Psychisch kranke Menschen und Erlebnispädagogik


Hausarbeit, 2011

30 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Die Einleitung

2 Die institutionellen Faktoren
2.1 Allgemeine Daten
2.2 Die Zielvorstellung des Wohnheimes
2.3 Die Zielgruppe
2.4 Die Medikation

3 Die Gesellschafts-politischen Faktoren
3.1 Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit
3.2 Das Empowerment - Konzept

4 Die Methodik
4.1 Die Definition der Erlebnispädagogik
4.2 Die Erlebnispädagogik als Lerngegenstand
4.3 Die Bedeutung der Erlebnispädagogik

5 Die Relevanz der Erlebnispädagogik für die Zielgruppe
5.1 Die Wirkfelder/Ziele des erlebnispädagogischen Projektes
5.2 Aktivierung und körperliche Bewegung
5.3 Das Ausmaß und die Veränderungen der sozialen Integration und . Kohäsion

5.4Rollenstrukturen und ihre Entwicklung

6 Die Umsetzung des erlebnispädagogischen .Konzeptes Ein Konkretes Modulbeispiel und seine Wirkung

7 Die Motivation

8 Die Evaluation

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Die Einleitung

In den 90er Jahren wurde von SozialpädagogInnen und ErziehungswissenschaftlerInnen ein „Licht am Ende des Tunnels" entdeckt:

Die Erlebnispädagogik.

Lauffeuerartig breitet sich seither die Einsicht aus, dass Erlebnispädagogik auch dann weiterhilft, wenn die traditionelle Pädagogik alleine nicht mehr weiter hilft. Mittlerweile ist die moderne Erlebnispädagogik in nahezu allen erzieherischen Feldern salonfähig geworden. Vom Kindergarten bis in die Hochschulen, von der Jugendhilfe bis in die Manageretagen, von Kanada bis Kamtschatka genießt die moderne Erlebnispädagogik heute höchstes Ansehen und Popularität. Doch warum ist das so? Was ist Erlebnispädagogik überhaupt und worin liegt das Besonderedaran?Besteht ein Zusammenhang zu der heutigen Generation, welche mehr denn je nach Abenteuern und Erlebnissen sucht?

In Scharen strömen Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene in Filme wie „Harry Potter", „Herr der Ringe", „Narnia" und andere Fantasy-Kultfilme oder verbringen Stunden vor ihren Computern oder anderen Spielekonsolen. Doch erleben sie dort lediglich visuelle Reize. Mit eigener und unmittelbarer (Körper-)Erfahrung hat das nur wenig zu tun. Wie und warum die Erlebnispädagogik gegen solche „Verfallerscheinungen“ (vgl. Kurt Hahn1 ) wirken kann und weswegen durch das Stoßen an intellektuelle oder psychische Grenzen die Wahrnehmung der Teilnehmenden erweitert wird, thematisiert Kapitel 5.

Bisher selten, jedoch bereits mit Erfolg durchgeführt2, sind erlebnispädagogische Projekte mit psychisch Kranken. Die Erlebnispädagogik hält zahlreiche wichtige Wirkungsimpulse für Menschen mit psychischen Störungen bereit. Dabei unterscheiden sich die festgestellten Impulse nicht grundsätzlich von denen, die sich auch für andere Zielgruppen ergeben können. Allerdings erhalten Wirkungsimpulse, wie z.B. das Gefühl der Freiheit im Rahmen der psychischen Erkrankung einen deutlich anderen Stellenwert. Wie dieser im Detail aussehen kann wird in Kapitel 6 beschrieben.

Die Rahmenbedingungen des hier vorgestellten Projektes ‚Erlebnispädagogik mit psychisch Kranken‘, werden in Kapitel 2beschrieben. Dabei handelt es sich zunächst um die Vorstellung des Trägers, der Wohngruppe mit ihren BewohnerInnen welche an diesem Projekt teilnehmen sollen, sowie dem Krankheitsbild der Teilnehmenden. Wichtig hierbei ist anzumerken, dass sich an den erlebnispädagogischen Aktivitäten nur Bewohner beteiligen können, die sich im Moment nicht in einem akuten Krankheitsstadium,zum Beispiel einer psychotischen Phase mit visuellen oder akustischen Halluzinationen, befinden. Dies könnte unvorhergesehene Ängste bei den Bewohnern auslösen und so zu einer Eigen- und/oder Fremdgefährdung führen.

Nun stellt sich die Frage, welche Qualität das erlebnispädagogische Projekt mit psychisch kranken Menschen hat. Warum stellt ausgerechnet dieses Projekt etwas Besonderes dar? Und welche Faktoren spielen dabei eine Rolle? In Kapitel 3 wird die Bedeutsamkeit dieses Vorhabens anhand des Empowerment-Konzeptes sowie der Theorie der erlernten Hilflosigkeit genauer erklärt.

Soll das in dieser Arbeit vorgestellte Projekt durchgeführt werden, müssen/sollten die BewohnerInnen motiviert werden daran teilzunehmen. Doch wie sieht das in der Erlebnispädagogik aus? „Muss man dafür motivieren oder kommt das von ganz alleine? Oder istes gar nicht wichtig ob motiviert oder nicht. Am Ende haben doch alle das Selbe erlebt.“ Ob diese provokante Behauptung von uns zutrifft oder nicht wird in Kapitel 6 erörtert.

Den Schluss dieser Arbeit(Kapitel 7) bildet schließlich eine Erörterung der vorgesehenen Evaluationsmethodik des gesamten erlebnispädagogischen Projektes.

2 Die institutionellen Faktoren

2.1 Allgemeine Daten

Die Einrichtung ist ein psychosozialer Hilfsverein und ein freier gemeinnütziger Träger der psychosozialen Versorgung im Kreis ***. Ziel ist es, akute und kontinuierliche Hilfe für psychisch und seelisch erkrankte Menschen bereitzustellen. Der Verein umfasst derzeit 149 Mitglieder und 80 festangestellte Mitarbeiter. Der ehrenamtliche Vorstand besteht aus fünf Personen. Der *** wird finanziell vom Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV), und wird vom Land Hessen getragen. Weitere finanzielle Mittel durch Spenden, Bußgelder, Mitgliedsbeiträge und erwirtschaftete Überschüsse fließen in die direkte Unterstützung und Förderung der Klienten des *** ein und werden zur Teilfinanzierung von geplanten Projekten sowie als Betriebsmittelrücklage verwendet. Zu den wesentlichen Aufgaben des *** als Hilfsverein gehören unter anderem die direkten finanziellen Hilfen für beispielsweise zinslose Darlehen, Wohnungsrenovierungen und Finanzierungen von Freizeitprogrammen. Ein weiterer Punkt ist die Öffentlichkeitsarbeit und das Bereitstellen von Häusern und Wohnungen zur Vermietung an psychisch erkrankte Menschen. Zu den Aufgaben des Vereins gehören das Betreute Wohnen, die Psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle, die Wohnheime, die Tagesstätten, der Integrationsfachdienst, die Sozialpädagogische Familienhilfe und das Begleitete Wohnen von behinderten Menschen in Familie.

Dabei wird auf vier Grundsätze, die für die Arbeit und Planung von hoher Wichtigkeit sind, verwiesen:

1. Ambulante vor stationärer Hilfe
2. Achtung vor den individuellen Bedürfnissen der Hilfesuchenden
3. Respekt vor der Geschichte und der Krankheit des einzelnen
4. Kontinuität bei der Betreuung(vgl. Jahresbericht 2010)

2.2 Die Zielvorstellung des Wohnheimes

Wesentliche Zielsetzung der Wohnheime sind die nach dem Normalisierungsprinzip ausgerichteten Lebensmöglichkeiten von chronisch psychisch kranken und seelisch behinderten Menschen. Die BewohnerInnen sollten innerhalb der Einrichtung die Möglichkeit haben, einen möglichst hohen Grad an selbstbestimmten Leben bei einer größtmöglichen individuellen Lebensqualität zu erlangen und zu erhalten.

Die Einrichtung unterstützen besonders alle Maßnahmen und Aktivitäten, die außerhalb des Wohnbereiches stattfinden und fördern jede Entwicklung in Richtung eines eigenständigen Lebens in der Gemeinde.

Die Einrichtung hat sich zur Aufgabe gemacht, Empfinden, Lebenszufriedenheit und Lebensqualität zu verbessern. Die Atmosphäre des Wohnheimes soll für alle Beteiligten in hohem Maße Vertrauen schaffen und erhalten. Dabei werden Selbstbestimmung und Eigenständigkeit der Bewohner bewahrt und Selbstverantwortung berücksichtigt. Die Unterstützung, Betreuung und Begleitung in der Alltagsbewältigung der BewohnerInnen haben das Ziel, die individuelle und soziale Entwicklung, in Rahmen ihrer Möglichkeiten, zu einer eigenverantwortlichen, selbstbestimmten und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit zu fördern. (vgl. Konzeption der Wohnheime)

2.3 Die Zielgruppe

Für das erlebnispädagogische Projekt wurden die zehn Bewohner (vier weibliche und sechs männliche) eines Wohnheimes des Sozialpsychiatrischen Vereins, welches im weiteren Verlauf noch näher beschrieben wird, ausgewählt. Die Bewohner sind zwischen 20 und 55 Jahre alt. Die Bewohnern leiden an schizophrenen Erkrankung oder affektiven Störungenin wechselnder Intensität und sind dadurch in ihren subjektiven Empfinden, ihrer Fähigkeit und Selbstorganisation und zum sozialen Handeln stark beeinträchtigt.

Die Zielgruppe lebt in dieser Zusammensetzung seit etwa einem Jahr zusammen. In dieser Zeit kam es aus verschiedenen Gründen häufig zu verbalen Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern.

In dem Wohnheim arbeiten zwei Sozialarbeiterinnen, ein Sozialpädagoge und eine Fachschwester für Psychiatrie. Bei den erlebnispädagogischen Aktivitäten wäre es empfehlenswert, wenn jeweils zwei der MitarbeiterInnen das Projekt begleiten würden. Es ist wichtig, dass die MitarbeiterInnen die BewohnerInnen während den Unternehmungen im Auge behalten und Veränderungen, wie zum Beispiel Ängste, Wahngedanken o.ä. beobachten. Weiterhin geben die MitarbeiterInnen den Bewohnern ein Gefühl der Sicherheit, wenn sie die Projekte begleiten. Zudem können durch die Kooperations- und Interaktionsspiele die Beziehung zwischen den Bewohnerinnen und MitarbeiterInnen gestärkt werden. Während den verschiedenen Spielen wird die asymmetrische Rollenbeziehung (Betreuer und Klient) aufgehoben und beide Parteien arbeiten zusammen auf ein Ziel hin. Diese Erfahrungen können längerfristig auch die alltägliche Arbeit zusammen mit den BewohnerInnen verbessern.

Kurze Definition der Schizophrenie

„Die schizophrenen Störungen sind im Allgemeinen durch grundlegende und charakteristische Störungen von Denken und Wahrnehmung sowie durch eine inadäquate oder verflachte Affektivität gekennzeichnet“ (vgl. Steden,2003).

Schizophrene Psychosen sind mehr oder weniger tiefgreifende Störungen der Gesamtpersönlichkeit. So sind durch die Erkrankung die Grundfunktionen der Wahrnehmung, des Denkens, des Körperempfindens, des Ich-Erlebens und Fühlens betroffen. Diese vielfältigen Störungen haben Auswirkungen auf das Verhalten der Betroffenen. Auf das soziale Umfeld kann das Verhalten des Erkrankten fremd wirken und ist nicht mehr so gut einschätzbar und vorhersehbar. In Extremsituationen kann es bis hin zu Eigen- und Fremdgefährdungen führen (vgl. Wienberg,1997, S. 20 und 21).

Dies schränkt im Normalfall die intellektuellen Fähigkeiten nicht ein. Typische Symptome der Schizophrenie sind unter anderem Wahn, Halluzinationen, psychomotorische Störungen und Affektstörungen. Häufig geht den Betroffenen die Fähigkeit verloren zwischen äußeren Einflüssen und dem inneren Erleben zu unterscheiden. Die schizophrene Erkrankung kann sehr unterschiedlich verlaufen und endet keineswegs immer in einer Chronifizierung(vgl. Steden,2003).

Kurze Definition der affektiven Psychosen

Als affektive Störung werden meist krankhafte Veränderungen der Stimmung bezeichnet, die sich in Form einer Depression oder einer Manie auswirken kann. Als Depression wird eine länger anhaltende Niedergeschlagenheit bezeichnet, in deren Phase sich die Betroffenen leer, ausgebrannt und müde fühlen. Sie haben das Empfinden, dass sie minderwertig sind, von keinem gebraucht werden und dass sie für alles die Schuld tragen. In dem Zustand der Depression haben die Erkrankten ein verzerrtes Zeitgefühl und „alle Zeit reduziert sich auf die unerträgliche Gegenwart“ (Clausen, Eichenbrenner, 2010, S 193). Die Betroffenen befinden sich in dieser Zeit in einer Phase der Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit und leiden unter einer starken inneren Anspannung.

Im Gegensatz zur Depression steht die Manie. Menschen die sich in einer manischen Phase befinden sind in der Regel äußerst selbstbewusst, euphorisch und überschwänglich (vgl. Clausen, Eichenbrenner, 2010, S.195). Diese Selbstüberschätzung kann sich bis in einen Größenwahn steigern. Weitere Symptome einer manischen Erkrankung sind Hyperaktivität, Rededrang und verringertes Schlafbedürfnis. Soziale Beziehungen sind durch schnelle Beziehungsaufnahmen und –abbrüchen und leichtsinnigen Geldausgaben gefährdet. Manisch erkrankte Menschen neigen zu sprunghaften Denken, wodurch viele Aktivitäten und Arbeitsvorgänge zwar begonnen, aber meist nicht zu Ende geführt werden (vgl. Steden, 2003, S. 82 und 83).

2.4 Die Medikation

Bei der nieder- und hochpotenten Neuroleptika können verschiedene Nebenwirkungen auftreten. Durch die blutdrucksenkende Wirkung der Medikamente wird das Verhalten der KlientInnen vor allem durch auftretende Müdigkeit, Schwindelgefühle und Antriebslosigkeit beeinflusst. Aber auch körperliche Begleiterscheinungen wie Störungen der Beweglichkeit, Bewegungsunruhe und Schwitzen und Austrocknen der Schleimhäute können dadurch entstehen. Auch durch die neuere, besser verträgliche atypische Neuroleptika können vereinzelt die genannten Beschwerden auftreten. Der wesentliche Nachteil dieser Medikamente sind für die KlientInnen die erhebliche Gewichtszunahme(vgl. Finzen, 2000, S. 130).

3 Die Gesellschafts-politischen Faktoren

Die Methode der Erlebnispädagogik wurde für die Bewohner ausgewählt, da durch verschiedene Projekte versucht wird, die Persönlichkeit der Klienten durch gezielte Förderung der Reflexionsfähigkeit, Spontanität, Kreativität, Selbstvertrauen, Selbst- und Fremdwahrnehmung, Körperwahrnehmung und Klärung von Zielen und Bedürfnissen zu entwickeln und zu festigen. Diese Punkte sind für die Bewohner besonders wichtig, da sie zum einen durch die Medikation körperlich und geistig sehr beeinflusst und beeinträchtigt werden. Durch die Erlebnispädagogik können die Bewohner wieder körperlich aktiv werden und durch spezielle Angebote die Wahrnehmung schulen. Zum anderen haben die Bewohner häufig durch ihre Erkrankung viele Negativerfahrungen, beispielsweise durch Psychiatrieaufenthalte und daraus resultierender Stigmatisierung und Diskriminierung erlebt und besitzen ein verringertes Selbstwertgefühl. Im Punkt 3.1 wird darauf näher eingegangen.

Weiterhin werden durch die Erlebnispädagogik die sozialen Kompetenzen, die Kooperations- und Konfliktbereitschaft gefördert. Für die Bewohner ist dieser Ansatz sehr bedeutsam, da sie zusammenleben müssen und es dadurch hin und wieder zu Streitigkeiten kommt. Die Erlebnispädagogik bietet die Möglichkeit, dass sich die Bewohner aus einem anderen Blickwinkel kennenlernen, gegenseitig Vertrauen aufbauen und Lösungen für ein konfliktfreieres Zusammenleben entwickeln können(vgl. Polz, 2009, S. 27).

3.1 Die Theorie der erlernten Hilflosigkeit

Herriger geht in seiner Literatur auf verschiedene Gründe ein, die Menschen in eine Position drängt, in der sie sich fremdbestimmt, entmündigt und hilflos fühlen. Eine seiner Überlegungen basiert auf der Frage, was die Menschen dazu veranlasst, dieser Machtlosigkeit vollkommen ausgeliefert zu sein. Als einen Erklärungsversuch greift er auf die Theorie der „erlernten Hilflosigkeit“ von Martin Seligman zurück. Diese Theorie stützt sich auf einer Reihe von Tierversuchen (Herriger, 2010, S. 56). Hunde wurden in den Experimenten mehreren Elektroschocks ausgesetzt, deren sie nicht durch ein bestimmtes Verhalten hätten entkommen können. In der zweiten Phase wurden diese Hunde in einen Versuchskäfig gesetzt, welcher durch einer Barriere in zwei Hälften geteilt war. Der Boden konnte vom Versuchsleiter elektrisch aufgeladen werden und die Hunde konnten dem elektrischen Schlag nur über die Barriere entfliehen. Zu Beginn sprang der Hund noch in dem Versuchskäfig umher, gab aber schon nach wenigen Sekunden auf und ließ die restlichen Stromschläge über sich ergehen. Zum Vergleich wurde ein Hund ohne die Vorerfahrungen aus der Phase eins in den Versuchskäfig gesetzt. Dieser sprang anfangs ebenfalls im Käfig umher bis er zufällig die Barriere entdeckt und dem elektrischen Schlag ausweicht. In den darauffolgenden Versuchen gelingt ihm das Entkommen immer schneller bis hin das er lernt dem Schlag ganz zu umgehen (vgl. Seligman, 1999, S. 19- 20). Dieser Versuch verdeutlicht, dass „ein Organismus, der traumatische Bedingungen erfahren mußte, die er nicht kontrollieren konnte, die Motivation zum handeln verliert, wenn er später erneut mit traumatischen Bedingungen konfrontiert wird“ (Seligman, 1999, S. 20). Es entsteht eine erlernte Hilflosigkeit. Abgeleitet für den Humanbereich bedeutet diese Theorie das Erleben einer Nullpunkterfahrung. Menschen geraten in prekäre Lebenslagen und können diese aus verschiedenen Gründen nicht selbstständig bewältigen. Jegliche Versuche der Betroffenen etwas an der Situation zu ändern und zu verbessern scheitern. Diese wiederholten Erfahrungen, dass alle Bemühungen und Unternehmungen misslingen, führen dazu, dass die Person den Glauben an die eigene Handlungsfähigkeit verliert und dementsprechend demotiviert, hoffnungslos und rückgezogen wirkt (vgl. Herriger, 2010, S. 56-57). Seligman schildert anhand seiner Versuchsreihe, dass traumatisierte Organismen auch nach erfolgreichen Reaktionen nicht erkennen können, dass sie durch ihr eigenes Handeln eine entsprechende Veränderung herbeigeführt haben. Es entwickelt sich eine emotionale Gleichgewichtsstörung mit vorwiegend depressiven und ängstlichen Verhaltenszügen (vgl. Seligman, 1999, S.20). Menschen, die immer wieder mit der Unkontrollierbarkeit bestimmter Situationen konfrontiert werden, projizieren wahrscheinlich diese Hilflosigkeit auch auf andere Situationen und Ereignisse in ihrem Leben.Auf die Psychiatrie angewandt liegt der Schluss nahe, dass die psychiatrischen Behandlungs- und Betreuungssysteme bei einigen Patienten in Verbindung mit deren vorherigen biografischen Erfahrungen dazu führen, dass sie nicht oder nicht mehr versuchen, ihr Leben und ihre Krankheit aus eigenen Kräften zu bewältigen. Das Empowerment- Konzept soll diesen erlernten Verhaltensmustern entgegensteuern und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Stärken wieder nach und nach aufbauen(vgl. Herriger, 2010, S. 58).

3.2 Das Empowerment - Konzept

Ziel des Empowerment-Konzeptes ist es, die Autonomie der Bewohner längerfristig zu stärken. Für das Empowerment-Konzept gibt es verschiedene Definitionsansätze:

„Empowerment lässt sich sinngemäß übersetzen als Selbst-Bemächtigung, als Gewinnung oder Wiedergewinnung von Stärke, Energie und Fantasie zur Gestaltung eigener Lebensverhältnisse“ (Lenz, 2002, S. 13). Herriger beschreibt Empowerment als einen Entwicklungsprozess über eine gewisse Zeitspanne hinweg, die ein Mensch benötigt, um genügend Stärke zu entwickeln, sein Leben nach eigenen Bedürfnissen und Wünschen so zu gestalten, dass er es als ein ‚besseres Leben‘ wahrnimmt. Diese Beschreibung dient als gemeinsamer Kerngedanke der unterschiedlichen Auslegungen des Empowerment- Konzepts (vgl. Herriger, 2010, S. 13). Theunissen und Plaute ergänzen an dieser Stelle, dass es der Ausgangspunkt jeder empowermentorientierten sozialen Arbeit sein soll, die vorhandenen Fähigkeiten von sozial benachteiligten Menschen zu fördern und nutzen, um eine „(Wieder-)Gewinnung von Selbstbestimmungsfähigkeiten und Kompetenzen zur Kontrolle und Verfügung über die eigenen Lebensumstände“ (Theunissen, 2002 S.11) zu ermöglichen. Die Mitarbeiter haben die Aufgabe ihre Klienten zu unterstützen und zu ermutigen sich neuen Situationen und Aufgaben zu stellen um somit ihre Selbstgestaltungskräfte und ihre Selbstbestimmung zu aktivieren oder zu verfestigen (vgl. Herriger, 2010, S. 14 und 15). Die Klienten sollen lernen, auf ihre eigenen Stärken und Ressourcen zurückgreifen, um Selbstvertrauen und -sicherheit zu entwickeln. Für die Mitarbeiter ist hierbei zu beachten und zu prüfen, dass er den Klienten nicht überfordert oder gar seine eigene Vorstellung aufzwingt (vgl. Theunissen, 2002 S.13). Dabei sollte es Ziel des empowerment-vertretenden Mitarbeiters sein, sich von dem einseitigen, defizitorientierten Denken abzuwenden und sich, anstatt auf die Hilfsbedürftigkeit des Klienten, auf seine Stärken, Fähigkeiten und Ressourcen zu konzentrieren. Die Selbstgestaltungskräfte des Klienten sollen dabei aktiviert und gefördert werden (vgl. Lenz, 2002, S. 96). Die professionellen Helfer haben auch den Auftrag, Klienten zu unterstützen, bei denen die Ressourcen in ihrer momentanen Lebenslage erschöpft sind und denen die Kraft für ein selbstständig organisiertes Leben fehlt. Aufgabe ist es hier gemeinsam mit den Klienten wieder eine Perspektive zu entwickeln und ihnen das „Rüstzeug für ein eigenverantwortliches Lebensmanagment zur Verfügung zu stellen (…)“ (Lenz, 2002 S.19), sodass sie sich wieder ihrem eigenen Können bewusst werden (vgl. Lenz, 2002, S.19). „Es geht darum, Möglichkeiten und Hilfen anzubieten, die es Individuen oder Gruppen erlauben, Kontrolle über ihr Leben und ihre sozialen Zusammenhänge zu gewinnen, und die sie darin unterstützen, die dazu notwendigen Ressourcen zu beschaffen“ (Amering 2002, S. 161).

[...]


1 Geistiger Vater und Begründer der Erlebnispädagogik ist der Reformpädagoge Kurt Hahn (1886-1974). Er integrierte 1920 erlebnispädagogische Elemente in den Stundenplan (körperliches Training, Expedition, Projekte). 1941 gründet er eine Schule in Wales. Sein Ziel: Junge Menschen müssen gerüstet sein mit dem Leben fertig zu werden. Hahn analysierte die Gesellschaft und stellte fest, dass sie unter so genannten "Zivilisationskrankheiten" leidet (Mangel an menschlicher Anteilnahme und zwischen menschlicher Beziehung, Verfall der körperlichen Tauglichkeit etc.). Dagegen setzte Hahn: körperliches Training - Wandern, Laufen, Spielen;Kunstübungen, wie Zeichnen und Modellieren; praktische Arbeiten im Garten, auf dem Feld, auf dem Bauplatz usw. Diese Ideen/Konzepte Hahns wurden später weiterentwickelt (vgl. Michl 2009).

2 Siehe hierzu exemplarisch: http://www.sovieswohnen.de (Abruf am 18.7.2011) oder Polz 2009, S. 138ff.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Psychisch kranke Menschen und Erlebnispädagogik
Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
30
Katalognummer
V180168
ISBN (eBook)
9783656027355
ISBN (Buch)
9783656272823
Dateigröße
636 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
psychisch, menschen, erlebnispädagogik, Psychiatrie
Arbeit zitieren
Stefanie Schulz (Autor), 2011, Psychisch kranke Menschen und Erlebnispädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180168

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