Paul von Hindenburg hatte den Geist der Verfassung Weimars nie verstanden, wie Winkler und Zaun darlegen. Der Feldmarschall, der mit 77 Jahren Reichspräsident wurde, könnte durchaus als „Ersatzkaiser“ gelten. Wie als Beleg ist das Ende seiner Amtszeit, sein Tod, zugleich Ende des Amtes des Reichspräsidenten und Ende der Weimarer Republik. Eberts Tod und die Wahl des Nachfolgers versteht Winkler dementsprechend als eine „der tiefsten Zäsuren in der Geschichte der ersten deutschen Demokratie“. Doch wie verstand sich Hindenburg selbst? Wie brachte er es in dieser „Zäsur“ bei seiner Vereidigung zur Sprache? Und wie handelte er in der Zeit danach? Diese Interpretation wird Verbindungen zwischen seiner Vereidigung und seiner Politik suchen, um Hindenburgs Amtsverständnis besser verstehen zu können.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Der Mythos Hindenburg
Die Wahlen zum Reichspräsidenten
Hindenburg als Reichspräsident
Die Vereidigung
Die Verfassung
Die Politik
Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Amtsverständnis von Paul von Hindenburg als Reichspräsident der Weimarer Republik, indem sie Zusammenhänge zwischen seiner Vereidigung und seiner darauffolgenden politischen Praxis analysiert.
- Der Mythos Hindenburg und seine öffentliche Wahrnehmung als Symbolfigur.
- Die Analyse der Reichspräsidentenwahlen 1925 als Ausdruck gesellschaftlicher Strömungen.
- Die Interpretation des Verfassungseides und das soldatische Amtsverständnis Hindenburgs.
- Das Spannungsfeld zwischen Hindenburgs persönlicher Einstellung und seiner Arbeit für das demokratische System.
Auszug aus dem Buch
Die Vereidigung
Die republikanische Öffentlichkeit war über Hindenburgs Sieg besorgt21, doch bei der Amtsübernahme und der Ablegung des Eides findet sich kein republikfeindliches Vorgehen: Es wurde strikt nach Weimarer Verfassung vorgegangen. Der Reichspräsident wurde vom deutschen Volk gewählt, wie es Artikel 41 vorschrieb und vor versammelter Volksvertretung – dem Reichstag und dessen Präsidenten Paul Löbe – legte Hindenburg den in Artikel 42 genannten Eid inklusive freiwilligem religiösen Zusatz ab. Auch ansonsten wirkt das Vorgehen sehr formelhaft: Nach der Eidesleistung nennt Löbe die unter Hindenburgs Amtszeit angestrebten Ziele, zu denen er den „wirtschaftlichen Wiederaufstieg unseres Landes“ und „außenpolitische Befriedung“ zählt. Hindenburg definiert vor allem Aufgaben und Bedeutung von Reichstag und Reichspräsident: Er sieht sie durch die Verfassung und die Wahlen legitimiert und das Wirken beider Institutionen sieht er als „tiefen Sinn der Verfassung“.
Ihre Aufgaben sieht er darin, dass im Reichstag politische Überzeugungen „miteinander ringen“ sollten, der Reichspräsident dagegen der „überparteilichen Zusammenfassung [...] dienen“ solle. Solche militärischen Vokabeln benutzt Hindenburg mehrmals: Dazu zählen „dienen“, „ringen“ und „treueste Pflichterfüllung“, auch spricht er vom „Manneswort“, mit dem er sich auf die Verfassung verpflichtet habe. Während Löbe die politischen Ziele anspricht, betont Hindenburg den Wettstreit der Parteien – die Regierungsarbeit erscheint wie ein Kampf. Aber selbst der vorgeschriebene Verfassungseid spricht eine soldatische Sprache, wenn Schaden vom deutschen Volk gewendet werden und der Reichspräsident seine Pflichten gewissenhaft erfüllen solle. Hindenburg legt den Eid also „mit soldatischem Pflichtbewusstsein und christlicher Frömmigkeit ab“22, „betont religiöse Worte“23 sind hingegen weniger zu finden. Durchaus passend erscheint der Verweis auf die Legitimation des Präsidenten durch Wahlen, was bei Hindenburg schließlich erstmals geschah. Der „Sinn der Verfassung“ ist für ihn das, was in der Verfassung steht, die Vertretung des Volkes durch Rat und Präsident. Er legt die Verfassung also wortwörtlich aus.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung skizziert die Bedeutung des Wechsels im Präsidentenamt von Ebert zu Hindenburg und wirft die Forschungsfrage nach Hindenburgs eigenem Amtsverständnis auf.
Der Mythos Hindenburg: Das Kapitel beleuchtet Hindenburgs Ruf als Kriegsheld und die Wahrnehmung seiner Person als Symbol des vergangenen Wilhelminismus vor seiner Präsidentschaft.
Die Wahlen zum Reichspräsidenten: Hier wird der Wahlkampf von 1925 analysiert, der Hindenburgs Rolle als Symbolfigur und die gesellschaftliche Zerrissenheit der Weimarer Republik widerspiegelt.
Hindenburg als Reichspräsident: Dieses Hauptkapitel unterteilt sich in die Analyse seiner Vereidigung, seine Auslegung der Verfassung sowie seine tatsächliche politische Praxis.
Die Vereidigung: Untersuchung des formellen Akts der Amtseinführung und der darin geäußerten Vorstellungen von staatlichem Handeln.
Die Verfassung: Darstellung von Hindenburgs strikter, aber rein wörtlicher Auslegung der Weimarer Verfassung unter Rückgriff auf sein preußisches Pflichtverständnis.
Die Politik: Analyse der außenpolitischen Ziele und der Schwierigkeiten Hindenburgs, sich innerhalb des parlamentarischen Systems zu bewegen.
Schluss: Zusammenfassende Bewertung von Hindenburgs Amtszeit, in der die Diskrepanz zwischen seinem pflichtbewussten Handeln und dem mangelnden Verständnis für die demokratische Staatsform betont wird.
Schlüsselwörter
Paul von Hindenburg, Weimarer Republik, Reichspräsident, Vereidigung, Verfassung, parlamentarisches System, Dolchstoßlegende, Preußisches Pflichtgefühl, Außenpolitik, Volkssouveränität, Staatsräson, politische Praxis, 1925, Weimarer Verfassung, Monarchie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Wirken von Paul von Hindenburg als Reichspräsident, wobei der Fokus insbesondere auf der Verbindung zwischen seiner Vereidigung und seinem späteren politischen Handeln liegt.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Zentrale Themen sind der Mythos um Hindenburg, die Reichspräsidentenwahl 1925, sein Verständnis des Verfassungseides sowie seine Integration in das parlamentarische Regierungssystem der Weimarer Republik.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, herauszufinden, wie Hindenburg sein Amt als Reichspräsident definierte und ob sein Agieren als „Hüter der Verfassung“ mit seinem persönlichen soldatischen Hintergrund vereinbar war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse historischer Quellen (wie den Wortlaut der Vereidigung) in Verbindung mit etablierter Forschungsliteratur, um Hindenburgs Amtsverständnis historisch-kritisch einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Wahl 1925, die formale Eidesleistung, die rechtliche Interpretation der Weimarer Verfassung durch Hindenburg und seine konkrete politische Arbeit, insbesondere in der Außenpolitik, beleuchtet.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Wesentliche Begriffe sind hier das preußische Pflichtgefühl, die Volkssouveränität, der Gegensatz zwischen soldatischem Selbstbild und demokratischer Regierungsform sowie die außenpolitische Konsenssuche.
Wie interpretierte Hindenburg das Amt des Reichspräsidenten nach seinem Eid?
Hindenburg interpretierte das Amt vor allem durch eine militärisch geprägte Lesart von „Dienst“ und „Pflichterfüllung“, wobei er die Verfassung strikt wortwörtlich auslegte, ohne den tieferen demokratischen Geist des Systems voll zu erfassen.
Wurde Hindenburgs Politik von seinen eigenen politischen Überzeugungen oder den parlamentarischen Vorgaben bestimmt?
Es zeigt sich ein Spannungsfeld: Hindenburg orientierte sich zwar strikt an den formalen Spielregeln des Systems, brachte jedoch seine persönlichen Abneigungen gegen bestimmte Parteien, wie die SPD, sowie eine Präferenz für konservative Koalitionen in den politischen Prozess ein.
- Arbeit zitieren
- Silvio Schwartz (Autor:in), 2006, Paul von Hindenburg: Vereidigung und politische Praxis als Reichspräsident, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181447