen protestantischen Handwerkerfamilie, die Mutter war katholisch und Angehörige der ethnischen Minderheit der Kaschuben, die einen mit deutschen und polnischen Lehnwörtern durchsetzten Dialekt sprachen. Grass wurde wie seine drei Jahre jüngere Schwester katholisch getauft und im katholischen Glauben erzogen.

Wie viele andere auch war die Familie Grass von den politischen Umbrüchen, die die Region Danzig erfuhr, sehr stark betroffen. Die vormalige Hauptstadt Westpreußens und deren Umgebung wurden, obwohl fast ausschließlich von Deutschen bewohnt, als Folge des Ersten Weltkriegs vom Deutschen Reich abgetrennt und ab 1920 als Freistaat dem Schutz des Völkerbundes unterstellt. Danzig hatte eine eigene Währung, bildete eine Zollunion mit Polen und ließ sich außenpolitisch durch Polen vertreten. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges galten die Mitglieder der Familie Grass als Deutsche – drei Brüder der Mutter waren im Krieg als deutsche Soldaten gefallen –, 1919 wurden sie mit der Wiederherstellung Polens polnische Staatsbürger oder, sofern sie wie die Eltern Grass’ in Danzig wohnten, Bürger des Freistaates Danzig. Nach dem Überfall Hitlers auf Polen und der Eingliederung Danzigs ins Deutsche Reich stufte man die Kaschuben als Volksdeutsche ein.

Die Familie Grass lebte in einfachen Verhältnissen. Über dem Kolonialwarengeschäft bewohnte sie eine Zweizimmerwohnung, alle Familienangehörigen schliefen in einem Raum, den Kindern blieben im Wohnzimmer die Nischen unter den Fensterbrettern als Orte für ihre persönlichen Belange. Trotz sehr begrenzter finanzieller Möglichkeiten schickten die Eltern, die selbst die Volksschule besucht hatten, ihre Kinder auf das Gymnasium – in der Hoffnung, dass Sohn und Tochter einmal ihre kleinbürgerliche Herkunft würden überwinden können. Grass besuchte ab 1937 das Gymnasium Conradinum, wiederholte die Klasse 7 und musste bis zur Klasse 9 aus disziplinarischen Gründen zweimal die Schule wechseln: Beim ersten Mal war er bei der Manipulation der Schulklingel beteiligt, beim zweiten Mal „spielte die Klasse ausgerechnet im Musikunterricht die titelgebende Szene aus dem soeben angelaufenen Ilse-Werner-Film Wir machen Musik nach. Der junge Lehrer, äußerst korpulent und kriegsuntauglich, was ihm die Verachtung seiner Schüler eingetragen hatte, griff sich Grass heraus, der ihn seinerseits an der Krawatte packte. Diese wiederum war Kriegsersatzware, aus einer Papiermasse gefertigt, und zog sich aufgrund eines Konstruktionsfehlers zu, woraufhin der Musiklehrer blaurot zu ersticken drohte und sein Schüler Günter eine dritte Schule persönlich kennen lernte…“[1]

Grass‘ Begabung lag von klein auf im Zeichnen. Er lieh sich aus der Stadtbücherei regelmäßig Kunstbücher aus und lernte durch den Einfluss einer Lehrerin moderne Kunst kennen, die im Dritten Reich als so genannte entartete Kunst verboten war. Grass selbst spricht von einem „regelrechte(n) Einbruch in dem Bereich, der mich weit mehr als Jungvolk oder Hitlerjugend oder katholische Kirche interessierte. Das wirkte nach. Es wirkte in dem Sinne nach, daß ich hier ein Vorwissen hatte, viel stärker als in der Literatur.“[2] Er war nicht nur ein besessener Leser, sondern schrieb ab dem zwölften Lebensjahr auch selbst Gedichte und Erzählungen und beteiligte sich zum Beispiel – allerdings erfolglos – mit einem Text an einem Erzählwettbewerb einer Zeitschrift der Hitlerjugend. Sehr früh stand für ihn fest, Künstler zu werden, und er fand in seiner Mutter, die selbst künstlerische Neigungen hatte, viel las und ins Theater ging, eine Fürsprecherin, während sich der Vater ablehnend verhielt.

Wie viele seiner Altersgenossen trat Grass freiwillig in die Jugendorganisation der NSDAP ein; Wanderungen, Zeltlager, Geländespiele oder Lagerfeuer des „Jungvolks“ begeisterten ihn, weil sie der Abenteuerlust der Zehn- bis Vierzehnjährigen entgegenkamen; die Hitlerjugend, in der die 14- bis 18-Jährigen organisiert waren, hat er wegen der größeren Nähe zur NSDAP in weniger guter Erinnerung. Als 15-Jähriger wurde er Luftwaffenhelfer, 1944 leistete er ein Vierteljahr Arbeitsdienst. Im September desselben Jahres ließ er sich ‒ noch nicht 17 Jahre alt ‒ von der SS anwerben und diente bis zu seiner Verwundung im Frühjahr 1945 als Panzerschütze und Panzergrenadier in der SS-Division Frundsberg. Mit den jugendlichen Soldaten, die nur mangelhaft vorbereitet, aber in der Regel davon überzeugt waren, Deutschland verteidigen zu müssen, füllte die Wehrmacht die Reste anderer Truppenverbände auf, die die Aufgabe hatte, eine sich bereits klar abzeichnende militärische Niederlage Deutschlands doch noch zu verhindern. Über seine ersten Fronterfahrungen berichtet Grass: „Nach mehrtägigem, sinnlos anmutendem Hin und Her, schließlich nach Absetzbewegungen geriet die gesamte Kompanie unter Beschuß einer sowjetischen Werferbatterie, auch Stalinorgel genannt. Die Kompanie – Sturmgeschütze und Panzergrenadiere – hatte in einem Jungwald, so hieß es, Bereitstellung bezogen. Der sowjetische Beschuß mag drei Minuten gedauert haben. Danach war über die Hälfte der Kompanie tot, zerfetzt, verstümmelt. Die meisten Toten, die Zerfetzten, Verstümmelten waren wie ich siebzehn Jahre alt.“[3] Noch mehrmals überstand er ähnlich gefährliche Situationen. Schließlich geriet er zusammen mit einem Flüchtlingstreck während einer Essensausgabe in ein Gefecht zwischen russischen Panzern und deutschen Sturmgeschützen und wurde verwundet. Ein Streifschuss am Bein und Granatsplitter in der Schulter bedeuteten das Ende seines Kriegseinsatzes. Er wurde nach Marienbad, wo die Nazis riesige Lazarette eingerichtet hatten, verlegt und kam dort in amerikanische Gefangenschaft. Nachdem er mehrere Lager, in denen zum Teil weit über 100 000 deutsche Kriegsgefangene zusammengepfercht waren, durchlaufen und an einem Umerziehungsprogramm, das zum Beispiel einen Besuch des Konzentrationslagers Dachau einschloss, teilgenommen hatte, wurde er, weil er Köln, den Wohnort eines Mitgefangenen, als Heimatadresse angegeben hatte, in die englische Besatzungszone entlassen.

Die Daten eines bzw. seines noch so jungen Lebens – so Grass in einer Rede im Jahr 1967 – „besagten viel in einer Zeit, die zielstrebig den einen Jahrgang dezimierte, den nächsten schuldig werden ließ, einen anderen Jahrgang aussparte. Mein Geburtsjahr sagt: Ich war zu jung, um ein Nazi gewesen zu sein, aber alt genug, um von einem System, das von 1933 bis 1945 die Welt zuerst in Staunen, dann in Schrecken versetzte, mitgeprägt zu werden. Es spricht also zu Ihnen weder ein bewährter Antifaschist noch ein ehemaliger Nationalsozialist, eher das Zufallsprodukt eines halbwegs zu früh geborenen und halbwegs zu spät infizierten Jahrgangs. Ohne Verdienste unbelastet, wuchs ich in eine Nachkriegszeit hinein […]“[4] In einem anderen Zusammenhang spricht er 1979 von dem „fragwürdige(n) Glück, dem ‚richtigen Jahrgang‘ anzugehören“, und bekennt: „Doch schon die Frage: Wenn du aber älter gewesen wärest? ließ keine eindeutige Antwort zu. Ich konnte für mich nicht garantieren. Der nachgeholte Antinazismus meiner Generation blieb, weil gefahrlos, unverbindlich. Es war mir nicht möglich, mich, wäre ich nur lächerliche fünf oder sieben Jahre älter gewesen, von der Teilnahme an dem großen Verbrechen auszuschließen, zumal mich (mit wachsender zeitlicher Distanz immer häufiger) Angstträume belasteten, in denen ich mich versagend, schuldig erlebte. Die Grenzen zwischen tatsächlicher und möglicher Tat und Untat verwischten sich.“[5]

Grass hatte sich zunächst gegen die Umerziehungsmaßnahmen der Sieger gesperrt; er weigerte sich zu glauben, was über die deutschen Verbrechen vor allem in den Konzentrationslagern bekannt wurde; selbst Fotografien vermochten seine Überzeugung, dass Deutsche nicht zu derartigen Verbrechen fähig seien, nicht zu erschüttern. Erst als der ehemalige Reichsführer der HJ, von Schirach, im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess die deutschen Gräueltaten öffentlich eingestand, war der junge Mann, der als Angehöriger des Geburtsjahrgangs 1927 von seinem sechsten Lebensjahr an der nationalsozialistischen Erziehung und Indoktrination ausgesetzt worden war, bereit anzuerkennen, dass sein Idealismus fehlgeleitet und missbraucht worden war. „Jetzt erst, und Jahre später in immer erschreckenderem Maße, begriff ich, welch unfaßliche Verbrechen im Namen der Zukunft meiner Generation begangen worden waren. Als Neunzehnjähriger begann ich zu ahnen, welch eine Schuld unser Volk wissend und unwissend angehäuft hatte, welche Last und Verantwortung meine und die folgende Generation zu tragen haben würde. Ich begann zu arbeiten, zu lernen und mein Mißtrauen einer sich schon wieder harmlos gebenden kleinbürgerlichen Welt gegenüber zu schärfen.“[6]

Grass arbeitet nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft zunächst bei einem Bauern im Bergischen Land, folgte einem Freund ins Saarland, wohnte schließlich in Göttingen bei den Eltern eines ehemaligen Danziger Klassenkameraden. Der Versuch, erneut die Schule zu besuchen, scheiterte kläglich. „Zwei Unterrichtsstunden habe ich mitgemacht; eine Lateinstunde, und die war, wie Latein ist, die zweite war eine Geschichtsstunde. Der Geschichtslehrer kam rein, ein kleiner, drahtiger Mann, ging in der Klasse zweimal auf und ab und sagte: ‘Wo waren wir stehengeblieben? Bei der Emser Depesche.‘ Und das war für mich ein ungeheuerlicher Satz, denn als für mich mit Fünfzehn der Schulunterricht aufgehört hatte, war das auch Bismarcks Emser Depesche gewesen. Ich bin aufgestanden und rausgegangen.“[7] Anschließend arbeitete Grass ein Jahr lang im Kalibergbau. In 850 Metern Tiefe koppelte er Loren aneinander und begleitete die von ihm zusammengestellten Züge auf einer 20 km langen Fahrt durch das Bergwerk. Als er über Suchlisten des Roten Kreuz erfuhr, dass seine Eltern noch am Leben waren, und es ihm gelang, ihre Adresse ausfindig zu machen, gab er seine Arbeit auf und reiste zu seiner aus Danzig vertriebenen und ins Rheinland umgesiedelten Familie, die in der Futterküche eines Großbauern hauste. Schon bald brachen die Spannungen zwischen Sohn und Vater wieder auf: Grass widersetzte sich dem Wunsch des Vaters, das Abitur nachzumachen oder wenigstens eine Lehre als Bürokaufmann zu beginnen; er bestand auf der Einlösung seines Jugendtraumes, Künstler zu werden. Sein erster Versuch, sich in der Düsseldorfer Kunstakademie einzuschreiben, scheiterte, weil die Akademie wegen Kohlemangels noch geschlossen war. Grass folgte dem Rat eines Professors und begann in einem Grabsteingeschäft eine Lehre als Steinmetz und Steinbildhauer, die er schon 1948 erfolgreich abschloss. Während seiner Lehre wohnte er in einem Wohnheim der Caritas, das Nichtsesshaften, Alten und Lehrlingen als Obdach diente. Anregungen der Patres, eine gut bestückte Bibliothek und vielerlei Gelegenheiten zu zeichnerischen Studien waren die positiven Seiten einer schwierigen Wohnsituation.

Im Wintersemester 1948/49 nahm Grass das Studium der Bildhauerei und Grafik auf. Mit Hilfe eines Stipendiums von 50, später 60 DM und dem Geld, das er mit Gelegenheitsarbeiten verdiente – u.a. dekorierte er Schaufenster, half beim Bau von Wagen für Rosenmontagsumzüge, arbeitete als Steinmetzgeselle –, bestritt er seinen Lebensunterhalt. Grass genoss die Freiheiten, die sich nach dem Ende des Dritten Reiches auftaten: Er besuchte bekannte Theateraufführungen und Kunstausstellungen mit Werken berühmter Künstler der Moderne (Picasso, Chagall, Moore) und reiste per Anhalter 1951 mehrere Monate durch Italien, 1952 durch Frankreich, wobei die Reisen nicht vorrangig touristisch waren, sondern Bildungscharakter hatten. Grass erinnert sich: „Ich lebte von nichts, zeichnete auf Packpapier und schrieb ununterbrochen: Sprache hatte mich als Durchfall erwischt.“[8]

1952 setzte Grass sein Kunststudium in Berlin fort. Während die Jury des Künstlerbundes seine Zeichnungen als zu gegenständlich ablehnte, präsentierte eine private Galerie in Stuttgart 1955 seine Zeichnungen und Skulpturen in einer größeren und überregional beachteten Ausstellung.

Der literarische Erfolg wurde eher durch einen Zufall angestoßen: Seine Frau Anna, eine Schweizerin aus wohlhabender Familie, mit der er seit 1954 verheiratet war, und seine Schwester hatten einige seiner Gedichte beim Süddeutschen Rundfunk eingereicht; Grass gewann den dritten Preis des Lyrikwettbewerbs und erhielt eine Einladung zum Treffen der berühmten Gruppe 47, eines losen Zusammenschlusses von Autoren, die über Jahrzehnte hinweg das literarische Leben Nachkriegsdeutschlands bestimmten. Grass durfte vorlesen und machte Eindruck. 1956 erschien sein erstes Buch, der Gedichtband Die Vorzüge der Windhühner, den Grass auch mit zahlreichen Zeichnungen ausstattete. ‚„Während in den Jahren zuvor Zeichnen und Schreiben verschiedene Wege gingen, durften sich nun zum ersten Mal beide Disziplinen in phantastischer Gegenständlichkeit üben; sie lebten von einer Tinte.‘“[9] Grass schrieb weiterhin Gedichte, daneben Einakter und Theaterszenen.

1956 wurde Grass zum Meisterschüler ernannt, was den offiziellen Abschluss seines Studiums bedeutete.

Im gleichen Jahr siedelte Grass mit seiner Frau, einer angehenden Balletttänzerin, nach Paris über, wo der Gymnasiast, der ohne Abschluss geblieben war, gewissermaßen seine künstlerisch-literarischen Lehrjahre absolvierte, vielfältige Anregungen empfing und durch so bekannte Persönlichkeiten wie Schallück, Celan und Höllerer gefördert und in seinem Plan, einen großen Roman zu schreiben, bestärkt wurde. In Paris entstand Die Blechtrommel, die ihn mit einem Schlage weltberühmt machen sollte und die die deutsche Nachkriegsliteratur radikal veränderte. Ich-Erzähler dieses Romans ist Oskar Matzerath, der als Dreijähriger sein Wachstum einstellt und aus der Perspektive des klugen Kindes vom kleinbürgerlichen Alltag seiner Familie in Danzig, vom Aufstieg der Nationalsozialisten, vom Überfall Deutschlands auf Polen, vom Krieg und von der Niederlage Deutschlands erzählt. Oskar verfügt über die Fähigkeit, Glas zu zersingen, und ist im Besitz einer Blechtrommel. Nach Beendigung des Krieges wächst der kleinwüchsige Oskar auf 1,22 Meter, arbeitet unter anderem als Steinmetz und Schlagzeuger einer Band und wird, unter Mordverdacht stehend, in eine Düsseldorfer Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen. Dort schreibt er als noch nicht Dreißigjähriger seine Lebensgeschichte auf.

Nach einer Lesung aus seinem Manuskript erhielt Grass 1958 den Preis der Gruppe‍ 47, der Roman selbst erschien 1959 und rief neben begeisterter Zustimmung auch wütende Proteste hervor. Man bezeichnete ihn als nihilistisch, pornografisch, blasphemisch; eine Jury zum Beispiel erkannte Grass den angesehenen Bremer Literaturpreis zu, der zustimmungsberechtige Bremer Senat lehnte ab.

1969 kehrte die inzwischen vierköpfige Familie – seine Frau hatte 1957 Zwillinge geboren – nach Berlin zurück.

1961 erschien die Novelle Katz und Maus – sie wurde fünf Jahre später verfilmt –, 1963 der umfangreiche Roman Hundejahre. Weil das Danzig der Vorkriegs- und Kriegszeit erneut der Ort der Handlung ist und weil Personen der beiden vorausgegangenen Prosawerke teils am Rande, teils als Hauptgestalten wieder auftauchen, fasst man die drei ersten Prosaveröffentlichungen als Danziger Trilogie zusammen. Hundejahre besteht aus drei Teilen, die jeweils eigene Erzähler haben, die sich zur selben Zeit bemühen, Beiträge für die Festschrift einer Vogelscheuchenfabrik zu liefern. Im ersten Teil erzählt der Besitzer der Fabrik, Brauxel, der früher Eddi Amsel hieß und zwischenzeitlich viele Namen trug, von der nicht spannungsfreien Freundschaft zwischen den 1917 geborenen Jungen Walter Matern und Eddi Amsel, einem Halbjuden; beide stammen aus Weichseldörfern, gehen später nach Danzig und besuchen als Internatsschüler das Gymnasium Conradinum. Der zweite Teil wird von dem 1927 geborenen Hans Liebenau erzählt, dessen Vater eine Tischlerei in Danzig-Langfuhr besaß; er wählt die Form von Liebesbriefen, die an seine gleichaltrige Cousine Tulla Prokriefke adressiert sind. Sie enthalten auch Informationen über den weiteren Werdegang von Amsel und Matern und geben umfassenden Einblick in das kleinbürgerliche Milieu Danzigs zur Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges. Im dritten Teil fungiert der Müllersohn und Schauspieler Walter Matern als Erzähler; er berichtet von seinen Erlebnissen in der westdeutschen Nachkriegswelt und liefert eine Art Wirtschaftswundersatire.

Grass verknüpft die Welt der Danziger Kleinbürger mit der großen Politik dadurch, dass er die Geschichte einer Schäferhundfamilie einflicht, die aus der Weichselgegend stammt, deren letzter Abkömmling Hitlers Lieblingshund Prinz ist, der bis zum Kriegsende an Hitlers Seite bleibt und sich danach an die Fersen von Walter Matern heftet. Der Hundestammbaum trägt darüber hinaus ebenso wie die Biografien von Amsel und Matern und das Motiv der Vogelscheuchen dazu bei, dass die Teile intensiver verflochten werden und das Fehlen einer zentralen Erzählerfigur weniger stark ins Gewicht fällt.

Mit seiner Danziger Trilogie erlangte Grass Weltruhm. „Die von Grass konzeptuell angestrebte Verbindung des schlechthin Phantastischen mit dem höchsten Realismus, des gewagten artistischen Spiels mit dem blutigen Ernst des zwanzigsten Jahrhunderts erwies sich nicht nur für die deutsche Literatur als innovativ, sondern auch im Weltmaßstab; die Präsentation der Weltgeschichte als blutig-komische Farce traf mit verwandten Tendenzen bei Grass‘ Generationsgenossen […] zusammen. Und es war ein junger Deutscher, der so schonungslos die Verbrechen seines Volkes im Dritten Reich und im Krieg sowie ihre Verdrängung im ‚Biedermeier‘ der Nachkriegszeit beim Namen nannte […].“[10]

Grass stand der Nachkriegsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, dem so genannten Wirtschaftswunder und den restaurativen Tendenzen, zweifelnd und ablehnend gegenüber, ohne dass sich diese Haltung zunächst in einem nachdrücklichen politischen Protest manifestiert hätte. Allerdings trat er frühzeitig der damals verbreiteten Tendenz entgegen, den Nationalsozialismus im Nachhinein als etwas absolut Dämonisches hinzustellen, weil er darin den Versuch sah, die Nachkriegsbiografien aus ihrem Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus zu lösen, die Ereignisse im Dritten Reich zu verdrängen und eine Auseinandersetzung mit der politischen Vergangenheit zu vermeiden. Die Danziger Trilogie kann auch als Versuch gesehen werden, einer Dämonisierung literarisch entgegenzuwirken. Aber erst zu Beginn der 60er-Jahre brachte Grass seine Kritik in die öffentliche Diskussion ein, sein politisches Engagement fiel zusammen mit einer allgemeinen Politisierung. Die Jahre bis 1973 waren durch seine Stellungnahmen zu politischen, auch tagespolitischen Fragen und durch seinen intensiven (Wahlkampf-)Einsatz für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands bestimmt.

Anders als viele Schriftsteller, die in ihrer Opposition gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse radikale Lösungen anstrebten und außerparlamentarische Formen des Widerstands bevorzugten, lehnte Grass revolutionäre Bestrebungen ab, war erklärter Gegner jeglicher Ideologie und ein unerbittlicher Kritiker kommunistischer Dogmen, stand Utopien ablehnend gegenüber und verurteilte alle Formen von Gewalt. „Was ich nicht mag: Leute, die mit dem Wort ‚scharf‘ bewaffnet sind. (Wer nicht denkt, sondern scharf denkt, der greift auch scharf durch.) Ich mag keine bigotten Katholiken und keine strenggläubigen Atheisten. Ich mag keine Leute, die zum Nutzen der Menschheit die Banane gradebiegen wollen. Widerlich ist mir jeder, der subjektives Unrecht in objektives Recht umzuschwin-deln versteht. Ich fürchte alle, die mich bekehren wollen.“[11] Grass bekannte sich immer zu allmählichen Veränderungen. Zu Zeiten der Studentenunruhen saß Grass zwischen vielen Stühlen. Die politische Rechte sah in ihm einen „rot angehauchten Modeschriftsteller“ oder den „Dichter mit der Dreckschleuder“, die politische Linke verübelte ihm seine Distanz zur Studentenbewegung und sein konsequentes Eintreten für den Reformprozess im Rahmen der parlamentarischen Demokratie.

1973 zog sich Grass weitgehend aus der Tagespolitik zurück und orientierte sich verstärkt auf seine ursprünglichen Berufe, die des Schriftstellers und des Grafikers. Als seine Ehe scheiterte – zur Familie gehörten vier Kinder –, kaufte er im schleswig-holsteinischen Wewelsfleth ein historisches Fachwerkaus und lebte abwechselnd dort und in Berlin. Er ist Vater zweier weiterer Kinder, die aus unterschiedlichen Beziehungen stammen. 1976 lernte er seine spätere Frau Ute kennen.

Auch während seiner Zeit des direkten politischen Engagements hat Grass künstlerisch gearbeitet. 1969 erschienen das Schauspiel Davor und der Roman Örtlich betäubt, der vor allem in den USA sehr erfolgreich war. 1972 folgte Aus dem Tagebuch einer Schnecke, ein Buch, in dem Grass seinen Kindern von der Danziger Vergangenheit und von seinen Wahlkämpfen erzählt und dabei seine politischen Erfahrungen reflektiert, wobei er „deutsche Gegenwart noch immer im Durchblick auf die Nazi-Geschichte (behandelt)“[12]. Grass bietet seinen Stoff fast unverhüllt autobiografisch dar, Autor und Erzähler sind weitgehend identisch. Der Gedichtband Mit Sophie in die Pilze gegangen und der Bildband Mariazuehren datieren aus dieser Zeit.

Zu seinem 50. Geburtstag im Jahre 1977 legte Grass mit Der Butt den von vielen lange erwarteten Großroman vor. „Die Gesamtkonstruktion des Romans ist […] auf drei Ebenen abgewickelt: Erstens ist da die […] Beziehung zwischen gegenwärtigem Erzähler und Ilsebill, die sich über ‚neun Monate‘ einer Schwangerschaft hinzieht. Zweitens gibt es das feministische Tribunal, gebildet von einem Kranz gelehrter und für die Frauensache engagierter Damen. Drittens entsteht eine, wie man sagen darf, mittlere Ebene, eine Galerie von neun (eigentlich elf, da im ‚ersten Monat‘ an sich drei Gestalten abgehandelt werden) Köchinnen von der Steinzeit bis zur Gegenwart. Am Beispiel dieser Köchinnen verhandelt nun das feministische Tribunal gegen den Butt, um jeweils die unselige antiweibliche Beratungstätigkeit des Fisches über die ganze Historie hinweg ans Licht zu bringen. Auf dieser Ebene geht es also um die thematische Hauptlinie des Romans: Niederhaltung der Männer im Matriarchat, Umschwung zur Männerherrschaft aufgrund der Beratung durch den Butt und damit verbunden die Unterdrückung der Frau, zuletzt – ironisch angedeutet – neuerliche Weltwende zurück zur weiblichen Dominanz. Der große Mittelabschnitt des männlichen Zeitalters gibt Gelegenheit, die nie recht beachtete Geschichte des Kochens und Ernährens darzustellen als Gegenentwurf zur Männerhistorie der so genannten ‚großen‘ Individuen und ereignisgeschichtlichen Staatsaktionen.“[13] Aus den Einkünften des Romans stiftete Grass den mit 200 000 DM ausgestatteten Alfred-Döblin-Preis.

Der Film Die Blechtrommel – Regie führte Volker Schlöndorff – kam 1979 in die Kinos, wurde einer der erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilme und erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. die Goldene Palme des Festivals von Cannes und den Oscar für den besten fremdsprachigen Film. Grass veröffentlichte im gleichen Jahr Das Treffen von Telgte und ein Jahr später Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus, die Geschichte eines Lehrerehepaars, das unter dem Eindruck einer fragwürdigen Welt mit sich ringt, ob es ein Kind haben will.

Seine in den Achtzigerjahren zu beobachtende Radikalisierung in politischen Fragen war auch ein Reflex auf den weltweiten Siegeszug konservativer Grundströmungen, etwa auf die Präsidentschaft Reagans in den USA und die Kanzlerschaft Kohls in der BRD. Obwohl Grass 1982 in die SPD eingetreten war, schloss er sich zum ersten Mal der außerparlamentarischen Opposition an, um eine Nachrüstung mit Raketen als Erstschlagwaffen auf dem Boden der Bundesrepublik zu verhindern. 1983 gehörte er zu den Mitunterzeichnern der Heilbronner Erklärung, in der Schriftsteller, Künstler, Militärs und Politiker zur Kriegsdienstverweigerung aufriefen. Die polnische Gewerkschaft Solidarnosc und das Revolutionsregime der Sandinisten in Nicaragua galten ihm als Erfolg versprechende Bewegungen für einen Dritten Weg jenseits der kapitalistischen und kommunistischen Blöcke und Ideologien.

1984 gab Grass sein Domizil in Wewelsfleth auf, schenkte das Haus der Stadt Berlin und zog zunächst nach Hamburg, später nach Behlendorf in Schleswig-Holstein.

Der Großroman Die Rättin, 1986 erschienen, thematisiert in einer komplizierten Erzählstruktur die Bedrohung der Menschheit durch Kriege, atomare Gefahren, Umweltverschmutzung, Hunger und die Unfähigkeit der Menschen, auf die sich anbahnende Katastrophe angemessen zu reagieren. Auch diesmal stiftete der Schriftsteller aus den Tantiemen seines Buches, das von einem Teil der Literaturkritik ablehnend aufgenommen worden war, sich aber dennoch gut verkaufte, einen Preis für polnische Grafiker, der nach dem Danziger Daniel Chodowiecki benannt ist.

Noch im gleichen Jahr unternahm Grass zusammen mit seiner Frau eine Art Bildungsreise nach Indien, das er bereits 1975 und 1978 besucht hatte. Der Aufenthalt in Kalkutta dauerte von September 1986 bis Januar 1987. Das Studium der Probleme der Dritten Welt aus nächster Nähe schlug sich in seinem Buch Zunge zeigen nieder, das Prosa, Lyrik und Zeichnungen miteinander verschränkt.

1989 trat Grass nach über 20-jähriger Mitgliedschaft aus der Berliner Akademie der Künste aus, deren Präsident er von 1983 bis 1986 gewesen war, weil ihm deren Solidarität mit dem Schriftsteller Salman Rushdie – er wurde von einem iranischen Todesurteil bedroht und galt als vogelfrei – unzureichend erschien. (1998 kehrte er nach einer Solidaritätskundgebung der Akademie für Rushdie zurück.) 1992 verließ er die SPD wegen deren Zustimmung zu restriktiven Asylgesetzen.

Das Erscheinen des Romans Ein weites Feld (1995), in dem der Autor die Zeit zwischen Zusammenbruch der DDR und Wiedervereinigung thematisiert und dabei sehr ausführlich und mit wiederum vielschichtiger Erzähltechnik auf das Leben und Werk des Dichters Fontane und wichtige Ereignisse deutscher Vergangenheit zurückgreift, geriet zum Medienspektakel, weil die Mehrzahl der führenden deutschen Literaturkritiker das Werk öffentlichkeitswirksam verriss, teilweise wegen vermeintlicher literarischer Schwächen, teilweise aber auch wegen der politischen Positionen, wobei oft nicht zwischen Rollenerzähler(n) und Autor unterschieden wurde.

1997 erschien mit Fundsachen für Nichtleser ein Zyklus von Aquarellen und ihnen zugeordneten Gedichten, die sehr Konkretes und Alltägliches zur Anschauung bringen. In ähnlicher Aufmachung folgte 1999 der Band Mein Jahrhundert, eine Sammlung von kurzen chronologisch angeordneten Prosatexten, die jeweils ein Jahr des 20. Jahrhunderts repräsentieren und aus der Sicht von Jahr zu Jahr wechselnder Erzähler dargeboten werden.

Die Veröffentlichungen im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts können als Grass‘ Alterswerk bezeichnet werden. Es sind neben Gedichtbänden wie Letzte Tänze (2003) und Dummer August (2007) und der Novelle Im Krebsgang (2002), in der er den Untergang des Flüchtlingsschiffes „Wilhelm Gustloff“ kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Geschichte des jugendlichen Neo-Nazis Konny verknüpft, vor allem drei autobiografische Bücher. ‒ In Beim Häuten der Zwiebel (2006) erzählt Grass von seiner Kindheit und Jugend in Danzig, den kleinbürgerlichen Familienverhältnissen, in denen er aufwuchs, der familiären und schulischen Erziehung im Sinne nationalsozialistischen Gedankenguts und spannt den Bogen von der Vorkriegszeit bis zum Ende der Vierzigerjahre, als er sich als Student an der Kunstakademie in Düsseldorf einschreiben konnte. Das Buch endet mit den Fünfzigerjahren. In diese Zeit fallen die ersten Gedichtveröffentlichungen, die Einladung zur einflussreichen Gruppe 47 und schließlich die Veröffentlichung des großen Romans Die Blechtrommel. Die Autobiografie erregte vor allem deshalb die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, weil Günter Grass darin zum ersten Mal von seiner SS-Zugehörigkeit schrieb. Ein Teil der Leser und Kritiker sah in dem späten Eingeständnis ein Versäumnis des Schriftstellers Grass, der jahrzehntelang als Kritiker derjenigen aufgetreten war, die die Zeit des Nationalsozialismus nicht wirklich verarbeitet hatten und unbelehrbar schienen. Andere zeigten Verständnis für die späte Enthüllung der Wahrheit, für die der Autor nach eigenen Worten erst mit seinem Zwiebel -Buch den passenden Zeitpunkt gekommen sah und die angemessene literarische Form gefunden hatte.

Die „Dunkelkammergeschichten“ der Box (2008) handeln von Familien- und Ehegeschichten, Lebensräumen in Berlin und nahe der Ostsee und von Figuren und Ereignissen früherer Romane des Autors. Im Mittelpunkt der Geschichten und Anekdoten steht immer wieder Marie, die Fotografin, die mit ihrer ältlichen Fotobox nicht nur Bilder, sondern auch Figuren, Schauplätze und Ereignisse vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte im wahren Sinne des Wortes hervorzaubert und „ins Bild bringt“.

Grimms Wörter (2010) verknüpft die Geschichte der Entstehung des Deutschen Wörterbuchs und die politischen Verhältnisse der Jahrzehnte vor und nach 1850, die auch das Leben der beiden Brüder entscheidend bestimmten, mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in der Bundesrepublik Deutschland. In den Anekdoten, Abschweifungen, Episoden und kleinen Geschichten ist immer der Autor Grass präsent. Sein eigentliches Anliegen mit dem Buch wird von dessen Untertitel ausgedrückt. Denn zuerst ist es eine „Liebeserklärung“ an die deutsche Sprache und an die Grimms, die diese Sprache mit ungeheurem Fleiß, bewundernswerter Zähigkeit und beispiellosem literarischen und sprachgeschichtlichen Wissen in ihrem Wörterbuch in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt haben. Grass tritt in diesem Buch noch einmal als großer Sprachzauberer auf. Er lässt sich von Wörtern „verführen“, lässt seiner Fantasie zum Wörtererfinden und Sätzeschmieden freien Lauf und zeigt sich als beeindruckender Erzähler und Fabulierer.

Grass hat viele in- und ausländische Auszeichnungen erhalten, u. a.: Georg-Büchner-Preis (1965), Fontane-Preis (1968), Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (1994), Karl-Capek-Preis (Tschechien – 1994), Sonning-Preis (Dänemark 1996), Ernst-Toller-Preis (2007). Ihm wurde die Ehrendoktorwürde zum Beispiel der Harvard University, USA, der Universitäten Poznan (1990) und Danzig (1993) und der Freien Universität Berlin (2005) verliehen. Er ist Ehrenbürger der Stadt Danzig (1993). Er hat Dozenturen für Poetik an den Universitäten Frankfurt a. M. (1990) und Tübingen (1999) wahrgenommen. Der Höhepunkt aller Auszeichnungen aber war die Verleihung des Nobelpreises für Literatur im Jahre 1999.

INTERPRETATION

„... und einmal“ ‒ so beginnt die Novelle Katz und Maus von Günter Grass, die, 1961 veröffentlicht, zusammen mit den Romanen Die Blechtrommel (1959) und Hundejahre (1963) zur sogenannten Danziger Trilogie gehört. Die Anfangsworte mit den Auslassungspunkten weisen auf eine Geschichte hin, die aus der Erinnerung in Ausschnitten und Episodenform erzählt wird. Ein Ich-Erzähler berichtet aus einer zeitlichen Distanz von fünfzehn und mehr Jahren über Erlebnisse und Ereignisse, die ihn selbst als Jugendlichen, vor allem aber seinen damaligen Freund Joachim Mahlke betreffen. Ort der Handlung ist das Danzig der späten Dreißiger- und frühen Vierzigerjahre.

Der Erzähler Pilenz ist auffällig präsent: durch die episodenhafte, gleichzeitig aber auch weitgehend chronologische Art der Darstellung, durch Informationen, die er dem Leser über sich selbst und die anderen Figuren der Geschichte gibt, mehr noch durch das, was er nur andeutet, im Zwielicht lässt oder ganz verschweigt.[14] Er ist nicht nur Mitglied der Clique, zu der auch Mahlke gehört, sondern er ist auch in besonderer Weise mit Mahlke verbunden: Ist er es doch, der – die Eingangsszene bekommt in der Novelle eine leitmotivische Funktion - während der Pause eines Schlagballspiels eine Katze dazu bringt, den übergroßen Adamsapfel des im Gras liegenden Mahlke wie eine Maus anzuspringen, sodass Mahlke vor Schreck aufschreit. Der eher unbedeutende Vorfall, ein Jungenstreich, wird – darauf weist der Erzähler immer wieder hin – zum Auslöser von Handlungen und Ereignissen, die Mahlkes Leben in den folgenden Jahren entscheidend bestimmen. Formulierungen bereits im zweiten Abschnitt der Novelle wie „Ich aber […] muß nun schreiben“ oder „Selbst wären wir beide erfunden, ich müßte dennoch“ und „Der uns erfand […] zwingt mich, wieder und wieder Deinen Adamsapfel in die Hand zu nehmen [...]“ zeigen, dass Pilenz' Niederschrift zu einem Rechenschaftsbericht auch über die eigene Verwicklung und Verstrickung in Mahlkes Leben und dessen Verschwinden am Ende wird.

Mahlke ist zweifellos die Hauptperson der Geschichte. Er ist mit Eigenschaften und Fähigkeiten ausgestattet, die ihn für die Freunde, besonders für Pilenz, zu einem Helden machen. Pilenz gibt ihm den Namen „Der Große Mahllke“. Es ist ein Titel, der offenbar so sehr Mahlkes herausgehobene Stellung im Kreis der Freunde trifft, dass ihn bald auch die anderen so nennen. Sein Weg zum „Großen Mahlke“ wird in vielen Episoden, die schlaglichtartig seinen Charakter beleuchten, entwickelt. Pilenz ist dabei eher bloßer Zuschauer und Mitläufer, in einigen Fällen allerdings, besonders bei den entscheidenden Ereignissen am Anfang und am Ende der Novelle, mehr als nur Beobachter, vielmehr jemand, der durch sein Verhalten für das, was Mahlke tut und was ihm zustößt, mitverantwortlich wird.

Die Entwicklung des Protagonisten zum „Großen Mahlke“ ist ungewöhnlich. Mahlke ist zunächst ein unscheinbarer, etwas kränkelnder, jedenfalls keineswegs sportlicher Junge, der ‒ so Pilenz' Erinnerung – eine „komische Figur“ abgibt und von den Gleichaltrigen eher gemieden denn als Freund und Mitspieler gesucht wird. Mit seiner Mutter und Tante wohnt er in einem Reihenhaus in einer Vorstadtsiedlung Danzigs. Da der Vater, ein ehemaliger Lokomotivführer, tödlich verunglückte, fällt Mahlke in seiner Familie die Rolle des männlichen Familienvorstands zu. Die insgesamt kleinbürgerlichen Lebensumstände deuten nicht darauf hin, dass der junge Mahlke einen Weg gehen wird, der ihn über den Durchschnitt heraushebt.

Und dennoch nimmt Joachim Mahlke eine Entwicklung, die ihn zum Ersten seines Freundeskreises und zum bewunderten Beobachtungsobjekt des Erzählers Pilenz macht. Grass gibt, wenn man von der Katz-und-Maus-Episode am Beginn der Novelle absieht, die andeutet, dass alles, was über den „Großen Mahlke“ berichtet wird, als Kompensation des übergroßen Adamsapfels interpretiert werden kann, wenige Hinweise, die die Wandlung vom unscheinbaren zum im positiven Sinn auffälligen Mahlke erklären. Auf dessen ständiges Bemühen, die Aufmerksamkeit von seinem „Knorpel“ wegzulenken, wird allerdings in zahlreichen Erzählerkommentaren hingewiesen, zum Beispiel durch Sätze wie „Ein Schraubenzieher hing ihm unter der Gurgel und lenkte von seiner Gurgel ab.“ Im Laufe der Geschichte wird der Schraubenzieher ergänzt durch ein an Schnürsenkeln hängendes Madonnenbild, durch Puscheln und schließlich, als Höhepunkt der Mahlke’schen Verdeckungs- und Verdrängungsversuche, durch das Ritterkreuz, das Mahlke einem Kapitänleutnant stiehlt. Die Ablenkung vom Adamsapfel, dem „fatalen Knorpel“, wird zu einem Motiv, das sich als roter Faden durch die Novelle zieht, die verschiedenen episodenhaften Geschichten verbindet, für Mahlkes immer wieder auffälliges Verhalten Erklärungen liefert und ihn für die anderen zum „Großen Mahlke“ macht.

Die Größe Mahlkes liegt für den Erzähler zunächst in dessen sportlicher Leistung. Die Freunde verbringen viele Sommernachmittage auf dem Wrack eines Kriegsschiffes, das in der Bucht vor Danzig liegt und gerade noch schwimmend erreicht werden kann. Die Geschichten der Freunde über das Bootswrack stacheln Mahlkes Ehrgeiz an: Er erlernt in kürzester Zeit das Schwimmen und Tauchen, um mit den anderen mithalten zu können, und schlägt die Freunde bald im Wettschwimmen hinaus zum Wrack. Mahlkes Schwimmleistung wird vom Erzähler Pilenz bewundernd hervorgehoben: „Er mochte noch so ausgepumpt sein, immer war er eine deutliche Minute vor uns auf dem Molengranit. Den Vorsprung des ersten Tages hielt er auch weiterhin.“

Aber auch auf dem Boot „schlägt“ Mahlke die anderen. Er taucht tiefer und länger in den Schiffsrumpf, holt alle möglichen Gegenstände („Deckel, Verschalungsteile, ein Stück von der Lichtmaschine“), vor allem auch Schraubenzieher und Amulette, die seine Gurgel bedecken sollen, von unten auf das Deck herauf und „stand vom ersten Tag an groß da“. Mahlke gelingt es als Einzigem, durch den Wrackrumpf zur über das Deck hinausragenden Funkerkabine durchzutauchen und sich dort einzurichten. Der Erzähler vermutet, Mahlke habe den Raum „in ein Marienkapellchen“ verwandelt. Nur Mahlke ist in der Lage, diesen Raum, seinen Raum, zu erreichen. Es ist ihm so möglich, auf dem Bootsdeck „anwesend“ zu sein, da er aus der Funkerkabine heraus hören kann, worüber die Freunde sprechen, und gleichzeitig zu ihnen Distanz zu halten. Die Tauchleistung, die von den anderen respektvoll anerkannt wird, verhilft Mahlke zu Nähe und Absonderung gleichermaßen. Das aber ist es offensichtlich, was ihm eine zwar unausgesprochene, jedoch allseits akzeptierte Führerschaft unter den Freunden sichert. Mahlke ist einer von ihnen und nimmt an ihren Spielen teil. Gleichzeitig separiert er sich aufgrund besonderer Leistungen und eines Verhaltens, das den Gleichaltrigen imponiert. Bewunderung erfährt er für seine Überlegenheit in allem, was ihnen wichtig erscheint, zum Beispiel in der Kenntnis der Namen von Schiffen und U-Booten. Aber auch seine sexuelle Protzerei, von der in der Tulla-Episode auf ironich-komische Art berichtet wird, ist dafür ein Beispiel ebenso wie die verschiedenen Abdeckungen der auffälligen Gurgel. Die Freunde spüren, dass Mahlke den Mut hat, sich Gruppenzwängen zu entziehen und eigenständig zu handeln. Er ist für sie jemand, den sie auch in sie befremdenden Situationen nicht belächeln, sondern wegen seines individualistischen und scheinbar sicheren Auftretens als „Großen Mahlke“ bewundern.

Zwei Beispiele machen das deutlich: Mahlkes Verhalten in der Klasse und seine ausgeprägte Marienfrömmigkeit. So hat er „auffallende Abscheu vor den üblichen Sauereien der Tertianer und griff ein, als Hotten Sonntag einen Überzieher, den er zwischen den Bänken im Steffenspark gefunden hatte, an einem Ast aufgespießt in die Klasse brachte und über die Türklinke der Klassentür stülpte. […] entfernte das Präservativ mit einem Butterbrotpapier von der Klinke.“ Der Erzähler kommentiert diesen Vorfall recht ausführlich: „Niemand widersprach. Er hatte es uns wieder einmal gezeigt; […] war schon wieder der ganz besondere Mahlke, der auf teils erlesene, teils verkrampfte Art Beifall sammelte.“ Das Wort „Beifall“ spricht eine entscheidende Seite von Mahlkes Charakter an: seine Suche nach Identität über Anerkennung und Bewunderung. Sein Handeln, auch seine Abgrenzungen von den Freunden, scheint von diesem Streben nach Akzeptanz, Bewunderung und Respekt bestimmt zu sein. Sein Berufswunsch Clown ist dafür Ausdruck. – Mahlkes Marienfrömmigkeit wird vom Erzähler an vielen Stellen hervorgehoben. Sie enthält Merkmale einer weit übertriebenen Religiosität mit Zügen ungezügelter christlicher Pietät und Hingabebereitschaft. Bemerkenswert ist wiederum, dass Mahlkes religiöses Verhalten den Freunden zutiefst fremd und unverständlich ist und gerade dadurch seine herausragende Stellung festigt.

Eine wichtige Funktion hat in Grass‘ Novelle die Ritterkreuz-Episode: Sie gibt der Identitätssuche Mahlkes eine neue, letztlich sein Leben entscheidende Richtung. Schwimmen, Tauchen, Marienverehrung, sexuelle „Spiele“ sind im ersten Teil der Novelle für Mahlke vor allem Versuche, Anerkennung, Bewunderung und Bestätigung durch die Gleichaltrigen zu gewinnen. Die Entwendung des Ritterkreuzes markiert einen deutlichen Schritt weg aus dem Umkreis jugendlicher Spiele und jugendlichen Verhaltens hinein in die Erwachsenenwelt, die, was Mahlke nicht erkennt oder auch nicht sehen will, von militärischen Wertvorstellungen – der Stellenwert des Ritterordens zeigt es ‒ geprägt ist.

Der Erzähler gibt keinen direkten Grund für Mahlkes Interesse an den Berichten des Leutnants der Luftwaffe und des Kapitänleutnants in der Aula des Gymnasiums. Mahlkes Faszination ist vom ersten Satz des Luftwaffenhelfers an geweckt. Dem Erzähler fällt Mahlkes verändertes Verhalten auf: So scheint das „Bonbon“ am Hals des Redners Mahlke förmlich zu zwingen, seine Puscheln heimlich abzulegen; der Vortrag berührt Mahlke innerlich so stark, dass er zu schwitzen beginnt; Mahlkes Gedanken kreisen nach dem Vortrag intensiv um das Ritterkreuz, wenn er Pilenz gegenüber äußert: „‚Jetzt müssen sie schon vierzig runterholen, wenn sie das Ding haben wollen.‘“ Und schließlich beobachtet der Erzähler, dass Mahlke als Folge des Vortrags anfängt, Leuchtplaketten auf dem Jackenkragen zu tragen. – Noch ungewöhnlicher ist für Pilenz das Verhalten seines Freundes beim Auftritt des Kapitänleutnants. Ausführlich beschreibt er Mahlkes „Zittern“ als Zeichen äußerster Erregung. Pilenz ist sich in der Rückschau bewusst, dass der Vortrag ein Ereignis ist, das „allen Gesprächen über Mahlke eine neue, wenn auch nicht grundsätzlich neue Richtung“ gibt.

In dem Ritterkreuzdiebstahl schließlich wird das „Neue“ in Mahlkes Verhalten und Einstellung überdeutlich. Was im ersten Teil der Novelle dargestellt wird, das Wettschwimmen, das Wetttauchen, die Aufenthalte auf dem Bootswrack, die verschiedenen Adamsapfelbedeckungen, wird durch die Entwendung des Ritterkreuzes als kindlich-pubertäre Spielereien scheinbar überwunden, in Wirklichkeit aber in anderen Formen fortgeführt. Mit dem Diebstahl des Ritterkreuzes tritt Mahlke in eine neue Lebensphase ein, die weit über das, was für Jugendliche typisch ist, hinausreicht, die hineinführt in die Welt des Krieges und des Nationalsozialismus. Die Schilderung des nackt auf dem Boot sitzenden Mahlke, geschmückt nur mit „dem Artikel mit dem Band“, zeigt, dass Mahlke offensichtlich zum ersten Male das besitzt, was er – unbewusst – schon immer gesucht hat. Die Medaille gibt ihm eine für den Erzähler befremdliche innere Ruhe und Selbstsicherheit. Mahlke ist offensichtlich charakterlich so disponiert, dass er unbewusst nach Möglichkeiten sucht, seine geheimen Wünsche und Einstellungen in Handeln umzusetzen; seine pubertäre Energie bekommt ein konkretes, von der Gesellschaft propagiertes Ziel. Es bedeutet für Joachim Mahlke Abenteuer, Mut, Kampfeinsatz, Leistungswillen und bildet so eine Brücke zu seinen Erfahrungen und Erlebnissen als Jugendlicher auf dem Boot. Aus dem Schwimmer und Taucher Mahlke, der seinen Freunden durch sportliche Leistungen imponiert, wird der Panzerabschießer Mahlke, der mit solchem Heldentum wie seine Vorbilder, der Leutnant der Luftwaffe und der Kapitänleutnant, militärische Ehren und gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Beachtung anstrebt. Der Orden demonstriert darüber hinaus, dass sein Träger bereit ist, sein Leben mit Hingabe und Opferbereitschaft bestimmten Zielen, seien sie von außen an ihn herangetragen oder von ihm selbst gesetzt, unterzuordnen. Dass gerade dieser Hingabegedanke Mahlkes Persönlichkeitsstruktur nicht fremd ist, zeigt seine an „heidnischen Götzendienst“ erinnernde Marienfrömmigkeit. Vor dem Altar und im soldatischen Einsatz lässt sich Mahlke von der Vorstellung, in etwas anderem „aufzugehen“, leiten, passt so ins Bild nationalsozialistischer Ideologie und kann zu einem unkritischen, willfährigen Werkzeug der Herrschenden werden. Schließlich sichert das Ritterkreuz seinem Träger wie selbstverständlich gesellschaftliche Anerkennung und Respekt. Letzteres scheint für Mahlke besonders wichtig zu sein. Sein Bemühen um Anerkennung wird im letzten Teil der Novelle zu einem Beweggrund für seine militärischen Heldentaten. Mahlke, der sich nach dem Ritterkreuzdiebstahl stellt und das „Bonbon“ zurückgibt, wird als Strafe von der Schule gewiesen. Der spätere Erwerb des Ritterkreuzes, so seine Hoffnung, soll ihn in seinem alten Gymnasium rehabilitieren und ihm zu einem ehrenvollen Redeauftritt verhelfen. Sein Plan schlägt fehl: Der Leiter seiner ehemaligen Schule, Direktor Klohse, verweigert ihm die Aula des Gymnasiums: „‚Als Soldat sollten Sie wissen, Mahlke. Nein, jene Putzfrauen seiften die Bänke ohne besonderen Grund ab, nicht für Sie, nicht für Ihre Rede. Es mag Ihr Plan noch so gut durchdacht sein, dennoch geht er nicht auf: Viele Leute – lassen Sie sich das gesagt sein – lieben zeit ihres Lebens kostbare Teppiche und sterben dennoch auf rohen Fußbodenbrettern. Lernen Sie verzichten, Mahlke!‘“ Für Mahlke – „er kannte von Anfang an nur ein Ziel: die Aula unserer Schule“ – bricht mit Klohses Nein seine heldische Identität zusammen. Deutlich wird, wie aufgesetzt, sekundärmotiviert und innerlich unecht Mahlkes Heldentum ist. Weder ist Mahlke ein Panzerabschießer aus Lust am Soldatentum noch aus Gefolgstreue den militärischen Prinzipien der Nationalsozialisten gegenüber. Als Erklärung für seinen Kampfeswillen und sein Heldentum legt der Text nahe:

– seine Herkunft aus kleinbürgerlichen Verhältnissen und die Chance, diese mit Auftritten wie dem des Kapitänleutnants hinter sich zu lassen,
– seinen sportlichen Ehrgeiz,
– seinen zunächst nicht ganz ungewöhnlichen, aus der Rückschau des Erzählers aber bemerkenswerten Drang, besser zu sein als die anderen, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, im Mittelpunkt zu stehen, Clown sein zu wollen und sich den Titel der „Große Mahlke“ zu verdienen,
– schließlich sein nie endendes Bemühen, von der Auffälligkeit des großen Adamsapfels abzulenken („Was man früher für Quatsch gemacht hat. Erinnerst Du Dich? Konnte mich einfach nicht an das Ding da gewöhnen. Dachte, das ist eine Art Krankheit, dabei ist das vollkommen normal. Kenne Leute oder hab welche gesehen, die noch größere haben, ohne sich groß aufzuregen. Fing damals mit der Katzengeschichte an.“)

Indem es Mahlke verwehrt wird, in der Aula zu reden, wird das, was ihn für seine Freunde zum „Großen Mahlke“ macht und folgerichtig zur Verleihung des Ritterkreuzes führt, als letztlich sinnlos, da nicht zum eigentlichen Ziel führend, aufgedeckt. Mahlke wird der Boden seiner Existenz entzogen. Er stürzt in eine Krise, die ihm die Bedeutungslosigkeit seines bisherigen Handelns, die Vergeblichkeit seiner Wünsche und die Unerreichbarkeit seiner Ziele klarmacht.

Schließlich muss sich Mahlke wegen seiner Urlaubsüberschreitung verstecken. Das Bootswrack erscheint ihm als geeigneter Ort, für kurze Zeit unterzutauchen und dann zu versuchen, auf einem neutralen Schiff heimlich aus Deutschland zu fliehen. Die Bootsfahrt Mahlkes mit Pilenz zum Kahn gestaltet sich wie eine Abschiedsfahrt. Mahlke fasst für seinen Freund den Vortrag zusammen, den er eigentlich in der Aula seines ehemaligen Gymnasiums halten wollte. Da der Vortrag, der als glänzender Auftritt vor den Schülern und dem gesamten Lehrerkollegium geplant war, nur Pilenz erreicht, werden Mahlkes Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit gesteigert. Ein Zeichen für seine Lebenskrise ist auch, dass er das Ritterkreuz, für dessen Erwerb er alles, auch sein Leben, eingesetzt hat, nicht mehr trägt. Als sie zum Bootswrack hinausrudern, registriert Pilenz „Am Hals ist er leer.“, und bevor er vom Wrack abfährt, geht ihm durch den Kopf: „[…] – aber der Bonbon? Am Hals hing er nicht. Verwarf er ihn unauffällig? Welcher Fisch bringt ihn mir?“ So wie das Ritterkreuz mit einem Male für Mahlke bedeutungslos wird, so scheint ihm auch sein Leben leer und perspektivlos zu sein. Er taucht, in diesem Bilde verdichtet sich seine Lebenskrise zu einer Sinnkrise, ab in die geheimnisvolle Welt des Schiffsrumpfs, den anderen unbekannt und unerreichbar, in „seine“ Welt. Er versteckt sich und verschwindet dort, wo er, der „Große“ Mahlke, schon immer unfassbar und allein war. Verstärkt wird die nach Klohses Nein ausgelöste Krise offensichtlich durch Erfahrungen, die Mahlke bei seinen militärischen Einsätzen gemacht hat. Der Erzähler Pilenz erinnert sich an Äußerungen des Freundes, nachdem der als Redner in der Schule abgewiesen worden war: „‚Ich lese neuerdings ziemlich viel Kierkegaard. Später mal mußt du unbedingt Dostojewski lesen, und zwar, wenn du in Rußland bist. Da wird dir eine Menge aufgehen, die Mentalität und so weiter.‘“ Und: „‚Natürlich glaube ich nicht an Gott. Der übliche Schwindel, das Volk zu verdummen. Die einzige, an die ich glaube, ist die Jungfrau Maria. Deshalb werde ich auch nicht heiraten.‘“ Kierkegaard und Dostojewski sind zunächst einmal nichts als Namen, die anzeigen, was der Erzähler auch erkennt: „Problematisches, das ihn und zum Teil auch mich in jenem Alter beschäftigen mochte. Etwa: Gibt es ein Leben nach dem Tode? oder: Glaubst Du an Seelenwanderung?“ Sie weisen aber auch auf die Sinnkrise hin, die Mahlkes Leben nachhaltig erschüttert, und beschreiben, so klischeehaft die Namen sein mögen, recht genau Mahlkes innere Verfassung: seine existenzielle und psychische Verstörtheit und seine tiefe Hoffnungslosigkeit.

Mit Mahlkes Eintauchen in den Bug des Bootswracks schließt sich der Kreis seines jungen Lebens: Wo Mahlkes Aufstieg als Wettschwimmer begonnen hat und sein Wunsch und sein Ehrgeiz, zu besonderer Anerkennung und Ehrung zu kommen, geweckt wurden, endet sein Weg in Vergeblichkeit, Enttäuschung und Niedergeschlagenheit über die unerfüllten Träume.

Der Schluss der Novelle verknüpft Mahlkes Schicksal so eng mit dem des Erzählers Pilenz, dass dieser sogar als sein Alter Ego gesehen werden kann. „‚Setzen Sie sich einfach hin, lieber Pilenz, und schreiben Sie drauflos. Sie verfügen doch, so kafkaesk sich Ihre ersten poetischen Versuche und Kurzgeschichten lasen, über eine eigenwillige Feder: greifen Sie zur Geige, oder schreiben Sie sich frei – der Herrgott versah Sie nicht ohne Bedacht mit Talenten.‘“ Der Satz „Schreiben Sie sich frei“ greift die Formulierung „muß nun schreiben“ vom Beginn der Novelle auf und zeigt, dass Mahlkes Geschichte zu erzählen für Pilenz der Versuch ist, seine eigene Verstrickung in und um Mahlkes „Aufstieg“ und „Untergang“ zu klären. In zahlreichen kommentierenden Einlassungen deutet Pilenz an, dass ihn mehr mit Mahlke verbindet als eine jungenhafte Freundschaft. Er sieht sich als jemanden, der für das, was Mahlke widerfahren ist, Verantwortung trägt, und glaubt sich schuldhaft („quält mich“) in die Vorkommnisse um Mahlke verstrickt.

[...]


[1] Volker Neuhaus: Schreiben gegen die verstreichende Zeit. Zu Leben und Werk von Günter Grass. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1997,

[2] Zitiert nach Neuhaus, a.a.O.,

[3] Zitiert nach Neuhaus, a.a.O.,

[4] Günter Grass: Rede von der Gewöhnung. Rede auf einer Israelreise in Tel Aviv und Jerusalem. In: G. Grass: Essays und Reden I. Göttingen: Steidl Verlag 1997, S. 226 (Werkausgabe Bd. 14)

[5] Günter Grass: Wie sagen wir es den Kindern? In: G. Grass: Die Deutschen und ihre Dichter. München: dtv 1995,S. 227

[6] Günter Grass: Über das Selbstverständliche. Politische Schriften. München: dtv 1969,S. 91

[7] Zitiert nach Heinrich Vormweg: Günter Grass mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek: Rowohlt 41998, S. 27 f. (rowohlts monographien)

[8] Zitiert nach Vormweg, a.a.O.,

[9] Zitiert nach Neuhaus, a.a.O.,

[10] Neuhaus, a.a.O.,

[11] Günter Grass: Also nochmal. Kurze Sätze zum Einprägen und Verlieren. In: G.G.: Aus dem Tagebuch einer Schnecke. Göttingen: Steidl 1977,

[12] Hanspeter Brode: Günter Grass. München: Beck 1979, S.173 (Reihe „text + kritik“)

[13] Brode, a.a.O., S. 184 f.

[14] Zimmermann bezeichnet diese Art des Schreibens als „Mutmaßungsstil“. Zimmermann,

Ende der Leseprobe aus 93 Seiten

Details

Titel
Handreichung für den Deutschunterricht zu Günter Grass: "Katz und Maus"
Autoren
Jahr
2011
Seiten
93
Katalognummer
V180035
ISBN (eBook)
9783656025634
ISBN (Buch)
9783656026129
Dateigröße
2603 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
handreichungen, deutschunterricht, günter, grass, katz, maus
Arbeit zitieren
Herbert Fuchs (Autor)Dieter Seiffert (Autor), 2011, Handreichung für den Deutschunterricht zu Günter Grass: "Katz und Maus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180035

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