Eine Interpretation von Ovids Ars amatoria II, 315 -337 „Krankheit des Mädchens“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

Interpretation von Ovids Ars Amatoria II, 315-337 „Krankheit des Mädchens“

1. Inhalt und Form
a) Einbettung in den Kontext der Ars amatoria
b) Zweiteilung

2. Vorstellungen von der Heilkunde
a) Wetter als Krankheitserreger
b) Traumdeutung
c) Magie und Exorzismus

3. Vorstellungen von der Philosophie: das positive Maßhalten

4. Vorstellungen von der Liebe
a) Servitium amoris und militia amoris
b) Liebe als Krankheit?

Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang: 1) Metrische und syntaktische Analyse

2) Stilistische Analyse

„Facile omnes, quom valemus, recta consilia aegrotis damus.”

Terenz: Andria, 166 v. Chr., Vs. 309

Ovid schrieb zwischen 1 v. und 4 n. Chr. die „Ars amatoria“. Im zweiten Buch, das sich an die Männer richtet, geht es darum, welche Regeln die Männer einhalten müssen, um sich die Gunst einer Freigelassenen zu bewahren.[1] Ovid wählte das für die Elegie typische Versmaß des elegischen Distichons und das in der römischen Elegie seit etwa einem halben Jahrhundert häufig herangezogene Thema der Liebe. Als Elegie kann man das Werk trotzdem nicht bezeichnen, denn zum Einen thematisiert es, wie Julia Wildberger 1998 betont hat, eine praktikable Version der Liebe,[2] zum anderen hält Ovid das in der Elegie übliche Schema des Ich-Erzählers, des poeta, der gleichzeitig amator ist,[3] nicht ein, weil der Ich-Erzähler hier den amator anspricht. Inhaltlich ist es nach dem Konzept eines Lehrgedichtes aufgebaut, wobei sich Ovid dabei wahrscheinlich u.a. von Lukrez, der ein halbes Jahrhundert zuvor das erste lateinische Lehrgedicht geschrieben hat, sowie von Vergil, der etwa dreißig Jahre vor Christi Geburt ein Lehrgedicht über die Landwirtschaft verfasst hat, inspirieren hat lassen. So kann man die Ars amatoria eher als Lehrgedicht mit elegischem Rhythmus statt mit sonst gebrauchtem hexametrischem Rhythmus bezeichnen als als Elegie mit didaktischer Absicht. Ein zusätzliche Absicht, die nämlich, dass Ovid die didaktische Literatur parodisieren wollte, unterstellten ihm Kenney und Steudel 1958 bzw. 1992.[4]

Ovid nimmt auf mehrere Lebenssituationen Bezug, unter anderem auch auf die Situation, in der die Geliebte krank ist. Ob die Krankheit der Geliebten in Kleanthes „Erotike techne“ oder bei den wichtigsten Verfassern erotischer Epigramme, Asklepiades von Samos (geb. c. 320 v.), Kallimachos, Poseidipp von Pella, Meleager oder Philodem schon erwähnt worden war ist unklar, Tibull und Properz hatten sie jedenfalls etwa zwanzig Jahre zuvor schon in ihren Liebeselegien behandelt.[5] Ovids Behandlung des Themas weist viele Parallelen mit Tibull und Properz auf, bietet aber auch eigene Interpretationen.

Die Episode, in der Ovid dem Liebhaber Anweisungen gibt, wie er mit der kranken Geliebten umgehen soll, sollen zunächst in den Kontext des zweiten Buches eingeordnet werden, bevor eine stilistische Analyse erfolgt, die nach den Inhalten gegliedert ist, die der Text vermittelt: Heilkunde, Philosophie und Liebe.

1.Themen, Inhalt und Form

a Einbettung in den Kontext der Ars amatoria

Ovid führt seine Anweisung, der kranken Geliebten besonders viel Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, etwa in der Mitte des zweiten Buches an. Vergleicht man alle Ratschläge, so kann man erkennen, dass sich am Anfang die ethischen allgemeinen Ratschläge häufen (sich zu bilden, freundlich und nachsichtig zu sein, geduldig und beharrend zu sein), erst danach Anweisungen für spezifischere Aktionen folgen (die Dienerschaft auf seine Seite ziehen, Geschenke machen und Verse dichten), um zum Schluss zu auf bestimmte, eher exzeptionelle Situationen (Krankheit, Trennung, Untreue verhindern, vertuschen, androhen und verzeihen, Geschlechtsakt) einzugehen. Die Krankheit steht somit als erste dieser Reihe von exzeptionellen Situationen.

Zweiteilung

Im Ganzen sind die zweiundzwanzig Verse in „wenn-dann“-Form angeordnet. Das erinnert an das grammatikalische Phänomen der Prolepsis und der Apodosis in Konzessiv- und Konditionalsätzen: Ovid führt einleitend als häufigen Grund einer möglichen Krankheit der Geliebten das Wetter an. Drei erfüllbare Optative im Vs. 315-321 zeigen die Unerwünschtheit einer solchen Krankheit. Danach folgt der „Dann“ –Teil in Form von Anordnungen, die aber nicht durchgängig als Vorschriften wie in Gesetzestafeln im Iussiv gehalten sind.[6] Die Anordnungen werden zuerst

1. mit einer Art Überschrift versehen „tunc amor et pietas tua sit manifesta puellae“;[7]
2. mit einer Ermunterung im Sinne einer In-Aussichtstellung eines Lohnes eingeleitet;
3. mit einer Aufforderung zum Durchhalten und ausschließlichen Richten nach ihren Wünschen begleitet.

Dann beginnt

4. der eigentliche Aufforderungsteil mit der Aufforderung zum aktiven Handeln:

- er solle keine Scham haben, zu weinen;
- keinen Ekel empfinden, zu küssen;
- keine Scheu haben, ihr öffentlich Mut zu machen durch Versprechungen und das Erzählen von fröhlichen Träumen; und auch passiv solle er die Exorzismen einer Kundigen zulassen.

Der Aufforderungsteil wird

5. unterbrochen und flankiert von einer neuerlichen Ermunterung zum Handeln und der Ermahnung, dass sie die ist, die bestimmt

und wird 6. wiederaufgenommen durch eine Ermahnung zum Maßhalten, und dazu, sie aktiv nicht vom Essen abhalten, sowie ihr aktiv das Trinken von selbstgebrauten bitteren Getränken zu ersparen.

Ovid ermahnt also mit fünf Ratschlägen, wobei die allgemeine Ermunterung zum aktiven Handeln sogar in zwei Versen (321, 333) redundant wiederholt wird. Diese Ermunterung und Aufforderung wirkt selbst angesichts der didaktischen Absicht des Werkes übertrieben und erinnert eher an Elemente einer Paränese (Mahnrede) und einer Feldherrnrede (Gattungsname exhortatio, cohortatio und adhortatio)[8]; analog dazu ist es hier der Ich-Erzähler, der hier im persuasiven und dissuasiven Sinn wie ein Feldherr handelt – mehr noch als als ein „doctor amoris“ also eher bewegen (movere) als lehren (docere) will – und den Liebenden wie einen Soldaten behandelt, der in der „militia amoris“ steht.[9]

Eine Ringkomposition ist nur andeutungsweise vorhanden: zunächst könnte man, wenn man das Mischen eines Trankes durch den Rivalen als möglichen Krankheitsbringer ansehen will, weil die tödliche Wirkung von Liebestränken damals bekannt war,[10] eine thematische Wiederaufnahme des Motivs der Krankheitsursache erkennen: vom allgemeinen Wetter (Himmel), für das die Götter verantwortlich sind, zum speziellen Liebestrank, für das nur der Rivale zuständig sein darf. Auffällig ist weiterhin die wiederholte Ermunterung zu Handeln und ihr die Führung zu überlassen, die alle Anweisungen außer einer umrahmt.

Der innere Aufbau der Episode zeichnet sich von den anderen Episoden dadurch aus, dass kein ausdrücklicher Bezug auf Mythen genommen wird, beispielsweise solchen vom Apollosohn Asklepius, dem Gott der Medizin.[11] Mit der Einstreuung von Mythen, die spätestens mit Kallimachos‘ Aitia von ca. 250 v. Chr. auch in Elegien angewandt wurde, hat Ovid ansonsten nicht gespart.[12]

2.Vorstellungen von der Heilkunde

Die Darstellung Ovids ist ohne Zweifel durch sein Vorwissen geprägt, dass er von Krankheiten und ihrer Beseitigung durch die Heilkunde hatte. Als Ursache der Krankheit wird nur das Wetter genannt; dass die Ausdeutung von Träumen ein bekanntes Mittel der Krankheitsdiagnose war mag bei dem Ratschlag Ovids, positive Träume zu erzählen, eine Rolle gespielt haben. Ovids Haltung zur Magie aus der Beschreibung der Handlungen der „alten Frau“ herauszulesen, ist Aufgabe der nun folgenden Interpretation und Analyse.

a Wetter als Krankheitserreger

Zunächst weist Ovid auf den Herbst als die Zeit hin, in der man mit Krankheit rechnen muss. Er bezieht sich damit auf die damals schon lange, nämlich mindestens seit der Herausgabe der hippokratischen Schrift „Über die Umwelt“ schriftlich thematisierte Vorstellung eines Zusammenhanges zwischen Wetter und Gesundheit. Er geht aber nicht so weit ins Detail wie Lukrez, der knapp sechzig Jahre zuvor den vier Himmelsrichtungen spezielle Krankheiten zugeordnet hatte.[13] Dafür nimmt er das Motiv des Übergangs zwischen dem „fieberschwangeren Spätsommers zum Frühherbst mit gefährlichen Temperaturschwankungen“[14] auf, das schon von Horaz etwa fünfzehn Jahre zuvor genannt worden war,[15] wie auch von Properz etwa zwanzig Jahre zuvor, der eine ähnliche Terminologie anwandte (aer, sicco, crimina caeli)[16] und noch von Juvenal knapp hundert Jahre später erwähnt worden ist.[17]

Zur Verdeutlichung des Wandels vom Sommer zum Herbst verwendet Ovid antithetische Sinneinheiten: Nachdem er zunächst positive Gefühle beim Leser erzeugt hat („formosissimus annus…plena uva…subrubet“[18]), der vor sich die warme rote Farbe in prallem Obst sieht,[19] wird er doch schon durch das Wort „purpureo“, violett, einer Mischung von Rot und dem kalten Blau, dass die Farbe der Trauben bezeichnet, auf die Kälte vorbereitet, die in Vs. 317 durch die anaphorische Verwendung des Wortes „cum“ zur Bezeichnung derselben Perikope im ersten Teil zum Ausdruck kommt: so wie sich die Trauben vergrößern, so verkleinern sich die Körper durch die Kälte („premere“ – noch durch die Stellung zwischen Penthemimeres und Hepthemimeres hervorgehoben) und werden gleich darauf wieder, durch die anaphorische Verwendung des Wortes „modo“ – das rhythmisch auch länger und damit betont gesprochen wird, da es sich zwischen Hepthemimeres und bukolischer Dihärese befindet - als dem vorigen inhaltlich so entgegengesetzten Versteil verbunden dargestellt, durch die Hitze „erlöst“ (solvimur). Direkt mit dem Wandel in Verbindung gebracht hat rund vierzig Jahre zuvor auch Vergil das „formosissimus annus“: Nur bei Vergil ist diese Junktur noch vorhanden[20]: Der Sohn des Meeresgottes fordert darin zum Gesang auf, preist das „formossismus annus“ und erinnert daran, dass die Kamenen, altitalische Geburts- und Quellgöttinnen, den Wandel liebten.[21] Bei Ovid wird den prallen Trauben im Vers 318 der schlaffe Körper entgegengestellt, der auf die heftige Bewegung, die folglich durch „premere“ und „solvere“ ausgelöst wird, mit „languor“, Schläfrigkeit, Erschlaffung reagiert.[22] Diesem Kausalzusammenhang von heftiger Bewegung und Ermüdung hätte auch Theophrast dreihundert Jahre zuvor und Galen zweihundert Jahre später zugestimmt. Außerdem ist die Vorstellung, Krankheit stelle ein Ungleichgewicht von etwas dar, schon frühestens seit dem 5. Jahrhundert vor Christus nachweisbar.[23] Zusätzlich betont Ovid den Einfluss der Luft („aere non certo“, Vs. 318), was einem Anhänger der pneumatischen Schule gefallen hätte, der doch glaubte, dass der Luft wegen ihrer Aufgabe der Abkühlung der Hitze des Herzens eine besondere Bedeutung zukommen würde. Die Unsicherheit, der durch die sich wandelnde Hitze ausgedrückt wird, wird noch einmal durch die Stellung des „certo“ zwischen zwei Sprechpausen der Trithemimeres und der Penthemimeres ausgedrückt. Die Junktur „aere non certo“ unterscheidet sich zudem von den inhaltsähnlichen der „varius aeёr“ und der „incertus aer“.[24]

[...]


[1] Einer Freigelassenen, wie Ovid in der Ars Amatoria I, 31-34 erläutert.

[2] Harzer, Ovid, S. 43.

[3] Holzberg, Liebeselegie, S. 9.

[4] Harzer, Ovid, S. 43.

[5] Tibull, I,5; Properz, II, 28.

[6] Z. 319, 322, 323, 325, 326, 328, 329, 330, 333, 335, 336.

[7] Vs. 321. Die in dem folgenden Pentameter noch einmal wiederholt wird. Die Verbindung zwischen Hexameter und Pentameter wird durch die zum „tunc“ korrelierende Einleitung mit „tum“ hergestellt, siehe Vs. 321f. Das „manifesta“, das die Liebe und das Pflichtbewusstsein kennzeichnen soll, könnte in antithetischer Korrespondenz zum „male firma“ des Vs. 319 gesetzt worden sein.

[8] Hambsch, Feldherrnrede, Z. 225-38.

[9] Siehe auch Ovid, Ars amatoria, Vs. 233 „militiae species amor est“. Die Vorstellung von einem Kriegsdienst der Liebe ist aus der elegischen Dichtung übernommen, schon Properz hat es verwandt. Andere Grundhaltungen der elegischen Liebe sind die der Liebe als Dauerzustand und die der Liebe als Sklavendienst, siehe Holzberg, Liebeselegie, S. 15f.

[10] Caligula und Marc Anton sollen an einem Liebestrank (poculum amatorium) gestorben sein. Im röm. Recht galt ein philtrum als Gift. Die Gabe eines Gifts wurde mit dem Tod bestraft, siehe Leven, Aphrodisiacum, S.50. Vergleiche auch mit Lukrez.

[11] Beispielsweise von der Heilung des Orion durch Asklepios, nachdem Orion von einem Skorpion vergiftet worden war.

[12] Holzberg, römische Liebeselegie, S. 8.

[13] Stamatu, Klima, S. 502.

[14] zit. n. Janka, Ars amatoria, S. 252.

[15] Horaz, epist. 1,7,5-9; Horaz c. 2, 14, 15f

[16] Properz, II, 28, 5- 8: „venit enim tempus, quo torridus aestuat aer,/ incipit et sicco fervere terra Cane./ sed non tam ardoris culpa est neque crimina caeli/ quam totiens sanctos non habuisse deos.“

[17] Iuv. 1,4.

[18] Vs. 315f.

[19] Die Junktur “uva mero” verwendet Ovid wieder in seinen Tristien, 5,3,35, Das Wort „subrubet“ ist sogar eine Wirtneuschöpfung von Ovid, siehe. Janka, Ars amatoria, S. 253.

[20] Laut Latin library Online A und B, beziehbar über DBIS der Bayerischen Staatsbibliothek.

[21] Vergil, Eklogen, 3,57:„Dicite, quandoquidem in molli consedimus herba.et nunc omnis ager, nunc omnis parturit arbos,nunc frondent silvae, nunc formosissimus annus.incipe, Damoeta; tu deinde sequere, Menalca.alternis dicetis: amant alterna Camenae.” Janka entdeckt auch eine kontrastive Darstellung in der Verwendung Ovids, der das „formosissimus annus“ eher ironisch meine und damit das Preisen des Sommers durch Vergil „nicht ohne Bosheit“ zitiere, siehe Janka, Ars amatoria, S. 252

[22] Sie führt sogar soweit, dass die Körperspannung so nachlasse, dass sie „male firma cubarit“ „geschwächt daniederliegt“. Ovid wird später in den Tristien auch mit derselben Junktur „corpora languor habet“ seine Krankheit beschreiben, die ihn dazu bewegt, sich an einen anderen Ort zu wünschen, siehe Tristia, 3,8,23.

[23] Bergdolt, Gewissen, S. 25-62 und Eckhart, Geschichte der Medizin, S. 45.

[24] Lukrez, 6,118 bzw. Lukan, 4,48.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Eine Interpretation von Ovids Ars amatoria II, 315 -337 „Krankheit des Mädchens“
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Klassische Philologie)
Veranstaltung
Ovids „Ars amatoria“
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V180306
ISBN (eBook)
9783656029236
ISBN (Buch)
9783656029267
Dateigröße
2836 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krankheit, Ovid, Heilkunde, Traumdeutung, Modestia
Arbeit zitieren
Anna Nießner (Autor), 2011, Eine Interpretation von Ovids Ars amatoria II, 315 -337 „Krankheit des Mädchens“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180306

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