Nobelpreisträger Garry S. Becker (1992)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Nobelpreisträger Gary Stanley Becker

3. Volkswirtschaftliche Grundlagen - neoklassische Theorien

4. Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens
4.1 Zentrale Elemente
4.2 Erweiterte Annahmen

5. Vier spezifische Themenfelder des ökonomischen Ansatzes
5.1 Diskriminierung von Minderheiten
5.2 Kriminalität und Strafe
5.3 Humankapital
5.4 Familienökonomik

6. Würdigung und Anwendbarkeit

7. Kritische Betrachtung

8. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nationalökonom Gary Stanley Becker, der 1992 den „Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften zu Alfred Nobels Gedächtnis“ erhält, verändert das Selbstverständnis der modernen Ökonomik des 20. Jahrhunderts radikal: In seinen Forschungstätigkeiten dehnt er das ursprüngliche ökonomische Denken auf gesellschaftliche Fragestellungen aus, die im gewohnten Sinne außerhalb des traditionellen Bereichs der Wirtschaftswissenschaften und eher in den Wirtschaftszweigen der Soziologie, Politologie oder Rechtswissenschaft liegen: Becker erhebt den Anspruch, Alltagssituationen mit Hilfe ökonomischer Analysen zu erklären und definiert die Wirtschaftswissenschaft fortan nicht länger von ihrem Gegenstandsbereich her, sondern methodisch: als „economic approach“. Er ist der Auffassung, dass sein ökonomischer Ansatz eine breite Skala menschlichen Verhaltens integrativ erfassen kann und widmet sich in seiner Forschung deshalb den unterschiedlichsten Themenfeldern wie sozialer Integration, Kriminalität und Bestrafung, Heiratsverhalten, Zeitallokation, Gesundheitsvorsorge oder Investition in Bildung. Aus diesem Grund wird Gary Becker häufig als „ökonomischer Imperialist“ (vgl. Siebeck, 1998, S.1) bezeichnet. Sein wissenschaftliches Wirken wird als interdisziplinäre Herausforderung wahrgenommen und im Besonderen als Erweiterung des Anwendungsbereiches ökonomischer Analyse aufgefasst. Derart formuliert ist es auch in der Begründung zur Verleihung des Wirtschaftsnobelpreises, in der er “für seine Verdienste um die Ausdehnung der mikroökonomischen Theorie auf einen weiten Bereich menschlichen Verhaltens und menschlicher Zusammenarbeit, auch außerhalb von Märkten” (Grüske, 1994, S.195) geehrt wird. Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel den grundlegenden Charakter seines ökonomischen Ansatzes und die damit in Verbindung stehenden Hauptargumentationslinien in vielfältiger Weise aufzuzeigen. Zu diesem Zweck werden zunächst biographische Daten Gary Beckers skizziert, um einen Zugang zur Persönlichkeit des Nobelpreisträgers zu erhalten. Der sich anschließende dritte Abschnitt beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen und Konzepten der Mikroökonomie als Ausgangspunkt seiner Forschungen. Daran anknüpfend stehen die Kernstrukturen seines integrativen Konzeptes und die Unterschiede zur neoklassischen Theorie im Vordergrund des Interesses. Im fünften Gliederungspunkt wird die Ausdehnung des ökonomischen Gegenstandsbereichs auf die spezifischen Themenfelder von Diskriminierung, Kriminalität, Humankapital und Familienökonomik illustriert. Nach Würdigung und kritischer Analyse von Beckers ökonomischen Ansatzes folgt abschließend eine Zusammenfassung der Arbeit.

2. Nobelpreisträger Gary Stanley Becker

Gary Stanley Becker wird am 2. Dezember 1930 in Pottsville, Pennsylvania, USA geboren. Seine Grundschul- und Highschool Zeit verbringt er ab seinem fünften Lebensjahr in Brooklyn, New York. Zunächst mehr an Sport interessiert, wird sein Interesse für die Ökonomie und Mathematik erstmals geweckt, als er seinem Vater die Wirtschaftsnachrichten und Berichte über die Entwicklung der Finanzmärkte vorlesen muss. Mit der Intension etwas Nützliches für die Gesellschaft zu tun und seiner neuen Liebe zur Mathematik, sieht er diese Gegensätze durch die zufällige Belegung eines Kurses in Volkswirtschaftslehre an der Princeton University vereinigt. Becker ist anfangs begeistert von der mathematischen Herangehensweise an ein Thema, dass sich mit sozialen Organisationen beschäftigt. Da sich seiner Meinung nach die Nationalökonomie jedoch nicht fassbar mit den wichtigen sozialen Problemen beschäftigt, überlegt er kurzzeitig das Studium der Soziologie zu beginnen. Er bleibt der Ökonomie jedoch treu und wechselt nach seinem Bachelor-Abschluss 1951 für seine Promotion an die Universität nach Chicago. Seine Begeisterung für ökonomische Theorien wird durch einen Kurs in Mikroökonomie von Milton Friedman1 erneut entfacht. Nach drei Jahren folgt Gary Becker einer Berufung an die Columbia University, die mit Forschungstätigkeiten im „National Bureau of Economic Research“ in Manhattan verbunden ist. Nach 12 Jahren zwischen Lehre und Forschung in New York, in denen er u.a. auf den Gebieten von Humankapital, Zeitallokation, Verbrechen, Strafe und irrationales Verhalten forscht und einen Arbeitskreis zu arbeitsökonomischen Themen gründet, kehrt er nach Studentenunruhen 1970 als Professor für Wirtschaftswissenschaften nach Chicago zurück. Das Hauptaugenmerk der Untersuchungen nach seiner Rückkehr liegt auf dem breiten Spektrum familiärer Entscheidungen: Geburtenrate, Familiengröße und -struktur, Heirat, Scheidung sowie Altruismus gegenüber Familienmitgliedern, Investitionen von Eltern in Kinder und langfristige Veränderungen im Familienverhalten. Dies geschieht jedoch ohne Beachtung seitens führender Wissenschaftler. 1983 übernimmt Becker den Lehrstuhl für Soziologie. Für ihn ist es ein Zeichen der Akzeptanz der Übertragung seines ökonomischen Ansatzes auf menschliches Verhalten außerhalb der Wirtschaft. Auffällig in seiner Biographie ist jedoch, dass die Verwendung ökonomischer Analyseinstrumente zur Behandlung sozialer Fragen zu Beginn stets auf erheblichen Widerstand und konsequente Ablehnung trifft.

3. Volkswirtschaftliche Grundlagen - neoklassische Theorien

Mit seiner Eingliederung in den Fachbereich der Soziologie an der Universität in Chicago schafft Gary Becker eine Grundlage für die Annahme des ökonomischen Modells individuellen Verhaltens als Instrument zur Analyse gesellschaftlicher Fragen. Grundlegend für seine Forschung in der Wirtschaftswissenschaft hinsichtlich des ökonomischen Ansatzes sind dennoch die neoklassische Theorien, die in ihren mikroökonomischen Grundmodellen von homogenen Gütern, vollständiger Information, vollständiger Transparenz, vollständigen Verträgen, dem Fehlen von Transaktionskosten und einem Verhalten der Individuen als Mengenanpasser ausgehen. Zentrales Prinzip der Individuen ist das ökonomische Modell des rational handelnden „homo oeconomicus“, welches eine Nutzenmaximierung auf Basis der persönlichen Präferenzen und unter Beachtung der bestehenden Restriktionen2 des Akteurs unterstellt. In der Theorie des (privaten) Haushalts wird erörtert, wie dieser sein gegebenes Einkommen bei gegebenen, von ihm nicht beeinflussbaren Preisen so auf die verfügbaren Güter verteilen kann, damit sein Nutzen maximiert wird. Das heißt, dass der Haushalt nicht nur über seine Präferenzen, sondern auch über die Restriktionen seines Handelns vollständig informiert ist: Er kennt Preise und Qualität aller zur Verfügung stehender Güter und trifft dabei seine Konsumentscheidung so, dass er sein Nutzenmaximum erreicht. Bei einer Erweiterung dieses Modells kann das Angebot der Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit berücksichtigt werden, ebenso, wie die verfügbare Zeit auf Arbeitszeit und Freizeit aufgeteilt werden soll, und in der intertemporalen Betrachtung, welcher Anteil des Einkommen gespart bzw. konsumiert werden soll. In der Theorie der (privaten) Unternehmung entspricht die Nutzenmaximierung der Gewinnmaximierung. Unter der Bedingung der vollständigen Konkurrenz ist der Unternehmer über die Absatzbedingungen seiner Produkte vollständig informiert und kann auf den Faktormärkten beliebige Mengen der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital zu konstanten Preisen nachfragen. Diese mikroökonomischen Analysen, die das Augenmerk auf einzelne Wirtschaftssubjekte richten aber dennoch die marktlichen Interdependenzen als auch den Ablauf von Wirtschaftsprozessen erklären, sind Ausgangspunkte für Beckers signifikanten Ansatz zur Ökonomie.

4. Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens

4.1 Zentrale Elemente

Ausgangspunkt und Kern bei der Konstruktion seines ökonomischen Ansatzes sind für Gary Becker die Annahmen des nutzenmaximierenden Verhaltens, des Marktgleichgewichts und der Präferenzstabilität. Im Einzelnen bedeutet dies: Das Wirtschaftssubjekt maximiert seine Wohlfahrt, wie es sie selbst empfindet, sei es egoistisch, altruistisch, loyal, böswillig oder selbstquälerisch. Das Verhalten ist dabei zeitkonsistent, in die Zukunft gerichtet, doch durch Werte und Einstellungen in der Vergangenheit determiniert. Er geht ferner von der Existenz von Märkten aus, die mit wechselnder Effizienz die Handlungen der Marktteilnehmer so anpassen, dass sie miteinander im Einklang stehen. Preise steuern dabei die Allokationen der knappen Ressourcen im Markt, beschränken die Realisierbarkeit der Wünsche von Beteiligten und koordinieren somit ihr Handeln. Insbesondere die Preise, verstanden als Geldpreise des Marktes oder die unterstellten „Schattenpreise3 “ des nicht-marktlichen Bereichs, messen dabei die Opportunitätskosten dieses Einsatzes knapper Ressourcen. Im Marktgleichgewicht ist das Verhältnis dieser beiden Preise gleich dem Grenznutzen der jeweiligen Güter. Die als stabil angesehenen Präferenzen beziehen sich indes nicht auf einzelne Güter oder Dienstleistungen, vielmehr auf grundlegende Wahlobjekte oder allgemeine Aspekte des Lebens wie beispielsweise Gesundheit, Zufriedenheit, Wohlwollen, Prestige oder Neid. Jeder Haushalt ist in der Lage diese durch den Einsatz von Zeit, Marktgütern und -leistungen, sowie anderen Faktoren wie Kapital oder Arbeit herzustellen.

Die Annahme stabiler Präferenzen wiederum impliziert eine feste Grundlage über Einschränkungen der Wirtschaftssubjekte. Die Grundlegendste Restriktion ist die auf 24 Stunden pro Tag begrenzte Zeit, die insgesamt für den Konsum zur Verfügung steht. So sieht der Ökonom sowohl die Bedürfnisse in reichen als auch in armen Ländern als unbefriedigt, denn trotz des sinkenden Grenznutzens der Güter wird die Zeit mit zunehmendem Güterangebot wertvoller. Daneben wird der Handlungsspielraum des Einzelnen in Abhängigkeit unterschiedlichster Situationen durch das Einkommen, Mängel des Gedächtnisses, schwache Rechenfähigkeiten und andere verfügbare Möglichkeiten in der Wirtschaft eingeschränkt. Letztere werden wiederum durch das private und kollektive Handeln anderer Personen und Organisationen bestimmt.

[...]


1 Amerikanischer Nationalökonom (geb. 1912, gest. 2006) und Hauptvertreter des Monetarismus, der 1976 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, insbesondere „für seinen Beitrag zur Verbrauchsanalyse, zur Geldgeschichte und -theorie sowie seine Klarlegung der Komplexität der Stabilisierungspolitik“.

2 Die hierbei bedeutenden Restriktionen bestehen im ökonomischen Kernproblem: Knappheit der Mittel und potentielle Unbegrenztheit von Bedürfnissen/Wünschen/Zielen.

3 Unter „Schattenpreis“ versteht Gary Becker in diesem Zusammenhang unterstellte, vermutete Preise, welche eine Reaktion hervorrufen. Auch bei Nicht-Existenz eines Marktes existieren diese Preise als diejenige Zeit, die benötigt wird, um eine zusätzliche Einheit eines Gutes zu produzieren.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Nobelpreisträger Garry S. Becker (1992)
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V180206
ISBN (eBook)
9783656027805
ISBN (Buch)
9783656028048
Dateigröße
665 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nobelpreisträger, garry, becker
Arbeit zitieren
Markus Matthes (Autor), 2008, Nobelpreisträger Garry S. Becker (1992), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180206

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