EINLEITUNG: An den Pflegeklassen nach SGB XI wird in der Literatur häufig Kritik geübt,
ein häufiger Vorwurf lautet, dass Pflegebedarfe kognitiv beeinträchtigter Personen
nicht ausreichend berücksichtigt würden. Das Bundessozialgericht stellte im Jahr 2000
zudem klar, dass aus den Pflegestufen nicht automatisch auf Pflegeklassen geschlossen
werden dürfe, da soziale Betreuung und Behandlungspflege durch die Pflegestufen
nicht repräsentiert seien. Diese Arbeit stellt einen empirischen Vergleich der
momentan verwendeten Pflegeklassen auf Basis der Pflegestufen mit den Resource
Utilization Groups (RUG-III) an.
FRAGESTELLUNG: Die Studie ging der Fragestellung nach, in wie weit die Pflegeklassen
nach SGB XI mit den einzelnen Elementen der RUG-III (Hauptgruppen, ADL- Index,
Cluster des ADL- Index, Cognitive Performance Scale) korrelieren.
METHODE: Es handelte sich um eine explorative Studie mit retrospektivem
Korrelationsdesign. Die Stichprobe umfasste n=88 Bewohner von drei Wohnbereichen
eines bayrischen Pflegeheims. Adäquate Datenqualität wurde durch eine Messung der
Inter- Rater- Reliabilität (n=10) für die untersuchten Elemente der RUG-III belegt.
ERGEBNISSE: Die Pflegeklassen nach SGB XI korrelierten zufrieden stellend sowohl mit
dem ADL- Index (rho= 0,716) und dessen Clustern (rho= 0,701), als auch mit der
Cognitive Performance Scale (CPS) (rho= 0,683). Für die Korrelation mit den
Hauptgruppen der RUG-III konnte kein hinreichender Zusammenhang ermittelt werden.
Die Pflegeklassen nach SGB XI korrelierten für „Low Care Cases“ nicht ausreichend mit
der CPS (rho= 0,366).
SCHLUSSFOLGERUNGEN: Folgende Hypothesen wurden aufgestellt: Der ADL- Index der
RUG-III korrespondiert hinreichend mit den Pflegeklassen nach SGB XI und somit
korrespondieren auch die 21 Verrichtungen des SGB XI §§14,15 mit den vier „Lateloss“-
ADLs. Die Pflegeklassen repräsentieren Pflegebedarfe von kognitiv
beeinträchtigten Low- Care- Cases unzureichend und repräsentieren insgesamt
Gruppen, die unter den klinischen Aspekten der RUG-III nicht homogen sind. Sie
repräsentieren wesentliche von der RUG-III erfasste Einflussgrößen nicht, die zur
adäquaten Erklärung der Varianz des Ressourcenverbrauchs eines Pflegeheims
notwendig wären.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
1.1 KONTEXT DIESER ARBEIT
1.2 PROBLEMSTELLUNG
2. THEORETISCHER RAHMEN
2.1 ANMERKUNGEN ZUR LITERATURRECHERCHE
2.2 KLÄRUNG ZENTRALER BEGRIFFE
2.2.1 Pflegeleistungen, Pflegeinterventionen und Pflegeaktivitäten
2.2.2 Pflegeaufwand
2.2.3 Pflegebedarf
2.2.4 Case- Mix und Case- Mix- Index
2.2.5 Low- Care- Cases
2.3 PATIENTENKLASSIFIZIERUNG
2.4 PFLEGEKLASSEN NACH SGB XI
2.4.1 Vorstellung des Verfahrens
2.4.2 Klassifizierung des Verfahrens
2.4.3 Wissenschaftliche Güte dieses Verfahrens
2.5 DIE RUG-III- KLASSIFIKATION
2.5.1 Vorstellung der Klassifikation
2.5.2 Klassifizierung des Instruments
2.5.3 Wissenschaftliche Güte des Instruments
2.6 FRAGESTELLUNG
3. METHODE
3.1 FORSCHUNGSDESIGN
3.2 POPULATION UND STICHPROBE
3.3 MESSUNGEN
3.4 DATENQUALITÄT
3.5 DATENANALYSE
4. DATENQUALITÄT
4.1 PROBLEMSTELLUNG UND FRAGESTELLUNG
4.2 METHODE
4.2.1 Design und Stichprobe
4.2.2 Messungen
4.2.3 Datenanalyse
4.3 ERGEBNISSE
4.4 INTERPRETATION
5. ETHISCHE ASPEKTE DIESER STUDIE
5.1 DAS PRINZIP DER WOHLTÄTIGKEIT
5.2 DAS PRINZIP DES RESPEKS VOR DER MENSCHLICHEN WÜRDE
5.3 DAS PRINZIP DER GERECHTIGKEIT
6. ERGEBNISSE
6.1 FORSCHUNGSFRAGE NR.1
6.2 FORSCHUNGSFRAGE NR.2
6.3 FORSCHUNGSFRAGEN NR. 3 UND NR. 4
6.4 WEITERE ERGEBNISSE
7. DISKUSSION
7.1 GRENZEN DIESER ARBEIT
7.2 INTERPRETATION UND EINORDNUNG DER ERGEBNISSE
8. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
8.1 ZUSAMMENFASSUNG
8.2 EMPFEHLUNGEN FÜR WEITER FÜHRENDE FORSCHUNG
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht empirisch, inwieweit die Pflegeklassen nach SGB XI mit verschiedenen Elementen des international validierten RUG-III-Systems korrelieren, um die Angemessenheit der pflegebedarfsorientierten Vergütung in deutschen Pflegeheimen kritisch zu hinterfragen.
- Vergleich zwischen deutschen Pflegeklassen (SGB XI) und RUG-III-Klassifikation
- Analyse des Zusammenhangs mit ADL-Indizes und Cognitive Performance Scale (CPS)
- Kritische Bewertung der Berücksichtigung kognitiv beeinträchtigter Personen
- Explorative Untersuchung zur Validität der derzeitigen Personalbemessungsgrundlagen
- Ableitung erster Hypothesen für weiterführende Forschung zur Ressourcensteuerung
Auszug aus dem Buch
2.5 Die RUG-III- Klassifikation
Die RUG-III- Klassifikation kennt 44 einzelne Pflegebedarfsgruppen (RUGs). Sie entstand in den USA als Antwort auf die DRGs und bildet im Gegensatz zu diesen keinen medizinischen sondern pflegerischen Bedarf ab. Eine Darstellung der Klassifikation zeigt Abbildung 6.
Eine Eingruppierung kann nach zwei unterschiedlichen Verfahren erfolgen, zum einen nach dem hierarchischen Verfahren, zum anderen nach dem Verfahren des „Index Maximizing“ (vgl. Health Care Financing Administration 2002) 2.
Die folgenden Erläuterungen zur Eingruppierung in eine RUG beziehen sich auf den Worksheet zur manuellen Eingruppierung der HCFA (vgl. Health Care Financing Administration 2002). Eine Eingruppierung in eine RUG erfolgt in drei Schritten. In einem ersten Schritt (primärer Split) wird der betreffende Bewohner zunächst einer von sieben Hauptgruppen zugeordnet (die Hauptgruppen sind aus Abb. 6 und Tab. 18 ersichtlich). Diese Zuordnung erfolgt nach definierten Einschlusskriterien, die in jedem Fall erfüllt sein müssen. Diese Einschlusskriterien basieren zum größten Teil auf Patientenzuständen, zu einem geringeren Teil auch auf erbrachten Pflege- und Therapieinterventionen, wie sie aus dem zuletzt kodierten MDS- Assessment („recent assessment“) hervorgehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Darstellung der Bedeutung der Bewohnerstrukturerfassung für die leistungsgerechte Vergütung und Einführung in die Problematik des bestehenden Vergütungssystems.
2. THEORETISCHER RAHMEN: Klärung zentraler Begrifflichkeiten und detaillierte Einführung in die Pflegeklassen nach SGB XI sowie die international genutzte RUG-III-Klassifikation.
3. METHODE: Erläuterung des explorativen Studiendesigns, der Stichprobenwahl und der Datenerhebung zur Sekundärdatenanalyse.
4. DATENQUALITÄT: Bewertung der Datenbasis durch eine ergänzende Messung der Inter-Rater-Reliabilität sowie methodische Einordnung der Ergebnisse.
5. ETHISCHE ASPEKTE DIESER STUDIE: Diskussion der Einhaltung ethischer Grundsätze bei der Datennutzung, insbesondere hinsichtlich Datenschutz und Informed Consent.
6. ERGEBNISSE: Präsentation der statistischen Korrelationen zwischen den SGB XI-Pflegeklassen und den RUG-III-Elementen (ADL-Index, CPS, Hauptgruppen).
7. DISKUSSION: Kritische Reflexion der Untersuchungsgrenzen und Interpretation der Ergebnisse im Hinblick auf die Hypothesenbildung.
8. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Zusammenfassende Darstellung der wichtigsten Erkenntnisse und Empfehlungen für den zukünftigen Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Pflegeversicherung, SGB XI, RUG-III, Pflegebedarf, Pflegeaufwand, Patientenklassifikation, ADL-Index, Cognitive Performance Scale, Ressourcenverbrauch, Personalbemessung, explorative Studie, Pflegequalität, Demenz, Case-Mix, Reliabilität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch, inwieweit das deutsche System der Pflegeklassen nach SGB XI die tatsächlichen Pflegebedarfe von Bewohnern in Langzeitpflegeeinrichtungen adäquat abbildet, verglichen mit dem US-amerikanischen RUG-III-System.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Patientenklassifizierung, der leistungsgerechten Vergütung, der Messung von Pflegebedarf mittels MDS und der Frage nach der wissenschaftlichen Validität der aktuellen Einstufungspraxis.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Das Ziel ist es, erste explorative empirische Daten zu liefern, um zu prüfen, ob die Pflegeklassen nach SGB XI kognitiv beeinträchtigte Personen ausreichend berücksichtigen und ob sie klinisch homogene Gruppen bilden.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Es handelt sich um eine explorative Studie mit einem retrospektiven Korrelationsdesign, basierend auf einer Sekundärdatenanalyse von MDS-Datensätzen aus einem bayerischen Pflegeheim.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst den theoretischen Vergleich von SGB XI und RUG-III, die Darstellung des methodischen Vorgehens, die Auswertung der Inter-Rater-Reliabilität sowie die statistische Korrelationsanalyse der erhobenen Daten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Pflegeversicherung, RUG-III, Pflegebedarf, Patientenklassifikation, ADL-Index, Cognitive Performance Scale und Ressourcenverbrauch sind die prägenden Begriffe.
Wie schneiden kognitiv beeinträchtigte Personen in der Studie ab?
Die Studie deutet darauf hin, dass die Pflegeklassen nach SGB XI die speziellen Pflegebedarfe kognitiv beeinträchtigter Personen, insbesondere bei sogenannten Low-Care-Cases, nur unzureichend erfassen.
Warum wird die RUG-III-Klassifikation als Vergleich herangezogen?
RUG-III gilt als international validiertes, pflegerisches Instrument, das im Gegensatz zum SGB XI-Verfahren klinisch homogenere Bedarfsgruppen bilden kann und somit eine objektivere Vergleichsbasis für die Ressourcensteuerung bietet.
- Quote paper
- Christian Grebe (Author), 2003, Pflegeklassen nach SGB XI und RUG-III - Eine explorative Korrelationsstudie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18030