Florentine Calcio - Ein geschichtlicher Überblick


Essay, 2008

8 Seiten


Leseprobe

Fußball gilt heute wohl als der Volkssport schlechthin. Mehrere Millionen Menschen sind selbst in dieser Sportart aktiv oder zählen zumindest das regelmäßige Ansehen von Spielen zum wöchentlichen Ritual. Doch woher kommt dieser Sport überhaupt? Viele denken bei dieser Frage an England, aber die Mutter des Fußballs findet sich in Italien. Genauer gesagt in Florenz, denn daher kommt der fiorentine calcio. Der Florentiner Fußball war bis zu seinem Ende im Jahre 1739 vor allem eine Sport- und Festform der Medici. Wenn es eine Familie gab, die den Calcio kultiviert und gefördert hatte, so war es die der Medici. Literarische Zeugnisse über das Fußballspiel reichen weit zurück. Schon seit dem vierzehnten Jahrhundert sind Berichte, dass Mörder den Kopf ihres Opfers „cum pedibus suis“ wie einen Ball herumstießen (1321), zum literarischen Topos des Fußballspiels mit den Schädeln Erschlagener geworden. In der Familie der Medici hat es über Jahrhunderte eine Fixierung auf den Calcio gegeben, er war das Herz aller Festlichkeiten und exklusiv den Adeligen vorbehalten, wobei auch hier die Medici eine beherrschende Rolle spielten. Ballspiele waren insgesamt in der italienischen Renaissance höchst populär, der Ballsport gehörte wie selbstverständlich zum Zeitvertreib dazu.

Der Calcio fiorentino stellt trotz seines Namens nicht etwa einen Vorläufer des modernen Fußballspieles dar, sondern eine unabhängige, Elemente des Rugby und des Football vorwegnehmende Sportart. Die erste Dokumentation seines Spielsystems stammt von Antonio Scaino, der in seinem 1555 erschienenen Handbuch der Ballspiele die in Venedig und Padua praktizierte Art des Calcio festhielt. Die Regeln waren dabei wie folgt festgelegt: Die reine Spielzeit betrug eine Stunde und das Ziel war es, den Ball über eine besonders bezeichnete, durchgehende Linie am Ende der Schmalseiten zu treiben. So beschreibt Bardi um 1615 beispielsweise: „Der Calcio ist ein öffentliches Spiel zweier zu Fuß agierender und unbewaffneter Mannschaften von Jugendlichen, die auf angenehme Weise um der Ehre willen wetteifern, einen aufgepumpten Ball über den gegenüberliegenden Endpunkt hinauszubringen.“. Die Maße des Balles lagen in etwa zwischen denen der heutigen Hand- und Fußbälle, das Spielfeld war rechteckig und 172x82 florentinische Ellen groß, was etwas kleiner war als die heutigen Fußballfelder. Auch die Hände durften benutzt werden, aber den Namen hat der Calcio von seiner besonderen Eigenart, dass der Ball mit den Füßen gestoppt und befördert werden sollte. So war ein Werfen des Balles mit der offenen Hand, dies betonte ein vor 1526 verfasster „Canto Carnascialesco“ Giovanni Battista dell’Ottonaios, verboten und auch als Ungeschicklichkeit verspottet. Die Mannschaften bestanden in der Regel aus 27 Mann, die sich in pyramidenähnlicher Aufstellung gegenüberstanden. Nahe der Mittellinie waren 15 Stürmer in drei Gruppen á fünf Spielern aufgestellt, die entweder den Namen „Corridori“ (Läufer) oder „Innanzi“ (Vordere) oder auch „Antiguardia“ (Vorhut) trugen. Direkt dahinter wachte die Fünferkette der „Sconciatori“ (Zerstörer), die den Angriff gegnerischer Stürmer zu stoppen, weite Flugbälle abzufangen und Angriffe der eigenen Mannschaft aus der Distanz zu unterstützen hatten. Die beiden hinteren Reihen hatte eine Doppelfunktion inne: Die „Datori innanzi“ (Vordere Ballgeber) sollten die Bälle aus der Bedrängnis an die eigenen Stürmer weiterleiten; die abschließende, vor der „linea di fondo“ (Grundlinie) aufgebaute Verteidiger-Trias der „Datori addietro“ (hintere Ballgeber) bildete als eine Art Feuerwehr einen letzten Abwehriegel in brenzligen Situationen. Auf dieser Position spielten für gewöhnlich die schnellsten und couragiertesten Spieler. Diese Aufstellung der Spieler blieb bis zum 18. Jahrhundert fast unverändert, Änderungen waren danach wahrscheinlich eher taktisch bedingt und nicht der Regeln wegen.

Der Calcio galt zudem als Schauzeremoniell des Hofes, was auch bestimmte Aufmarschriten zur Folge hatte. Der Calcio wurde in zwei verschiedenen Arten gespielt, die sich aber nicht durch unterschiedliche Regeln, sondern durch unterschiedliche Inszenierungen und das Ambiente voneinander abgrenzten. Zum Einen gab es den Gala-Calcio, den sogenannten „Calcio a livrea“, der seinen Namen von der Pracht der Spielbekleidung bezog und besondere Logen für die edleren Gäste bereit hielt. Der gewöhnliche Fußball, der „Calcio diviso“ hatte lediglich einfache Holzbarrieren zum Eingrenzen des Spielfeldes, aber dennoch ein aufwendiges Zeremoniell vor dem Anpfiff: Zunächst versammelten sich alle spielwilligen Männer in entsprechender Kleidung in einem Halbkreis in der Mitte des Feldes. Aus dieser „Corona“ wurden dann zwei besonders geeignete Spieler als Anführer gewählt, die dann ihrerseits die Mannschaften zu wählen hatten - erst die vier Läufer, dann die drei Verteidiger, danach die fünf Zerstörer und im Anschluss daran die fünfzehn Stürmer. Nach der Wahl wurden die Mannschaften von ihren entsprechenden Anführern aufgestellt: erst die Zerstörer, dann Läufer und Verteidiger und zum Schluss die Stürmer. Knapp 100 Jahre später verfasst Orazio Capponi ein Regelwerk, in dem er angibt, dass die Mannschaften sowohl mit Namen als auch mit der jeweiligen Spielerfunktion beim Gesamtleiter, dem „Provveditore“ festgehalten wurden. Diese Art von „Schiedsrichter“ wurde aber nicht von Spiel zu Spiel neu gewählt, sondern jeweils auf mehrere Jahre in das Amt eingeführt, das mit eigenen Regelwerken, Staffagen und Geschichtsbüchern ausgestattet war. Beim Calcio diviso war seine Aufgabe zuerst aus den Nichtgewählten seine Stellvertreter zu wählen, danach mussten alle den Platz verlassen, um zum vereinbarten Zeitpunkt nach fester Ordnung aufzumarschieren. Hinter den Trompetern und Trommlern paarweise die Stürmer (die Jüngsten zuerst, im Schachbrettmuster jeweils eine Mannschaft nach der anderen), hinter den Stürmerpaaren weitere Trommler vor den Fahnenträgern, ihnen folgten die Zerstörer und Läufer (ihr bester Spieler trug dabei den Ball) und als letzte kamen die Verteidiger. Zusammen liefen sie über den Platz und hielten vor dem Schiedsrichter, dem dann die Mannschaftsfahnen übergeben wurden. Beim „Calcio a livrea“ kamen die „Maestri del Canpo“ (Platzmeister) dazu, die vom Großherzog ernannt wurden. Sie waren quasi auch Mitspieler, die aber nicht selbst tätig wurden, wohl aber die Angelegenheiten der eigenen Mannschaft bei Konflikten vertreten konnten. Je nach Bedeutung des Spieles konnte auch die Anzahl der Maestri variieren.

Der „Calcio a livrea“ unterschied sich auch darin vom“ Calcio diviso“, dass die Mannschaften nicht spontan, sondern von einigen der besten Spieler in den Palästen der Nobili zusammengestellt wurden und erst danach wurde der Spieltag überhaupt veröffentlicht. Außerdem zog man beim „Calcio a livrea“ ein Mal um den Platz herum, um sich nach gewonnener oder verlorener Platzwahl auf der Sonnen- oder der Schattenseite aufzustellen. Über die ordnungsgemäße Durchführung des Spieles wachten die an einer der Längsseiten erhöht auf einer Tribüne postierten sechs aus ehemaligen Spielern ernannten Schiedsrichter, die beispielsweise auftretende Streitfragen zu entscheiden hatten. Beim ersten Trompetenstoß mussten alle, die nicht spielten, den Platz verlassen, beim zweiten Ton nahmen die Spieler ihre Positionen ein und beim letzten Trompetenstoß tätigte der in den Farben beider Mannschaften gekleidete Ballwart von der Platzmitte aus den Anstoß. Der „Calcio a livrea“ ging über zwei Stunden, das „Mostra“ (Zeremoniell) in der ersten, das Spiel in der zweiten Stunde, in der Regel von 16-18 Uhr. Die Eingangsmostra galt als wichtiger und eigenständiger Bestandteil des gesamten Calcio und die Pracht der Spielinszenierungen wird dazu beigetragen haben, dass sich nicht etwa die Schaustellung des Calcio nach dem Hofzeremoniell, sondern die Präsentation des Hofes nach der Mostra des Calcio gerichtet hat. Sie war eine Mischung von Theater und Sport, was sich später als Wesensmerkmal des Calcio etabliert hat. Schon alleine die Eingangsmostra zeigt, dass der Calcio nicht als reines Sportereignis angesehen werden kann. Das am Abend stattfindende Bankett oder der Festball machen zudem deutlich, dass der Calcio im Zentrum aller Festereignisse des Florentiner Barock stand.

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Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Florentine Calcio - Ein geschichtlicher Überblick
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Autor
Jahr
2008
Seiten
8
Katalognummer
V181481
ISBN (eBook)
9783656047261
ISBN (Buch)
9783656482918
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fußball, Calcio, Florentiner Calcio, Italien, Sport
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Lisa Nohl (Autor:in), 2008, Florentine Calcio - Ein geschichtlicher Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181481

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