Bhakti bei Vengal Chakkarai


Hausarbeit, 2011
22 Seiten, Note: 1,00

Leseprobe

INDEX

Rahmen
II. Vorbemerkung
II.a Kontextbestimmung
II.b Forschungsfragen
II.c Rechtfertigung bzgl. Formalia
III. Verwendete Literatur
III.a Primärquellen
III.b Monografien
III.c Aufsätze in Sammelbänden und Zeitschriften
III.d Artikel in Lexika und Nachschlagewerken

Hauptteil
1. Wichtige Begriffe und Phänomene
1.1 Bhakti
1.2 Devotionalismus
1.3 Sprachverwirrung? – Eine Problemskizze
1.4 Inkarnation und Avatāra
1.5 „Bhakti –Avatāras“
2. Die Theologie Chakkarais
2.1 Wichtige Aspekte
2.2 Gotteserkenntnis durch Erfahrung
2.3 Der Erfahrungsinhalt: Christus im Herzen
2.4 Historische Forschung
2.5 Christologische Begründung
2.5.1 Jesus Christus und Heiliger Geist
2.5.2 Historischer Jesus und pneumatischer Christus
3. Zusammenfassung und Fazit

II. VORBEMERKUNG

II.a KONTEXTBESTIMMUNG

Vengal CHAKKARAI steht mit seiner theol. Konzeption im Spannungsverhältnis zweier un- terschiedlicher relig. Systeme bzw. Traditionen. Es sind dies a) der Hinduismus und b) das Christentum.1 Sein theol. Denken zeichnet sich durch Kreativität und Eigenständigkeit aus und sucht die V e r m i t t l u n g z w i s c h e n h i n d u i s t i s c h - i n d i s c h e r T r a d i t i o n und de m W e g wes t l i cher T h eol o g i e .2 Das Anliegen CHAKKARAIs liegt dabei si- cherlich darin, „das Indische“ – in Abgrenzung zum ansonsten in der christl. Theologie weitgehend dominierenden Weg des Westens – stark zu machen. Mit diesem besonderen Ort CHAKKARAIs theol. Urteilsbildung will sich diese Arbeit beschäftigen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem Konzept Bhakti, anhand dessen die Bemühungen CHAK- KARAIs um eine indische Theologie exemplarisch deutlich werden.

Das theol. Denken CHAKKARAIs, welches in zahlreichen Schriften Niederschlag gefunden hat, leistet nicht nur einen wichtigen Beitrag für das indische Christentum, sondern fordert auch die westliche Theologie, i n d e r e n T r a d i t i o n a u c h d e r V e r f a s s e r d i e s e r A r b e i t s t e h t , durch z.T. wertvolle Fragestellungen heraus.

II.b FORSCHUNGSFRAGEN

Aus vorausgehenden Worten ergeben sich folgende Fragenkomplexe:

- Was versteht man unter Bhakti? Mit welchen Themen wird Bhakti verknüpft?
- Auf welche Weise ist der Begriff Bhakti direkt oder indirekt in der Konzeption CHAK- KARAIs präsent? Wo liegen die Vergleichspunkte zwischen hinduistischer Bhakti- Frömmigkeit und der Bhakti-Theologie CHAKKARAIS?
- Welche Thesen CHAKKARAIs fordern die westliche Theologie heraus? Wo geht er einen eigenständigen Weg? Was sind zentrale Problemfelder in der Theologie CHAKKARAIs?

II.c RECHTFERTIGUNG BZGL. FORMALIA

Die hier vorliegenden Thesen zur Theologie CHAKKARAIS beziehen sich auf ausgewählte Aspekte, die mit der Bhakti-Frömmigkeit zusammenhängen und für sein Denken maßgeb- lich sind. Eine umfangreichere Auseinandersetzung mit seiner Theologie ist im Rahmen ei- ner derartigen Seminararbeit nicht möglich. Auf einen biographischen Teil wurde zugunsten einer eingehenderen Auseinandersetzung mit theol. Fragestellungen verzichtet.3 Der Fokus liegt auf dem theol. Denken CHAKKARAIS. Als Textgrundlage dient die zweibändige Werk- ausgabe von P.T. THOMAS, die glücklicherweise in Wien zur Verfügung steht.

Es wurde versucht, bei sämtlichen deutschen Begriffen weitestgehend eine genderfaire Ausdrucksweise zu wählen. Der Begriff Bhakta wird jedoch in dieser Arbeit als Fremdwort für beide Geschlechter gebraucht und als generisches Maskulinum geführt.

In den Fußnoten dieser Seminararbeit werden ausschließlich Kurztitel verwendet, die sich nach dem ersten sinnvollen Substantiv des Werktitels richten. Im Literaturverzeichnis sind genauere Angaben aufgeführt.

Abkürzungen richten sich i.d.R. nach:

- SCHWERTNER Siegfried M., Internationales Abkürzungsverzeichnis für Theologie und Grenzgebiete, Berlin/New York 21992. Wo es notwendig ist, wird zudem hierauf zurückgegriffen:
- REDAKTION der RGG4 (Hg.), Abkürzungen Theologie und Religionswissenschaft nach RGG4, Tübingen 2007.

1. WICHTIGE BEGRIFFE UND PHÄNOMENE

Es ist notwendig, am Beginn dieser Arbeit einige Begriffe zu klären und Phänomene zu be- schreiben, die im Hinduismus und in der theol. Konzeption CHAKKARAIs eine Rolle spielen.

1.1 BHAKTI

Bhakti ist ein Begriff in Sanskrit und kann mit Teilhabe, Hingabe oder Liebe übersetzt wer- den. Er bezeichnet eine besondere, sehr persönliche Form der Gottesanbetung bzw. Gottes- erfahrung, die seit dem 7. Jahrhundert in Südindien und ab dem 12./13. Jahrhundert auch in Nordindien anzutreffen ist. Die Bhakti-Frömmigkeit spielt heute in der Volksreligiosität In- diens eine maßgebliche Rolle, da sie grundsätzlich auch für Frauen und Angehörige unterer Kasten offensteht.4

Die Kaste ist bekanntlich eine zentrale Kategorie sozialer Unterteilung in Indien, die ein hierarchisches Gefälle kennt. Unter einer Kaste (Jāti) versteht man eine soziale Gruppe, die sich als endogame Gemeinschaft (Geburtsgemeinschaft) begreift. Sie zeichnet sich meist durch einen gemeinsamen Beruf der Mitglieder, eine gemeinsame Sprache bzw. einen ge- meinsamen Dialekt, gemeinsames Brauchtum oder eine gemeinsame Herkunft aus und agiert untereinander stark solidarisch. Verschiedene Faktoren können zu einer Durchlässig- keit oder Umbildung der Kasten führen. Einer dieser Faktoren war seit jeher die Bhakti- Frömmigkeit.5

Kerstin GUDERMUTH hat eine durchaus einprägsame und treffende Definition des Begriffes Bhakti gefunden. Sie versteht darunter „d ie se lb st lose , e m o t i onale Hing ab e an Got t , die e i n Mi tte l z u spir i t ue ller Er fahrung i s t , deren höc h- st es Z i el di e Verg eg enwärt i g ung Go t t e s ist . “ 6

Gott wird in der Bhakti-Frömmigkeit stark anthropomorph gedacht. Die Gottesvorstellung setzt also ein personhaftes Gegenüber voraus, das verehrt wird und dem man sich hingibt. Sie kennt Gott weder als selbstständige Macht, die gänzlich außerhalb der menschlich fass- baren Welt und Vorstellung liegt, noch als eine Macht, die das gläubige Subjekt gänzlich in sich einschließt.7

Traditionell unterscheidet man im Hinduismus drei spirituelle Wege bzw. Pfade („Fröm- migkeitstypen“), die zur Gotteserkenntnis führen. Dies sind a) K a r m a - m a r g a , der Pfad der Werkgerechtigkeit, bei dem das wichtigste Element das Handeln bzw. die relig. Ethik ist, b) J n a n a - m a r g a , der Pfad der rechten Erkenntnis, der primär auf die relig. Reflexion bedacht ist, und zuletzt c) B h a k t i - m a r g a , der Pfad der Liebe, der die relig. Verehrung, Andacht sowie Hingabe in den Mittelpunkt stellt.8 Bhakti ist demnach als einer der grund- sätzlichen Wege zur Gotteserkenntnis anzusehen, die in Indien anzutreffen sind.

1.2 DEVOTIONALISMUS

Bereits an dieser Stelle muss ein weiterer Begriff eingeführt werden, der ein ähnliches Be- deutungsspektrum wie der Begriff Bhakti, wie ihn etwa Kerstin GUDERMUTH definiert hat, umfasst.9 Es ist dies der Begriff Devotionalismus. Dieser Begriff geht, wie etwa Axel MI- CHAELIS in seinem Werk über den Hinduismus festgestellt hat, Hand in Hand mit dem Be- griff Bhakti. B e ide B e g r iffe betone n d i e verehren de F r ö m m i g k eit s ha l- tung b z w. h i ng eb ende Di mens ion d e r Gotte sverehr u n g und könne n daher n i ch t ei nde utig v one inander g e trennt wer d en. 10

Nachdem festgestellt wurde, was die beiden Begriffe verbindet, soll nun auch der Unter- schied zwischen Bhakti und Devotionalismus festgehalten werden: D e v o t i o n a l i s m u s wi rd vi e l eher als überg eordne t e r, neutra ler Beg r iff an g e sehen . Die- ser Begriff wird für Phänomene unterschiedlicher Weltreligionen verwendet. Es ist ein allg. religionssoziologischer Begriff (geworden). Als Beispiel kann der 2009 verstorbene Religi- onssoziologe Joachim MATTHES dienen, der in seiner zweibändigen Einführung in die Reli- gionssoziologie den Begriff Devotionalismus als e i n e a l l g e m e i n e F o r m r e l i g i ö - s e r O r i e n t i e r u n g beschreibt, die von Gefühl und Aktivität geprägt ist.11 Viele nach ihm, sind ihm diesbezüglich gefolgt. Der Begriff Bhakti bezeichnet (anders als Devotiona- lismus) lediglich einen Frömmigkeitstypus i n n e r h a l b d e s H i n d u i s m u s und ist demnach i.d.R. auf diese Weltreligion beschränkt.12

1.3 SPRACHVERWIRRUNG? – EINE PROBLEMSKIZZE

Die Unterscheidung der Begriffe, wie sie eben vorgenommen wurde, geht von unterschied- lichen Ebenen (allgemein – speziell) aus, auf denen die Begriffe liegen. Diese Unterschei- dung wird freilich, wie später anhand einiger Texte deutlich werden wird, von CHAKKARAI selbst nicht getroffen: Er spricht von B h a k t i i m R a h m e n c h r i s t l . T h e o l o g i e , was auffällig, ja vielleicht sogar verstörend ist, wenn man die obige Unterscheidung der Be- griffe Devotionalismus und Bhakti kennt. Da bereits hier, auf sprachlicher Ebene, offenbar eine Besonderheit im Denken CHAKKARAIs angezeigt ist, die auf inhaltlicher Ebene Konse- quenzen nach sich zieht, wurde obiger Teil zur Begriffsklärung von Bhakti und Devotiona- lismus ausführlicher behandelt, als dies vielleicht auf den ersten Blick notwendig erscheinen mag.

Ist nicht der lateinische Begriff devotio aufgrund seiner langen christl.-eur. Tradition stark christl.-dogmatisch vorgeprägt?13 Kann nicht vielleicht Bhakti als allg. religionssoziologi- scher oder christl. Begriff dienen? Ist nicht in der Verwendung des Begriffs „Devotionali- mus“ als allg. religionssoziologischer Begriff eine eurozentristische Tendenz14 zu erkennen?

Mit diesen Fragen ist ein sprachphilosophisches Problemfeld benannt, das m.E. bei der Be- schäftigung mit der Theologie Vengal CHAKKARAIs durchaus von zentraler Bedeutung ist. Denn CHAKKARAI bedient sich bewusst unzähliger Begriffe der hinduistischen Gottesvor- stellung und integriert sie in theol.-christl. Modelle, die auf der Tradition des lat. Westen fußen. Er bemüht sich eifrig um die Indisierung des Christentums.15

[...]


1 An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass vieles dagegen spricht, von Hinduismus oder von Chris- tentum im Singular zu sprechen. E i ne so lc he Ausdr u c k s w e i se sugge r i e r t e i ne E i nhe i t - lichkeit innerhal b der j e w e iligen Relig io nsf a m ilie, d i e em p i r i sch und g e - schichtlich nicht vorf i nd lich ist . So gi bt es d a s Christ entum nicht, so nd e r n l e d i g l i c h e i n e V i e l f a l t a n C h r i s t e n t ü m e r n . Diese Pluralität lässt sich bereits seit den An- fängen der Christenheit feststellen, weswegen etwa François VOUGA vom „Begriff der ‚frühen Christentü- mer‘“ spricht. Er hält diese Redeweise für sachgemäß. Ebenso ist auch der Hinduismus verschiedenartig aus- gestaltet. Der Begriff Hinduismus bezeichnet viel eher eine Anhäufung von unterschiedlichen relig. und so- ziokulturellen Phänomenen, die jedoch gemeinsame Praktiken und Glaubensinhalte kennen und durch ein ge- meinsames Erbe verbunden sind, als eine Einheit. Es ist daher m.E. dringend nötig, auf diese Problematik hin- zuweisen. Vgl. u.a. KÖRTNER, Menschen, 46 u.ö; MARKSCHIES, Theologie, 5f; v.a. VOUGA, Geschichte, 13 u.ö; für den Hinduismus v.a. PIANO, Religion, 14-16.

2 Der Weg westlicher Theologie ist wesentlich vom Europeanismus bzw. Eurozentrismus geprägt. Der Euro- peanismus ist eine Ausprägung des Imperialismus. Er ist gekennzeichnet durch (1) die Annahme der Überle- genheit eur. Zivilisation und Kultur und (2) den Anspruch, diese eur. Zivilisation und Kultur auf andere Län- der der Erde auszubreiten zu dürfen. CHAKKARAI leistet insofern keineswegs nur Vermittlungsarbeit, sondern vielmehr einen notwendigen indischen Beitrag gegen den fortdauernden Europeanismus im theologischen Denken. Vgl. PODINJAREKUTTU, Movement, 109.

3 Ein knapper Überblick zum Leben CHAKKARAIS, dem eine Analyse seiner Theologie folgt, findet sich bei Robin BOYD. Hugald GRAFE gibt eine gute biographische Zusammenschau des indischen Theologen-Trios CHAKKARAI, CHENCHIAH und APPASAMY. Eine Zusammenfassung des Selbstzeugnisses CHAKKARAIS, v.a. zu seiner Bekehrung, ist bei Herwig WAGNER zu finden. Hinzuweisen ist auch auf die ausführliche Einleitung zur Werkausgabe von P.T. THOMAS, die das Leben und Wirken CHAKKARAIS thematisiert, sowie auf den knappen Artikel von Frieder LUDWIG. Vgl. BOYD, Theology, 165f; GRAFE, History, 168-175; LUDWIG, Art. Chakkarai, 92; WAGNER, Erstgestalten, 214f; THOMAS, Introduction, 1-41.

4 Vgl. METTE, Love, 289f; MICHAELS, Art. Bhakti, 1403.

5 Vgl. STEIN, Christentum, 33-44.

6 GUDERMUTH, Kultur, 65.

7 Vgl. MICHAELS, Hinduismus, 282f.

8 Vgl. ROTHERMUND, Geschichte, 21f.

9 Vgl. hierzu meine Ausführungen in Kapitel 1.1, 1.

10 Vgl. MICHAELS, Hinduismus, 277.

11 Vgl. MATTHES, Einführung, 73.

12 Ein weiteres Beispiel soll diese These bestätigen: Wenn Axel MICHAELS in seinem Werk „Klassiker der Re- ligionswissenschaft“ einerseits Devotionalismus und Nicht-Dualität nennt, und diesem Paar andererseits die beiden Begriffe Bhakti und Advaita-Vedanta-Lehre – wohlgemerkt mit Bezugnahme auf Rudolf OTTO – ge- genüberstellt, so widmet er sich zunächst der allg. Ebene, während er sich anschließend offensichtlich der speziellen, hinduistischen Terminologie zuwendet. Diese Begriffspaare entsprechen einander freilich ansons- ten inhaltlich weitgehend. Vgl. MICHAELS, Klassiker, 207.

13 Im christl. Sprachgebrauch bezeichnet Devotion (lat. devotio) die Hingabe an Gott. Vorchristlich konnte der Begriff zudem auch für die Hingabe an Menschen und an Gesetze verwendet werden. Bei Thomas VON AQUIN spielt der Begriff devotio in seiner „Summa Theologiae“ eine maßgebliche Rolle. Heute verbindet man mit Devotion v.a. bestimmte Formen relig. Verehrung in der (katholischen) Volksfrömmigkeit, wie etwa die Ver- ehrung der Schmerzen Mariae oder des Herzens Jesu. Vgl. KÖPF, Art. Devotion, 776f.

14 Zum Begriff Europeanismus bzw. Eurozentrismus, vgl. meine Ausführungen in Fußnote 2, II.

15 Vgl. CHAKKARAI, Indianisation, 123ff.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Bhakti bei Vengal Chakkarai
Hochschule
Universität Wien  (Systematische Theologie und Religionswissenschaft)
Veranstaltung
Christentum in Indien
Note
1,00
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V180894
ISBN (eBook)
9783656039815
ISBN (Buch)
9783656040361
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Indien, Hinduismus, Chakkarai, Globalisierung, Eurozentrismus, Europeanismus, Avatar, Inkarnation, Theologie, Religionswissenschaft, Christologie, Menschwerdung, Frömmigkeit, 19. Jahrhundert
Arbeit zitieren
Bernhard Kirchmeier (Autor), 2011, Bhakti bei Vengal Chakkarai, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180894

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