„Drakonisch heißt blutig und hart!“ - Die Gesetzgebung des Drakon


Hausarbeit, 2011

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Demokratie und Drakon

2. Quellensituation und Probleme der Geschichtsrekonstruktion

3. Die Thesmoi (Эеоцош) Drakons
3.1. Unabsichtliche Tötung
3.2. Absichtliche Tötung - Mord

4. Entwicklung der Gerichtsverfahren in (vor-)solonischer Zeit
4.1. Drakons Prozessordnung
4.2. Solons Neuerungen

5. Die Frage nach der Verfassung

6. Drakons Bedeutung für unsere Zeit

7. Literaturverzeichnis

1.) Die Demokratie und Drakon

In der heutigen Vorstellung einer gutfunktionierenden Demokratie steht die Achtung der Menschenrechte an oberster Stelle. Der einzelne Mensch soll als Individuum geschützt und geachtet werden. Nach diesem Grundsatz organisieren sich die Staatsorgane, wie die Judikative oder die Legislative. Im Falle der juristischen Staatsgewalt wäre es für demokratisch eingestellte Bürger Deutschlands undenkbar, wenn die Todesstrafe als Urteil vor Gericht in Erwägung gezogen würde. Auch wenn sich manche Personenkreise mit diesem Strafvollzug unter bestimmten Umständen anfreunden würden, geht dieser nicht mit den Grundsätzen einer Demokratie überein, welche sich auf die Menschenrechte stützt. Jedoch sollte man sich vor Augen halten, dass die Todesstrafe in einer Demokratie, wie Amerika, nach wie vor als rechtsmäßiges Urteil anerkannt ist.

Im Volksmund werden Strafen dieser Art als „drakonisch“ bezeichnet; also jene, welche besonders streng und hart sind. Der Ursprung dieses Adjektivs liegt in der attischen Geschichte. Der Gesetzgeber Drakon (Аракюу) aus Athen sammelte im 500 Jahrhundert vor Christus (v. Chr.) bestehende Gesetze und Urteilssprüche aus Attika. Dabei fasste er erstmalig die Absichten des Täters ins Auge, welcher des Mordes angeklagt wurde.[1] Die neue Gerichtsbarkeit durch die Epheten unter Leitung des Archon Basileus sollte der Umsetzung der Gesetze Nachdruck verleihen und Athen in eine neue politische und juristische Ordnung lenken.

Geleitet werden soll die vorliegende Arbeit von der Frage nach den Inhalten und Absichten Drakons bei der Erstellung seiner Gesetze. Die Bedeutung selbiger für die Athener als auch für uns heute steht im Mittelpunkt der Betrachtungen.

2.) Quellenlage und Probleme bei der Rekonstruktion der Geschichte

Die uns vorliegenden Quellen, welche uns Hinweise auf die Gesetze des Drakon geben, umfassen lediglich wenige Textquellen. Aufgrund dessen, dass diese Quellen nichts über Drakon direkt aussagen, ist es ungewiss, wie er als Person war und in wie weit er das Amt des Gesetzgebers ausführte.[2]

Es ist bekannt, dass Drakon seine Thesmoi (hsopoia) auf Axones (a^ovsç) eingemeißelt hat. Diese seien nach Annahmen von Stroud vierseitige Holzbalken gewesen, welche an den Enden quer aufgehengt wurden. Dadurch war es dem Leser möglich, die Axones zu drehen.[3] Auf die Holzbalken wurden ausschließlich die Gesetze Drakons und Solons eingeritzt und auf der Akropolis aufgestellt. Die Axones wurden durchnummeriert beginnend mit Drakons ersten zwei oder mehreren Gesetzestafeln.[4] Die genaue Anzahl ist ungewiss, da Stroud lediglich den Beweis für eine besitzt. Stroud schreibt weiterhin, dass die Thesmoi später auf Steinsäulen gemeißelt worden.[5] Er hat die überdauerten Bruchstücke mühevoll zusammengesetzt und versucht den darauf niedergeschriebenen Text zu entziffern und zu übersetzen. Die, wie sich herausstellt, erste Axone zählt mit dem Gesetz über Tötung zu den wichtigsten Quellen aus dem archaischen Griechenland.[6] Da die Überreste durch die Dauer der Zeit verwittert sind, fehlen teilweise Satzfragmente und Wörter. Die Unleserlichkeit vereinzelter Buchstaben macht es schwierig, den genaueren Wortlaut wiedergeben zu können. Die ersten Zeilen sind bis heute gutleserlich erhalten. Jedoch in den nachfolgenden Absätzen wird es wegen der genannten Bedingungen schwierig, detaillierte Übersetzungen vorzunehmen.[7]

Hinzu kommt die zweifelhafte Glaubwürdigkeit der Gesetze. Es ist nicht auszuschließen, dass die Gesetze beim „abschreiben“ verändert und an die Zustände im 4. Jh. angepasst worden sind. Anagrapheis (àva-ypa9siç) wurden beauftragt, das Blutgesetz des Drakon neu aufzunehmen. Hallof geht davon aus, dass es zu einer Revision der Gesetze gekommen ist, was auf Grund der Zeitspanne, der Zeitverhältnisse und bis dato neu geschaffenen Gesetze nicht verwunderlich wäre.[8] Wir müssen bei den Betrachtungen davon ausgehen, dass wir scheinbar nicht die Urfassung Drakons vorliegen haben, sondern eher eine abgewandelte Form.

Die Übersetzung Strouds stößt an einigen Stellen auf Kritik. Die einleitenden Worte Kai éáp pi .. .[9] gelten als Aufhänger, der die Rekonstruktion beeinträchtigt. Kai wird eigentlich mit „und“ übersetzt. Es stellt sich die Frage, weshalb man inmitten des Textes anfängt und nicht den Anfang an erste Stelle stellt. Andererseits argumentiert Stroud, dass der Anfang ebenfalls mit „aber“ übersetzt werden kann.[10] Aus meiner Sicht ergibt sich kein Unterschied zu der ersten Übersetzung.

Ein weiterer Schwerpunkt bei der Auseinandersetzung mit dem Quelltext ist die Frage nach den gesetzlichen Regelungen bezüglich der vorsätzlichen Tötung. In den Übersetzungen Strouds ist nur die Rede von nicht-vorsätzlicher Tötung.[11] Gagarin scheint sich damit zufrieden zu geben, dass die Gesetze für beiderlei Straftaten galten.[12] Es zeigt sich, dass der Zustand der Überlieferungen einer genauen Rekonstruktion der Geschichte um die drakonischen Gesetze teilweise entgegensteht. Strouds Übersetzung ist für uns die einzige Möglichkeit zu erahnen, wie Drakon seine Gesetze auslegte und verstand. Die sich daraus ergebenden Interpretationsmöglichkeiten sorgen an einigen Stellen für Diskussionsbedarf.

3.) Die Thesmoi (Эесцош) Drakons

Ein nicht vemachlässigbarer Anstieg der Rechtsstreitigkeiten in Athen im 7. Jh. ist auf gesellschaftliche Veränderungen zurückzuführen. Zu diesen zählen unteranderem Zuwanderungen aus dem umliegenden attischen Gebiet, Wirtschaftswachstum und eine allgemeine Bevölkerungszunahme.[13] Es ist auch anzunehmen, dass die Zahl der Gewaltdelikte zugenommen hat. Die Hoplitenkampftaktik verlangte nach schwerbewaffneten Fußkämpfern, deren Größe die Reihen der Aristokraten sprengten. Das bedeutet nichts anderes, als dass die Kriegsführung in die Polis getragen wurde, da dort fähige Männer zur Verfügung standen.[14] Die Männer wurden im Umgang mit Waffen trainiert und es ist nicht abwegig anzunehmen, dass der ein oder andere seine Fähigkeiten bei Stasis-Auseinandersetzungen gerne unter Beweis stellte.

Um dieses Konfliktpotential zu dämmen und den inneren Frieden in der Polis zu wahren, sah man sich gezwungen, „Neuordnungen] des Streitschlichtungsverfahrens bei [...] Tötungsdelikten“[15] zu entwickeln. Dass dies geschah unterstützt immerhin auch die These, dass bisherige Methoden nicht mehr genügten, um die komplexen Streitfälle zu schlichten. Bevor Drakon seine Gesetzgebung verfasste, regelte man die Tötungsdelikte auf eigene Art und Weise. Vorzüglich bediente man sich dabei der Blutrache, sowie dem Eigentumsentzug oder anderweitiger Genugtuung. Es war auch nicht unüblich gewesen, dass sich die Kontrahenten auf finanziellem Weg einigten. Wurde dem Geschädigten eine ausgehandelte Summe gezahlt (bspw. ein Wergeld), so legten die Kontrahenten den Streit alsbald nieder.[16] Es war also Zeit, neue Mittel zu schaffen, die für Abhilfe sorgen sollten.

[...]


[1] Vgl. Cocnik u.a.: Enzyklopädie. 1997. S. 810.

[2] Vgl. Cocnik u.a: Enzyklopädie. 1997. S. 810.

[3] Vgl. Stroud: Axones. 1979. S. 41.

[4] Vgl. ebd. S. 41f.

[5] Vgl. ebd. S. 42f.

[6] Vgl. MacDowell: Homicide Law. 1982. S. 208.

[7] Vgl. Hallof: Gesetzestexte. 1993. S. 29f.

[8] Vgl. ebd. S. 30.

[9] Hallof: Gesetzestexte. 1993. S. 28.

[10] Vgl. MacDowell: Homicide Law. 1982. S. 208.

[11] Vgl. Hallof: Gesetzestexte. 1993. S. 29.

[12] Vgl. MacDowell: Homicide Law. 1982. S. 209.

[13] Vgl. Stahl: Aristokraten und Tyrannen. 1987. S. 169.

[14] Vgl. Gehrke u.a.: Antike. 2010. S. 105.

[15] Stahl: Aristokraten und Tyrannen. 1987. S. 169.

[16] Vgl. Stahl: Aristokraten und Tyrannen. 1987. S. 163.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
„Drakonisch heißt blutig und hart!“ - Die Gesetzgebung des Drakon
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V181449
ISBN (eBook)
9783656044222
ISBN (Buch)
9783656044468
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
drakonisch, gesetzgebung, drakon
Arbeit zitieren
Felix Eibenstein (Autor), 2011, „Drakonisch heißt blutig und hart!“ - Die Gesetzgebung des Drakon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181449

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