Entwicklung, Darstellung und Deutungen bundesdeutscher Jugendkulturen zu Beginn der 80er Jahre


Examensarbeit, 1983

95 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kurze Einführung in die Jugendsoziologie
1. Begriffliche Vorabklärung - was ist Jugend?
2. Klassische sozialwissenschaftliche Jugendtheorien
2.1.Der generationstheoretische Ansatz Karl Mannheims
2.2.Schelskys phänomenologische Gegenwartsanalyse der Jugend
2.3.Der funktionalistische Ansatz von Eisenstadt
2.4.Tenbrucks handlungstheoretischer Ansatz

III. Zur sozialen Lage der heutigen Jugend
1. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt und ihre Auswirkungen
2. Die Lage der Jugendlichen im Bildungswesen

IV. Jugendkultur als jugendliche Subkultur
1. Struktur und Stil formen der neueren Jugendkulturen
2. Teilkultur, Subkultur, Gegenkultur?
3. Stilelemente der jugendlichen Alltagskultur

V. Die Entwicklung der Jugendkulturen von den 60er Jahren bis heute
1. Der Aufbruch der Jugend in den 60er Jahren
2. Die Entwicklung der Musikkultur nach Woodstock
3. Politische Kultur und Jugend in den 70er Jahren

VI. Jugend und Gesellschaft zu Beginn der 80er Jahre
1. Ausgrenzungserscheinungen
2. Konfliktfeld' Familie
3. Das Verhältnis der jungen Generation zu Schule, Hochschule, Ehe, Wehr- und Zivildienst
3.1. Ehe und Familie - (k)eine Perspektive für die Jugend?
3.2.Schule
3.3.Hochschule
3.4.Bundeswehr bzw. Zivildienst
4. Einstellung zu Politik und Parteien
5. Deviantes Verhalten
5.1.Jugendkriminalität
5.2.Drogen
5.3.Jugendreligionen
6. Alternativkultur als Gegenkultur

VII. Das Wertverständnis der heutigen Jugend
1. Wertewandel und Alternativkultur
2. Die These vom Wertwandel in der Jugend

VIII. Deutungsversuche der neueren Jugendforschung
1. Der Neue Sozialisationstyp Narziss
1.1.Theorie
1.2. Kritik
2. Dieter Baackes Erklärungsansätze
2.1.Die Theorie der Wertkrise
2.2.Der sozialökologische Ansatz
3. Exkurs: Der kulturanthropologische Ansatz von Margaret Mead

IX. Schlussbemerkung - Perspektiven für die kommenden 80er Jahre

X. Literatur

„Keine Handlung, kein Wort, kein Ausdruck im-menschlichen Leben entspringt aus dem Nichts. Sie haben eine Vergangenheit, eine Zeit der Entwicklung und einen Horizont der Zukunft." J. Linschoten (zit. nach F. Mönks, 1967,S.4)

I. Einleitung

Nach Hartmut von Hentig sind Jugendliche „ Kinder dieser Zeit und entlarvendster Spiegel ihrer Umwelt" (Hentig, 1976, S. 37).

Schon eine flüchtige Beobachtung dieses 'Spiegels' legt die Vermutung nahe, dass eine weitverbreitete Zukunftsangst unter den Jugendlichen kursiert. Folgt man der Shell-Studie 'Jugend 81', so sind es 58%, die ihre Zukunftserwartungen als eher düster einstufen (vgl. Shell-Studie 'Jugend 81; 1982, S. 15).

Überhaupt ist es ein besonderes Charakteristikum der heutigen Jugend, dass wohl keine Jugendgeneration zuvor einer solch massiven existentiellen Bedrohung ihrer Zukunft ausgesetzt war.

Dabei wuchs die heutige Jugend zum größten Teil in einer Umwelt auf, in der nahezu grenzenloses, materielles Wohlergehen zur Selbstverständlichkeit zu werden schien. Diese Wirtschaftswundergesellschaft ließ Füllhornillusionen entstehen. Hoffnungen wurden gerade in der jungen Generation erzeugt, die heute nicht mehr einzulösen sind - eine „betrogene Generation“, so Hendrik Bussiek (1978, S.13).

Aber die vorherrschende Rezession ist nur ein Schatten, der auf die Zukunft der Jugend fällt.

Vor drei Jahren erregte die Studie Global 2000 großes Aufsehen.

Hier wird dokumentiert, welch gewaltiger weltweiter Anstrengungen es bedarf, um die ökologischen Folgekosten des sozio- ökonomischen Fetischs Wachstum in den Griff "Zu bekommen (vgl. Global 2000, 1980, S.29f). Vielleicht ist jedoch die Hoffnung, dass sich die ökologische Katastrophe trotz des jahrzehntelang betriebenen Raubbaus an der Natur noch vermeiden ließe, schon zu optimistisch. - Welch eine Perspektive für die Jugend!

Schließlich musste die junge Generation Ende des letzten Jahrzehnts mit ansehen, wie die in den 70er Jahren praktizierte Entspannungspolitik zerbrach und einer nüchternen, dem Gegner stets misstrauenden Außenpolitik geopfert wurde. Heute bieten die bilateralen Ost- Westbeziehungen Anlass zu großer Sorge. So werden gegenwärtig Planspiele über die Führ- und Begrenzbarkeit eines Nuklearkriegs öffentlich geführt.

Wie reagieren junge Menschen auf solch apokalyptische Signale?

Nun, mit dieser Frage wird sich diese Arbeit noch näher zu befassen haben. Zunächst einmal soll der Hinweis genügen, dass die Antwort der Jugend auf die ungelösten Zukunftsfragen sehr unterschiedlich ausfällt:

No future, Anpassung, Apathie, Resignation, Angst, Gleichgültigkeit, Auflehnung, Widerstand, Null Bock; Protest etc., all diese Stichwörter beschreiben Verhaltensweisen, die ein hohes Maß der Verunsicherung in der Jugend reflektieren.

Gleichzeitig wird hier eine starke Heterogenität spürbar, die den Schluss nahelegt, dass es die Jugend gar nicht gibt (vgl. Scheuch, 1975,S.54).

Trotzdem, so uneinheitlich und aufgespalten die Jugend in ihrer Gesamtheit auch sein mag, in dem Zusammenhang der hier zu behandelnden Thematik ist es wichtig, dass sich die Jugend ganz allgemein auf einem " Marsch in die selbstgeschaffenen Institutionen" befindet(vgl. Shell- Studie 'Jugend81; 1982, S.91); d.h.: die Rückzugstendenzen der Jugend, in Richtung eigenes kulturelles Umfeld, verstärken sich.

Es erscheint an dieser Stelle sinnvoll, den etwas schwammigen Begriff Kultur großzügig und umfassend, im Sinne des kultur- und sozialanthropologischen Kulturverständnisses, als die Summe aller Bräuche, Bedürfnisse, Wertordnungssysteme, Normen, Einstellungen etc. zu definieren. Ergo wird Kultur hier als " Produkt des Sozialisationsprozesses" (Schwendter, 1978, S. 10), und somit Jugendkultur als Ergebnis des jugendlichen Sozialisationsprozesses aufgefasst.

Jugendkultur bezieht sich demnach auf die gesamte Lebensweise der Jugendlichen.

Da auch von einer einheitlichen Jugendkultur nicht die Rede sein kann, soll der Begriff 'Jugendkultur ' im Folgenden als die Summe der einzelnen Jugendkulturen verstanden werden 1.

Es ist ganz offensichtlich, dass der jungen Generation immer dann eine erhöhte Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, wenn sich das kulturelle Erscheinungsbild der Jugend, wie auch gegenwärtig, über ein normales Maß hinaus von der übrigen Gesellschaft entfremdet hat. Dieser Sachverhalt kommt besonders in den Medien zum Ausdruck.

In den letzten Jahren wurde der jungen Generation in Funk und Fernsehen ein Stellenwert eingeräumt, den sie seit der unruhigen Zeit der späten 60er nicht mehr besaß.

Nicht anders die Kollegen von der schreibenden Zunft. Die Fülle der jugendthematischen Publikationen in den letzten vier bis fünf Jahren ist kaum noch überschaubar.

Jugend als Problem geriet in vielen mehr oder weniger sozial wissenschaftlich ausgerichteten Veröffentlichungen in den Blickpunkt von Öffentlichkeit und Wissenschaft (Griese, 1982, S.9/10).

Nun ist es m. E. ein fruchtloses Unterfangen, die Jugend zwischen zwei imaginären Punkten (Anpassung und Ausstieg, Reaktion und Rebellion etc.) zu orten, wie dies in einigen Publikationen der aktuellen Jugendforschung geschehen ist. Mehr als eine Binsenweisheit verrät ein solcher Buchtitel nicht. Problematisch erscheint allerdings der Vorwurf der klassischen ' Jugendsoziologie 2, ob das enorme Engagement der heutigen Jugendforschung um die Jugend im hic et nunc überhaupt ihren Sinn erfüllt.

Friedrich H. Tenbruck dazu bereits 1965:

"Nicht so sehr, was die Jugend jetzt und hier jeweils ist, sondern was sie grundlegend und bleibend sein wird als eine Generation, die über Kultur und Gesellschaft verfügen wird, bezeichnet den Horizont der Arbeit der Jugendsoziologie". (Tenbruck,1965,S.18)

Dagegen betont Walter Hornstein die Bedeutung, die heranwachsende Generation in ihrer eigenen kulturellen Sphäre wahrzunehmen, einschließlich ihrer Probleme und Nöte. Nur so besteht für ihn die Chance, dass Fremdheit zwischen den Generationen aufgelöst werden kann (vgl. Hornstein, 1982, S. 15).

Diese Arbeit wird sich mit beiden Forschungsrichtungen beschäftigen, wobei die neuere, aktuelle Jugendforschung im Vordergrund stehen wird.

Es ist dies der Versuch, ein umfassendes Bild zu entwerfen, nicht von der Jugend, eher über die Jugend, aber hoffentlich nicht über die Jugend hinweg. Bei einem solch komplexen Themengebiet ist es unumgänglich, sich beschränken zu müssen. Wichtige Teilgebiete können daher nur unzulänglich oder gar nicht behandelt werden.

Sicher werden Fragen offen bleiben, aber darauf soll es nicht ankommen. Fragen sind ein Zeugnis der Auseinandersetzung, sie sind der erste Schritt zum Begreifen, zum Verstehen; und Verständnis für die Jugend tut Not.

Somit soll im Folgenden das gegenwärtige kulturelle Erscheinungsbild der jungen Generation in der Bundesrepublik 3 widergespiegelt werden, wobei am Schluss dieser Arbeit ein Ausblick auf die kommenden 80er Jahre gewagt wird.

Darüber hinaus soll im Kapitel V die Entwicklung der Jugendkulturen in den letzten 20 Jahren kurz nachgezeichnet werden, da die Methode der Retrospektive m.E. unerlässlich ist, wenn es darum geht, gewisse Wandlungen, wie beispielsweise im Wertebereich (vgl. Kapitel VII ) , aufzuzeigen.

Doch zunächst soll ein kurzer Überblick über die klassischen sozialwissenschaftlichen Jugendtheorien, sowie eine soziologische Aufschlüsselung des Begriffsfelds Jugend vorangestellt werden.

I. . Kurze Einführung in die Jugendsoziologie

1. Begriffliche Vorabklärung - was ist Jugend ?

Jugend ist sicherlich kein klar determinierter Altersabschnitt, der mit einer konkreten Alterszahl beginnt und turnusgemäß endet.

Negativ ausgedrückt wird der Begriff 'Jugend' schon eher als individuelle Lebensphase zwischen nicht mehr Kind und noch nicht Erwachsener erfasst.

Damit Jugend überhaupt besteht, bedarf es bestimmter soziokultureller Prämissen. So lässt beispielsweise Krieg nicht zu, „dass junge Menschen eine Jugend haben“ (Griese, 1982, S.19).

Weitere Elemente für eine Definition von Jugend sind nach Bernhard Schäfers (vgl. Schäfers, 1982, S.11):

- Jugend als Altersgruppe der 13-25 jährigen
- Jugend als Subkultur
- Jugend als Altersphase eines jeden Individuums, die mit dem Einsetzen der Pubertät beginnt
- Jugend als Wertideal, das ein weitverbreitetes und kostbares 'Gut' darstellt

An dieser Stelle erscheint es zweckmäßig, einige Begriffe zu erläutern, die um das Begriffsfeld 'Jugend' kreisen. Dazu Schäfers: (ebd., S.13 ):

„Altersgruppe. Hierunter werden Individuen gleichen Alters zusammengefasst, z.B. alle 10jährigen; alle 15- bis 18jährigen. Der Begriff ist im Hinblick auf das Geschlecht, den Zeitpunkt der Erhebung und den Raum - z.B. Nation, Stadt, Schule usw. - zu differenzieren.

Kohorte. Diejenigen Individuen, die in einem bestimmten Zeitintervall geboren wurden oder durch soziale Faktoren - z.B. gemeinsamer Schuleintritt - miteinander verbunden sind. Kohorten verändern im Allgemeinen ihre Größe im

Zeitablauf durch Tod, Ausscheiden aus der Ausgangs - Population, Mobilität usw., sie haben also am Beginn - z.B. einer Beobachtungsphase - ihre maximale Größe. Kohorten - Untersuchungen kommt in der Jugendsoziologie eine besondere Bedeutung zu.

Generation. Gesamtheit der Individuen~ die in einem größeren Sozialverbund - z.B. einem Land - durch gemeinsame Werte, Erlebnisse, Einstellungen usw. miteinander verbunden sind und sich von einer älteren und/oder jüngeren Generation deutlich unterscheiden. Generation im soziologischen Sinn muss mit Altersgruppen im biologischen Sinn (der Aufeinanderfolge von Geschlechtern) nicht identisch sein.

Neben diesen notwendigen Differenzierungen zur biologischen und sozialen „Altersstratifikation“ ist ein weiterer Begriff von großer Wichtigkeit: der der peers, der Gleichaltrigengruppe bei Kindern und Jugendlichen.

Die informelle Gruppe der peers hat für den einzelnen Jugendlichen eine äußerst wichtige Ausgleichsfunktion gegenüber Familie, Schule und Betrieb und trägt in der Regel zur Verselbständigung und Ablösung von der Familie bei. Die Gruppe der peers kann auch Clique (aus dem frz.) genannt werden, sofern dieser Begriff nicht von vornherein abwertend gemeint ist; die peers sind dann eine gang (engl. - amerik. „Bande", „Rotte"), wenn abweichende oder gar kriminelle Verhaltensweisen Teil der Gruppensolidarität sind.“

Folgt man Schäfers weiter, so läßt sich eine grobe Unterteilung der Jugendphase in drei Altersgruppen vornehmen: (vgl. ebd., S.12)

- die pubertäre Phase ( etwa 13-18 Jahre)
- die nachpubertäre Phase ( etwa 18-21 Jahre)
- die jungen Erwachsenen, die aber von ihrem sozialen Status her noch eher als Jugendliche eingestuft werden ( etwa 21-25 Jahre und älter)

In der Forschung hat· sich in den letzten Jahren mehr und mehr für die zweite und dritte Altersgruppe (s.o. der Begriff Postadoleszenz durchgesetzt.

Unter Postadoleszenz versteht man den Tatbestand, dass junge Menschen in sozio-kultureller (politischer, intellektueller, erotisch - sexueller) Hinsicht, wie auch - ab dem 18.Lebensjahr - von der Rechtslage her, bereits mündig und selbständig, wirtschaftlich allerdings weiter unmündig und unabhängig sind. Sozio - strukturell ist hierbei von Bedeutung, dass die Jugendlichen aus den privilegierten, oberen Sozialschichten mehr Anteil an der Postadoleszenz nehmen als die unteren Sozialschichten (vgl. Langguth, 1983, S.14). Immer mehr Jugendliche treten nach der Jugendzeit als Schüler nicht direkt in das Erwachsenendasein über, sondern verharren in einem postadoleszenten Stadium (vgl. ebd., S.13).

Der relativ neue Lebenszyklus Postadoleszenz entspricht dem Wunsch und den Möglichkeiten vieler junger Menschen, ihre Jugendzeit so weit wie möglich hinauszuzögern.

Allerdings vollzieht sich der Einstieg in die Postadoleszenz längst nicht immer freiwillig. Es lassen sich drei Zugänge zur Postadoleszenz unterscheiden: (vgl. Dörre/Schäfer, 1982, S. 25/26) 4:

- . Am bedeutendsten dürfte der Weg über die Bildungsinstitutionen sein. Die rund eine Million westdeutschen Studenten stellen eine der wichtigsten Gruppen dar, die sich einer verlängerten Jugend erfreuen können.
- Eher unfreiwillig ist der Zugang der 16-30jährigen über die Jugendarbeitslosigkeit.
- Schließlich haben sich viele Jugendliche in den letzten Jahren in der Alternativszene formiert. Dieser Schmelztiegel für mehr oder weniger aus der Gesellschaft ausgestiegene Jugendliche gewinnt als dritter Rekrutierungssektor für die Postadoleszenz mehr und mehr an Bedeutung.

Somit ist Postadoleszenz nicht nur ein Privileg der höheren und mittleren Bildungsschichten, sondern auch Symptom der sich verschlechternden Lebens- und Berufschancen vieler Jugendlicher aus einem niedrigeren sozialen Milieu.

Von gesellschaftlicher Relevanz ist ferner der Tatbestand, dass der Eintritt in das Berufsleben durch Postadoleszenz ebenso hinausgezögert wird wie die eigenständige Familiengründung. ( vgl. Dörre/Schäfer, 1982, S.26 )

Lässt sich der Beginn der Jugendphase mit der einsetzenden Sexualreife schon nicht ganz eindeutig fixieren, so erweist sich das Problem, das Ende der Jugend als Lebensphase zu bestimmen, als noch diffiziler. Bestand in der Forschung bislang Einigkeit darüber, dass die Jugendphase als abgeschlossen gelten kann, wenn ein Individuum seine persönliche und private Identität gefunden hat, so hat dieses Kriterium inzwischen an Validität eingebüßt

Eine relativ neue Erscheinung ist der ökonomisch unselbständige Jugendliche als Elternteil. Hier geht das Jugendalter in die Postadoleszenz über.

Problematisch ist auch der Punkt, ob die Jugendphase eher als Schonraum oder als Zeit besonderer Belastungen anzusehen ist. Besonders die Einstellungen der Jugend und die ihrer Parentalgeneration hierzu gehen oft weit auseinander. Nicht zuletzt, weil die ältere Generation keine mit heute vergleichbare Jugendzeit erlebt hat. Diese Erfahrungen machen es ihr oft schwer, die heutige Jugend zu verstehen.

Es bleibt festzuhalten, dass Jugend nicht rein biologisch und altersmäßig abgegrenzt werden darf. Die Eingrenzung der Jugendphase bedarf vielmehr einer Verknüpfung biologischer Faktoren mit kultur-spezifischen Einstellungen, Werten, Verhaltensweisen und sozialen Prozessen eines jeden Jugendlichen. (vgl. Schäfers, 1982, S.14/15 )

2.Klassische sozialwissenschaftliche Jugendtheorien

Die folgende Darstellung der wohl wichtigsten ·klassischen' jugendsoziologischen Erklärungsansätze sollte m. E. auch in einer Abhandlung über das gegenwärtige Erscheinungsbild der jungen Generation nicht fehlen. Trotz ihrer Mängel sind diese Ansätze bei der Aufhellung bestimmter jugendlicher Phänomene nach wie vor von Bedeutung. Allerdings kann hier dem Anspruch einer detaillierten und umfassenden Darstellung nicht Folge geleistet werden, da sonst der Rahmen dieser Arbeit gesprengt werden müsste.

2.1. Der generationstheoretische Ansatz Karl Mannheims

Zwar lässt sich von diesem Ansatz nicht gerade behaupten, dass es sich hierbei um eine systematische Theorie über die Jugend handelt, doch hat Mannheim ein immer wieder aktuelles Thema zum Gegenstand seiner Theorie erhoben, das sich nur unschwer in das Problemfeld Jugend einordnen lässt: das Verhältnis der Generationen zueinander, sowie die sozialen und kulturellen Bedingungen, die es bestimmen. Unter dem Begriff 'Generation' versteht Griese:

„- biologisch und bevölkerungsstatistisch die typische Generationenfolge, das heißt, den zu einer bestimmten Zeit üblichen Abstand zwischen den Geburtsjahren der Eltern und ihrer Kinder;
- soziologisch den epochal typischen Lebens- und Erlebniszusammenhang, „die Summe .aller ungefähr Gleichaltrigen eines Kulturkreises, die auf Grund ihrer gemeinsamen historisch-gesellschaftlichen Situation über ähnliche Einstellungen, Motive, Orientierungen und Wertvorstellungen.verfügen" (nach Schäfers, 1982, S.29)

Nach Mannheim sind es besonders die " gesellschaftlich formierenden Kräfte ", die darüber entscheiden, in welchen Zeitabständen sich Generationen ablösen (vgl. Griese, 1982, S.88).

Es ist das Verdienst Karl Mannheims, als erster das Generationsphänomen zum Untersuchungsgegenstand der Soziologie erhoben zu haben; Generationen sind also nicht einfach altersmäßige, biologische Einheiten, sondern das Produkt sozialer Prozesse (vgl. ebd.).

Als „Grundtatsachen im Bereich der Generationserscheinungen" nennt Mannheim (ebd.):

„- stetes Neueinsetzen der Träger eines Generationszusammenhanges 5 an jeweils nur einem zeitlich begrenzten Ausschnitt des Geschichtsprozesses;
- die Notwendigkeit des steten Tradierens der akkumulierten Kulturgüter und die Kontinuierlichkeit des Generationswechsels."

In dem hier zu behandelnden Rahmen interessiert an Mannheims Theorie beispielsweise, inwieweit sich Jugendgenerationen durch ihr spezifisches Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Generation unterscheiden lassen.

Zu den Schwächen dieses Ansatzes zählt Schäfers die Tatsache, dass Mannheims Aussagen nur schwer überprüfbar seien (vgl. Schäfers, 1982, S.31).6

2.2. Schelskys phänomenologische Gegenwartsanalyse der Jugend

Jugend wird von dem bedeutenden deutschen Soziologen Helmut Schelsky als eine „sozial mitbestimmte Verhaltensform“ verstanden, „deren soziologische Schicht herauszuarbeiten Aufgabe einer Jugendsoziologie ist" (Griese, 1982, S. 104)

Ausgehend von der Frage „Was bedeutet die Gesellschaft für die Jugend?" (zit. nach Griese, 1982, S. 104 ), entwirft Schelsky ein Bild von der Jugend, in dem diese „relativ isoliert und als relativ autonomer Gegenstand betrachtet wird“ (ebd.).

Schelsky setzt voraus, dass jugendliches Verhalten ständig bestimmten sozialen Einflüssen unterliegt.

Für Schelsky ist es die Erlangung einer neuen zweiten Verhaltensstruktur, durch die die Jugendlichen von der Familie weggezogen werden. Dieser Prozess reflektiert das Streben der Jugendlichen nach Verhaltenssicherheit. Nach Schelsky ist dies überhaupt ein Charakteristikum des jugendlichen Lebens (vgl. ebd., S.103).

Folgt man Schelskys Hauptthese (Griese), so kann die Verhaltensunsicherheit der jungen Generation zu unterschiedlichen Versuchen führen, Verhaltenssicherheit durch „ideelle Orientierung und/oder Bemühungen der Einordnung des eigenen HandeIns zu gewinnen“ (ebd., S.106).

Auf der Basis seiner theoretischen Analyse und empirischen Forschungsergebnisse entwirft Schelsky das Bild einer skeptischen ( Nachkriegs ) Generation Dem Theorieansatz dieses Werkes kommt Griese zufolge.“auch heute noch hohe Relevanz innerhalb der Jugendsoziologie zu“ (ebd., S.110 ).

2.3. Der funktionalistische Ansatz von Eisenstadt

Ausgangspunkt von Eisenstadts Ansatz ist der Tatbestand, dass der Sozialisationsprozess eines jeden Menschen während jeder Altersphase (Kindheit, Jugend, Erwachsenheit, Alter) von verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen vollzogen wird.

Sind es anfangs noch Institutionen wie die Familie, so treten im Laufe des Sozialisationsprozesses mehr und mehr gesellschaftliche Institutionen an deren Stelle.

Somit entspricht der Übergang von der Kindheit .zum Erwachsenenalter nach Eisenstadt dem Übergang vom familiären Lebenszusammenhang zum gesellschaftlichen (vgl. Dörre/Schäfer, 1982, S.10/11).

Nach der Eisenstadtsehen Theorie kommt dem Jugendalter also die Funktion eines Übergangsstadiums zwischen Kindheit und Erwachsenendasein zu (vgl. ebd.).

Stimmen die Wert- und Normensysteme zwischen Familie und Gesellschaft nicht überein, so wird der Übergang vom Kind zum Erwachsenen erschwert, d.h.: die Jugendlichen lassen sich nicht mehr problemlos in die Gesellschaft integrieren.

Da dieser Zustand in unserer heutigen modernen und komplexen Gesellschaft immer häufiger auftritt, kommt es innerhalb der individuellen Sozialisation verstärkt zu einem Konflikt.

Die Auseinandersetzung bzw. Bewältigung dieses Konflikts ist nach Eisenstadt der Inhalt des modernen Jugendalters (vgl. ebd.).

Folgt man Eisenstadts Ende der 40er Jahre konzipierten funktionalistischen Ansatz weiter, so sind zur Überwindung des It Bruchs innerhalb des Sozialisationsprozesses neue Sozialisationssysteme nötig. Diese schaffen sich die Jugendlichen durch die Bildung altershomogener peer groups " ( ebd. ).

Entsprechend Eisenstadts Theorie haben diese Gleichaltrigengruppen zwei Funktionen. Einerseits dienen die peer groups der Abwehr gegen die zukünftige Erwachsenenrolle, andererseits fördern sie auch die Orientierung an den zukünftigen Rollen ( vgl. ebd. ).

Verändert sich das Gleichgewicht dieser beiden Funktionen drastisch zu Gunsten der Abwehr-Haltung, so kommt es zu deviantem Verhalten (vgl. Dörre/Schäfer, 1982, S.11).

Schäfers würdigt zwar die „Leistung Eisenstadts, Entwicklung, Struktur und Funktion der peers in komplexen Gegenwartsgesellschaften systematisch herausgearbeitet zu haben:" (Schäfers, 1982, S.33) er hält es jedoch für kaum praktikabel, den Ansatz von Eisenstadt in unserer Zeit konsequent anzuwenden (vgl. ebd.).

Dörre/Schäfer bemängeln die von dieser Theorie ausgehende Gefahr, gesellschaftliche Konflikte ihres sozialen Inhalts zu berauben und auf bloße Generationskonflikte zu reduzieren (vgl. Dörre/Schäfer, 1982, S.13). „Jugend in einem solchen (Eisenstadts, d. V.) Verständnis", so Walter Hol1stein, „hat die gesellschaftliche Kontinuität zu wahren und das sozio - kulturelle System zu überliefern" (Hol1stein, 1983, S.121).

2.4. Tenbrucks handlungstheoretischer Ansatz

Ähnlich wie bei Eisenstadt verliert die Familie auch in Friedrich Tenbrucks Ansatz wichtige Sozialisationsfunktionen.

Da den Jugendlichen hier keine adäquaten Identifikationsmöglichkeiten mehr geboten werden, müssen sie auf andere Sozialisationsräume ausweichen. Diesen neuen Identifikationsraum stellen die peer groups dar (vgl. Griese, 1982, S.132).

Als Folge entsteht eine „graduelle Ablösung von der Gesamtkultur, eine daraus resultierende wachsende Selbständigkeit, die die Jugendkultur in den Rang der dominanten Teilkultur erhebt. (…) Jugend wird damit zu einem eigenständigen Lebensabschnitt, zur relativ autonomen Sozialisationsphase, wobei der Prozess der Persönlichkeitsentwicklung in dieser Zeit unter der Regie der Jugendgruppen selbst verläuft“ (Griese, 1982, S.132).

Der stark an Eisenstadt orientierte Ansatz gewinnt seinen handlungstheoretischen Charakter aus dem Tatbestand, dass Jugend als soziale Gruppe bei Tenbruck einen Handlungszusammenhang darstellt, der durch gleiche Problem- und Bewusstseinslagen gekennzeichnet ist (vgl. ebd., S.133).

Griese zufolge hätte Tenbrucks Ansatz in der jugendsoziologischen Diskussion mehr Beachtung verdient (vgl. ebd., S.135).

In dem Zusammenhang der hier zu behandelnden Thematik wird an späterer Stelle 7 noch auf die in der Forschung umstrittene These Tenbrucks von der eigenständigen Teilkultur der Jugendlichen einzugehen sein.

III. Zur sozialen Lage der heutigen Jugend

So unerlässlich es meines Erachtens ist einer solchen Arbeit eine begriffliche Klärung voranzustellen, so unvermeidbar war auch der abstrakte Charakter des vorangegangenen Kapitels.

Gemäß dem am Ende der Einleitung erhobenen Vorsatz, nicht „über die Jugend hinwegzuschreibent“8, soll unsere Thematik fortan in konkreterer Art und Weise, angefangen mit der Analyse der sozialen Lage der heutigen Jugend, dargeboten werden.

1. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt und ihre Auswirkungen

Die heutige Jugendgeneration rekrutiert sich weitgehend aus den geburtenstarken Jahrgängen 1958-1967.

Schenkt man den Zahlen des Statistischen Jahrbuchs der Bundesrepublik von 1981 Glauben, so beträgt der Anteil der 13-25jährigen knapp ein Fünftel (19%) der Gesamtbevölkerung (vgl. Schäfers, 1982, S.59).

Während diese Jugendgeneration zumindest eine Dekade ihres bisherigen Lebens in Zeiten materiellen Wohlergehens verbrachte, musste sich auch und besonders die jüngere Generation, der die Ideologie vom nahezu grenzenlosen Wirtschaftswachstum schon in die Wiege gelegt' wurde 9, inzwischen auf eine andere konjunkturelle Großwetterlage umstellen: Saure Gurkenzeit' ist heute 'angesagt.

Die Jugendlichen bekommen diesen Wandel besonders durch die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu spüren, der für viele von ihnen keinen Platz mehr zu haben scheint. Zudem muss der größte Teil von ihnen mit einem Arbeitsplatz rechnen, der nicht ihren Wünschen, ja immer häufiger sogar nicht einmal ihrer erworbenen Qualifikation entspricht.

Besonders frustrierend ist hierbei der Tatbestand, dass diesem status quo die große Expansion des Bildungswesens vorausging. Ziel der sozial - liberalen Bildungsreform war es doch, der Jugend durch eine verlängerte Ausbildungszeit und einen höheren Grad der beruflichen Qualifikation größere und gerechtere Chancen und ein höheres Maß an Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Zunächst einmal hat diese Reform in der Tat beachtliche Steigerungsraten für Bildung und Wissenschaft erzielt.

Einerseits bedurfte es wegen der geburtenstarken Jahrgänge einer gewaltigen Ausweitung der Ausbildungskapazitäten.

Andererseits gelang es darüber hinaus, den prozentualen Anteil derjenigen Jugendlichen mit Mittlerer Reife, Abitur und Hochschulabschluss bemerkenswert zu steigern.

Vgl. dazu Tabelle 1:

Jugendstudie Jugendstudie

1964 Emnid psydata 1981

(%) (%)

Tabelle I

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

( Quelle: Shell-Studie 'Jugend 81', 1982, S.113 )

Auf dem Arbeitsmarkt entpuppten sich diese Bildungserfolge in den letzten zehn Jahren jedoch zunehmend als 'Pyrrhus-Sieg', da die geburtenstarken Millionenjahrgänge ausgerechnet in einer Zeit anhaltend rezessiver Konjunktur auf den Arbeitsmarkt drängen.

Die Folge: eine strukturell 10 und konjunkturell bedingte Dauerarbeitslosigkeit in Millionenhöhe, von der die junge Generation besonders betroffen wird. Dörre/ Schäfer sprechen in diesem Zusammenhang mit Recht von „gravierenden Disparitäten zwischen Bildungs - und Beschäftigungssystem" (Dörre/Schäfer, 1982, S.35).

Seit dem durch den Ölschock ausgelösten wirtschaftlichen Einbruch (1973 bis 1975) lag die Arbeitslosenquote der Jugendlichen bis 1981 stets über der Norm.

1975 stieg die Zahl jugendlicher Arbeitsloser unter 20 Jahre innerhalb eines Jahres um über 200% auf 70 000. Bis 1977 waren schon mehr als 100 000 Jugendliche arbeitslos gemeldet. Nach einem leichten Rückgang 1979 stieg die Zahl der jugendlichen Erwerbslosen unter 20 Jahre 1980/81 allerdings wieder kräftig auf 165 000 (Februar 1982) an (vgl. Dörre/Schäfer, 1982, S.36/37 und Hornstein, 1982, S.152).

Zählt man die 20 - 25jährigen Arbeitslosen noch dazu, so waren nach Bussiek bereits Anfang 1978 350 000 bis 400 000 junge Menschen ohne Job (vgl. Bussiek, 1978, S.53)

Bei dieser Altersgruppe gewinnt zunehmend die galoppierende Akademikerarbeitslosigkeit, ein ganz neues Phänomen, an Gewicht.

Diese genannten Zahlen sind sicherlich schlimm genug. Die Wirklichkeit indessen ist noch bedrückender.

So lassen sich sechs Gruppierungen von Jugendlichen differenzieren, die aus den amtlichen Arbeitslosenstatistiken herausfallen: (vgl. Hol1stein, 1983, S.81)

- arbeitslose Jugendliche, die sich in Umschulungs- und Berufsförderungslehrgängen befinden,
- arbeitslose Jugendliche, die als Schulabgänger umsonst nach einem Ausbildungsplatz (Lehrstelle) suchen. Insofern diese Jugendlichen, statt sich vom Arbeitsamt als Hilfskräfte vermitteln zu lassen, weiterhin selbsttätig nach einem Lehrstellenplatz suchen, werden sie nicht als arbeitslos registriert,
- Jugendliche, die aufgrund der schlechten Arbeitsmarktlage ihre Schulzeit von sich aus verlängern,
- arbeitslose Jugendliche, die aus ihrem Elternhaus, aus Erziehungsstätten und Heimen fortgelaufen sind und als sogenannte 'Trebegänger' leben, werden ebenfalls nicht von den Statistiken erfasst,
- arbeitslose Jugendliche, die nicht über das Arbeitsamt, sondern über persönliche Beziehungen, Inserate u. a. einen Arbeitsplatz suchen,
- ausländische Jugendliche, die, von der Arbeitslosigkeit betroffen, entweder von der Ausländerbehörde in ihre Heimatländer abgeschoben wurden oder 'freiwillig' reemigriert sind.

Dass sich in absehbarer Zeit an der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt etwas ändern wird, ist nicht abzusehen, da es auch um das Lehrstellenangebot schlecht bestellt ist.

Daran wird wohl auch das Wahlversprechen der Regierung Kohl jedem Jugendlichen 1983 eine Lehrstelle zu 'garantieren', wenig ändern. Die Schuld an dieser Misere wird allerdings wieder einmal der Jugend gegeben, die weiter ihren Traumberufen nachjage. Mit diesem Argument wird gegenwärtig versucht, die Defizite der Kanzlerinitiative zu kaschieren. Es ist anzunehmen, dass die bedrückende Arbeitsmarktsituation nicht ohne Folgen auf Psyche, Einstellung und Verhalten junger Menschen bleibt. Es gehört wenig Phantasie dazu, sich vorzustellen, welch eine Erniedrigung es für einen jungen Menschen ist, ohne Arbeit zu sein. Die Reaktion von Eltern, Verwandten und Bekannten, der Hang zum Pessimismus, die Geldsorgen, die damit verbundene Abhängigkeit, das Gefühl der Nutzlosigkeit, die frustrierende Erfahrung mit Ämtern, all diese Eindrücke rütteln am Selbstwertgefühl und an der erst gerade herausgebildeten Identität vieler Jugendlicher.

Wie weit nun Jugendarbeitslosigkeit bzw. die Angst arbeitslos zu werden mit jugendlichen Verhaltensweisen wie Apathie, Resignation, Protest, Aggression, Ausstieg oder gar mit delinquentem Verhalten korreliert, ist nur schwer feststellbar. Dass ein Zusammenhang besteht, dürfte allerdings auch klar sein. Welch große Bedeutung die Suche nach einem Arbeitsplatz heute für die Jugend zwangsweise besitzt, bekunden jene Anzeigen, die in den letzten Jahren immer häufiger zu beobachten sind. Etwa derart: Suche Lehrstelle - verzichte ein Jahr auf Bezahlung.

2. Die Lage der Jugendlichen im Bildungswesen

Im letzten Abschnitt war bereits auf Seite 17/18 von der steckengebliebenen Bildungsreform die Rede. Davon, dass die höheren Schulabschlüsse in nie dagewesenem Maße zugenommen haben. Es soll auch nicht verschwiegen werden, dass diese Reform mit einem Mehr' an sozialer Gerechtigkeit einherging und dieses gilt nicht zuletzt für Gruppen, die von jeher sozial benachteiligt gewesen sind (Arbeiterkinder, Mädchen, Behinderte). Dazu Hornstein (1982, S. 142): „Sehr erfreulich ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass sich das Bildungsverhalten der Mädchen seit 1976 kaum mehr von dem der Jungen unterscheidet“. Trotz der Nivellierung der Chancenungleichheiten, die zwischen den Geschlechtern bestanden, sind die durch die soziale Herkunft gegebenen Differenzen jedoch weiter wirksam. So liegt der Anteil der Studenten aus der Arbeiterschaft, trotz einer Verdreifachung in de letzten drei Jahrzehnten, erst bei 15% (vgl. Dörre/Schäfer, 1982, S. 35) immer noch eine deutliche Unter­repräsen­tanz, die verdeutlicht, dass Jugendliche aus der Unterschicht, statistisch gesehen auch heute geringere Chancen besitzen, eine weiterführende schulische oder universitäre Ausbildung zu durchlaufen als ihre 'Kollegen' aus den Mittel- und Oberschichten 11 (vgl. Hornstein, 1982, S. 142) In den letzten Jahren sind im Bildungsbereich jedoch verstärkt restaurative Tendenzen am Wirken. Hierfür lassen sich folgende Gründe ausmachen(vgl. Dörre/Schäfer, 1982, S. 49):

- Der Reformeifer ist durch leere Staatskassen verebbt. Viele Kritiker betrachten die Bildungsreform sowieso als gescheitert.
- Der Lage auf dem Arbeitsmarkt wird an den Schulen voll Rechnung getragen. Da dem Notendurchschnitt immer größere Bedeutung zukommt, wird der Unterricht heute stärker denn je vom Konkurrenzkampf um Punkte und Noten geprägt.

Diese Situation hat für Schüler und Studenten äußerst negative Konsequenzen (vgl. ebd., S. 50/51):

- Die sozialen Barrieren im Bildungsbereich werden wieder erhöht, da sich viele Eltern durch die drastischen BAFÖG - Kürzungen und -Streichungen der letzten Jahre finanziell außerstande sehen, ihre Kinder auf eine Ober- bzw. Hochschule zu schicken.

- Die Leistungsanforderungen und der Schulstress steigen; analog dazu verschlechtern sich die Lernbedingungen.
- Die Freude am Lernen sinkt.
- Die WRK schätzt die Quote der Hochschulabbrecher auf 25 %.

Besonders schlimm wirkt sich der durch das Punktesystem geförderte Konkurrenzkampf unter den Schülern aus. Hier werden schon bei jungen Menschen Lernprozesse in 'Gang' gesetzt, die darauf abzielen, sich gegenüber seinem Nächsten nicht etwa solidarisch, sondern skeptisch und misstrauisch zu verhalten.

[...]


1. Nähere begriffliche Erläuterungen hinsichtlich Subkultur, Teilkultur, Gegenkultur etc. im Kapitel IV, 2.

2. Die Zäsur zwischen dem, was im Folgenden unter klassischer und neuer Jugendforschung verstanden wird, liegt am Ende der 60er Jahre. Seitdem konzentrieren sich die empirischen Studien über Jugend vermehrt auf Phänomene wie Konflikte, Veränderung, sozialer Wandel, sowie auf jugendliche Sub- und Gegenkultur. Zudem ist die heutige Jugendforschung meist kurzfristiger ausgerichtet. Die wichtigsten Theorien der 'klassischen' Jugendforschung werden in Kapitel 11,2 kurz dargestellt

3. Falls angebracht, wird dieser lokale Rahmen öfters um einige westliche Länder erweitert (USA, Schweiz, England, Niederlande etc.).

4. Vgl. ebenso Shell-Studie Jugend 81, 1982, S. 101 sowie Langguth, 1983, S.14.

5. Unter „Generationszusammenhang“ versteht Mannheim die „Partizipation an den Wechselwirkungen sozialer und geistiger Art“ (Griese, 1982, S. 88)

6. Schelsky fasst Soziologie als „ phänomenologische Analyse von Einzelkomplexen der Gesellschaft auf“ (Griese, 1982, S.104)

7. Vgl. das Kapitel IV, 2.

8. Vgl. das Kapitel I,.

9. Vgl. das Kapitel I.

10. In diesem Zusammenhang müssen auch strukturell bedingte Wandlungen in der Produktion genannt werden, z.B. das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen.

11. Zur Sozialstruktur aspeziell der heutigen Studenten vgl. auch Glotz/ Malanowski, 1982, S.49.

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Entwicklung, Darstellung und Deutungen bundesdeutscher Jugendkulturen zu Beginn der 80er Jahre
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,6
Autor
Jahr
1983
Seiten
95
Katalognummer
V180954
ISBN (eBook)
9783656039631
ISBN (Buch)
9783656040194
Dateigröße
776 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendsoziologie
Arbeit zitieren
Dr. Volker Brand (Autor), 1983, Entwicklung, Darstellung und Deutungen bundesdeutscher Jugendkulturen zu Beginn der 80er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180954

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