Versprechen werden im Alltag in den verschiedensten Kontexten gegeben, gehalten und gebrochen. Durch sein Wort legt sich der Versprechende darauf fest, zu einem zukünftigen Zeitpunkt eine bestimmte Handlung auszuführen bzw. zu unterlassen. Obwohl die Erfüllung von Versprechen im alltäglichen Kontext nicht einklagbar ist und kein explizites Gesetz das Halten des gegebenen Wortes vorschreibt, ist man im Allgemeinen davon überzeugt, dass Versprechen gehalten werden müssen.
Zugleich ist es aber grundsätzlich unmöglich, die Zukunft vorherzusehen und zu beherrschen. Innerhalb der Zeitspanne zwischen dem Geben und dem Einlösen von Versprechen können sich die Umstände so ändern, dass das Einhalten unmöglich wird.
In der vorliegenden Arbeit werden die Konzeptionen von Hannah Arendt und Paul Ricœur Gegenstand der Untersuchung sein, die versuchen, Antworten auf diese Fragen zu geben. Zuvor werde ich jedoch näher auf den Versprechensbegriff David Humes eingehen. Seine Untersuchung steht exemplarisch in der neuzeitlichen Tradition des Gesellschaftsvertrages, die einen eigenen Lösungsansatz für diese Probleme zu geben versucht.
Die Verbindlichkeit von Versprechen ergibt sich für Hannah Arendt aus der grundsätzlichen Bedingtheit menschlichen Lebens. Menschen sind keine selbstgenügsamen Individuen, die aus Nützlichkeitserwägungen heraus mit Anderen Kooperationsbeziehungen eingehen. Das Handeln definiert sie als die spezifisch menschliche Tätigkeit, die der Grundbedingung der Pluralität des menschlichen Lebens entspricht und die Einzigartigkeit einer Person in Interaktion mit der Mitwelt hervorbringt.
Paul Ricœur schließt an Arendt an und begreift das Versprechen als Modus der Selbst-Bezeugung. Das Wer einer Person ist nicht unmittelbar präsent, es kann nicht direkt durch Reflexion erfasst werden, sondern bezeugt sich indirekt über die Existenzerfahrungen des Handelns in der Welt. Jede Person konstituiert und bezeugt ihr Selbst vermittels der Praxen, an denen sie teilhat und innerhalb derer sie ihre Fähigkeiten verwirklicht. Die Bezeugung des Selbst in den vielfältigen Formen des Handelns ist irreduzibel an den Anderen adressiert und auf ihn angewiesen. Versprechen können laut Ricœur nur dank des Anderen geben, der das Selbst zur ethischen Fürsorge bzw. zur Verantwortung aufruft und in Anspruch nimmt.
Inhaltsverzeichnis
1. David Hume: Versprechen als Konvention
1.1. Affekte, Vernunft, und natürliche Tugenden
1.2. Künstliche Tugenden: Three Laws of Nature
1.3. Versprechen durch Übereinkunft?
1.4. Die Fiktion personaler Identität
2. Hannah Arendt: Versprechen als Konstituens des Handelns
2.1. Die menschliche Bedingtheit und die drei Grundtätigkeiten Arbeiten, Herstellen, Handeln
2.2. Handeln: die politische Tätigkeit
2.3. Die Verbindlichkeit des Versprechens gegen die Aporien des Handelns
2.4. Ist das Halten von Versprechen eine moralische Norm?
2.5. Versprechen und personale Identität
3. Paul Ricœur: Versprechen als Selbst-Bezeugung
3.1. Die Hermeneutik des Selbst
3.2. Versprechen als Sprechhandlung
3.3. Selbigkeit und Selbstheit
3.4. Versprechen als ethische Ausrichtung und moralische Pflicht
3.5. Die Ontologie des Selbst
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den philosophischen Begriff des Versprechens und seine Bedeutung für die Konstitution personaler Identität sowie für soziale Verbindlichkeit bei David Hume, Hannah Arendt und Paul Ricœur. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Versprechen eine Verpflichtung begründen und welche Rolle sie im menschlichen Miteinander spielen, wenn die Zukunft grundsätzlich ungewiss bleibt.
- Vergleichende Analyse der Versprechenskonzeptionen von Hume, Arendt und Ricœur.
- Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Versprechen und der Bildung personaler Identität.
- Analyse der sozialen und politischen Dimensionen des Versprechens als Konstituens menschlicher Kooperation.
- Erörterung der moralischen Verbindlichkeit von Versprechen im Gegensatz zu rein vertraglichen Übereinkünften.
- Auseinandersetzung mit der Rolle der Sprache und der intersubjektiven Anerkennung im Versprechensprozess.
Auszug aus dem Buch
2.3. Die Verbindlichkeit des Versprechens gegen die Aporien des Handelns
Da Handeln und Sprechen ausschließlich in der Mitwelt möglich sind, die Handelnden also nie souverän agieren, ergeben sich aus der Bedingtheit der Pluralität einige Aporien (vgl. Vita Activa, S. 279; 297). Zwar hat auch jedes Handeln einen definierbaren Anfang, kann aber innerhalb des Bezugsgewebes potentiell unendlich andauern, da jedes Handeln Andere affiziert, die selbst zu neuen Anfängen bzw. Taten inspiriert werden. Die Konsequenzen, die sich potentiell ergeben, sind damit für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft unabsehbar. Daraus ergibt sich die Unmöglichkeit, einzelne Personen für sämtliche Resultate verwirklichter Initiativen verantwortlich zu machen. Konkrete Taten können insofern bestimmten Akteuren zugerechnet werden, als sie von Sprache begleitet oder Sprechakte sind, jedoch kann derjenige, der einen bestimmten Neuanfang gesetzt hat, nicht für alle sich daraus ergebenden Konsequenzen zu Rechenschaft gezogen werden, da er sie unmöglich im Vorhinein antizipieren kann. Zudem können die in das Bezugsgewebe initiierten Prozesse nicht mehr rückgängig gemacht werden, weil sie notwendig von vielen Menschen in der Pluralität wahrgenommen werden, vielfältige Reaktionen hervorrufen und sich per definitionem der Kontrolle durch einzelne Personen entziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. David Hume: Versprechen als Konvention: Hume betrachtet das Versprechen als eine künstliche Konvention, die zur Etablierung friedlicher gesellschaftlicher Kooperation und zur Sicherung von Eigentum notwendig ist.
2. Hannah Arendt: Versprechen als Konstituens des Handelns: Arendt analysiert das Versprechen als ein "Heilmittel" gegen die Unvorhersehbarkeit menschlichen Handelns und als essenzielle Bedingung zur Aufrechterhaltung des öffentlichen Erscheinungsraums.
3. Paul Ricœur: Versprechen als Selbst-Bezeugung: Ricœur deutet das Versprechen als einen Modus der Selbst-Bezeugung, der die Identität einer Person über die Zeit hinweg festigt und ihre ethische Verantwortung im Dialog mit dem Anderen begründet.
Schlüsselwörter
Versprechen, Hannah Arendt, Paul Ricœur, David Hume, Handeln, Identität, Verbindlichkeit, Pluralität, Mitwelt, Selbstheit, Selbigkeit, Konvention, Sprechhandlung, Ethik, Verantwortung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht philosophisch den Begriff des Versprechens und analysiert, wie dieser Sprechakt eine moralische oder soziale Verbindlichkeit stiftet und Identität konstituiert.
Welche Denker stehen im Zentrum der Analyse?
Der Fokus liegt auf den Konzeptionen von David Hume, Hannah Arendt und Paul Ricœur.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, welche Rolle das Versprechen für die menschliche Kooperation und die personale Identität spielt, insbesondere unter der Bedingung, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-hermeneutische Methode, um die verschiedenen Positionen zu interpretieren, zu vergleichen und auf ihre Tragfähigkeit hin zu prüfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden nacheinander die Theorien Humes, Arendts und Ricœurs detailliert dargestellt und kritisch beleuchtet.
Was charakterisiert die Versprechenskonzeption bei Arendt?
Für Arendt ist das Versprechen eine zentrale Fähigkeit, die das Handeln in einer Welt der Pluralität erst möglich macht, da es als Heilmittel gegen die Unvorhersehbarkeit und Unwiderruflichkeit von Handlungen dient.
Wie unterscheidet sich Ricœurs Verständnis von Identität bei Versprechen?
Ricœur unterscheidet zwischen "Selbigkeit" und "Selbstheit" und sieht im Versprechen eine Form der Bezeugung, die das Selbst über die Zeit hinweg als identisch und verantwortlich erfahrbar macht.
Warum hält Hume das Versprechen für ein künstliches Konstrukt?
Hume sieht darin keine natürliche Tugend, sondern eine erlernte Übereinkunft, die primär dem individuellen Nutzenkalkül dient, um gesellschaftliche Austauschprozesse zu ermöglichen.
- Citation du texte
- Vera Ohlendorf (Auteur), 2009, Der Begriff des Versprechens bei Hannah Arendt und Paul Ricoeur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180667