Sachsen zwischen 1763 und 1831. Sachsens Weg in „Die Moderne“?


Essay, 2011

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

I. Ein Rückblick - Das Kurfürstentum am Abgrund

Mit dem Frieden von Hubertusburg am 15. Februar 1763 endete der für alle Kriegsparteien zermürbende Sieben Jährige Krieg. Das Kurfürstentum Sachsen, das an der Seite von Frankreich, Österreich und Russland gegen Preußen und Großbritannien kämpfte, stand mit seinem Territorium zwischen den Großmächten Preußen und Österreich. Schwer wiegten die Kriegsschäden und Kriegsopfer auf Sachsen. Zudem war das Kurfürstentum hoch verschuldet und musste rund 65 Prozent seiner Steuereinnahmen für die Tilgung der laufenden Kredite aufwenden. Städte wie Zittau, Wittenberg und Dresden erlitten erhebliche Kriegsschäden. Die Landwirtschaft des Kurfürstentums litt unter Seuchen. Landwirtschaftliche Gebäude und Arbeitsgeräte waren zerstört. Die staatlichen Abgaben und die Abgaben an Kirche und Grundherren, die in den Kriegsjahren besonders hoch waren, belasteten die Bauern zusätzlich. Die Bevölkerung Sachsens schrumpfte während des Krieges um acht Prozent. Politisch verlor Sachsen in Europa völlig an Bedeutung.1

Es waren Maßnahmen notwendig um das Land im Inneren wieder zu stabilisieren und die Versorgung der Bevölkerung sicher zu stellen. Außenpolitisch erschien die Bedrohung durch Preußen zu groß, als dass sich Sachsen auf dieses Mächtespiel hätten einlassen können. Vielmehr war ein außenpolitisches Umdenken angesagt: Weg von Großmachtbestrebungen und hin zur „Bewahrung der eigenen Souveränität“2.

Diese sächsische Epoche des Wiederaufbaus 3 wird in der Literatur zumeist zwischen Reform und Restauration verortet,4 womit zugleich eine Wertung vorgenommen wird. Zu beurteilen, ob restaurative oder innovative Maßnahmen diese Zeit prägten, setzt voraus, sich die Begriffe der Reform, der Restauration, der Innovation und, ergänzend dazu, der Modernisierung zu vergegenwärtigen und eine Explikation dieser Begriffe vorzunehmen. Erst wenn dies getan ist, kann man den Versuch starten, die historische Vergangenheit an diesen Begriffen zu messen.

II. Reform und Restauration, Innovation und Modernisierung - Der Versuch zur begrifflichen Trennschärfe

Der Begriff der Modernisierung besitzt wohl die größte Spannweite, weswegen er auch als erstes expliziert wird. Bis in die 1980er Jahre verharrte der Modernisierungs-Begriff in einer historisch- marxistisch geprägten Perspektive, die Modernisierung als eine zielgerichtete Ver ä nderung von einer traditionellen und rückständigen Gesellschaft, hin zu einer modernen, fortschrittlichen Zukunft bezeichnet. Die Wandel von Agrar- zu Industrie- und von Industrie- zu Dienstleistungs- und Wissensgesellschaften galten als die wichtigsten Modernisierungsprozesse, die als lineare, unumkehrbare und in ihrer Auswirkung als positive Prozesse gesehen wurden.5 Allerdings zeigte sich bei näherer Betrachtung, dass diese als fortschrittlich gedachten, gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen eine Vielzahl miteinander verwobener Veränderungsprozesse6 umfasste, die in ihren Vorbedingungen verschieden waren und in ihrem Verlauf von Land zu Land Tempounterschiede und Ungleichzeitigkeiten aufwiesen.7 Ein „reflexives“ Modernisierungskonzept, das sich vom vorherrschenden, eurozentristischen und teleologisch angelegten ModernisierungsBegriff löst, liefert Shmuel Eisenstadt bereits 1966:

„Historisch gesehen bezeichnet Modernisierung den Prozess der Entwicklung hin zu denjenigen sozialen, ökonomischen und politischen Systemen, die sich in Westeuropa und Nordamerika zwischen dem siebzehnten und neunzehnten Jahrhundert herausbildeten und anschließend in andere europäische Länder sowie nach Südamerika, Afrika und Asien verbreitet wurden. Moderne Gesellschaften entwickelten sich aus einer großen Vielfalt unterschiedlicher traditioneller, vormoderner Gesellschaften heraus.“ (Eisenstadt 2005: 1)8

Hier wird deutlich, dass neuere Konzepte weder von einem einheitlichen Typus einer traditionellen noch einer modernen Gesellschaft ausgehen. Um der Komplexität dieser gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozesse gerecht zu werden, war ein Perspektivenwechsel notwendig, der sich weniger auf die großen Makrostrukturen und Prozessen befasst und stärker die subjektiven Erfahrungen und Wahrnehmungen mit diesen Prozesse fokussiert.9 Schildt verweist in diesem Zusammenhang auf sogenannte „Modernisierungskrisen“, die einerseits Ausdruck der nicht nur positiven Auswirkungen von Modernisierungsprozessen sind, andererseits werden diese Prozesse ohnehin unterschiedlich bewertet, abhängig davon, welche persönliche Weltanschauung der Betrachter vertritt. Diese gesellschaftlichen Konflikte zeigen sich gegenwärtig sehr gut am Beispiel der Globalisierung.10

Eisenstadt bezeichnet die „Moderne“ als „ein spezifisches kulturelles Programm“11 und betont somit die Kontingenz mit der sich die Modernisierung ausgehend von Europa auf die Welt ausbreitete. Kennzeichen der europ ä ischen Moderne sind zum Beispiel die ständige Um- und Neugestaltung der europäischen Zentren und seiner nationalen Gemeinschaften. Diese zumeist kriegerisch ablaufenden, territorialen Veränderungen der europäischen Nationen hatten wiederum Auswirkungen auf die Herausbildung politischer Ordnungen, die in Europa im Spannungsfeld zwischen Egalität und Autorität stehen. Abhebend von der Spezifität in ihrer Erscheinung, identifiziert Eisenstadt mehrere die Moderne prägende Faktoren, die zur Analyse der kulturellen Programme heran gezogen werden können. Eisenstadt versucht die Wandlungsprozesse hin zur Moderne diskurstheoretisch zu erfassen, was ihm ein breites Instrumentarium erschließt. Er nennt unter anderem die politische und gesellschaftliche Machtkonstellation, die sich auf den immerwährenden Wettstreit der Eliten und deren Verbindung zu breiten Bevölkerungsschichten bezieht. Welche Weltanschauungen und politischen Ideologien herrschen in den jeweiligen Gesellschaften vor? Welche Akteure 12 beteiligten sich am „ Diskurs der Moderne “?13

Von ähnlicher Spannweite wie der Modernisierungs-Begriff zeigt sich der Begriff der Restauration. Als Epochenbegriff bezeichnet Restauration in Deutschland die Zeit zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der Märzrevolution von 1848/49. In Frankreich bezeichnet er die Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der Julirevolution 1830. In seiner Bedeutung bezieht sich der Restaurations-Begriff auf „die Wiederherstellung einer vorübergehend durch Gewalt unterbrochenen legitimen Herrschaft“.14 Genauer wird damit die Wiederherstellung der monarchischen Herrschaftssysteme in Europa benannt, die durch Napoleons Feldzüge heftig aufgewirbelt wurden. Diese Rückbesinnung auf die bewährte Monarchie war im Rahmen des Wiener Kongresses in den größeren Kontext der territorialen und politischen Neuordnung Europas eingebunden, die nach 25 Jahren Krieg und Blutvergießen wieder Ruhe und Stabilität über die europäischen Völker bringen sollte.15 Allerdings fällt die Bewertung dieser „restaurativen“ Epoche unterschiedlich aus, je nachdem auf welchen gesellschaftlichen oder politischen Teilbereich der Blick fällt. So war für Demokraten und Liberale die Zeit der Restauration eher negativ konnotiert, da ihnen aus der Rolle der unterdrückten und bekämpften Opposition heraus, eine Beteiligung an der Macht und damit die politische Mitbestimmung verwehrt blieb.16 Aus der historisch-juristischen Perspektive17 hingen den Begriffen „restaurare“ und „restauratio“ positive Konnotationen von Wiederherstellung und Erneuerung an. Aufgrund der Verbreitung des Römischen Rechts in Europa war dieser positive Gehalt zumindest bis in das 18. und frühe 19. Jahrhundert von Bedeutung.18 Mit der wachsenden Kritik am monarchischen Herrschaftssystem und der alten, „gottgewollten“ Ordnung, verlagerte sich der positive Moment der Erneuerung auf den Reform-Begriff und dem Begriff der Restauration blieb das negative „Etikett des Ultra-Konservativen, Rückwärtsgewandten, Ewig-Gestrigen“19 angehaftet. Gersmann verweist aber auf die „tatsächliche polit., soziale, wirtschaftliche und intellektuelle Dynamik dieser Epoche“20, die von der Forschung bisher unterbelichtet blieb.

Der Reform -Begriff hat bis zu seiner gegenwärtigen „inhaltlichen Entleerung“ und der daraus folgenden „Beliebigkeit seiner Anwendung“21, eine rege Entwicklung durchgemacht. Bis in das 17.

[...]


1 Vgl.: Gross 2007: 160, Nauman 1998: 160 und Schirmer 2000: 144, 149.

2 Matzerath 2003: 146.

3 Diese Epoche nach dem Sieben Jährigen Krieg wird auch als Rétablissement bezeichnet.

4 So zum Beispiel bei Karlheinz Blaschke und Uwe Schirmer.

5 Vgl.: Hafner 2008: 627, und auch Brockhaus 2001: 20.

6 Als die wichtigsten Teilprozesse stehen: Industrialisierung und Urbanisierung, eine „funktionale Differenzierung 'freigesetzter Handlungssphären“ (dies lässt sich nicht vollständig mit dem Begriff der Individualisierung erfassen), eine Rationalisierung der differenzierten Bereiche unter dem Primat der Leistungssteigerung (Schildt 2010: 2). Aber auch die Säkularisierung, die Etablierung von Rechtsstaatlichkeit, die Demokratisierung, die Technisierung und die Domestizierung sind Teil dieser Veränderung (Vgl.: Hafner 2008: 627).

7 Vgl.: Schildt 2010: 3, und auch Hafner 2008: 627.

8 Eisenstadt 2005: 1.

9 Vgl.: Schildt 2010: 3f.

10 Vgl.: Hafner 2008: 628.

11 Eisenstadt 2005: 2.

12 u.a. Politisch Aktive, Intellektuelle, soziale Bewegungen.

13 Vgl.: Eisenstadt 2005: 3f.

14 Gersmann 2010: 134.

15 Vgl.: Gersmann 2010: 135.

16 Vgl.: Gersmann 2010: 135f.

17 Heinz Mohnhaupt bezieht sich hier auf das Römische Recht, genauer gesagt auf den „Corpus iuris civilis“ (Zivilrecht).

18 Vgl.: Mohnhaupt 2008: 350.

19 Gersmann 2010: 136f.

20 Gersmann 2010: 137.

21 Mohnhaupt 2008: 360.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Sachsen zwischen 1763 und 1831. Sachsens Weg in „Die Moderne“?
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Geschichte)
Veranstaltung
Reform und Restauration. Sachsen 1763 bis 1831
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
12
Katalognummer
V181160
ISBN (eBook)
9783656045588
ISBN (Buch)
9783656044963
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sachsen, moderne, Retablissement, Restauration, Innovation, Modernisierung, Reform, Revolution, 1763, 1831, Napoleon, Sieben Jährige Krieg, Brühl, Friedrich August II., Restaurationskommission, Bauernaufstand, Jagdunruhen, Broschürenstreit, Landtag
Arbeit zitieren
Tobias Döring (Autor), 2011, Sachsen zwischen 1763 und 1831. Sachsens Weg in „Die Moderne“?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181160

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