Photographie: Der Verlust des Details


Essay, 2011
9 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Der Verlust des Details

Eine ältere Dame sitzt in einem Stuhl. Stolz wendet sie ihren Blick von uns ab. Lächelt mild, kaum dass es zu erkennen ist. Ihr dunkles Haar ist hochgesteckt und wagt es kaum, von ihrem Gesicht abzulenken. Den größten Raum nimmt das Kleid, das sie trägt, ein: Es erstreckt sich über große Teile ihres Körpers, bedeckt das, was unwesentlich zu sein scheint und entblößt nur jenes deutlich, was wir von ihm sehen sollen - ihren Kopf und eine ihrer Hände.

Es ist das Porträt der französischen Schriftstellerin George Sand. Ein Kniestück, das gerade die für ihre Arbeit wichtigsten Instrumente betont. Man sieht den Kopf, in dem sich ihre Gedanken bündeln und formulieren sowie die Hand, welche die Gedanken zu Papier bringt. Dabei spielt die Verhüllung durch die schlichte Kleidung Sands eine wesentliche Rolle. Unser Blick auf die Photographie wird bereits im ersten Moment gelenkt, denn das Gewand legt gewisse Details offen. Potentiell andere erkennbare Details dagegen, sind unter dem schweren Stoff - wie hinter einem Theatervorhang - verborgen und bleiben für den Beobachter in dieser Momentaufnahme unsichtbar. Ebenso kann aus einem anderen Blickwinkel heraus, wiederum gerade dasselbe dunkle Kleid als besonderes Detail gesehen werden.

Unübersehbar in ihrem hellen Ton stechen Kopf und Hand hervor. Durch ihre Blässe wirken die Körperteile auf dem kontrastreichen Bild so, als kämen sie uns ein Stück entgegen, obgleich sich Sand nahezu desinteressiert von uns abwendet. Deutlich entsteht eine Kenntlichmachung durch den starken Hell­Dunkel-Kontrast. Dieser wiederum führt dazu, dass die beschriebenen Details ähnlich eines Reliefs hervorstechen und uns den Widerspruch zwischen der räumlichen Nähe des Betrachters zu den Details und der in die Ferne schweifenden Gedanken der Schriftstellerin stark vergegenwärtigt. Ihre Schreibinstrumente sind uns viel näher als die Person an sich.

Nichts ist hier dem Zufall überlassen: Kopf und Hand sind nicht nur Details im großen Ganzen des Photos; sie spielen die Hauptrolle in dieser photographischen Inszenierung[1]. Sand wird durch das pars pro toto Kopf und Hand vertreten. Im Vordergrund der bildlichen Repräsentation steht nicht ihre Person, sondern ihre Rolle als Autorin.

Etwa um 1864 - ungefähr 20 Jahre bevor der Begriff Public Relations geprägt wird[2] - entsteht das Bild der Künstlerin im Studio des Photographen Gaspard-Félix Tournachon, genannt Nadar. Es entsteht ein Porträt, welches das Image der Künstlerin formen und nachhaltig prägen soll - das Bild einer emanzipierten Frau, einer Schriftstellerin, einer Intellektuellen.

Die Entstehung des Daguerreotypen und seine Bedeutung für die Entwicklung der Photographie Die psychologisch gezeichnete Darstellung Sands setzt den Fokus auf Gesicht und Hände, Nadar verzichtet bewusst auf ausstaffierte Hintergründe oder Requisiten, noch bearbeitet oder retuschiert er die Porträtierten nachträglich. Er hält die Manipulation am Bild so gering wie möglich. Im Zentrum steht das unbearbeitete Bild des Kunden. Es ist die Arbeit von Louis Daguerre und Joseph Nicéphore Nièpce[3], die Nadars Porträtphotographie ermöglichen: Sie entwickeln die Photographie weiter und machen sie permanent. Erstmals kann das Bild konserviert und - vorerst auf Metall, später wie auch bei Nadar üblich - auf Papier festgehalten werden. Fortan kann man „die Erfindung Daguerres mit eigenen Augen sehen und in eigenen Händen halten".[4] Das photographische Porträt wird zum Statussymbol innerhalb des französischen Bürgertums Mitte des 19. Jahrhunderts, das in jeden guten Haushalt gehört. Jeder, der etwas von sich hält, lässt sich photographieren.

Peu de découvertes ont produit une aussi vive sensation que celle de la daguerréotypie. A aucune époque les amis de la science et du merveilleux ne manifestèrent une aussi vive curiosité qu'à l'occasion de ces étonnantes révélations.[5]

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich die technische Sensation zum kulturellen Phänomen. Die wissenschaftlichen Errungenschaften in der Photographie ragen in das soziale Leben des Bürgertums hinein und bieten Künstlern, Gelehrten und Politikern eine Plattform der Präsentation.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist die Photographie endgültig als günstige Alternative zu Porträtmalerei etabliert.

Ebenso weiß auch Sand das neue Medium für sich zu nutzen und lässt Nadar gleich mehrere Porträts von sich anfertigen. Die Bilder - anfangs noch in Visitenkartenformat - eignen sich ideal dafür, diejenige Person vorzustellen und sie zu bewerben, das Image des Jeweiligen zu schaffen, zu erhalten oder neu zu erfinden. Die politische Künstlerin, die sich in ihren Schriften seit über 30 Jahren für die Emanzipation der Frau einsetzt, weiß um das Potenzial der Photographie und erkennt, dass sie nicht nur ihre eigene Person bewerben, sondern auch das Bild der Frau prägen kann. Obwohl sie bereits vorher auf Gemälden abgebildet wurde, gelangt ihr Porträt erst mit der Entwicklung der Daguerreotypie in die Häuser der Menschen und macht es für eine Vielzahl von Bürgern zugänglich.

Photographie als Wegbereiter für die technische Reproduzierbarkeit des Details Ein wesentlicher Vorteil der Weiterentwicklung der Photographie war ihre Nachhaltigkeit. Dadurch kann erstmals ein Detail photographisch festgehalten werden.

[...]


[1] Sigrid Weigel. Literatur als Voraussetzung der Kulturgeschichte. Schauplätze von Shakespeare bis Benjamin. S. 20

[2] Das erste Mal wurde der Begriff Public Relations im Jahre 1882 an der Yale University (USA) verwendet. Da ihm im Deutschen lediglich der Begriff Öffentlichkeitsarbeit (ca. seit 1917) nahe kommt, hat sich die englische Bezeichnung durchgesetzt.

[3] Nièpce gilt als Erfinder der Heliographie, einer Technik, die es ermöglicht, permanente Bilder zu erzeugen. 1822 schafft er die erste lichtbeständige heliografische Kopie eines grafischen Blattes und legt den Grundstein für die Kooperation mit Daguerre ab 1929.

[4] So euphorisch schwärmt Kunstkritiker Jules Janin vom Fortschritt in der Photographie und nennt Daguerre einen berühmten Maler, der durch seine Erfindung zum Chemiker geworden sei.1839.

[5] Auguste Belloc. Photographie rationnelle: Traité complet théorique et pratique. Applications diverses. Précédé de l'histoire de la photographie et suivi d'éléments de chimie appliquée à cet art, „Nur wenige Entdeckungen haben ein vergleichbares Aufsehen errregt wie der Daguerreotyp. Nie zuvor haben die Anhänger der Wissenschaft und die der Kunst so viel Neugier geäußert wie genüber diesen erstaunlichen Entdeckungen." 1862, S. 30/31

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Photographie: Der Verlust des Details
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Kulturwissenschaftliches Seminar )
Veranstaltung
Die photographische Entdeckung des Details. Photographie und das Denken der Ähnlichkeit.
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
9
Katalognummer
V181370
ISBN (eBook)
9783656055853
ISBN (Buch)
9783656055921
Dateigröße
1368 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ästhetik, Kulturwissenschaft, Detail, George Sand, Fotografie, Photographie, Nadar, Daguerre, Detailphotographie
Arbeit zitieren
Irina Kirova (Autor), 2011, Photographie: Der Verlust des Details, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181370

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