Der Diskurs der "Primeiro Comando da Capital" und seine potentiellen Machteffekte in São Paulo

Eine Foucault'sche Analyse


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Fala do Crime („die Rede von der Kriminalität“)

2. Die Botschaft der PCC als Gegendiskurs
2.1 Die PCC
2.2 Der Wahrheitsdiskurs der PCC: potentielle Machteffekte und genealogische Charakteristika

3. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Brasilien ist ein Land mit extremen Unterschieden und einer der ungerechtesten Vermögensund Besitzverteilungen der Welt1. In São Paulo, der größten Stadt des Landes, ist diese Ungleichheit am deutlichsten zu sehen. Der Wirtschaftsschwung hat eine Klasse von sehr reichen Menschen geschaffen, während viele Arme aus anderen Regionen auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen in die Stadt umgezogen sind. Aufgrund mangelnder Ressourcen, welche sie benötigen würden, um in ihre Heimat zurückzukehren, sind die Armen in den Städten geblieben, wo sie nun arbeits- und obdachlos leben (Caldeira, 2000).

In diesem Zusammenhang herrscht ein Diskurs, der die Armen - insbesondere diejenigen, die in den Favelas wohnen - diskriminiert und ausgrenzt. Dieser Diskurs kann als ein einheitlicher, legitimer und institutionalisierter Diskurs angesehen werden, weil er die Machtstrukturen und die räumliche Segregation in einem ungleichen System aufrecht erhält und weil seine Werte für die Mehrheit als die Wahrheit gelten (Caldeira, 2000). Er wird nicht nur von den herrschenden Teilen der Gesellschaft verwendet, sondern auch von denen, die von diesem Diskurs unterdrückt und benachteiligt werden (Caldeira, 2000). Darin ist also die Foucault'sche Prämisse deutlich sichtbar, wie Wissensdiskurse Wahrheit und Macht produzieren, die nicht von einer souveränen Macht kommen, sondern in jedem Einzelnen gegenwärtig sind und an denen sich jeder Einzelne beteiligt („Das Individuum ist also nicht das Gegenüber der Macht; es ist eine ihrer ersten Wirkungen“ (Foucault, 1999:45).).

In diesem Diskurs werden die Kriminellen als irreversibel böse angesehen; jeder Missbrauch gegen sie wird von ihm gerechtfertigt, die Menschenrechte werden verachtet, weil die Kriminellen durch ihn enthumanisiert werden. Die Möglichkeit, dass sie als normale Menschen existieren könnten, ist in diesem Diskurs nicht vorhanden (Caldeira, 2000; Pinheiro, 1983).

In diesem Kontext ist eine Gruppe von Kriminellen entstanden, in der ein Diskurs existiert, der ganz im Gegensatz zum dominanten Diskurs steht; die Mitglieder dieser Gruppe wehren sich gegen die Vorurteile des dominanten Diskurses und versuchen, ihre Botschaft mit Hilfe von Videos und Briefen zu verbreiten, für deren Bekanntmachung sie mit gewalttätigen Aktionen kämpfen. Diese Gruppe, die PCC (Primeiro Comando da Capital) ist in mehreren Gefängnissen und Favelas in São Paulo (und auch im gesamten Land) aktiv. Die PCC beschreibt die Situation der Gesellschaft als eine des Krieges, in der die Menschen kämpfen, um ihre „Realität“ zu zeigen und die Werte des dominanten Diskurses (oder des „Systems“, wie sie es nennen) zu zerrütten.

Ziel dieser Arbeit ist es, den Diskurs der PCC zu analysieren. Welche potentiellen Machteffekte hat er? Könnte er als ein kritischer Diskurs im Sinne der Foucault'schen Genealogie betrachtet werden?

In der Foucault'schen Genealogie geht es darum, die Werte des dominanten Diskurses - die als „natürlich“ gelten - als eine produzierte Wahrheit zu zeigen, die durch Machtverhältnisse und von einer bestimmten Perspektive geformt wurde. Weiteres Ziel einer solchen Genealogie ist es, das Wissen, das von diesem System nicht legitimiert und wahrgenommen wird, in einer historischen Arbeit einzubeziehen. Er beschreibt die Geschichte als eine des Kampfs, des Willens zur Macht und schafft einen Diskurs, der die Erfahrungen von den einfachen, „disqualifizierten“ Leuten in Betracht zieht (das Wissen, das aus diesen Erfahrungen kommt, bezeichnet Foucault als „Wissen der Leute“). Indem er an die Interpretierbarkeit der Realität glaubt, die vom gegenwärtigen Diskurs nicht legitimiert wird, schafft dieser Diskurs eine mögliche Uminterpretation und Umschreibung der Geschichte und wehrt sich gegen den einheitlichen, wissenschaftlichen Diskurs, der von oben (von den Ideologien oder so genannten großen Theorien) kommt.

Im Mittelpunkt der Genealogie steht ein Kampf, „nicht so sehr gegen die Inhalte, Methoden oder Begriffe einer Gesellschaft als vielmehr gegen die zentralisierenden Machtwirkungen, die mit der Institution und dem Funktionieren eines im Innern einer Gesellschaft wie der unsrigen organisierten wissenschaftlichen Diskurses verbunden sind. […] Den Machtwirkungen, wie sie einem als wissenschaftlich betrachteten Diskurs eigen sind, muss die Genealogie den Kampf ansagen“ (Foucault, 1999: 24).

Um die oben gestellten Fragen zu beantworten, wird als erstes der dominante Diskurs von São Paulo und dessen Machtwirkungen, wie er von der Anthropologin Teresa Caldeira beschrieben wurde, dargestellt. Dann wird die Entstehung der PCC mit ihrem Gegendiskurs dargestellt (verbunden mit einer Darstellung der Perspektive, die die Wahrheit der PCC ermöglicht und das Recht auf das sie sich bezieht). Danach werden die potentiellen Machteffekte von diesem Diskurs in Bezug auf den dominanten Diskurs präsentiert und schließlich wird nach der Antwort auf die Frage gesucht, ob der Gegendiskurs der PCC ein kritischer Diskurs im Sinne der Foucault'schen Genealogie ist.

1. Fala do Crime („die Rede von der Kriminalität“)

Die fala do crime („die Rede von der Kriminalität“) ist ein Begriff, den Teresa Caldeira entwickelt hat, um den Diskurs zu beschreiben, der sich mit der Kriminalität in São Paulo beschäftigt. Mit fast 20 Millionen Einwohner und einer der höchsten Kriminalitätsrate in Brasilien dient São Paulo als ein gutes Beispiel für ein Phänomen, das im ganzen Land zu sehen ist: die Kluft zwischen den ärmeren und den größeren Schichten wird immer deutlicher und die Kriminalität in der Alltagssprache immer präsenter:

„A vida cotidiana e a cidade mudaram por causa do crime e do medo, e isso se reflete nas conversas diárias, em que o crime tornou-se um tema central. Na verdade, medo e violência, coisas difíceis de entender, fazem o discurso proliferar e circular. A fala do crime - ou seja, todos os tipos de conversas, comentários, narrativas, piadas, debates e brincadeiras que têm o crime e o medo como tema - é contagiante“2 (Caldeira, 2000: 27).

Was Caldeira als fala do crime bezeichnet, ist der dominierende Diskurs in einer extrem ungleichen Gesellschaft, der Werte wie soziale Gleichheit, Toleranz und Respekt vor Menschenrechten völlig missachtet. Dies ist eine Art von Diskurs, wie sie in verschiedenen Formen vielerorts in Brasilien verwendet wird (ein anderes Beispiel dafür ist Ramos und Musumeci, 2005). Die Studie Caldeiras basiert auf Interviews mit Bewohnern verschiedener Stadtteile von São Paulo, die hauptsächlich zwischen 1989 und 1991 von der Anthropologin durchgeführt wurden.

Der fala do crime ist ein vereinfachender Diskurs, der die Gesellschaft in Gut und Böse spaltet. Die Favelas - extrem arme Stadtteile, die illegal besetzt wurden - werden als schmutzig und verschmutzend angesehen und mit allem verknüpft, was schlecht und böse ist (Caldeira, 2000: 80). Die Kriminalität und das Böse werden als etwas angesehen, was zum inneren Charakter eines Menschen gehört; wer einmal den „falschen Weg“ begangen habe, sei für immer verloren. Diese Denkweise wird verwendet, um für die Todesstrafe Kampagne zu machen (ein Gesetz, das es in Brasilien nicht gibt), weil der Tod als der einzige Weg angesehen wird, das Böse zu vernichten (Caldeira, 2000: 97). Die Kontrolle starker Autoritäten und Institutionen über die Kriminalität wird erwünscht und angesehen als eine Aufgabe der Kultur gegen die Kräfte der Natur (Caldeira, 2000: 57).

Obwohl dieser Diskurs die Ordnung der Dinge als ungerecht erkennt und auch den Staat für diese Ungerechtigkeit verantwortlich macht, wird dieses Böse, das sich in der Kriminalität widerspiegelt, als zentrales Problem angesehen. Deswegen werden nicht bessere Bedingungen für die benachteiligten Gruppen gefordert, sondern mehr Unterdrückung gegen die Kriminalität.

Der fala do crime erhält und produziert soziale und räumliche Segregation und rechtfertigt Missbräuche der Staatsapparate. (Caldeira, 2000: 43). Nach Caldeira formt dieser Diskurs die räumlichen und sozialen Eigenschaften der Stadt. Caldeira beschreibt ihn als diskriminierend und von Stereotypen geprägt, die insbesondere die Armen und die Schwarzen diskriminieren, auch wenn sie von diesen Gruppen selber benutzt werden: „Os dominados não têm um repertório alternativo para pensar a si mesmos e são obrigados a usar a dar sentido ao mundo e à sua experiência usando a linguagem que os discrimina” (Caldeira, 2000: 85).3

Die Stereotypen dieses Diskurses werden von den Armen in dem Versuch verwendet, sich von der Kriminalität zu distanzieren und sich gegen die Vorurteile der Elite zu wehren, die die Armen oft nicht von den Kriminellen unterscheiden. Es ist verständlich, warum sich die Armen, insbesondere die, die in den Favelas wohnen, von den Kriminellen so weit distanzieren wollen wie möglich: wegen der Stereotypen, welche sie mit den Straftätern gleichsetzen oder zumindest keine klare Unterscheidung vornehmen, erleiden sie nicht selten Misshandlungen von der Polizei. (Caldeira, 2000). Durch die Übernahme der Stereotypen tragen die Armen jedoch oft dazu bei, dass genau diese Differenzierung nicht gelingt. So tragen sie zur Aufrechterhaltung einer Ordnung bei, die sie selbst unterwirft.

In einer Foucault'schen Analyse könnte der fala do crime als das dominante Wertesystem für die Stadt São Paulo betrachtet werden - ein konstruiertes Wahrheitssystem, das der Mehrheit der Menschen als naturgegeben erscheint4. Dieses Wahrheitssystem ist, ebenso wie die Werte bezüglich der Psychiatrie und der Sexualität, die im dominierenden Diskurs als Normalität gelten, laut Foucault in Wirklichkeit konstruiert. Es ist nach Foucault im Grunde ein konstruiertes Wertesystem und das komplexe Produkt eines Konstruktionsprozesses, der durch Wissens- und Machtstrategien entwickelt wurde (Saar, 2007: 306; Foucault, 1979: 127/128).

Dass dieser Diskurs die Erfahrungen der unterdrückten Gruppen nicht wahrnimmt (Caldeira, 2000: 43), ist ein Zeichen, dass das, was er als Realität bezeichnet, nur aus einer bestimmten Perspektive gesehen und gezeigt wird. Das, was von diesem Diskurs als Realität bezeichnet wird, kann deswegen nicht als eine natürliche, unwidersprüchliche Realität gelten.

Die Misshandlungen und Anwendung physischer Gewalt gegen verdächtigte Kriminelle ist in der brasilianischen Gesellschaft nach Paulo Sérgio Pinheiro (Soziologe, ehemaliger Uno- Menschenrechtsbeauftragter und Brasiliens führender Gewaltexperte) „eine Praxis, die sich mit der Macht selbst vermischt“, und „es wäre illusorisch zu erwarten, dass der Staat selbst - solange sich die Grundlagen der politischen Organisation nicht tief verändern - in der Lage sei, die Praxis der illegitimen Gewalt zu stoppen, die effizient zu seiner Erhaltung beiträgt“ (Pinheiro, 1981: 54). Man kann diesen Diskurs, der eine Praxis aufrecht erhält, die sich mit der Macht selbst vermischt, wie Pinheiro es dargestellt hat, in den Foucault'schen Vorstellungen verankern, dass Wissen von Machtstrategien gebildet wird, dass die „Praktiken der Wissenserfassung und -bildung sich mit sozialen und politischen Praktiken überkreuzen“ (Saar, 2007: 218), und dass Wissen sich „abhängig von Gegenstandsbereichen und Objektivitäten“ formiert, „die sich im Zusammenhang mit Machtstrategien gebildet haben“ (Saar, 2007: 218).

[...]


1 CIA World Factbook (Stand 28.03.2010): https://www.cia.gov/library/publications/the-world- factbook/rankorder/2172rank.html?countryName=Brazil&countryCode=br&regionCode=sa&rank=9#br

2 „Die Stadt und das alltägliche Leben dort haben sich wegen der Kriminalität und der dadurch verursachten Angst verändert, und das spiegelt sich in den alltäglichen Gesprächen wider, in denen die Kriminalität ein zentrales Thema geworden ist. Im Grunde führen Angst und Gewalt - Dinge, die sich schwierig begreifen lassen - dazu, dass dieser Diskurs sich verbreitet und zirkuliert. Die fala do crime, das heißt alle Sorten von Gesprächen, Kommentaren, Narrativen, Witzen, Debatten und Scherzen, welche die Kriminalität als Thema haben, ist ansteckend.“ (Caldeira, 2000:27).

3 „Die Unterdrückten haben kein alternatives Repertoire, das sie nutzen können, um über sich selbst nachzudenken und finden sich demnach dazu gezwungen, mit dem Diskurs, der sie diskriminiert, ihr Weltbild zu formen. (Caleidra, 2000: 85). Caldeiras Arbeit basiert auf dem Werk von De Certeau (De Certeau, 1984), welches davon handelt, wie die Armen sich bemühen, die dominanten Narrative zu beeinflussen und sich von ihren Stereotypen zu entfernen.

4 Für manche Leute, die Caldeira interviewt hat, gelten die Werte dieses Diskurses als so selbstverständlich, dass die Anthropologin Schwierigkeiten hatte, Erklärungen zu bekommen, denn eine solche Erklärung galt für sie als überflüssig. Fragen nach solchen Erklärungen wurden oft mit Aussagen „du weißt doch, was ich meine!“ abgewiesen. (Caldeira, 2000: 22).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Diskurs der "Primeiro Comando da Capital" und seine potentiellen Machteffekte in São Paulo
Untertitel
Eine Foucault'sche Analyse
Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Veranstaltung
Michel Foucaults kleine Schriften
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V181521
ISBN (eBook)
9783656046271
ISBN (Buch)
9783656045960
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
diskurs, machteffekte, foucault, analyse, genealogie, pcc, brasilien
Arbeit zitieren
Luan Orsini (Autor), 2010, Der Diskurs der "Primeiro Comando da Capital" und seine potentiellen Machteffekte in São Paulo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181521

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