Eurozentristische Geschlechterforschung

Untersuchung auf das Auftreten des Eurozentrismus in der modernen Geschlechterforschung


Hausarbeit, 2008

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eurozentrismus
2.1. Definitionen zum Eurozentrismus
2.2. Eurozentrismus vs. Ethnozentrismus

3. Auftreten des Eurozentrismus in der Genderforschung
3.1. Eurozentristische Genderforschung
3.2. Postkoloniale Kritik an der eurozentristischen Genderforschung
3.3. Anderweitige Kritik am Eurozentrismus in der Genderforschung

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Einleitung zu seinem Buch “Die Gesellschaftstheorie und ihr Anderes“, in welchem Gerhard Hauck sich mit der Eurozentrismus Problematik in den Sozialwissenschaften beschäftigt, kritisiert er die mit eurozentristischen Fol gen häufig angewendete Vorgangsweise und eingeschränkte Perspektive der gegenwärtigen westlichen Forschung bei der Untersuchung anderer Kul turen, indem er ihnen vorwirft: "Sie implantieren den Handlungen der Men schen, die sie untersuchen, ungeprüft und unhinterfragt den Sinn, den sie selbst entsprechend den Festlegungen ihrer eigenen Kultur in ihnen sehen [ ]."1 Dies bedeutet, dass die angesprochene Forschung2 ihre entwickelten Theorien und Bilder unreflektiert und unkritisch als universal geltend auf den ganzen Globus überträgt. Ob dieser von Hauck eingebrachte Ansatz, der zugleich auch als ein Vorwurf zu sehen ist, in Bezug auf die Genderfor schung beziehungsweise auf Teile der Genderforschung gültig ist, soll in die ser Arbeit nachgegangen werden.

Zuerst wird das Konzept des Eurozentrismus auf das Wesentlichste be schränkt dargestellt, erläutert und diskutiert, um einen theoretischen Rahmen für die zu untersuchende Frage zu generieren. Um dies zu erreichen, soll auf einige Definitionen sowie die Besonderheiten, die ihn unterscheiden von sei nem konzeptuellen Gegenpart, dem Ethnozentrismus, der auch als Kritik an dem Eurozentrismus Konzept verstanden werden kann, eingegangen wer den.

Mit der errungenen Erkenntnis wird anschließend dann im darauf folgenden Kapitel auf die behandelte Fragestellung, ob in der modernen Genderfor schung der Eurozentrismus auftritt bzw. berücksichtigt oder ignoriert wird, eingegangen. Dabei kann aber nicht die gesamte Genderforschung analy siert werden, weil dies für den Umfang dieser Arbeit ein zu großes Unterfan gen wäre.3 Es wird somit nur exemplarisch vorgegangen beziehungsweise muss auf Erkenntnisse anderer Arbeiten zurückgegriffen werden. Eine aus führliche Untersuchung der gesamten Genderforschung ist auch nicht nötig, weil schließlich nur das Auftreten und nicht das Ausmaß des Eurozentrismus behandelt wird.

2. Eurozentrismus

2.1. Definitionen zum Eurozentrismus

Bevor begonnen werden kann, zu untersuchen, ob in der modernen Ge schlechterforschung Eurozentrismus auftritt oder nicht, muss geklärt werden, für was dieser Begriff steht und was die Kernaussagen beinhalten. In sämtlichen Arbeiten, in denen Eurozentrismus behandelt wird, verweisen bzw. beziehen sich deren Autoren auf das Buch “L`eurocentrisme: Critique d`une ideologie”4 von Samir Amin, welches er Ende der 1980er Jahre veröf fentlicht hatte. In seinem Werk definiert er Eurozentrismus als ein culturalist phenomenon in the sense that it assumes the existence of irre ducibly distinct cultural invariants that shape the historical paths of different peoples. Eurocentrism is therefore anti universalist, since it is not interested in seeking possible general laws of human evolution. But it does present it self as universalist, for it claims that the imitation of the Western model by all peoples is the only solution to the challenges of our time.5

Ein anderer, oft zitierter Autor, James Morris Blaut, beschreibt Eurozentrismus als den Glauben, dass European civilization „The West‟ has had some unique historical advantage, some special quality of race or culture or environment or mind or spirit, which gives this human community a permanent superiority over all other communities, at all times in history and down to the present.6

Bei beiden Autoren ist somit Eurozentrismus ein Phänomen und zugleich eine Sichtweise, die die westliche Zivilisation als die fortgeschrittenste beschreibt, und deren Errungenschaften über allen anderen stehen und somit als das Ziel der Menschheit anzusehen sind.

Eine Schlussfolgerung, zu der John Charles Hawley und Emmanuel Nelson in ihrer Enzyklopädie über postkoloniale Studien des Eurozentrismus eben falls kommen: “Eurocentric thinking remains in presumptions that there are no viable destinations other than those esped from the promontory that is Europe”.7 Diese Sichtweise entspricht auch jener von Sebastian Conrad, der zu dem verdeutlicht, dass dabei die Komplexität der “Anderen” ignoriert und eine allgemein gültige Kultur festgelegt wird.8 Eine Feststellung, die auch schon in den zuvor zitierten Definitionen von Amin und Blaut zu finden ist, die von einer Universalität durch den Eurozentrismus sprechen.

In Anbetracht auf die Fokussierung auf die Kultur betont Oliver Kozlarek, genauer gesagt tritt er dafür ein, den Eurozentrismus nicht zu sehr auf die Geographie zu beziehen, sprich Europa als Kontinent im Mittelpunkt der Welt zu sehen, wie es in der Vergangenheit praktiziert wurde,9 sondern vielmehr auf die entstandene Kultur, wenn er schreibt:

Heute ist der Verweis auf Europa nicht mehr so deutlich. Die beschriebenen institutionellen Dimensionen werden heute auch in anderen Regionen der Welt reproduziert, ohne dass Europa als direkter Anlass verantwortlich ge macht werden kann. Nur eine historisch kulturelle Analyse der heute globa len Institutionen macht daher den historisch kulturellen Verweis auf Europa noch evident. Das aktuelle Weltsystem stellt also ein institutionelles System dar, das vor allem historisch kulturell Europa als ultimativen Referenzpunkt ausweist.10

Dies zeigt sich auch darin, so schreibt er weiter, dass Amerika, die “Neue Welt”, als die weiterentwickelte, vollendete Version Europas, die “Alte Welt”, betrachtet wurde und somit eine geographische Konzentration des Eurozent rismus auf den europäischen Kontinent diesen Aspekt nicht berücksichtigen würde.11 Neben der historisch kulturellen Wirklichkeit existiert für ihn der Eu rozentrismus auch als “historisch soziale Wirklichkeit”, wenn er sich dafür einsetzt, dass „die gesellschaftliche Qualität der Wirklichkeit betont werden“12 soll, die durch den Eurozentrismus hervorgerufen wird. Insofern wird nicht nur das “kulturelle Andere”, sondern auch das “soziale Andere” durch den Eurozentrismus auf respektive angegriffen.

Zusammengefasst lässt sich somit ein Konsens darin finden, dass durch den Eurozentrismus eine Weltordnung beziehungsweise eine Vorstellung der Welt geschaffen oder wahrgenommen wird, in der Errungenschaften, Ansich ten, Wertvorstellungen sowie Normen der “westlichen Welt” über jene der “nicht westlichen” gestellt werden, deren differente Kultur und soziales Gefü ge dadurch sehr wohl wahrgenommen und berücksichtigt werden. Des Wei teren wird die eigene, fortschrittliche Kultur nicht nur als überlegen angese hen, sondern auch als das Ziel der “Unterentwickelten” festgelegt, wodurch ihr, der anzustrebenden westlichen Kultur sowie deren soziales System, uni versal gültigen Charakter zugeschrieben wird und diese Handlung schluss endlich rassistische Züge gewinnt.13

2.2. Eurozentrismus vs. Ethnozentrismus

Für einige Gegner des Eurozentrismus Konzepts ist dieses in Punkt 2.1. be schriebene Überlegenheitsgefühl aber nicht etwas, das explizit der “europäi schen Kultur” inne wohnt, sondern ein Umstand, der in jeder Kultur zu finden sei und somit keine “europäische Besonderheit” wäre, trotz Kolonialismus und Imperialismus. Die Rede müsste daher nicht von einem Eurozentrismus sein, sondern von einem Ethnozentrismus. Eine Ansicht, der oft widerspro chen wird.

So argumentiert zum Beispiel Bernhard Wadenfels bezogen auf diesen Kon text:

Bei den Gebildeten unter seinen Verfechtern beschränkt er sich nicht auf die hausbackene Art von Ethnozentrismus, die das Eigene des eigenen Stammes, der eigenen Nation in absoluter Präferenz dem Fremden entge gensetzt und das Ganze auf sich beruhen lässt. [ ] Aufs Ganze gesehen lebt der Eurozentrismus von der Erwartung, dass das Eigene sich selbst durch das Fremde hindurch allmählich als das Ganze und Allgemeine her ausstellt.14

[...]


1 Vgl. Hauck 2003, S. 12f.

2 Im Folgenden ist mit "Forschung“ immer die "westliche Forschung“ gemeint, wobei die Kritik ange

bracht werden könnte, was überhaupt "westlich“ ist beziehungsweise was damit exakt gemeint ist. Da die Behandlung dieser Problematik jedoch den Rahmen der vorliegenden Arbeit sprengen würde, soll zur Vereinfachung mit "westlich“ der europäische und nordamerikanische Raum angesprochen werden.

3 Daraus ergibt sich, dass die in dieser Arbeit erworbenen Erkenntnisse nicht für die gesamte Genderforschung geltend gemacht werden können.

4 Die hier verwendete englische Übersetzung trägt den Titel “Eurocentrism”, übersetzt von Russel Moore.

5 Amin 1989, S. vii.

6 Blaut 1993, S. 1.

7 Hawley, Nelson 2001, S. 161.

8 Conrad 2002, S. 12f.

9 Vgl. Pieterse 1992, S. 18ff.

10 Kozlarek 2000, S. 153.

11 Vgl. ebd., S. 130.

12 Ebd., S. 138.

13 Dass eine solche Sichtweise der kulturellen Unterschiede, welche Hierarchien unter den Kulturen hervorruft, die in einem Verhältnis “Zivilisierte” und “Wilde” sowie “Wertvolle” und “Minderwertige” analysiert werden können, nach Auffassung eines modernen Rassismusbegriffes eben eine rassis tische ist, soll an dieser Stelle nur erwähnt werden. Infolgedessen muss auf weiterführende Literatur verwiesen werden. Hierzu vgl. Hund 2007, S. 64ff und 74ff.

14 Wadenfels zit. n. Kozlarek 2000, S. 85f, kursive Textteile im Original enthalten.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Eurozentristische Geschlechterforschung
Untertitel
Untersuchung auf das Auftreten des Eurozentrismus in der modernen Geschlechterforschung
Hochschule
Universität Hamburg  (Department für Wirtschaft und Politik)
Veranstaltung
Einführung in die Genderforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V180398
ISBN (eBook)
9783656030874
ISBN (Buch)
9783656031093
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Postkolonialismus, Eurozentrismus, Feminismus, Ethnozentrismus, Eurocentrism, Ethnocentrism, Geschlechter, Spivak, Blaut, Amin, Mohanty
Arbeit zitieren
Wolfgang Müller (Autor), 2008, Eurozentristische Geschlechterforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180398

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