Die Stellung und Funktion des Tempels im Lukasevangelium

Analyse der lukanischen Tempelkonzeption auf Grundlage der Narration wichtiger Tempelepisoden


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

44 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

0. „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter“ - Ein Sprung, der Fragen aufwirft

1. Forschungsüberblick und Fragestellung

2. Fragestellung, thematische Abgrenzung und Vorgehen

3. Die Darstellung und die Funktionen des „Tempels“ im Lukasevangelium
3.1. Das lukanische Spektrum der semantischen Größe „Tempel“
3.1.1. Der heilige Bezirk/ das Heiligtum -
3.1.2. Der innere Bezirk/ das Allerheiligste -
3.1.3. Das Haus Gottes -
3.1.4. Zusammenfassung
3.2. Die narrativ-theologische Struktur der Tempelepisoden
3.2.1. Der Tempel in den lukanischen Kindheitserzählungen (Lk 1,5-2,52)
3.2.1.1. Die Ankündigung der Geburt Johannes des Täufers (Lk 1,5-23)
3.2.1.1.1. Narrative Struktur
3.2.1.1.2. Ort des Kultes, der Offenbarung, des Versagens und der Kompetenz
3.2.1.2. Jesu Darstellung im Tempel. Simeon und Hanna (Lk 2,22-39)
3.2.1.2.1. Narrative Struktur
3.2.1.2.2. Ort der Frömmigkeit, der Prophetie und des Messias
3.2.1.3. Der zwölfjährige Jesus im Tempel (Lk 2,41-52)
3.2.1.3.1. Narrative Struktur
3.2.1.3.2. Ort der Zusammenführung, des Versagens und des Lehrers der Lehrer
3.2.1.4. Zusammenfassung
3.2.2. Der Tempel als Wirkstätte Jesu (Lk 19,28-21,38)
3.2.2.1. Einzug in Jerusalem, Klage über die Stadt und Inbesitznahme des Tempels (Lk 19,28-48)
3.2.2.1.1. Narrative Struktur
3.2.2.1.2. Jesu Stellung zu den Zentren jüdischer Identität
3.2.2.1.2.1. Jesu Stellung zu Jerusalem
3.2.2.1.2.2. Jesu Stellung zum Tempel
3.2.2.2. Jesus wirkt im Tempel (Lk 20,1-21,38)
3.2.2.2.1. Narrative Struktur
3.2.2.2.2. Ort der Machtfragen, der Überlegenheit, des gelehrten Streits, der Umkehr, der Unterweisung und der Endzeit
3.2.3. Der Tempel in der Passionsgeschichte (Lk 23,44-49)
3.2.3.1. Narrative Struktur
3.2.3.2. Ort der apokalyptischen Schöpfungsaufhebung und des Chaos´
3.2.4. Die Jünger im Tempel (Lk 24,52)
3.2.4.1. Narrative Struktur
3.2.4.2. Der Blick des Hohepriesters gen Tempel schließt den Kreis der Narration

4. Zwischen christlichem Selbstverständnis und israelitischer Tradition - Zusammenfassung, Fazit und Ausblick

5. Literaturverzeichnis
5.1. Quellen
5.2. Hilfsmittel
5.3. Kommentare und Monographien
5.4. Aufsätze und Artikel

0. „Bist du Gottes Sohn, so wirf dich von hier hinunter“ - Ein Sprung, der Fragen aufwirft

Mit diesen Worten versucht der Teufel (Lk 4,2: ) Jesus zum Abfall von Gott zu bewegen. Er soll von der Zinne des Tempels (Lk 4,9: ) springen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, führt er als Schriftbeleg Ps 91,11-12 an:

„Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, dass sie dich bewahren. Und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stößt.“

Doch Jesus verwirft diesen plumpen Versuch des Teufels und kontert mit einem Gesetzeszitat des Deuteronomiums (5. Mose 6,16):

„Du sollst den Herrn, deinen Gott nicht versuchen.“

Auf eben jene Perikope stieß ich im Zuge der exegetischen Analyse der lukanischen Versuchungserzählung (Lk 4,1-13), die ich im Rahmen des neutestamentlichen Proseminars bearbeitete. Schon damals fragte ich mich, wie die Aspekte „Tempel“, „Versuchung“ und „Gesetz“ zusammenpassen würden. Was will der Teufel mit jener Versuchung erreichen? Will er - in kosmologischer Deutung des Tempels1 - Jesus von der himmlischen Sphäre auf den irdischen Boden ziehen, d.h. auf eben jene Ebene, auf die er selbst hinabgestürzt war (Vgl. Lk 10,18) oder will er vielleicht doch - in Kenntnis der wahren Natur Jesu, dem als Sohn Gottes (Lk 4,9: ) durch das Zutun der Menschen das irdische Dasein gewaltsam genommen werden muss - die Messianität Jesu unterstreichen?

Neben diesen systematisch-theologischen Fragen tat sich mir im Hinblick auf den synoptischen Vergleich noch ein weiteres Problem auf: Welche Anordnung der insgesamt drei Versuchungssequenzen entspricht der ursprünglichen Reihenfolge? Ich kam bei der Abwägung der Pro- bzw. Kontrastimmen hinsichtlich der lukanischen Anordnung zu der Erkenntnis, dass Lukas entsprechend seiner stilistischen Eigenart - wichtige Erzählungen durch einleitende und abschließende Rahmenverse zu kombinieren, um die hermeneutische Erkenntnis seiner Leser zu fördern2 - bewusst eine Umstellung der einzelnen Versuchungen vorgenommen hat.3 Doch aus welchem Grund und unter welcher Motivation dies geschieht und ob es noch weitere Belege im Corpus Lucanum gibt, die in ähnlicher Weise den Tempel thematisieren und hervorheben, konnte ich nicht betrachten. Mit der nachfolgenden Untersuchung will ich an meinen begonnenen Erkenntnisprozess anknüpfen.

1. Forschungsüberblick und Fragestellung

Trotz der vielfach untersuchten lukanischen Redaktion ist die Funktion des „Tempels“ bislang kaum als eigenständiges Phänomen untersucht worden. Nur relativ wenige Monographien und Aufsätze befassen sich mit diesem Thema und dann vorwiegend mit der Untersuchung einzelner Perikopen, wodurch die Gesamtintention sowohl des Lukasevangeliums als auch der Apostelgeschichte nicht zur Gänze erfasst wird. Diese Forschungssituation ist umso erstaunlicher, wenn man berücksichtigt, dass zentrale Geschehnisse des Doppelwerks im Tempel verortet sind.4 Berücksichtigt man die exegetischen Belege unter dem Aspekt, dass der „Tempel in Jerusalem und der Tempelkult […] zentrale Institutionen jüdischer Religiosität dar[stellen]“5, ergibt sich als logische Konsequenz die Begründung einer intensiven Auseinandersetzung mit der Tempelthematik im lukanischen Doppelwerk - hier explizit im Lukasevangelium.

Bevor jedoch nachfolgend der Blick auf die Stellung und Bedeutung des Jerusalemer Zentralheiligtums in der narrativen und theologischen Konzeption des Lukasevangeliums gerichtet wird, soll ein kurzer Abriss der form- und redaktionsgeschichtlichen Forschungstraditionen angestellt werden. Erst unter Berücksichtigung eben jener kann die dieser Arbeit zugrundeliegende Fragestellung entwickelt werden.

Karl Ludwig Schmidt (1891-1956) als Vertreter der frühen Formgeschichte hat im Rahmen seiner literarkritischen Untersuchungen zur ältesten Jesusüberlieferung die kompositorische Arbeit des Lukas nicht zu würdigen gewusst und dessen Orts- und Zeitangaben als Rankenwerk bezeichnet.6 Er geht sogar soweit, dem Evangelisten eine Ermüdungstendenz bei der Zusammenstellung bestimmter Perikopen zu unterstellen, weshalb sein Werk keinem klaren Gedankengang folgt.7

dem Q-Traditionskomplex zu, sodass der misslungene Tempelsturz den erfolgreichen Himmelssturz des Satans einleitet. Vgl. dazu: Neugebauer, Fritz, Wegentscheidung, Seite 90. Argumente gegen die lukanische Anordnung, siehe: Mahnke, Hermann, Versuchungsgeschichte, Seite 176-178; Eckey, Wilfried, Parallelen, Seite 210.

Auch Rudolf Bultmann (1884-1976) untermauert diesen Aspekt, wenn er über Lukas urteilt, dass es dieser „[nicht vermocht hat] eine wirkliche Entwicklung und einen inneren Zusammenhang zwischen Jesu Wirken und Schicksal [in Jerusalem] zu zeichnen.“8 Erst Ernst Lohmeyer (1890-1946) entdeckt hinter der Darstellung des Lukas und seiner Ausrichtung auf Jerusalem eine theologisch-schriftstellerische Kompetenz, die er jedoch eher auf der Betonung des irdischen Königstitels Jesu als „[…] rechtmäßiger König [und] Erlöser Israels“9 ausgerichtet sieht.

Ausgehend von diesen weitgehend als negativ zu bestimmenden Urteilen kam es erst im Zuge der redaktionsgeschichtlichen Schule zu einer Neubewertung der Gestaltung des Lukasevangeliums. Hier hat v.a. Hans Conzelmann (1915-1989) maßgeblich an einer Würdigung der lukanischen Kompositionsqualtäten mitgewirkt und damit die nachfolgenden Arbeiten zum „Tempel“ nachhaltig mitgeprägt. So identifiziert er drei heilgeschichtliche Epochen in der Komposition des lukanischen Doppelwerks (Zeit Israels, Zeit Jesu und Zeit der Kirche), wobei in der Zeit Jesu der Tempel als Zielpunkt dessen Wanderpredigerschaft und als Ort dessen Lehre eine wichtige Rolle spielt. Ausgehend von dieser Tempelzentrierung konstituiert Conzelmann unter Berücksichtigung der tempelkritischen Bemerkungen in der Apostelgeschichte10 eine christologisch-ekklesiologische Bedeutung des Jerusalemer Zentralheiligtums, d.h., dass Jesus seinen messianischen Anspruch im Tempel manifestiert hat, dass seine Anhänger seit dessen Inbesitznahme (Vgl. Lk 19,45ff.) als heilsgeschichtliche Erben angesehen werden können und dass aber andererseits - aufgrund der Verweigerung der jüdischen Lehrautoritäten die Lehre Jesu zu akzeptieren - der Tempel seine Legitimation als Gottes]dienstort verloren hat. Dadurch, so Conzelmann, muss die Kirche als Ersatzgröße Israels betrachtet werden, worauf die Darstellung der Apostelgeschichte ausgerichtet ist.11

William C. Robinson knüpft an eben jene Erkenntnisse Conzelmanns an, indem er die lukanische Darstellung des Tempels als eine Größe bezeichnet, durch welche der Übergang vom Judentum zum Christentum erfolgt. „Bei Lukas reinigt Jesus nicht nur den Tempel, sondern nimmt […] von ihm Besitz und macht ihn für unbestimmte Zeit zum Ort seines täglichen Lehrens. Auf diese Weise wird der Anspruch der Kirche, als das wahre Israel an die Stelle des Judentums getreten zu sein, implizit bestätigt.“12 Diese Ansicht, die in gewisser Weise zur Substitution der Bedeutsamkeit des Heilsversprechen Gottes gegenüber seinem auserwählten Volk führen kann, ist jedoch auch kritisch betrachtet und entsprechend der jüdischen Frömmigkeitsvorstellungen relativiert worden.

So glaubt Michael Bachmann, dass Lukas durchaus den Tempel als Kultzentrum jüdischen Lebens und somit als irdischen Haftpunkt sowohl für das Judentum als auch für die junge christliche Gemeinde bewahrt wissen wollte. Für beide Religionen galt dementsprechend der Tempel als der zentrale Ort des Hoffens und Glaubens auf Gott.13

Johannes Bihler vertritt in seinen Untersuchungen ebenfalls die Ansicht einer heterogenen Tempelmotivik, d.h., dass Lukas ganz bewusst tempelfreundliche Aussagen (Vgl. Lk 1-2; 24,53; Apg 3,8) - in denen der Tempel als Ort des Gebets, der Lehre, des Opfers und des Gotteslobs positiv konnotiert wird - neben negative Äußerungen stellt. Anders als dies im synoptischen Vergleich zu Matthäus und Markus, die eher tempelkritisch eingestellt sind, geschieht.14 Dieses ausgewogenen Verhältnis von Lob und Kritik erfolgt, so Bihler, weil der Tempel im Wirken der Apostel (Apg 3,1-10; 5,20) eine wichtige Rolle spielt. Erst während deren Verkündigung kommt es zu Auseinandersetzungen mit der herrschenden Priesterschaft, die ihnen den apostolischen Anspruch auf den Tempel streitig macht.15 So beginnt erst nach der Auseinandersetzung um Stephanus die Ausweitung der Missionstätigkeit über Jerusalem und den Tempel hinaus, worin sich auch die Bestätigung der eschatologischen Verheißungen Jesu zeigt.16

Diesbezüglich stellt auch J. Bradley Chance eine Verbindung her, indem er den Jerusalemer Tempel als Fokus der eschatologischen Erwartungen Israels darstellt. Diese versucht das lukanische Doppelwerk auf den realen Verlauf der Geschichte um Jesus und seine Jünger zu beziehen und beide Aspekte auf positive Weise in das Tempelmotiv zu integrieren.17 In Analogie zum Vorgehen Chances versucht Klaus Baltzer eine weitere Kontinuitätslinie zwischen Judentum und Christentum aufzuzeigen. Dazu nutzt er v.a. mit Hinweis auf Lk 13,31-35; 19,28-47 und Apg 1,9-12 eine Fülle an alttestamentlichen Belegen - vornehmlich Ezechiel - um die lukanische Tempeldarstellung in ein traditionelles Konzept zu fassen. Dabei liegt sein Hauptaugenmerk zwar auf der Betrachtung der Sendung Jesu zum Tempel und den darin immanenten Verweisen zur Einwohnung der Herrlichkeit Gottes im Tempel18, doch wird durch dieses Vorgehen angedeutet, dass die tempeltheologische Konzeption des Lukas´ erst unter Berücksichtigung der Schriften des Alten Testaments verständlich wird. Bereits mit dieser Erkenntnis wird die Einschätzung Karl Ludwig Schmidts ad absurdum geführt.19

Dieser hier in Kurzform dargestellte Forschungsüberblick macht bereits deutlich, dass die Bedeutung des Tempelmotivs im Corpus Lucanum in den Jahrzehnten der redaktionsgeschichtlichen Exegese in verschiedene Richtungen aktualisiert wurde, wobei die anfängliche Einschätzung, Lukas habe einzig aus zeitlich-geographischer Ordnung der ihm vorliegenden Überlieferungen den Tempel als eine Art jesuanischen Fluchtpunkt genutzt, nicht länger vertreten werden kann. Vielmehr - so die dieser Arbeit zugrundliegenden These - hat der Evangelist mit dem Tempel eine Größe zu etablieren versucht, die sowohl den Glaubens- und Lebenshorizont des Judentums als auch die christologisch-ekklesiologischen Ansichten des frühen Christentums zu verbinden sucht. Dabei hat er sich nicht nur auf die alttestamentlichen Belege zum Tempelkult und den damit verbundenen Heilerwartungen des Judentums bezogen, sondern er hat ebenso die Messianität Jesu und die damit einhergehende frohe Botschaft, die allen Völkern wiederfahren wird (Vgl. Lk 2,10), in den Horizont des Tempels gestellt.

2. Fragestellung, thematische Abgrenzung und Vorgehen

Ausgehend von den dargestellten Forschungsergebnissen soll in der vorliegenden Arbeit die Frage geklärt werden, welche narrative Stellung und welche theologischen Funktionen dem Tempel im Lukasevangelium zukommen.

Zu Beginn der Ausführungen werden die lukanische Semantik und die damit intendierten traditionellen Vorstellungen besprochen (Kapitel 3.1.). Dies erscheint lohnenswert, weil es auf Grundlage dessen leichter fällt, die Verortung des Tempels in der narrativen Konzeption des Evangeliums zu verstehen (Kapitel 3.2.). Diesem Aspekt wird die größte Aufmerksamkeit gewidmet werden. Hauptaugenmerk der Untersuchung liegt auf der Narration der Perikopen Lk 1,5-23; 2,22-39; 2,41-52; 19,41-21,38; 23,45-48; 24,52. Zuerst wird die Erzählstruktur der einzelnen Stellen betrachtet werden. Schon auf Basis dessen lassen sich - v.a. aus Sicht der von Lukas anvisierten Adressaten - die wesentlichsten Funktionen des Tempels ausmachen. Anknüpfend an die Narration soll der Blick auf die theologischen Implikationen und Intentionen des Evangelisten gelegt werden, wodurch die intendierten Funktionen des Tempels herausgearbeitet und gedeutet werden sollen.

Abschließend soll dann die Arbeitsthese verifiziert bzw. falsifiziert werden und ggf. ein Ausblick auf weitere Beschäftigungsmöglichkeiten mit der Thematik gelegt werden (Kapitel 4).

3. Die Darstellung und die Funktionen des „Tempels“ im Lukasevangelium

Als Ort der Anwesenheit Gottes20, als Kultstätte, Gebetshaus und Wallfahrtsort, aber auch als Verwaltungsmittelpunkt, Nationalbank und Wirtschaftszentrum bildet der Jerusalemer Tempel den religiösen sowie politischen Mittelpunkt des Judentums - sowohl für die in Palästina als auch für die in der Diaspora lebenden Juden. Diese Rolle, die den Tempel als zentralen Integrationsfaktor bei der Herausbildung einer kulturellen Identität erscheinen lassen, übernahm er auch für die neutestamentlichen Gemeinden.21 Entsprechend dieser mannigfachen Attributionen verwundert es nicht, dass der Evangelist Lukas unterschiedliche Termini bei der Nennung des „Tempels“ verwendet - , und nutzt er statistisch gesehen am häufigsten.22

3.1. Das lukanische Spektrum der semantischen Größe „Tempel“

3.1.1. Der heilige Bezirk/ das Heiligtum -

An insgesamt 71 neutestamentlichen Stellen ist der Begriff belegt, wobei sich bis auf Apg 19,27 - hier wird der „Tempel der Artemis“ zu Ephesus gemeint - alle Stellen auf den Tempel in Jerusalem beziehen.23 Fast die Hälfte der Belege, 33mal an der Zahl, tauchen im lukanischen Doppelwerk auf - davon finden sich 12 Belege im Lukasevangelium.24 Dabei rückt der entweder als diskutiertes Thema oder als Schauplatz des Geschehens in den Mittelpunkt. So wird im heiligen Bezirk/Heiligtum gebetet und gefastet (Vgl. Lk 2,27- 32), es werden dort Opfer dargebracht (Vgl. Lk 2,22-24.27), Jesus lehrt und verkündet das Evangelium dort (Vgl. Lk 19,45-21,38) und es kommt dort zu heftigen Auseinandersetzungen mit den etablierten Tempelautoritäten (Vgl. Lk 22,53).25 Das Nomen bezeichnet dabei in der Regel den „[…] Tempel als Ganzes [,] als heiligen Bezirk [bzw.] als Heiligtum.“26 Zu eben diesem Bereich gehören auch die äußeren Tempelanlagen, zu denen auch Nichtjuden Zutritt haben.27 Wie man sich genau diesen Tempelbezirk vorzustellen hat, kann aus den neutestamentlichen Schriften nicht explizit geschlossen werden. Der Evangelist Lukas nennt nur sehr wenige Örtlich- bzw. Äußerlichkeiten, die dem Leser ein besseres Bild vom Tempelbezirk geben. So berichtet er in Lk 4,9 von der Tempelzinne ( ); in Apg 3,2f. wird die Tempeltür erwähnt, die die Schöne genannt wird ( ) und in Apg 3,11 erwähnt er die Tempelhalle, die den Namen Salomons trägt ( ! ). Weitere Umschreibungen oder gar nähere Bestimmungen bsw. durch die Verwendung bestimmter Genitivobjekte sind im Umfeld des Begriffs nicht zu finden.28 Dies erscheint aus Sicht des zeitgenössischen Lesers auch nicht notwendig zu sein, da der „Ausdruck […] im lukanischen Text immer den Tempel JHWH´s in Jerusalem [bezeichnet].“29 Und die Beschreibung eben dieses Tempels JHWH´s wäre - berücksichtigt man das philosophische Erbe des hellenistischen Judentums - ein schwieriges Unterfangen gewesen. Denn seit der Zeit Philos von Alexandriens (15 v. Chr. - 40 n. Chr.) galt der Jerusalemer Tempel als Repräsentation des unendlichen Kosmos, den Philo ebenfalls mit dem Qualitätssiegel ausstattet.30 Dass Lukas also den Tempel nicht plastischer beschreibt, mag der Ehrfurcht vor diesem wirkmächtigen Bild geschuldet sein.31 Es fällt desweiteren auf, dass Lukas den Tempel stets als wegweisende Größe darstellt, auf die die in den Erzählsträngen intendierten Bewegungsabläufe ausgerichtet sind: Simeon wird vom Geist in den Tempel hineingeführt und Paulus wird vorgeworfen, er habe die Griechen in das Heiligtum geführt (Lk 2,27; Apg 21,28: !); ebenso wie ein Pharisäer und ein Zöllner gehen auch Petrus und Johannes zum Tempel hinauf (Lk 18,10; Apg 3,1: !) oder es wird - wie Jesus dies direkt nach seiner Ankunft in Jerusalem tut - in den Tempel hineingegangen (Lk 19,45: " ).32

3.1.2. Der innere Bezirk/ das Allerheiligste -

Der Begriff , der sich im Neuen Testament 45mal findet und dann am häufigsten in der Offenbarung des Johannes (16mal), wird von Lukas 6mal verwendet - davon 4mal in seinem Evangelium.33 Auch wenn diese Zahl kaum mit der Statistik zum Begriff konkurrieren kann, darf in seiner Bedeutung nicht unterminiert werden. Denn in seiner zentralen etymologischen Bedeutung als innerer Tempelbezirk bzw. als Allerheiligstes, an dem Nichtjuden nun keinen Zutritt mehr haben und an dem durch die Priester bestimmte Riten vollzogen werden34, bekleidet der Begriff eine wichtige Funktion - er erweist die messianische Vollmacht Jesu sowie dessen Anspruch auf den Tempel.

Im Allerheiligsten pflegten die Priester Gott Opfer darzubringen, wodurch man in direkten Kontakt zu ihm zu treten glaubt.35 Die ersten Belege des Begriffs (Lk 1,9.21.22) rahmen die Erzählung des Priesters Zacharias, der nach dem Brauch (Lk 1,9: ) ein Brandopfer darbringt und dem dabei der Engel Gabriel erscheint (Vgl. Lk 1,9f.). Dieser verkündet ihm und seiner Frau Elisabeth, einer Verwandten der Mutter Jesu, die Geburt eines Sohnes - Johannes des Täufers, der als Vorläufer Jesu viele zu dem Herrn, ihren Gott bekehren wird (Vgl. Lk 1,16f.). Gabriel, der als irdisches Sprachrohr Gottes fungiert, bestätigt damit nicht nur die Ansicht, man könne vom aus in Kontakt zu Gott treten, sondern er proklamiert indirekt den Anspruch Jesu auf das Allerheiligste. Dadurch offenbart er also nicht nur die Bedeutung des Täufers, sondern - und dies scheint von Lukas bewusst in den Horizont des Allerheiligsten gerückt worden zu sein - auch die Heilserwartung, die an denjenigen gebunden ist, der nach Johannes kommen und der entsprechend seiner Autorität rechtmäßig im Tempel einziehen wird - Jesus.

Auch wenn der Begriff erst am Ende der Passionserzählung wieder verwendet wird (Vgl. Lk 23,45), unterstreicht Jesu selbst seine auf den Tempel gerichtete messianische Rolle in Lk 2,49 und 19,46: „Wisst ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?“ „Mein Haus soll ein Bethaus sein.“ An dem gottnahen Ort, der nach Ansicht des Alten Testaments als Abbild des Himmels und nach Anweisung Gottes errichtet wurde36, beansprucht Jesus unter Hervorhebung seiner filialen Verbindung zu Gott seinen Herrschaftsanspruch über den Tempel. Letztgültig wird dieser messianische Anspruch noch durch die Erwähnung des in der Kreuzigungsszene Lk 23,32-49 unterstrichen. Mit dem Zerreißen des Tempelvorhangs (Lk 23,45: ) reißt im wahrsten Sinne des Wortes die an das Allerheiligste

[...]


1 Dieser Aspekt wird im Kapitel 3.3. noch explizit aufgegriffen werden.

2 Vgl. Bovon, François, Lukas I, Seite 13f.

3 Neben dieser Ansicht existieren noch Thesen, die der lukanischen Reihenfolge die Ursprünglichkeit zuschreiben. So sieht Fritz Neugebauer eine enge Verbindung zwischen der dritten Versuchung (Lk 4,9-12) und dem Jubelruf Jesu (Lk 10,17-24). Während es in der Versuchung nicht zum Tempelsturz Jesu kommt, erfolgt in der zweiten Perikope der Himmelssturz des Teufels. Diese gegensätzliche Verbindung wird dadurch geschürt, dass auf den Sturz des Teufels die Zitation des Verses Ps 91,13 erfolgt, welcher auf das vom Teufel in der Versuchungsperikope herangezogene Schriftzitat folgen müsste. Eben diese Verbindung schreibt Neugebauer

4 So beginnt das Evangelium in Lk 1,5-23 mit der Angelophanie des Zacharias im Tempel und endet in Lk 24,52f. mit dem Lobpreis der Jünger an eben demselben Ort. Desweiteren nennt Lukas den Tempel immer

wieder als Ort des Zeugnisses über Jesus: seine Darstellung vor Simeon und Hanna (Lk 2,22-40), sein Wirken als zwölfjähriger Junge (Lk 2,41-52) sowie seine Lehrtätigkeit nebst Tempelreinigung (Lk 19,28ff.). Auch die Apostelgeschichte thematisiert den Tempel in etlichen Perikopen oder macht ihn zum Schauplatz wichtiger, richtungsweisender Ereignisse für die junge urchristliche Gemeinde. Diese Stellen werden aufgrund der gewählten Thematik nicht genauer beleuchtet werden bzw. sollen nur an Stellen Erwähnung finden, an denen im Zuge der lukanischen Redaktion maßgebliche Erkenntnisse gewonnen werden können.

5 Ganser-Kerperin, Heiner, Zeugnis, Seite 2.

6 Vgl. Schmidt, Karl Ludwig, Rahmen, Seite 17.

7 Vgl. Ebd., Seite 271.

8 Bultmann, Rudolf, Tradition, Seite 392.

9 Lohmeyer, Ernst, Galiläa und Jerusalem, Göttingen 1936, Seite 11f.

10 Hier rekurriert Conzelmann v.a. auf Apg 7,48 und 17,24.

11 Vgl. Conzelmann, Hans, Mitte, Seite 87-127.

12 Robinson, William C., Weg des Herrn, Seite 37.

13 Vgl. Bachmann, Michael, Jerusalem und Tempel, Seite 374.

14 Vgl. Bihler, Johannes, Stephanus, Seite 163.

15 Vgl. Ebd., Seite 166.

16 Vgl. Ebd., Seite 169.

17 Vgl. Chance, J. Bradley, Jerusalem, Seite 87-111.

18 „Christ is the presence of God, because Christ, k bad/ , and spirit are related.” Baltzer, Klaus, The Meaning of the Temple in the Lucan Writings. In: HThR 58, 1965, Seite 277.

19 Vgl. Ganser-Kerperin, Heiner, Zeugnis, Seite 18.

20 Zu denken wäre hier bsw. an Dtn 12,11; 14,23.

21 Vgl. Söding, Thomas, Tempelaktion, Seite 37.

22 Daneben verwendet er noch 6mal die Formulierung , die als „heiliger Ort“ übersetzt werden kann. Da jedoch dieser Terminus als Bezeichnung des Jerusalemer Tempels ausschließlich in der Apostelgeschichte vorkommt (Vgl. Apg 6,13.14; 7,7.49; 21,28 (dort 2mal)), soll er hier nicht genauer beleuchtet werden.

23 Vgl. Borse, Udo, Art. , EWNT 2 (1981), Spalte 430.

24 Lk 2,27.37.46; 4,9; 18,10; 19,45.47; 20,1; 21,5.37; 22,53; 24,53; Apg 2,46; 3,1.2.3.8.10; 5,20.21.25.42; 21,26.27.28.29.30; 22,17; 24,6.12.18; 25,8; 26,21.

25 Vgl. Borse, Udo, Art. , EWNT 2 (1981), Spalte 431.

26 Ganser-Kerperin, Heiner, Zeugnis, Seite 39.

27 Vgl. Borse, Udo, Art. , EWNT 2 (1981), Spalte 430/ Ders., Art. , EWNT 2 (1981), Spalte 1125.

28 An dieser Stelle muss berücksichtigt werden, dass zur Zeit der Abfassung des lukanischen Doppelwerkes der Tempel - im Zuge des Jüdischen Kriegs (66-73. n. Chr.) - zerstört war und nur noch als Ruine bestand.

29 Ganser-Kerperin, Heiner, Zeugnis, Seite 39.

30 Vgl. Faßbeck, Gabriele, Christen, Seite 53.

31 Flavius Josephus hingegen bietet in seinem „De Bello Judaico“ interessante Einzelheiten zum Erscheinungsbild des Tempels. „Die äußere Gestalt des Tempels bot alles, was sowohl die Seele als auch das Auge des Beschauers in großes Erstaunen versetzen konnte. Denn der Tempel war überall mit massiven Goldplatten belegt, und mit Beginn des Sonnenaufgangs strahle er einen ganz feurigen Glanz von sich aus, so daß die Beschauer, sogar wenn sie durchaus hinsehen wollten, ihre Augen wie von den Sonnenstrahlen abwenden mußten.“ Zit. nach: Eckey, Wilfried, Parallelen, Seite 855.

32 Zu denken wäre hierbei bsw. an die Passahfeierlichkeiten oder an andere Wallfahrtsfeste. Vgl. dazu: Faßbeck, Gabriele, Christen, Seite 40.

33 Lk 1,9.21.22; 23,45; Apg 17,24; 19,24. Vgl. dazu: Goetzmann, J. (u.a.), , TBLNT 1 (1997), Seite 882.

34 Vgl. Ebd., Seite 879/ Borse, Udo, Art. , EWNT 2 (1981), Spalte 1125.

35 Vgl. Ganser-Kerperin, Heiner, Zeugnis, Seite 41.

36 Gabrielle Faßbeck konstituiert eine interessante Verbindung zwischen dem neutestamentlichen Tempel in Jerusalem und der altisraelitischen Stiftshütte, deren Bauplan Mose auf dem Sinai von Gott erhalten und minutiös umgesetzt haben soll (Vgl. Ex 25ff., besonders 35,9-27,8). Da, so argumentiert sie, der von JHWE zur Errichtung des gegebene Bauplan derart komplex ist und er als treue Nachahmung eines himmlischen Urbildes aufgefasst werden muss, reduziert sich die menschliche Beteiligung am irdischen Bau auf ein Minimum. Daraus schlussfolgert sie, dass der eigentliche Bauherr des Heiligtums/Tempels JHWE ist und dass das Stiftzelt als archetypisches Abbild fungierte. Nach ihrer Ansicht hat dieser göttliche (Plan, Vorbild) seit der Zeit der Stiftshütte eine Kontinuitätslinie gespannt, die über den Salomonischen Tempels und die Exilszeit bis zur neutestamentlichen Zeit gereicht hat. Im Hebräerbrief sieht sie dann die einzige frühchristliche Schrift, die sich explizit dieser Urbild-Abbild-Thematik bedient. Vgl. dazu: Faßbeck, Gabriele, Christen, Seite 44-67.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Die Stellung und Funktion des Tempels im Lukasevangelium
Untertitel
Analyse der lukanischen Tempelkonzeption auf Grundlage der Narration wichtiger Tempelepisoden
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Theologische Fakultät)
Veranstaltung
Gesetz in den Evangelien
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
44
Katalognummer
V180703
ISBN (eBook)
9783656037590
ISBN (Buch)
9783656037927
Dateigröße
618 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bibel, Jerusalem, Lukas, Evangelium, Konzeption, Zacharias, Neues Testament, Jesus, 12 Jahre, Hannah, Jünger, Versuchung, Apostelgeschichte, Tempelvorhang, Tempel, Heiligtum, Wohnsitz Gottes, Israel, Haus Gottes, Narration
Arbeit zitieren
Daniel Meyer (Autor), 2011, Die Stellung und Funktion des Tempels im Lukasevangelium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180703

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