Die neue Märchentheorie bei E.T.A. Hoffmann. Das Märchen "Der goldene Topf"


Hausarbeit, 1999
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 „Der Goldene Topf“ - Märchen der neuen Zeit

3 Die Zeit um den «Goldenen Topf»

4 Die Märchentheorie bei E. T. A. Hoffmann

5 „Der goldene Topf“ als Gattungs-, Epochenproblem

6 Nachwort

7 Bibliographie

1 Einleitung

Wie schon der Titel dieser Arbeit verrät, wird die Rede von der neuen Märchentheorie bei E. T. A. Hoffmann sein, anhand des Märchens der „Goldene Topf“. Als erstes wird der Begriff des Märchens allgemein definiert und analysiert; weiter werden verschiedene Beispiele aus den unterschiedlichen Ländern herangezogen. Danach wird die Zeit um das neue Märchen angeschaut. Dabei wird verglichen, ob das Märchen in die damalige Zeit passt oder ob es absolut den Begriffen der Epoche widerspricht. Dann wird die eigentliche Theorie erörtert. Zum Schluß wird das neue Märchen als Gattungs- und Epochenproblem dargestellt, damit der Leser versteht, woran die Neuartigkeit des Märchen am deutlichsten hervortritt.

Von dem Autor ist zu sagen, daß diese Arbeit nicht zu große Kritik erfordert, denn nur wer Erfolg haben will, darf keine Angst haben, Fehler zu machen...[0]

„In keiner als in dieser düsteren verhängnisvollen
Zeit hat mich das Schreiben so angesprochen-
Es ist, als schlösse ich mir ein wunderbares
Reich auf, das auf meinem Innern hervorgehend
Und sich gestaltend mich dem Drange des
Äußern entrückte-„
( E. T. A. Hoffmann, B 1, S.408)

1.1 Was ist ein Märchen in der traditionellen Vorstellung?

Das Wort „Märchen“ ist seit dem 15.Jahrhundert bekannt. Es kommt ursprünglich von „Mär“, mittelhochdeutsch maere und bedeutet Kunde, Bericht, phantastisch, realitätsüberhobene und variable Erzählung. Der Stoff dieser Erzählung stammt aus mündlichen, volkstümlichen Traditionen und kann bei jeder mündlichen oder schriftlicher Realisierung je nach Erzähltalent und

-intention anders gestaltet werden. Als Erzähltypus wird das Märchen neben Legende, Sage und Mythe zu den einfachen Formen, den Grundtypen sprachlichen Gestaltens, gezählt. Das als „wunderbare Erzählung“ eingegrenzte Märchen ist in der Regel gekennzeichnet durch Raum- und Zeitlosigkeit, die wie selbstverständlich wirkende Aufhebung der Natur- und Kausalgesetze

(Verwandlungen, sprechende Tiere, Pflanzen, Gegenstände usw.), das Auftreten von Fabelwesen ( Riesen, Zwerge, Hexen, Drachen usw.), Einschichtigkeit

(Zentrierung auf Heldin oder Held), Handlungsstereotypen (Auszug, Vertreibung, Mißachtung des Helden, seine Bewährung durch Aufgaben- oder Rätsellösung), vor allem stereotypen Schluß (ausgleichende Gerechtigkeit, Sieg des Guten oder Wiederherstellung einer harmonischen Ordnung, mit grausamer Bestrafung des Bösen). Kennzeichnend sind auch die Schauplätze (Schloß, Häuschen, Wald, Höhle, Quelle usw.), Requisiten (Brunnen, Zauberring, Zauberspiegel, -lampe usw.) und die Farben (gold, schwarz, weiß, rot- weiß), ferner auch die Zahlen

(sieben Zwerge, drei Wünsche etc.). Die Charaktere sind bei allen Märchen, in verschiedenen Ländern typisiert (König, Königstochter oder Sohn, Held meist von niederer Herkunft, mißachtet oder abhängig von bösen Schwestern, Brüdern, Stiefmüttern etc.) Diese Ähnlichkeiten der internationalen Märchen deuten darauf hin, daß die Vorstellungen von einem Märchenaufbau gleich sind und in unterschiedlichen Ländern auf ähnliche Art und Weise erzählt werden. Die Märchen des Orients unterscheiden sich jedoch etwas von den Märchen des Abendlandes. Sie interessieren sich in erster Linie für das Leben des einfachen Menschen und passieren auf alltäglichen Schauplätzen, wie der Straße. Dabei spielt die Schlauheit und die Weisheit des Helden eine größere Rolle als die komplizierten Zaubertricks.

2 „Der Goldene Topf“ - Märchen der neuen Zeit.

Nach der allgemeinen Analyse der traditionellen Märchentheorie erscheint das Märchen von E. T. A. Hoffmann „der Goldene Topf“ etwas anders und eventuell verwirrend, denn es entspricht fast keinem der obengenannten Stereotypen. Als erstes fällt bei diesem Kunstwerk die bestimmte Zeit, in der das Märchen spielt, und die ganz bestimmte und zum Teil detaillierte Ortsangabe. Allein diese Tatsache ist sehr untypisch für ein Märchen. Der allgemein bekannte Anfang lautet: „ Vor langer, langer Zeit, in einem fernen Land...“ . Hier ist die gesamte Geschichte in zwölf Virgilien gegliedert. Das Wort „Virgile“ bedeutet „Nachtwache“ und weist auf die späte Stunde, in der das Märchen entstand. Die Geschichte handelt von einem Mensch, dessen tiefstes und edelstes Streben immer wieder im Keim gebrochen wird, da ihm im entscheidenden Augenblick sein Miß- oder Ungeschick einen bösen Streich spielt. Somit wird der Leser zuerst mit einer ganz normalen Person konfrontiert, die nichts zauber- oder märchenhaftes an sich hat. Aber sehr bald kommt ein anderer Ton hinzu, der Schrei der alten Frau: „ Ja, renne- renne nur zu, Satanskind- ins Kristall bald dein Fall- ins Kristall!“[1] Es ist nicht nur der Reim, der den nüchtern prosaischen Bericht durchbricht und eine andere Welt anklingen läßt, es ist der märchenhaft- übernatürliche Ton, der in diesem Ruf mitschwingt. Das Wort Kristall weist den Leser nicht auf die Kunst der Kristallomantie, die aus okkulten Vorstellungen überlieferte Kunst, im Blick auf die blank geschliffene Fläche eines Kristalls ferne oder künftige Ereignisse zu sehen, sondern mit dem Wort Kristall schwingt zugleich die Vorstellung von einer überirdisch- geheimnisvollen Ordnung der Natur mit. Dies ist ein erster Anklang auf die später ausdrücklich in den Mittelpunkt gerückte Weltharmonie. Das Kristallmotiv deutet auch unmittelbar auf die Gefangenschaft des Studenten in einem gläsernem Gefängnis hin, daß ihm den ganzen Bewegungsraum wegnimmt, weil er an seiner Liebe zu Serpentina gezweifelt hat. Die Prophezeiung der alten Äpfelverkäuferin bezieht sich auch auf das Ende der Geschichte, die Atlantis ist im gewissen Sinne auch als ein Gefängnis zu verstehen, weil sie dem Studenten die Möglichkeit des anderen Lebens wegnimmt. Aber nicht nur die bestimmte Wortauswahl gibt dem Leser das Gefühl an etwas Unheimlichen oder Wunderbaren teilzunehmen, sondern auch die Tatsache, daß in das Gesamtmärchen noch ein weiteres Märchen eingefügt ist, das jetzt in gesteigerter Form märchenhaft ist, das Märchen vom Jüngling Phosphorus und der Feuerlilie. Dieses Märchen ist der Schlüssel zum Verständnis des Ganzen. Dem oberen geistigen steht ein unteres dämonisches Prinzip gegenüber, so daß diese Welt in die Auseinandersetzung der beiden einander feindlichen Prinzipien hineingestellt ist. Dieser Ansatz wird dann im ganzen weiteren Fortgang wirksam.

So zum Beispiel ist der geheime Archivarius Lindhorst ein ungemein arger Zauberer, dessen Töchter, in grünem Gold glänzende Schlänglein, in Kristallen aufbewahrt werden. Aber am heiligen Dreifaltigkeitstage dürfen sie sich drei Stunden lang im Holunderbusch im Garten sonnen, wo alle Kaffee- und Biergäste vorübergehen. Der Jüngling aber, der im Festtagsrock seine Buttersemmel im Schatten des Busches verzehren wollte, ans morgende Kollegium denkend, wird in unendliche, wahnsinnige Liebe verstrickt für eine der Grünen;- er wird aufgeboten- getraut und bekommt zur Mitgift einen goldenen Nachttopf, mit Juwelen besetzt... So ist das Grundmuster der Erzählung in einem Satz darzustellen. Dabei sieht der Leser, daß dem Studenten das schlechthin Außergewöhnliche und Unerklärliche begegnet, das er vergeblich als etwas Normales und Gewöhnliches zu deuten versucht. Seine Versuche, die Wundererscheinungen auf natürliche Phänomene zurückzuführen, scheitern an seinen tatsächlichen Sinneswahrnehmungen, die alle rationalen Erklärungen zunichte machen. Das Wunderbare widersetzt sich also nicht nur jeder natürlichen Erklärung, es behauptet sich auch gegen die Wirklichkeit, indem es durch seine Anschauung zur praktischen Gewißheit wird und Anselmus mit seinem Zauber umgibt, dessen Mächtigkeit er sich nicht entziehen kann. Es ergreift schließlich von seinem Innersten Besitz und entzündet in ihm eine unaussprechliche Sehnsucht, welcher er sich mehr und mehr hingibt. Kurz darauf wird der Student darauf hinweisen, daß seine wunderbare Erscheinungen bloße Halluzinationen waren. Die plötzliche Konfrontation mit der Wirklichkeit läßt Anselmus das Groteske der Situation erkennen, in der er sich befindet. Er fühlt sich „ wie mit eiskaltem Wasser begossen“[2] und zutiefst beschämt, denn er zweifelt jetzt keinen Augenblick mehr daran, daß ein toller “Spuck ihn geneckt“[3] haben müsse, und er wohl allerlei seltsames Zeug dahergeredet habe, obgleich er sich nicht erklären kann, wie es dazu kommen konnte. Weiter wird Anselmus in seinem Glaube examiniert. Die grüne Schlange mit den wunderschönen Augen, die den Studenten so anziehen, wird nur dann zu einem Menschen, wenn er an sie glaubt und sie zu seiner Frau nimmt. Das Gesamtmärchen trägt den Glauben als Leitmotiv. Dieser Aspekt gab vielen Interpreten die Möglichkeit, die Geschichte auf religiöse Art und Weise zu analysieren. Im Allgemeinen wird die Differenz zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit als Gegensatz von Wissen und Empfindung dargestellt. Auf einer Seite steht die Welt des Konrektors Paulmann und seiner Tochter Veronika, die davon träumt einmal einen Hofrat zu heiraten und in einem reichen Haus zu wohnen, mit einem Balkon, wo sie von den Passanten bei der Teevorbereitung begeistert beobachtet wird. Auf der anderen Seite steht die Welt des Salamanders mit wunderbaren Blumen und Farben, Buchstaben und Gestalten. Dies ist natürlich die Welt der grünen Schlange, Serpentina. Die Ahnung einer höheren Welt ist für Anselmus bereits verbindlicher und gewissermaßen wirklicher als die Wirklichkeit selbst. Es ist eine „ Sehnsucht nach dem unbekannten Etwas“, in der sowohl die Negation des Wirklichen wie auch der positive Bezug auf das Wunderbare abstrakt und unbestimmt bleiben. Diese Abstraktheit und Unbestimmtheit wird nun in der Erzählung nicht aufgehoben, sondern als der Gedanke, daß das Wunderbare einen gegenständlichen Bezug auf sich verbietet, in die Paradoxie einer sinnlichen Anschauung übersetzt, die dem Prinzip gehorcht, die Unmöglichkeit einer wirklichen Anschauung des Wunderbaren sinnfällig zu machen. Eindeutig erscheint das Wirkliche nur dem unpoetischen Menschen, der aufgrund seiner Befangenheit in den alltäglichen Dingen in allen Erscheinungen nur das Gewöhnliche sieht. So haben für ihn die seltsamen Abenteuer des Anselmus nichts Wunderbares an sich, sondern erregen allenfalls seinen Verdacht, die Überspanntheit einer jungen Seele oder auch nur einen tölpelhaft ungeschickten Menschen vor sich zu haben, weil er die äußere Erscheinungsweise der Realität bereits für deren eigentliche Wahrheit hält. Dem poetisch gestimmten Menschen dagegen stellt sich die Wirklichkeit anders dar. Sie verwandelt sich für ihn in ein phantastisches Zauberreich, da er sich auf ihr geheimnisvolles Sein einläßt und dadurch erkennt, daß die gewöhnliche Sicht der Dinge nur die vordergründige Ansicht einer dahinterliegenden, wunderbaren Welt erfaßt. Seine Bereitschaft zum Zweifel am Vorhandenen eröffnet ihm somit die Möglichkeit, die Offenbarung der jenseitigen Welt, die sich jederzeit und in jedem Stück Wirklichkeit ereignen kann, tatsächlich zu erleben.

[...]


[0] Frank Tyger

[1] E. T. A. Hoffmann; „der Goldene Topf“, Stuttgart 1998, Philipp Reclam jun. GmbH & Co; S. 5, Zeile 20- 22

[2] Siehe Fußzeile 1, S. 14, Zeile 27

[3] Siehe Fußzeile 1, S. 15, Zeile 3

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die neue Märchentheorie bei E.T.A. Hoffmann. Das Märchen "Der goldene Topf"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Deutsche Spache und Literatur)
Veranstaltung
Einführung in die Literaturwissenschaft
Note
1,3
Autor
Jahr
1999
Seiten
16
Katalognummer
V1807
ISBN (eBook)
9783638111096
ISBN (Buch)
9783638756099
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Märchentheorie, Hoffmann, Märchens, Topf, Einführung, Literaturwissenschaft
Arbeit zitieren
Julia Lukjanova (Autor), 1999, Die neue Märchentheorie bei E.T.A. Hoffmann. Das Märchen "Der goldene Topf", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1807

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