Gibt es eine historische Globalisierung?


Seminararbeit, 2010
27 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Globalisierung – ein modernes Thema?

2 Was ist Globalisierung?

3 Globalisierungsanläufe
3.1 Altertum
3.2 Mittelalter

4 Globalisierungsvorlauf
4.1 Neuzeit
4.2 Das 19. Jh.: Industrielle Revolution
4.3 Erster Weltkrieg und Weltwirtschaftskrise

5 Heutige Globalisierung
5.1 Globalisierung ab 1945
5.2 Das Neue an der aktuellen Globalisierung

6 Fazit

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Herkunft der wichtigsten um 1470 im Fernhandel umgesetzten Güter (Henning 1991: 487)

Abbildung 2: Weltweiter Anstieg der Direktinvestitionen. (Angaben in Milliarden US$) (eigene Darstellung nach UNCTAD)

Abbildung 3: Die Verteilung der Auslandsinvestitionen im Jahr 1914: A Geberländer, B Empfangsländer (Cameron 1992: 107)

Abbildung 4: Weltproduktion, Weltexporte und ausländische Direktinvestitionen (1973=100) (Kleiner 2000: 3)

Abbildung 5: Der wirtschaftliche Zusammenbruch, 1929-1932 (Cameron 1992: 210)

1 Globalisierung – ein modernes Thema?

Die Begriffsgeschichte des Wortes Globalisierung reicht weniger als 30 Jahre zurück, das „Modewort der Marketing-Literatur“ (Zschaller & Kiesewetter 2000: 161) wurde zuerst dazu verwandt, den Erfolg von internationalen Herstellern wie BMW oder Coca Cola herauszustellen. Deshalb wird die Globalisierung auch oft als ein Phänomen der Gegenwart betrachtet. Howard Perlmutter führt nach dem Fall des Eisernen Vorhanges das Argument ins Feld, dass die Menschheit nicht am „Ende der Geschichte“, sondern am Beginn des Zeitalters der „globalen Zivilisation“ stünde (Perlmutter 1991: 902). Das zeigen die Konnotationen des Wortes Globalisierung mit der jüngsten Vergangenheit. Es gibt jedoch auch andere Sichtweisen. Eine radikalere Auffassung von Globalisierung geht davon aus, dass es diese schon immer gab, wenn man die ersten Wanderungsbewegungen der Menschen vor über 100.000 Jahren berücksichtigt (Schwentker 2005: 40).

Ist die Globalisierung also ein modernes Thema, oder gibt es eine historische Globalisierung ? Rechtfertigt die Zunahme der internationalen Verflechtungen wirklich die Verwendung des neuen Begriffes, oder haben auch in der Vergangenheit Verflechtungen eine sehr wichtige Rolle gespielt? Um diese Frage beantworten zu können, muss der Begriff Globalisierung zunächst definiert und charakterisiert werden, um nachfolgend feststellen zu können, ob (und in welcher Form) es in früheren Epochen bereits derartige Ansätze gab.

In Kapitel 2werden zunächst relevante Begriffe erklärt und speziell das Begriffsverständnis des Wortes Globalisierung für die Verwendung in dieser Arbeit festgelegt. Kapitel 3 untersucht dann Globalisierungstendenzen in der Vergangenheit ausgehend vom Imperium Romanum, und versucht, diese „Globalisierungen im Spiegel der Geschichte“ (Schreiber 2000) in zuvor festgelegte Globalisierungsdimensionen einzuordnen. Kapitel 4trägt den Titel „Globalisierungsvorlauf“, weil viele Autoren die Internationalisierungsaktivitäten dieser Zeit als wegbereitend für die heutige Globalisierung ansehen. Dieses Kapitel untersucht die Vernetzung von der Neuzeit bis zur Weltwirtschaftskrise. In Kapitel 5 geht es um die Entwicklung der Globalisierung seit dem zweiten Weltkrieg und stellt neue Entwicklungen im Vergleich zu früheren Globalisierungsanläufen heraus, bevor in Kapitel 6 schlussendlich die Frage geklärt wird, ob man von historischen Globalisierungen sprechen kann.

2 Was ist Globalisierung?

Wie in der Einleitung angemerkt, ist das Wort Globalisierung eine Wortneuschöpfung, die erst seit ungefähr 30 Jahren Eingang in den deutschen Sprachgebrauch gefunden hat. Da sich diese Arbeit aber mit Zeiträumen weit vor dieser Zeit beschäftigt, muss zunächst die Wortbedeutung festgelegt werden.

Für Beck ist Globalisierung das „sicher das am meisten gebrauchte – missbrauchte – und am seltensten definierte, wahrscheinlich nebulöseste und politisch wirkungsvollste (Schlag- und Streit-)Wort der letzten, aber auch der kommenden Jahre“ (1997: 42).

Viele Autoren beziehen den Begriff sehr stark auf die ökonomische Ebene, nämlich auf die „Integration innerhalb und zwischen Transnationalen Unternehmen“ (Schamp 1996: 209). Globale Märkte, Globalisierung von Produktionskonzepten und globale Produktionsnetze stehen hierbei im Vordergrund. Krätke betrachtet auf ökonomischer Ebene eher den Handel und definiert Globalisierung als „Einen Prozess der weiträumigen Ausdehnung und Verknüpfung von Aktivitäten, der u. a. in einer wachsenden, regionale und nationale Grenzen überschreitenden Bewegung von Gütern, Kapital und Menschen zum Ausdruck kommt“ (1995: 208).Dabei wird das Anwachsen der Direktinvestitionen im Ausland als „das herausragendste Merkmal der Globalisierung“ (Koch et al. 2008: 337) gesehen.

Einigkeit unter den Autoren besteht darüber, dass sich Globalisierung auch auf die verschiedenen Kulturen auswirkt. Heute fällt dabei besonders die „Kulturindustrie des Westens“ (Osterhammel & Petersson 2007: 11)ins Auge, der zuerst eine homogenisierende Wirkung auf fremde Kulturen nachgesagt wurde (McDonaldisierung). Die Verteidigung lokaler Eigenarten als Protest gegen die Globalisierung zeigt jedoch auch eine Tendenz zur Heterogenisierung, sodass heute überwiegend von einer Hybridisierung oder Glokalisierung gesprochen wird, eine „Vermischung kreativ angeeigneter Kulturelemente mit schon vorhandenen“ (ebd.: 12).

Begünstigt werden diese kulturellen und ökonomischen Austauschprozesse durch die sogenannte „time-space-compression“ (Harvey 1989: 240), ein Resultat erhöhter Geschwindigkeit von Kommunikation. Die Verdichtung von Raum und Zeit führt zu einem virtuellen Miteinander und bildet die „Voraussetzung für weltweite soziale Beziehungen, Netze und Systeme, innerhalb derer die effektive Distanz wesentlich geringer ist als die geographische“ (Osterhammel & Petersson 2007: 12).Die time-space-compression führt tendenziell dazu, dass national verfasste Gesellschaften nach Auflösung von räumlich gebundener Staatlichkeit streben. Grenzen werden zunehmend unbedeutender und internationale Organisationen wie die WTO oder der Internationale Währungsfonds gewinnen an Bedeutung (Heß 2006: 382). Als Schlagworte in diesem Zusammenhang werden die Begriffe Entterritorialisierung und Supranationalität genannt.

Diese Erklärungsansätze von Globalisierung haben alle den Aspekt der Vernetzung gemein. Aus gerichteten Interaktionen zwischen Individuen oder Gruppen entstehen Netzwerke. Für Osterhammel ist Globalisierung ein Netzwerk, das dauerhaft ist. Diese Netzwerke werden durch Institutionen (diplomatische Allianzen, internationale Handelsordnungen) stabilisiert (2007: 21f.). Internationale Interaktionen relativieren die Bezugseinheit des Nationalstaates (Ostertag 2000: 9f.), „denn in dem Maße, wie die ökonomischen, sozialen und politischen Aktivitäten über die gesamte Welt ausgedehnt werden, erhalten sie ihre Bedeutung nicht mehr … durch Bezug auf einzelne Territorien oder Staaten“ (König & Rinke 2000: 232). Die Interaktionen schaffen aber gleichzeitig neue Verdichtungen: die Interaktionsräume. „Die Geschichte der Globalisierung ist zu einem großen Teil die Geschichte des Aufbaus solcher Räume aus Interaktionen und Vernetzungen und diejenige ihrer Verbindungen untereinander“ (Osterhammel 2007: 22). Damit eignet sich diese Sichtweise für die historische Betrachtung der Globalisierung sehr gut. Sie verhindert eine Aufspaltung der Geschichte der Globalisierung in eine Geschichte der Weltwirtschaft, der Migrationsforschung, der internationalen Beziehungen, des Imperialismus und Kolonialismus und soll deshalb dieser Arbeit zugrunde liegen.

3 Globalisierungsanläufe

Bei der Untersuchung, ob es globale Netzwerke bereits in der Vergangenheit gab, stellt sich vor allem die Frage, wann und wo es diese gegeben hat.

Wann hat es also derartige weltumspannende Netzwerke gegeben? „Die Globalisierung beschränkt sich dabei nicht auf einzelne Regionen oder Länder, sondern betrifft die ganze Welt“ (Sloterdijk 1998: 61f.). Wenn Globalisierung wirklich die ganze Welt betreffen soll, ist diese vor Entdeckung der gesamten Welt nicht möglich. Globalisierung setzt weiterhin voraus, dass Nationalstaaten überwunden werden (vgl. Kap 2). Da es in der Antike aber keine Nationalstaaten gab, muss abgeschwächt von Interaktionen zwischen Völkern oder Völkergruppen gesprochen werden. Nach diesen Einsichten kann deshalb in der vorindustriellen Zeit nur von Globalisierungsanläufen gesprochen werden. In Kap. 3 werden daher unter diesem Begriff die Aktivitäten im Altertum und im Mittelalter näher beleuchtet, vom Imperium Romanum, das stellvertretend für alle Großreiche stehen soll, bis zu den Fuggern.

Abgesehen von den Globalisierungsanläufen im Altertum scheinen sich die Wurzeln historischer Globalisierungen in Europa zu befinden. „Es ist kein eurozentrisches Vorurteil, wenn hier betont wird, dass die Globalisierung durch die europäische Expansion ausgelöst wurde, die mit der weltumspannenden Schifffahrt begann“ (Rothermund 2005: 27). Dabei soll nicht verschwiegen werden, dass außereuropäische Länder wie das Osmanische Reich oder das Indien der Großmogule oder China das relativ arme Europa weit in den Schatten stellten (ebd.: 28). Doch das ausbleibende Ausgreifen nach Übersee gestattet es höchstens, von einem Globalisierungsanlauf zu sprechen.

3.1 Altertum

Die Globalisierungsanläufe der vorneuzeitlichen Epochen haben eine großräumige Integrationswirkung gemein. Osterhammel und Petersson (2007: 27ff.) zeigen verschiedene Formen der Integration auf. Eine Form ist das Großreich, welches kein Netzwerk im Sinne dieser Arbeit darstellt (siehe Abschnitt „Römische Antike“). Eine weitere integrative Form stellt die religiöse Ökumene dar, welche im Normalfall über die Grenzen des Großreiches hinausging und deshalb aus mehreren politischen Einheiten bestand. Diese Gebilde tragen zur Integration und Vernetzung bei, sobald es eine Mobilität zu heiligen Zentren gibt und ein „Pflichtenkatalog“ besteht, an den sich alle verbindlich halten – auch über nationale und sprachliche Grenzen hinweg. Drittens nennen die Autoren Fernhandelsverbindungen integrativ wirksam: „Einzelne Handelslinien, wie die Seidenstraßen zwischen China und dem Mittelmeerraum, die Schifffahrt zwischen der arabischen Halbinsel und Indien oder die stärker frequentierten unter den Karawanenwegen des Nahen Ostens und Nordafrikas schufen nicht selten dauerhafte Verbindungen zwischen weit voneinander entfernten zivilisatorischen Zentren“ (ebd.: 29). Gleichwohl zögern die Autoren, von „Netzen“ zu sprechen.

Trotzdem lassen sich weit vor unserer Zeit Netzwerkstrukturen feststellen. Beispielsweise verfolgen Kirchen bzw. Glaubensgemeinschaften seit Jahrhunderten globale Strategien und etablieren Strukturen, denen sich lokale Organisationen anpassen müssen (Ostertag 2000: 37). Der Begriff Globalisierung darf für die Geschichte des Altertums nur sehr begrenzt verwendet werden, dennoch gibt es auch in dieser Zeit „Epochen, in denen gezielte politische Expansion und der Export von wirtschaftlichen und kulturellen Standards einen vorsichtigen Vergleich erlauben“ (Malitz 2000: 37). Beispiele hierfür waren z.B. die außereuropäischen Weltreligionen, die auch einen regen wirtschaftlichen Austausch pflegten oder das Handelsvolk der Phönizier (Zschaller & Kiesewetter 2000: 166). Aus europäischer Sicht bietet sich das Imperium Romanum als Wurzel der Globalisierung an.

Römische Antike

Wie bei allen Großreichen ist es auch problematisch, dem Imperium Romanum eine globalisierende Rolle zuzusprechen. Osterhammel (2007: 27f.) bezeichnet Großreiche als Apparate, die gekennzeichnet sind durch „eine gesamtimperiale Herrschaftshierarchie, oft mit einem Monarchen an der Spitze, durch einen großräumig einsetzbaren Militärapparat sowie durch den symbolisch bekräftigten Anspruch der Reichszentrale, zugleich der Mittelpunkt aller bekannten Zivilisationen zu sein“. Dieser „zentralisierte Zwangsverband“ (ebd.) ist in seinen Augen kein Netzwerk, wie es diese Arbeit als Merkmal von Globalisierung sieht. Auch Wallerstein (1986: 27ff.) unterteilt mit seiner Theorie der Weltsysteme in Weltwirtschaftssysteme (mehrere politische Systeme) und Imperien (ein einziges politisches System), welches er auch als ein primitives Instrument ökonomischer Herrschaft bezeichnet. Ein Imperium hat dabei die Bestrebung, die Versorgung des Reiches von der Peripherie ins Zentrum zu gewährleisten, Weltwirtschaftssystemestreben indes die Erzielung eines komparativen Vorteils an (Zschaller & Kiesewetter 2000: 166).

Es besteht kein Zweifel, dass sich innerhalb des Imperiums Globalisierungstendenzen auszumachen waren. Es gab mit Latein eine „Weltsprache“, wie es derzeit das Englische ist, es gab es eine „Weltwährung“ ähnlich dem heutigen Euro, und selbst die Probleme der heutigen globalisierten Welt (Umgang mit Minderheiten, Fremdenhass, Einflüsse auf die Kultur,…) fanden sich bereits damals (Weber 2000: 53). War das Imperium Romanum deshalb globalisiert?

Es stellt sich die Frage, ob das antike Rom in den Welthandel eingebunden war, ob es ausreichend Interaktionen mit Regionen außerhalb des Imperiums gab. Dies muss bezweifelt werden, da im römischen Reich die Subsistenzwirtschaft überwog.Durch die geringe landwirtschaftliche Produktivität standen kaum handelbare Güter zur Verfügung. Die staatliche Wirtschaftspolitik beschränkte sich darauf, Rom und die Legionen mit Getreide aus den Regionen zu versorgen, die Überschussproduktion ermöglichten. Beispiele sind hierfür Sizilien und die Provinz Africa Nova. Trotzdem gab es bereits Fernhandel. Luxuriöse Güter aus China und Indien waren für die oberen Schichten vorgesehen. Dieser Handel brachte aber keine stabilen Handelsunternehmen hervor und die Interaktionen zwischen den Handelspartnern waren unregelmäßig und sehr risikobehaftet.Von einem stabilen Netzwerk kann deshalb nicht gesprochen werden (Zschaller & Kiesewetter 2000: 168ff.).

Dennoch kann von einem Globalisierungsanlauf gesprochen werden, da es weit über die Imperiumsgrenzen hinausgehende Interaktionen gab. Natürlich war nicht die ganze Welt involviert, aber es gab Kontakte in die damals bekannten Gebiete des Erdkreises.

3.2 Mittelalter

Osterhammel und Peterssen (2007: 30ff.) stellen weltweit zwei „Schübe großräumiger Integration“ fest:Ab dem 8. Jahrhundert gab es die religiöse Ökumene der Muslime, deren Ausbreitung sich von Andalusien bis nach Usbekistan erstreckte und die chinesische Tang-Dynastie in Ostasien. Die Konturen beider Gemeinschaften sind noch heute erkennbar. Fast alle im 8. Jh. islamisierten Gebiete (außer Spanien) gehören heute noch zur Umma[1], die Gebiete der Tang-Dynastie gehören heute zur Volksrepublik China.„Auf die militärischen Eroberungen folgte in beiden Fällen ein Aufblühen der städtischen Kultur und des Handels … [dennoch] gingen von den wenigen Beziehungen, die es gab, keine transformierenden Wirkungen aus. Die militärisch wie wirtschaftlich kraftvollsten Zentren blieben auf sich selbst bezogen“ (ebd.).

Der zweite Integrationsschub geschah im 13. Jahrhundert mit der Bildung der nomadischen Reitermacht der Mongolen, deren Reich sich nach Osten bis Korea, nach Süden bis zur indochinesischen Halbinsel und nach Westen bis vor Wien und Damaskus erstreckte. Dieser „lockere imperiale Verbund“ (Osterhammel & Petersson 2007: 32) sorgt unter der Pax Mongolica für außerordentliche Reise- und Handelsfreiheit, sodass sich im 13. Jahrhundert Migrations- und Zirkulationsströme noch nie dagewesenen Ausmaßes entstanden, wie u.a. die schnelle Ausbreitung der Beulenpest belegt (Mitternauer 2003: 217). Auch der zweite Integrationsschub führte nicht zu weltumspannenden Netzen, sondern wird von Osterhammel nur als „weitreichende Wirkungskette“ (2003: 32) bezeichnet.

Im „europäischen“ Mittelalter wird das Jahr 1000 als entscheidend für einen neuerlichen Globalisierungsanlauf gesehen. Verbesserungen in der Landwirtschaft, z.B. die Dreifelderwirtschaft oder der Pflug mit der Nutzung von Zugtieren, führten zu Produktivitätssteigerungen und halfen, die Subsistenzwirtschaft zu überwinden.Die Bevölkerung Europas wuchs bis zum 14. Jh. stark an, Städte blühten auf oder wurden neu gegründet. In den Städten lebten auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches 12% der Gesamtbevölkerung, welche sich auf die gewerbliche und handwerkliche Produktion von Gütern und auf den Handel spezialisierten (Zschaller & Kiesewetter 2000: 170ff.). Besonders gut lässt sich auch eine regionale Spezialisierung von Produkten in Abbildung 1 feststellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Herkunft der wichtigsten um 1470 im Fernhandel umgesetzten Güter (Henning 1991: 487)

„Die grundlegenden Änderungen der Herrschaftsstrukturen des Reiches, die Entstehung einer Städtelandschaft, die Umwälzung des kaufmännischen Betriebes durch Schriftlichkeit und Rechenkenntnis und das gestiegene Ansehen des Kaufmanns sind zwischen ca. 1000 und 1250 zu konstatieren. Diese Entwicklungen markieren nicht nur einen klaren Bruch mit der Antike und dem frühen Mittelalter, sondern auch die Entstehung einer modernen Wirtschaft“ (Jenks 2000: 31).Das war der Nährboden für die Entstehung der Hanse und später des Handelsimperiums der Fugger.

Die Pest dezimierte ab 1348 die europäische Bevölkerung und beendete das Wachstum. Gleichwohl legte die Personalarmut den Grundstein für die kapitalintensiven spätmittelalterlichen Industrien. Eine Zunahme des Außenhandels, einetiefere internationale Arbeitsteilung und erste internationale Messen führten zu einer verstärkten internationalen Kommunikation. „Es war die Welt von Adam Smith, die bereits 500 Jahre vor ihm Gestalt anzunehmen begann“ (Landes 1999: 60).

Die Hanse

Die Hanse gab dem transnationalen Handel einen Schub. Ab Ende des 12. Jahrhunderts handelten die Kaufleute des „internationalen Unternehmensnetzwerkes“ (Lehmann 2006: 11) mit Waren und Gütern innerhalb des Hanseverbundes. Was hat die Hanse aber zur Globalisierung beigetragen? „Wenn man unter Globalisierung die Intensivierung und Beschleunigung grenzüberschreitender Transaktionen bei deren gleichzeitigen räumlichen Ausdehnung versteht, so 'globalisierten' ... die Aktivitäten der hansischen Kaufleute zweifellos das nördliche Europa“ (Hammel-Kiesow 2007: 30). Es lassen sich zweifelsohne Parallelen zur heutigen Globalisierung erkennen. Damals wie heute sorgten sowohl die Mobilität von Gütern und Produktionsfaktoren, als auch Entwicklungen im Bereich Transportwesen und Kommunikation für einen Vernetzungsschub. Auch die Standardisierung von Maßen und Währungen und stabile rechtliche Rahmenbedingungen wie das Seerecht erleichterten den Handel. (ebd.). „Das Handelssystem der Hanse … begründete zwar noch keine Weltwirtschaft, wohl aber ein regional diversifiziertes europäisches Wirtschaftssystem, in dem komparative Vorteile genutzt wurden“ (Zschaller & Kiesewetter 2000: 172).

Die Fugger

Nach dem Niedergang der Hanse im 15. Jahrhundert sorgten die Fugger im 16. Jahrhundert für grenzüberschreitenden Handel. „Speziell die Handelswege und Auslandsniederlassungen der Fugger lassen sich gut rekonstruieren und geben ein eindrucksvolles Bild vom Ausmaß der damals bestehenden grenzüberschreitenden Verflechtung von Wirtschaft und Handel“ (Lehmann 2006: 12).

Ihr Reichtum gründet sich zum einen auf ihre umfangreichen Handelsaktivitäten: Sie handelten europaweit mit Tuch, Leinen, Silber, Kupfer, Diamanten und Juwelen. Vielmehr trugen aber die Bergbauaktivitäten zum wirtschaftlichen Erfolg bei. Die Abbaugebiete lagen außerhalb von Deutschland – u.a. in Spanien, Ungarn, Schlesien und Tirol – und stellten bereits eine frühe Form ausländischer Direktinvestitionen dar (zum Thema Direktinvestitionen vgl. Kap. 4.2) (Kutschker & Schmid 2005: 9). Karl Marx kommentierte diesen Umstand folgendermaßen: „Diese Fugger sammelten ihren Hauptreichtum indes nicht im armen Deutschland, sondern in Italien, den Niederlanden und Spanien“ (nach Finsterbusch 1999: B-10).Besonders der Überseehandel, organisiert durch Überseehandelsgesellschaften, war ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Lehmann spricht aber von einem „Intra-Imperiumshandel“, da diese Gesellschaften hauptsächlich für den Handel mit den Kolonien zuständig waren (ebd.). Von einer wirklichen Globalisierung kann also noch nicht gesprochen werden, aber den Ursprung unserer heutigen Globalität sehen viele Autoren in der „Entwicklung erster internationaler wirtschaftlicher Aktivitäten, wie z.B. denen der Kaufleute Fugger im späten Mittelalter“ (Greve 2000: 2).

[...]


[1] Gemeinschaft der muslimischen Gläubigen.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Gibt es eine historische Globalisierung?
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V180823
ISBN (eBook)
9783656039952
ISBN (Buch)
9783656040552
Dateigröße
1152 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Globalisierung, time-space-compression, Vernetzung, Glokalisierung, Referat
Arbeit zitieren
Michael Sypien (Autor), 2010, Gibt es eine historische Globalisierung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180823

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