Klassenraumgestaltung und schulpädagogisches Konzept

Eine vergleichende empirische Studie


Hausarbeit, 2011

42 Seiten, Note: bestanden


Leseprobe

Gliederung

I Einleitung
1 Motivation
2 Aufbau der Arbeit
3 Rittelmeyers Theorie der „Sensomotorik der Bau- Wahrnehmung“

II Theoretischer Teil
1 Der Klassenraum
1.1 Definition „Klassenraum“
1.2 Gesetzliche Bestimmungen
1.3 Klassenraumgestaltung
1.3.1 Relevanz der Klassenraumgestaltung
1.3.2 Farben
1.3.3 Licht
1.3.4 Akustik
1.3.5 Sitzordnung
2 Schulpädagogische Konzepte
2.1 Lehrplan für die Grundschulen in Bayern
2.2 Grundlagen der Montessori-Pädagogik
2.2.1 Die sensiblen Phasen
2.2.2 Freiarbeit – Freie Wahl der Arbeit
2.2.3 Die vorbereitete Umgebung
2.2.5 Montessori Materialien
2.2.6 Die Rolle des Pädagogen

III Empirischer Teil
1 Methode
2 Ergebnisse
3 Diskussion

IV Schluss

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anmerkung:

Aus Gründen der Lesbarkeit wurde nur die männliche Anrede von Funktionsträgern (Lehrer - Lehrerinnen / Schüler - Schülerinnen / Erzieher – Erzieherinnen usw.) verwendet.

I. Einleitung

1. Motivation

„Kinder verbringen einen großen Teil ihrer Wach-Stunden in pädagogischen Einrichtungen. Der durchschnittliche Student verbringt rund 7.000 Stunden in der Schule, vom Kindergarten bis zur 6. Klasse.“[1] (Ahrentzen et al. 1982, 224 – Übersetzung durch Verf.).

„Die Grundschule … ist für viele Kinder die erste allgemeinverbindliche öffentliche Sozialisationsinstanz nach der Familie. Sie hat darum besonderes Gewicht und große Einflussmöglichkeiten für die kindliche Entwicklung.“ (Calliess, 1979, S. 66)

Somit werden an die architektonische Gestaltung vor allem an den Klassen - / Unterrichtsraum besondere Anforderungen gestellt.

In Regelgrundschulen wird noch immer zum größten Teil der Unterricht nach der Methode des Frontalunterrichts gehalten.

Anders dagegen wendet sich Maria Montessori in ihrer Erziehungskonzeption weg vom Frontalunterricht hin zur „Freiarbeit“. Diese Unterrichtsform ist zwar nicht nur bei Montessori zu finden, sondern ist mehr ein Erbe der Reformpädagogik, wird jedoch von ihr in einem speziellen Umfeld, der „Vorbereiteten Umgebung“ angewandt.

Die vorbereitete Umgebung ist ein Raum, dessen Einrichtung und Aufbau auf die Entwicklungsbedürfnisse des Kindes abgestimmt ist.

In einem Vortrag fragt Prof. Herrmann (2009), der die Schule als „Unterrichtsvollzugsanstalt“ bezeichnet, welche Charakteristika dem zugrunde liegen:

- Überführung der Schüler – wie beim Militär – jahrgangsweise in Klassenzimmer, ohne Rücksicht auf individuelle Entwicklungsabstände und -potentiale, ohne Arbeitsplätze und Arbeitsmaterialien, Anordnung der Sitzplätze wie bei der Kirchengebetsanordnung nach vorn auf Altar/Pult und Tafel, wo der Priester/Lehrer das Wissen zelebriert
- Vorrücken – wie beim Militär – im Gleichtakt entlang einer Kampffront (Lehrplan und Etagenflur) unter Führung einer Lehrkraft
- Unterstellung der Schüler/innen unter ein besonderes Gewalt- als Kontrollverhältnis: unausgesetzte Observierung durch die Lehr- als zugleich Ordnungs- und Kontrollpersonen
- Normierte Feststellung von Leistungs(un)fähigkeiten im Jahrgangsverbund bei selbstverständlicher Inkaufnahme von „Verlusten“. (ohne Seitenangabe)

In dieser Hausarbeit soll der Frage nachgegangen werden, ob die vorgenannten Kritikpunkte von Herrmann zutreffen. Desweiteren soll geklärt werden, inwieweit die vorherrschende Klassenraumgestaltung es ermöglicht, ein schulpädagogisches Konzept in seiner Zielrichtung durchzusetzen.

2 Aufbau der Arbeit

Im Teil II der Arbeit soll zunächst auf die theoretischen Grundlagen eingegangen werden.

Unter Punkt 1 wird der Klassenraum definiert, die gesetzlichen Grundlagen und die Elemente der Klassenraumgestaltung aufgezeigt.

Unter Punkt 2 werden die schulpädagogischen Konzepte für die Regel- und Montessori-Grundschulen behandelt. Hierbei werden die Grundlagen der Montessori-Pädagogik näher erläutert.

Im Teil III folgen die empirischen Erhebungen. Hierin soll zunächst die Fragestellung erläutert werden. Darauffolgend findet sich die Erklärung der Methode. Abschließend werden die Ergebnisse dargestellt und erläutert. Danach erfolgt eine Diskussion über die Passung von schulpädagogischen Konzept und Klassenraumgestaltung.

3 Rittelmeyers Theorie der „Sensomotorik der Bau-Wahrnehmung“

Zunächst soll der Begriff Sensomotorik definiert werden:

Unter Sensomotorik versteht man das Zusammenwirken von sensorischen und motorischen Leistungen. „Bezeichnung für Prozesse, in denen ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Verhalten besteht.“ (Häcker & Stapf, 1998, S. 785).

Schularchitektur regt, wie jede andere Architektur, auf vielfältige Weise die menschlichen Sinne an. Wir sehen Raumformen und -farben, tasten Türklinken und Tischoberflächen, riechen Bau- und Farbmaterialien, hören den Raumklang, spüren die Wärme oder Kälte von Holz- und Stahlmaterialien usw. Viel zu wenig ist in der bisherigen Architekturforschung darauf geachtet worden, dass über diese Sinnesbereiche hinaus auch unser Gleichgewichtsempfinden (vestibulärer Sinn), unser Eigenbewegungsempfinden (kinästhetischer Sinn) und verschiedene Sinnesrezeptoren für die Wahrnehmung unserer Körperfunktionen (somatoviscerale Sinne) an der Architektur-Wahrnehmung beteiligt sind. (Rittelmeyer, 1994, S. 16).

Das Schulgebäude stellt sich, wie andere Gebäude auch, nicht als luftleerer Raum dar, sondern beeinflusst auf verschiedenste Art und Weise die Sinneswahrnehmungen der Kinder.

„Bewusst oder unbewusst erfährt das Gehirn der Schüler eine ständige Stimulierung durch Gerüche, akustische Reize, taktile und visuelle Phänomene oder einfach nur durch eine trockene oder feuchte Raumluft oder die jeweilige Temperatur.“ (Engel & Dahlmann, 2001, S. 50).

Als Forschungsmittel bediente sich Rittelmeyer in der Hauptsache der Blickmusteruntersuchung von Schülern. Nach seiner Darstellung umfasst der Blick immer nur ein relativ kleines Detail eines Baukörpers, so dass sich die Augen ständig hin- und her-, auf- und abgleiten müssen, um den Baukörper in seiner Komplexität erfassen zu können. „Die Gegenstände werden also visuell abgetastet. Das geschieht mit ruckartigen Bewegungen über verschiedene Fixationspunkte, auf denen die Augen mehr oder minder lang verweilen und deren engeres Umfeld jeweils scharf wahrgenommen wird.“ (Rittelmeyer, 1994, S. 17).

Rittelmeyer kommt aufgrund seiner Untersuchungen zu dem Schluss, dass Gebäude mit „diversen architektonischen Besonderheiten, Widersprüchen oder unterschiedlichen Farbgebungen ein wesentlich höheres Maß an Richtungs-wechseln in der Blickmotorik bedingen, als Gebäude, die sich durch eine monotone Fassade auszeichnen.“ (Engel & Dahlmann, 2001, S. 51).

Als Ergebnis seiner Forschungen konstatiert Rittelmeyer, das eine Bauweise, die Auge und Gehirn anregt, als menschlicher bewertet werden muss als eine solche Architektur, die für die Augen keine besondere Herausforderung darstellt.

II Theoretischer Teil

1 Der Klassenraum

1.1 Definition „Klassenraum“

Unter einem Klassenraum bzw. Klassenzimmer versteht man einen Raum in einer Schule, in dem Unterricht stattfindet.

Dabei kann der Klassenraum

a) einer Klasse zugeordnet sein, wie z.B. in Grundschulen; in diesem Falle besteht die Möglichkeit, dass Lehrer, Eltern und Schüler am Anfang des Schuljahres den Raum gemeinsam gestalten;
b) einem Lehrer zugeordnet sein; hier entscheidet dann der Lehrer allein, wie der Raum gestaltet wird;
c) einem bestimmten Fach zugeordnet sein, wie z.B. Sprachlabor, Physikraum; hierbei wird von den entsprechenden Fachlehrern gemeinsam über die Raumgestaltung entschieden.

1.2 Gesetzliche Bestimmungen

Aufgrund der in der Bundesrepublik Deutschland herrschenden Kulturhoheit der Länder (vgl. Art. 30 Grundgesetz) existieren sehr unterschiedliche Gesetze und Verordnungen bezüglich der Architektur und Ausstattung von Schulbauten in den einzelnen Bundesländern. Daher wird in dieser Hausarbeit ausschließlich auf die Regelungen im Freistaat Bayern eingegangen.

Grundlage jeder gesetzlichen Regelung ist Abschnitt 2 (Art. 128 – 144) der Bayerischen Verfassung. Darauf basierend wurde das „Bayerische Gesetz über das Erziehungs- und Unterrichtswesen (BayEUG)“ erlassen. In Art. 4 Absatz 1 heißt es: „Die dem Unterricht dienenden Räume, Anlagen und sonstigen Einrichtungen müssen hinsichtlich Größe, baulicher Beschaffenheit und Ausstattung die Durchführung eines einwandfreien Schulbetriebes gewährleisten.“

In der „Verordnung über den Bau (Neu-, Um- und Erweiterungsbauten) öffentlicher Schulen und privater Ersatzschulen im Zuständigkeitsbereich des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht, Kultus, Wissenschaft und Kunst (Schulbauverordnung – SchulbauV)“, die Teil der Bayerischen Bauordnung ist, werden nähere Regelungen getroffen. Unter anderem wird hierin festgelegt, dass der Klassenraum eine Grundfläche von 2 m² je Schüler (einschließlich des Arbeitsplatzes für die Lehrkraft und den Tafelbereich). Es ergibt sich somit für den Klassenraum eine Größe von 58 m², wenn man eine Maximalzahl von 29 Schülern zugrunde legt.

Weitere Grundlagen finden sich in den „Arbeitshilfen zum Schulbau“, die vom Sekretariat der Kultusministerkonferenz, Zentralstelle für Normungsfragen und Wirtschaftlichkeit im Bildungswesen, herausgegeben wurden.

Auf diese Arbeitshilfen wird in den einzelnen Unterpunkten zur Klassenraumgestaltung näher eingegangen.

1.3 Klassenraumgestaltung

1.3.1 Relevanz der Klassenraumgestaltung

„Klassenräume stellen den Spiegel und das Konzept des Unterrichts dar.“ (Toman, 2007, S. 167)

„Kinder brauchen … eine Umgebung, die Geborgenheit und Sicherheit vermittelt, die für sie Beziehungen eröffnet, den Geist und die Sinne anregt, Eigeninitiative und Kreativität fördert, um ihnen eine individuelle Entfaltung und selbständige Lebensgestaltung zu ermöglichen.“ (Rodeck et al., 1999, S. 78).

Klassenraumgestaltung erfährt ihren Stellenwert nicht nur durch seine Ausstattung als Lernort, sondern soll auch einen Lebensraum formen, in dem sich sowohl Schüler als auch Lehrer wohlfühlen.

Relevante Parameter hierbei sind Farben, Licht, Akustik und Sitzordnung. Diese beeinflussen u.a. das Lern- und Sozialverhalten sowie die individuellen Befindlichkeit der Schüler.

Als oberster Grundsatz für die Einrichtung des Klassenraumes gilt die Formel ‚Funktion geht vor Form‘, d.h. die Klassenräume lassen sich einrichten nach:

- den Lebensbedingungen der Schüler der jeweiligen Altersstufe,
- der Zahl der Schüler in der Klasse,
- den Bildungsabsichten der Lehrerperson,
- dem Quantum und der Art der Arbeitsmittel,
- dem Schulprogramm der Schule,
- der pädagogischen Situation ….“ (Toman, 2007, S. 167).

Als weiterer Aspekt wird dem Klassenraum die Rolle des „Dritten Erziehers“ zugesprochen. In Studien hinsichtlich erfolgreicher Schulen wird dem Raum in seiner pädagogischen Bedeutung eine tragende Rolle zugewiesen. Rittelmeyer (1994) hat nach seinen Untersuchungen einen Bericht vorgelegt, aus dem hervorgeht, wie Kinder Farben und Formen erleben. Es bleibt jedoch die Frage, ob nach den Eltern und dem Lehrer der Raum wirklich als „Dritter Erzieher“ wirken kann.

Zum pädagogisch wirksamen Raum gehört vielmehr auch das ganze von den Kindern (überwiegend fußläufig) erschließbare Umfeld: die Straßen, Plätze, öffentlichen Gebäude der Stadt ebenso wie die Reste von Natur in der Stadt und an ihrem Rand: Parks, Gärten, Äcker, Wiesen, Teiche und Wasserläufe. (Textor, 2011, ohne Seitenangabe).

1.3.2 Farben

Eva Heller unterscheidet in ihrem Buch „Wie Farben wirken“ sechs Wirkungsarten von Farben (S. 14): „psychologische, symbolische, kulturelle, politische, traditionelle, kreative Wirkung“.

Insbesondere der psychischen Wirkung kommt bei der Raumgestaltung eine besondere Rolle zu. Durch die Verwendung von Farben bei der räumlichen Gestaltung soll eine angenehme Atmosphäre und Stimmung geschaffen werden. Wirken Räume in ihrer farblichen Ausformung angenehm und schön, kann dies die Lernbereitschaft, Motivation und das Wohlbefinden positiv beeinflussen.

Die Gestaltungsaufgabe besteht darin, Farbfunktion und Objektfunktion in Einklang zu bringen. Eine angenehme Farbgestaltung berücksichtigt Farbharmonie, Farbklänge und Farbkontraste. Farben können ungünstige Raumverhältnisse hervorheben oder Blendung vermeiden und können Illusionen z.B. von Perspektiven erzeugen. Farbe kann einen Raum durch ihre Bedeutung, ihre Kontraste oder Akzente bereichern. (Knuffke, o.D., o.S.).

Rittelmeyer (1994, S. 47) kommt zu dem Ergebnis, dass eine Schule (und also auch ihre Räume) „dann als schön, einladend, anziehend oder freundlich eingestuft“ werden, „wenn sie zugleich in Farbe und Formgebung

- abwechslungs- und anregungsreich
- freilassend und befreiend
- warm und weich“ erscheinen.

Bei seinen Untersuchungen verwendet Rittelmeyer (1994) Begriffspaare wie weich – hart, ruhig – bewegt, warm – kalt. Begriffe, die zwar mit der Beschreibung des physiologischen Reizes nichts gemein haben, aber die psychologische Wirkung etikettieren.

„Wo sollte man denn nun Anhaltspunkte für die Farbwahl im Schulbau suchen? Aus der kirchlichen Farbsymbolik oder Goethes Farbenlehre sind keine direkten Hinweise hervorgegangen. Comenius forderte schon im 16. Jahrhundert dazu auf, das Schulhaus mit Bildern zu dekorieren.“ (Walden & Borrelbach, 2010, S. 47).

Mehr Hinweise zur Farbgestaltung hat Rudolf Steiner gegeben. Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte er Aspekte, die für die Raumgestaltung große Bedeutung erlangten. Auf dem Gebiet der Farbgestaltung waren seine Vorschläge zur damaligen Zeit bahnbrechend. Von ihm stammt die Behauptung, dass es nicht gleichgültig sei, welche Raumfarbe den Menschen umgibt.

Er unterteilt zudem den Schulbau in normale Klassenräume und andere Fach-, Begegnungs- und Verkehrsräume. Da die Kinder in den Klassenräumen ein ganzes Jahr verbringen, beeinflusst die umgebende Farbe die Grundstimmung für lange Zeit; deshalb ist es wichtig, dass die anderen Räumlichkeiten diese Grundstimmung durch andere Farbtöne erweitern. (ebd., S. 49).

Die Farbgestaltung ist und bleibt ein aktuelles Thema im Schulbau und in der Klassenraumgestaltung. Da jedoch die Farbwirkung ein individueller Prozess ist, wird es nicht gelingen, ein „Patentrezept“ zu entwickeln.

1.3.3 Licht

„Licht ist das wesentlichste Informationsübertragungsmedium, in dem wir uns bewegen, warum bestimmtes Licht angenehm und leistungsfördernd, andere jedoch irritierend und fehlerfördernd ist.“ (Bartenbach, zit. in: Meinkheim, 2000, S. 68).

„Das Klassenzimmer soll grundsätzlich mit Tageslicht zu beleuchten sein.“ (Karmann, 1986, S. 34).

In Klassenräumen mit traditioneller Sitzordnung, d.h. die Schüler sitzen in Reihen hintereinander mit Blickrichtung auf die Tafel, empfiehlt sich hier, den Lichteinfall von links auf die Arbeitsflächen zu planen. Das dies nicht jedem Schüler gerecht werden kann, ist verständlich. „Eine Langzeitstudie des University College London hat ergeben, dass der Anteil der Linkshänder an der Gesamtbevölkerung in den vergangenen Jahren von drei auf heute elf Prozent gestiegen ist.“ (vgl. http://karrierebibel.de/drall-nach-links-zahl-der-linkshaen-der-steigt). Dieses Umstand mag auch daran liegen, dass heute kaum noch eine Umerziehung von Links- auf Rechts-Händigkeit erfolgt.

Fensterlose Klassenräume sind nach den entsprechenden Baurichtlinien heute nicht mehr zugelassen.

Die Wirkung solcher Räume ohne Fenster beschreibt Kükelhaus (1976, S.17-18):

Das Innere des Komplexes empfängt sein Licht durchweg und ausnahmslos für alle Räumlichkeiten (Treppentrakte, Flure, Klassen, Aulen, Labors, Bibliothek, Gymnastikhallen, Musikräume, Behandlungszimmer, Lehrerzimmer, Büros usw.) durch derart Licht an Licht gereihte Leuchtstoffröhren, daß es zu keinerlei Schattenbildung kommt. Lichtmenge: 2500-3000 Lux. Vergleichsbild: Lebensmittelsupermarkt im Souterrain der Warenhäuser … Die Lehrer stöhnen über zunehmendes Schuleschwänzen, über Unlust, Streitsucht, Neurosen, Phobien, Haltungsschäden, Schäden an Augen …, wachsende Kriminalität“

Er beschreibt in diesem Textauszug einen Versuch einer Mittelschule, die 1966/1967 in New York (Harlem) für etwa 2.000 meist farbige Jugendliche in Betrieb genommen wurde und unter dem Schlagwort „Fensterlose Schule“ in die Geschichte der Architektur einging.

Betrachtet man das Klassenzimmer unter dem Aspekt der pädagogischen Architektur, dar es nicht zu einem unmenschlichen, reizarmen Lernraum degradiert werden. Es müssen Lichtverhältnisse geschaffen werden, die das Wohlbefinden, die Gesundheit, die Lernfähigkeit und –motivation der Schüler berücksichtigen.

Dies muss einerseits durch Fenster geschehen, andererseits muss eine zusätzliche Beleuchtung über künstliches Licht möglichst flexibel sein.

Darüber hinaus ist ebenfalls mit einzuberechnen, dass sich Räume durch Sonneneinstrahlung stark erhitzen können und es sich unangenehme Lichtverhältnisse ergeben (je nach geografischer Ausrichtung des Raumes). Mithin müssen Ab- und Verdunkelungsmöglichkeiten vorhanden sein, um diesen Effekten entgegen zu wirken. Auch für die Gestaltung des Unterrichts (Einsatz von Overhead-Projektor, Nutzung der Leinwand zur Filmvorführung) sind solche Maßnahmen unerlässlich.

Bei allen Überlegungen ist zu bedenken, dass Licht (natürlich oder künstlich) die Wahrnehmung des Raumes, der verwendeten Farben und die Temperatur verändern kann. Daher sollte die Beleuchtung schon in der Planung von Schulräumen und –bauten einen hohen Stellenwert einnehmen.

1.3.4 Akustik

Informationsvermittlung über Sprache und Zuhören sind Bausteine von Schule und Unterricht. Die gegenseitige Verständigung ist jedoch äußerst störanfällig, insbesondere durch Lärm.

Die Geräuschkulisse kann in Schulen so hoch sein, dass der verbale Informationsaustausch zwischen Lehrern und Schülern gestört sein kann. „Sprache hat im Unterrichtsgeschehen tragende, prägende und vollziehende Bedeutung und beansprucht klare Verständlichkeit.“ (Walden & Borrelbach, S. 58). Von Schönwälder (2005, S. 25-27) wurde in Langzeitstudien festgestellt, dass innerhalb von 451 stundenweisen Messungen mittlere Schallpegelwerte von 46 dB bis 103 dB vorkamen. Als Vergleich: die Lautstärke eines Gespräches im Wohnzimmer besitzt einen Schalldruckpegel von 58 dB, Straßenverkehr liegt durchschnittlich bei 80 dB und der Spitzenwert von 110 dB wird bei einem Rockkonzert erreicht.

Grandjean (1973) beschreibt in seinem Buch „Wohnpsychologie“ eine Untersuchung von Broedbent, in der es heißt, „das Lärmsituationen die Häufigkeit von Aufmerksamkeitsunterbrechungen erhöhen und dadurch psychologische Testleistungen, die anhaltende Aufmerksamkeit erfordern, beeinträchtigen (S. 280).

In der Akustik des Klassenraumes ist die Nachhallzeit die wichtigste Kenngröße. Nach DIN 18041 „Hörsamkeit in kleinen bis mittleren Räumen“ wird die Nachhallzeit als „Zeitspanne, während der Schalldruckpegel in einem Raum nach Beenden der Schallfeldanregung um 60 dB abfällt“ definiert. „Herrscht in einem Raum eine zu lange Nachhallzeit, so werden beim Sprechen nachfolgende Silben durch die vorhergehenden verdeckt. Es kommt zu Verzerrungen des Sprachsignals, die die Sprachverständlichkeit verschlechtern (Klatte 2004, S. 38).

Oftmals wird im Unterricht versucht, die schlechte Sprachverständlichkeit dadurch zu verbessern, dass der Sprecher lauter spricht (sog. Lombard-Effekt[2] ).

„Hierdurch werden aber nicht nur die Nutzsignalanteile (Direktschall und frühe Reflexionen), sondern auch der Nachhall gleichermaßen lauter, so dass schließlich die Gesamtsituation lauter, aber eben nicht besser wird. (HLUG 2007, S. 33).

DIN 18041 gibt für Unterrichtsräume eine Soll-Nachhallzeit von ca. 0,55 s. Der Toleranzbereich liegt bei ±20 %. Es wird nach folgender Formel berechnet:

TSoll =

„An dieser Stelle sei nochmals betont, dass die Regulierung der Nachhallzeit nach DIN 18041 die wichtigste Maßnahme zur Anpassung der akustischen Verhältnisse in Klassenräumen ist.“ (HLUG 2007, S. 36).

Maßnahmen, die geeignet sind, gezielt Lärm zu vermeiden, können die Kommunikation fördern und damit zur erheblichen Verbesserung des akustischen Raumklimas beitragen.

Akustik ist somit ein wesentlicher Einflussfaktor, der bei der Betrachtung und der Beurteilung der Klassenraumgestaltung mit berücksichtigt werden muss.

1.3.5 Sitzordnung

„Die Sitzordnung in einer Klasse schafft die Voraussetzungen für die Arbeitsabläufe und die Gelegenheit zur Kontaktaufnahme von Kindern miteinander und mit der Lehrkraft. Sie trägt dazu bei, einen Raum gefühlsmäßig anzunehmen oder abzulehnen.“ (Engel 2008, S. 19).

Bei der Sitzordnung kann unterschieden werden in die

- klassische, frontale Sitzordnung,
- alternative Sitzordnungen

In dem Buch „Häschenschule“ ist folgender Vers zu lesen:

„Kleine Bänke stehn in Reihen,

hier zu zweien, hier zu dreien.

Hopphopphopp noch einen Satz,

und sie sind auf ihren Platz.“

(Sixtus 2011, S. 7).

Die Kinder hatten in jeder Stunde ihre festen Plätze, die gleichen Nachbarn.

Die so beschriebene klassische, frontale Sitzordnung gilt heutzutage zwar als altmodisch, wird aber in den meisten Schulen noch immer praktiziert. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Förderung der Konzentration, Überschaubarkeit der Klasse, Gewährleistung der Kontrolle bei Klassenarbeiten, Vereinfachung des Einsatzes von Lehrmitteln wie Tafel, Projektor und Leinwand. Ein weiterer Vorteil dieser Tischanordnung ist, dass die Schüler beim lehrerzentrierten Unterricht keine Zwangshaltungen (wie Kopf verdrehen) einnehmen müssen. „Haltungsschäden sind z.B. hauptsächlich auf das Mobiliar und eine starre Sitzordnung zurückzuführen.“ (Hoffmann 2010, S. 54).

Nach Ansicht von Neef (1990, zit. nach Hoffmann 2010, S. 54-55) birgt dieses Sitzordnung jedoch folgende Nachteile:

- nur vordere und mittlere Plätze im Unterrichtsraum wirken sich positiv auf die Unterrichtsbeteiligung aus und das auch nur dann, wenn die betreffenden Schüler redefreudig oder ehrgeizig sind;
- dezentrale Sitzpositionen wirken sich negativ auf die Motivation und die Lehrer-Schüler-Kommunikation aus;
- der Redeanteil des einzelnen Schülers in dieser Unterrichtsform liegt nur bei ca.1-2%, da die Stellung der Tische nicht für das Kommunizieren ausgelegt ist – das wenige, bruchstückhafte Sprechen erschwert nachgewiesen Denkvorgänge;
- Kooperationen zwischen mehr als zwei Schülern sind schwierig realisierbar;
- es kann ein „Tunnelblick“ des Lehrers auf die motivierten ersten Reihen erfolgen, und somit die Selbsteinschätzung des Unterrichts positiv verzerrt ausfallen.

Alternative Sitzordnungen, wie z.B. Hufeisenform, Gruppenanordnung haben ebenso ihre Vor- und Nachteile. Dabei stehen folgende Überlegungen im Vordergrund:

Die Kinder sollen:

- sich im Raum wohlfühlen;
- sich bewegen können;
- ungehindert ihren Platz einnehmen können;
- schnell zur Tür laufen können;
- die Tafel gut sehen können;
- sich gegenseitig nicht bei der Arbeit stören;
- ausreichend Arbeitsfläche haben;
- Arbeitsgruppentische bilden können.

Darüber hinaus sollte für die Lehrkraft:

- jedes Kind gut sichtbar sein;
- jedes Kind im Raum schnell erreichbar sein, um Hilfestellungen zu geben und Kontrollen durchzuführen;
- eigene Bewegungsfreiheit vorhanden sein. (Engel, 2008 zit. nach Hoffmann, S. 55-56).

Doch nicht jedem Schüler und auch Lehrer gefallen solche Sitzordnungen. Die richtige zu finden, muss sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren, wobei auch der Unterrichtszweck Berücksichtigung finden muss.

Im Endeffekt entscheidet jedoch der Lehrer aufgrund seines Unterrichtstils, der Raumgröße, der Anzahl und der Konstellation der Schüler welche Sitzordnung er für die am besten geeignetste hält.

[...]


[1] Originaltext: „Children spend a large portion of their waking hours in educational settings. The average student spends approximately 7,000 hours in school from kindergarten to sixth grade”

[2] Lombard-Effekt: bezeichnet den vom französischen Wissenschaftler Étienne Lombard beschriebenen Zusammenhang zwischen der Lautstärke der Stimme eines Sprechers und dem Umgebungsgeräusch. Wegen des Bedürfnisses, sich bei hohem Umgebungsgeräuschpegel trotzdem verständlich zu machen, erhöht der Sprecher unwillkürlich die Lautstärke seiner stimme. (Quelle: http://www.Wikipedia.de)

Ende der Leseprobe aus 42 Seiten

Details

Titel
Klassenraumgestaltung und schulpädagogisches Konzept
Untertitel
Eine vergleichende empirische Studie
Hochschule
FernUniversität Hagen
Veranstaltung
Umweltpsychologie
Note
bestanden
Autor
Jahr
2011
Seiten
42
Katalognummer
V180146
ISBN (eBook)
9783656035527
ISBN (Buch)
9783656035220
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ökologische Psychologie, Schulpädagogik, Klassenraumgestaltung
Arbeit zitieren
DiplVerwaltungsWirt (FH) Helmut Dudla (Autor), 2011, Klassenraumgestaltung und schulpädagogisches Konzept, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180146

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