Rezeption von Che und Guevara

Eine Überblicksdarstellung zur Wahrnehmung von Bild und Person Ernesto Guevaras


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rezeption von Ernesto „Che“ Guevara
2.1 Rezeption durch politische Gruppierungen
2.2 Rezeption durch deutsche Parteien
2.3 Rezeption in Journalismus und Literatur
2.4 Rezeption in Werbung und Merchandise
2.5 Rezeption bei anderen Gruppierungen

3. Fazit

4. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Sein Konterfeit ziert das Logo der antirassistischen Fußball-Fangruppierung „Ultra‘ Sankt Pauli“ ebenso wie die Kleidung von „Autonomen Nationalisten“ aus der rechtsradikalen Szene[1] ; auch die Ultrà-Fanbewegung des FC Bayern München empfiehlt seinen Mitgliedern neben der Lektüre von Büchern über Fußball, Fankult, Ultràs und Gewalt, die Bibliographie Ernesto Guevaras von Jon Lee Anderson, mit Hinweis auf seinen Vorbildcharakter für einen jeden Ultrà, zu studieren[2], während der deutsche Historiker Gerd Koenen ihn in eine Reihe mit heutigen Dschihadisten stellt[3] und die als politisch eher links geltende taz anlässlich seines 40. Todestages von einem autoritären Macho mit rassistischen Tendenzen[4] schrieb.

Ich selber erinnere mich an mehrere Freunde und Bekannte in meiner Jugend, die sich selbst als Pazifisten bezeichneten und gleichermaßen das wohl bekannteste T-Shirt der Welt mit dem schwarzem Konterfeit des nicht sehr pazifistischen Ernesto Guevaras auf rotem Hintergrund trugen.

Die Werbungsindustrie nutzt indes den Bekanntheitsgrad der Figur des Kapitalismus-Kritikers Ché Guevara, um damit ihre Erträge weiter zu erhöhen.

Wieso wird ein einzelner Mensch von so vielen, derartig unterschiedlichen Personen und Gruppierungen über 40 Jahre nach seinem Tod so diffus rezipiert?

Macht man sich etwas vor, wenn man in Betracht zieht, dass der Bezug zu Ernesto Guevara von Einzelnen und von Gruppen irgendeinem anderen Zweck dient als der Vermarktung eines Produkts bzw. der Erhöhung der eigenen Popularität? Haben sich auf Guevara beziehende Personen und Gruppen ein Bild vom historischen Ernesto Guevara und seinen konkreten Theorien und Wertvorstellungen oder leben alle Bezüge vom oft betonten „Mythos Che Guevara“, von der Symbolkraft eines revolutionären Märtyrers, der schlichtweg populär und attraktiv ist? Hat sich das Bild Ches gänzlich vom Inhalt Guevaras gelöst oder findet in Teilen ein reflektierter Umgang mit dieser Problematik statt?

Unter anderem durch Kontakt zu Guevara verwendenden Gruppierungen und Analyse von Internetpräsenzen und Publikationen soll die vorliegende Arbeit sich Antworten auf diese Fragen nähern.

2. Rezeption von Ernesto „Che“ Guevara

2.1 Rezeption durch politische Gruppierungen

Als besonders herausstechende und polarisierende, politisch agierende Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts erscheint es klar, dass Ernesto Guevara verstärkt von politischen Gruppierungen rezipiert, kommentiert, verehrt und kritisiert wird. So sollen im Folgenden einige politische Gruppierungen verschiedenster Couleur in Bezug auf ihre Guevara-Rezeption untersucht werden.

Die Internetpräsenz der Antifaschistischen Linken Berlin geht sehr nüchtern mit dem Thema „Che Guevara“ um. So finden sich lediglich acht Einträge bei der Archiv-Suche nach „Guevara“[5], in denen er auch lediglich beiläufig erwähnt wird. Es wird von ihm als „Revolutionär“[6] und „Ikone“[7] der 68er-Bewegung gesprochen – verherrlichende Attributierungen, ihm gewidmete Artikel oder sonstige Glorifizierungen sucht man vergebens.

Sehr interessant ist auch, dass der zur Antifa gehörende Internetversandshop unter seinen zahlreichen T-Shirts, Pullovern, Buttons, Postern, Aufklebern, Fahnen, Büchern und sonstigen Artikeln kein einziges Produkt mit Bezug zu Guevara anbietet[8]. Auf Nachfrage wurde mir jedoch versichert, dass es sich dabei nicht um eine politische Entscheidung handelte, sondern darum, dass sich die Artikel der Antifa vom Mainstream abheben sollen, was mit Guevara-Artikeln jedoch nicht mehr möglich sei.

Die sogenannte "Anti-Antifa" ist nach Sichtung der US-amerikanischen Webpräsenz http://antiantifa-usa.blogspot.com/ als eine rechts-radikale Gruppierung zu bezeichnen[9]. Unter den vielen von extrem rechtspopulistischer Polemik geprägten Artikeln findet sich auch einer über Ernesto Guevara mit dem Titel "Communist Hero, Racist, Mass Murderer ".

Es wirkt enorm paradox, dass eine politische Gruppierung, die sich u.a. als Gegenbewegung zu antirassistischen Organisationen und Bewegungen versteht[10] und offenkundig rechtsextremes Gedankengut verbreitet, das Wort „Rassist“ als Diffamierung für einen politischen Gegner wie Guevara verwendet. Dies wird mit zwei Zitaten ohne Quellenangabe „belegt“: "The Negro is indolent and lazy, and spends his money on frivolities, whereas the European is forward-looking, organized, and intelligent"[11]. Dieses Zitat ist (höchstwahrscheinlich bewusst) falsch wiedergegeben. Zwar schrieb Guevara in einem Tagebucheintrag, den er 1952 mit 24 Jahren in Venezuela verfasste, wahrlich bestimmten Ethnien bestimmte Eigenschaften zu, was als rassistisch gelten kann (jedoch auch im Kontext seiner Zeit gesehen werden muss, ohne Pauschalbewertungen von Ethnien in irgendeiner Form beschönigen zu wollen). Jedoch sprach er beispielsweise von "the black" an Stelle von "negro" und von "fanciful" an Stelle von "lazy", was schon große Bedeutungsunterschiede ausmacht; Europäern schreibt er an dieser Stelle nicht bestimmte positive Eigenschaften zu, wie das obige Zitat es suggeriert[12]. Das gesamte Zitat ist stark entfremdet und schlicht weg als wissenschaftliche Täuschung zu bewerten, die Guevara weiter diffamieren soll[13]. Ferner werden zwei weitere Zitate (ebenfalls ohne Quellenangabe) Guevaras als Ausweis seiner Blutrünstigkeit angeführt, die neben einer Liste von angeblichen Opfern Guevaras zu einer Darstellung von ihm als Menschenschlächter schlechthin führen. Nach Niess war es so, dass Guevara nach der Revolution als Chefankläger den batistianos den Prozess machen sollte und viele, sehr knappe und kurze Prozesse zu Todesurteilen führten[14]. Dabei gibt es konträre Auffassungen zur Haltung Guevaras: Leidenschaftlicher Vollstrecker der Todesurteile, der jede Erschießung genoss oder eher gemäßigter Ankläger, der „bei jeder Hinrichtung gelitten [habe] und so viele Häftlinge wie möglich begnadigt[e]“[15]. Aussagen vom Revolutionär im Jahr 1959, dass er nach Blut lechze und dass das Töten eine Notwendigkeit sei lassen ihn auch wahrlich in einem skrupellosen Licht erscheinen[16]. Guevara-Biograph Taibo berichtet allerdings auch, dass die Darstellungen von Guevara als " 'Schlächter von La Cabaña' [...] nichts mit der Wirklichkeit gemein [haben]“[17]. Er gehörte demnach keinem der revolutionären Tribunale an, fällte also keine Urteile, sondern überprüfte als Garnisonskommandant die Berufungen und empfand die Schnellgerichtsverfahren gegen (zumeist) Folterknechte als gerecht. Gegen Lynchjustiz ohne Gerichte sprach er sich vehement aus[18]. Den „thousands of men, women and children“[19], die auf der Website der Anti-Antifa Guevaras Kerbholz zugeschrieben werden, stehen einige hundert Hinrichtungen nach Niess entgegen[20].

Es wird deutlich, dass Guevara auf der angegebenen Internetpräsenz einseitig beleuchtet und in einigen Punkten übertrieben negativ dargestellt wird. Besonders der letzte Satz des Artikels in boulevardesk-großen Lettern („ROT IN HELL YOU FILTHY COMMUNIST MURDERER!“[21] ) und der Einsatz von gefälschten Zitaten machen klar, welch ablehnende, verachtende Haltung die Verantwortlichen der Website Guevara gegenüber einnehmen und wie sehr der gesamte Artikel ideologisch eingefärbt und wie wenig glaubwürdig er ist.

Die ebenfalls rechts-radikalen, sogenannten Autonomen Nationalisten in Deutschland[22] hingegen greifen Ernesto Guevara vielmehr auf, denn an: Neben zahlreichen anderen Symbolen, die eher der linken Szene zugeordnet werden, schmücken sie sich bei Demonstrationen und Kundgebungen mit Guevara-Artikeln[23]. Neben der völkischen Umdeutung und der Inanspruchnahme des internationalistischen Revolutionärs für ihre „Sache“, kann die Verwendung von ihm auch als Provokation des politischen Gegners verstanden werden[24], sowie als Versuch, mit Hilfe der Anziehungskraft Guevaras junge Sympathisanten zu finden. Wenngleich die Autonomen Nationalisten mit ihrer antikapitalistischen Ausrichtung eine Parallele zu Guevaras Theorien und seinem Weltbild aufweisen, und Guevara zudem durch vermeintlich rassistische Äußerungen auffiel[25], scheint deren These, dass Guevara den Kampf der Autonomen Nationalisten unterstützen oder gutheißen würde – gerade mit Blick auf Guevaras Idee vom „Neuen Menschen“, der sich durch Altruismus, Solidarität, Moral und Bewusstsein für Ungerechtigkeiten auf der ganzen Welt auszeichnen solle[26] – als hanebüchen.

2.2 Rezeption durch deutsche Parteien

Auch die Christlich Demokratische Union Deutschlands wartet mit interessanten Wahrnehmungen bezüglich Guevaras auf. So entbrannte 2007 im nordrheinwestfälischen Landtag eine Debatte über einen schwarz-weißen Ausdruck mit dem Konterfeit Guevaras und der oft aufgegriffenen Parole „Hasta La Victoria Siempre“, der vor einem Büro im SPD-Trakt des Landtages hing[27]. Der CDU-Landtagsabgeordnete Olaf Lehne echauffierte sich in einer Pressemitteilung darüber, da er die Verwendung Guevaras in Widerspruch zum „freiheitlich-demokratischen Geist des Landtages“[28] sah und als Aufforderung zur „Abschaffung unserer Demokratie, unseres Rechtsstaates, unserer Freiheit“[29] empfand. In einem Brief an die Landtagspräsidentin zur Begründung seiner Kritik bediente er sich (ohne Kennzeichnung) wortgetreu den Kritikpunkten im deutschen Wikipedia-Artikel über Guevara[30].

Höhepunkt dieser Posse war, dass Lehne einräumte, auf Kuba selbst einmal eine Guevara-Postkarte gekauft – und ihn somit ebenfalls verwendet – zu haben.

Während der nordrheinwestfälische CDU-Landtagsabgeordnete also in der Verwendung einer bildlichen Darstellung Guevaras größte Gefahr für das hiesige politische System sah, erhob der Nachwuchs seiner Partei, genau genommen die Junge Union in Berlin-Reinickendorf, vier Jahre zuvor die Pop-Ikone Guevara zu ihrem Ehrenmitglied, um ihn auf Postkarten, Plakaten und T-Shirts für die jungen Konservativen werben zu lassen[31]. „Wie Che sich für eine bessere Sozialpolitik eingesetzt und das Regime gestürzt habe, das sei schon eine gute Sache gewesen“[32], heißt es in einem Artikel des Berliner Tagesspiegels über diese Begebenheit lapidar von Seiten der JU.

Anhand dieser beiden Vorfälle zeigt sich, wie diffus Guevara selbst innerhalb einer Partei scheinbar wahrgenommen oder eher instrumentalisiert wird: Für den einen Christdemokraten taugt er dazu, den politischen Gegner in Verruf zu bringen, für den anderen hingegen, um junge Wähler für das eigene Lager zu gewinnen[33].

Dass ein Landstagsabgeordneter der SPD indes überhaupt einen Ausdruck mit Guevaras Konterfeit und klischeehafter Parole an die Tür seines Büros hängt kann als zumindest fragwürdig bezeichnet werden: Ironie, Identifikation oder unreflektierter Umgang?

Die Jungen Liberalen - die unabhängige Jugendorganisation der FDP - in Hamburg stießen sich im März 2010 an einer Bronze-Skulptur auf dem Rathausmarkt, die "einen Straßenkünstler, der als Che Guevara agiert"[34] darstellt. In einer Pressemitteilung äußerten sie ihre Irritation darüber. Ihr Vorsitzender Finn Ole Ritter könne sich die Aufstellung nicht erklären und vermute daher eine ungenehmigte Aktion - obwohl der Hamburger Oberbaurat die Aufstellung zwei Monate zuvor "mit seinem Wohlwollen"[35] genehmigte. "Statuen von marxistischen Guerillaführern haben auf dem Hamburger Rathausmarkt jedenfalls nichts zu suchen. Nach mehr als 40 Jahren der Anbetung Guevaras, der mittlerweile den Status einer linken Pop-Ikone hat, ist nach unserem Dafürhalten sowieso eine kritischere Auseinandersetzung mit dem Stalin-Verehrer überfällig. Statt verharmlosender Stilisierung Guevaras ist eine differenzierte Auseinandersetzung notwendig. Ein Denkmal hat er jedenfalls nicht verdient"[36] ist der Wortlaut der Pressemitteilung. Die Forderung nach einer kritischeren und differenzierten Auseinandersetzung mit Guevara macht, besonders angesichts vielfacher, unreflektierter Verehrung, durchaus Sinn. Auch die Bezeichnung "Stalin-Verehrer" ist fundiert[37], wenngleich selbst Che-Biograph Taibo diesen Umstand scheinbar zu kaschieren versucht, wenn er in seinem sonst so detaillierten Werk über die Reise einer Kuba-Delegation mit Guevara im Herbst 1960 schreibt und freimütig zu erwähnen vergisst, dass dieser, vier Jahre nach Bekanntwerden der stalinistischen Verbrechen und trotz kubanischen Widerstandes, Stalin durch Niederlegung eines Blumenstraußes an dessen Grab die Ehre erwies[38].

Abgesehen von der vorschnellen Vermutung, dass es sich bei der Aufstellung der Skulptur um eine ungenehmigte Guerilla-Aktion handeln müsse, lässt sich die kritische Haltung (gerade mit Verweis auf Guevaras Stalin-Faible) der Jungen Liberalen Hamburg gegenüber der als verhamlosende Darstellung empfundenen Guevara-Skulptur als reflektiert und begründet bezeichnen.

Im Gegensatz zur Antifa setzt die Linkspartei in ihrem Internetversandshop weiterhin auf Guevara-Produkte. So lassen sich dort Buttons mit dem berühmten Konterfeit Guevaras entweder einzeln[39] oder im Set neben Gysi-, Lafontaine- und Luxemburgbuttons bestellen[40]. Eine Einreihung von Guevara in die Gruppe von den zwei bedeutendsten Politikern ihrer Partei und einer schillernden Gallionsfigur der deutschen Linken lässt auf eine hohe Identifikation mit dem 68er-Idol schließen – oder eben, um die Attraktivität und Anziehungskraft Guevaras wissend, auf kalkuliertes Ansprechen potentieller Wähler, die den oft unhinterfragten „Helden“ unreflektiert in Verbindung mit der Linkspartei sehen sollen.

2.3 Rezeption in Journalismus und Literatur

Selbstredend wurden unzählige Artikel, Titelserien, Aufsätze und Monographien über die Person Guevara und seine (Wirkungs-)Geschichte verfasst. Auch hier lassen sich sehr unterschiedliche Wahrnehmungen herauslesen. Im Folgenden soll eine Auswahl dessen genauer betrachtet werden.

2007 sorgte die traditionell als politisch eher links geltende taz für Unmut in manchen Kreisen der linken Szene als sie in einem Artikel den Mythos Che angriff und charakterliche Schwächen des gebürtigen Argentiniers aufdeckte: „Wenn Menschen zu Mythen werden, ist es besser, man weiß nicht zu viel über sie. Sie werden sonst entzaubert und wieder zu Menschen“[41] heißt es dort. So sei er „eitel, launisch und autoritär [gewesen]. Ein ungepflegter Macho, der sich nur sehr selten wusch. Er konnte ungerecht sein und brutal und hatte bisweilen rassistische Ausfälle“[42]. So seien seine Tätigkeiten in Krankenhäusern auf seiner berüchtigten Reise durch Lateinamerika lediglich Geldmangel und nicht etwa sozialem Engagement geschuldet; der Job als Trainer und Torwart einer Fußballmannschaft in Kolumbien, den er mit viel Selbstverliebtheit und Einsatz bestritten habe, hätte ihm viel besser gefallen. Als Guerillero habe er später vornehmlich mit Kindersoldaten gekämpft, seinen afrikanischen Mitkämpfern im Kongo – obwohl er sie nicht verstehen konnte – Ignoranz und kleinliche Mentalität attestiert und sich bei Hinrichtungen vorgedrängelt. Seine Fokustheorie sei maßloser Selbstüberschätzung entsprungen[43]. Der Artikel schließt mit dem Bildnis von Guevara als „Marlboro-Mann der Linken“[44], also einer Werbefigur, die relativ inhaltslos Freiheit symbolisiert und die durch das umkam, was sie bewarb.

Auch der Ende der 1960er radikalisierte Student und einstige Kommunist Gerd Koenen entzaubert mit seinem Werk „Traumpfade der Weltrevolution“ den Mythos Che Guevara, wenngleich dies nicht sein Anliegen war, sondern vielmehr die ernsthafte und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der historischen Figur Ernesto Guevara[45].

Er stellt fest: „Alle sind tot: die roten Väter und Überväter, mit denen wir neu getauften Linken des Jahres 1968 noch auf so vertrautem Fuße gestanden […] haben. Nur Bruder Che lebt. Mehr noch: Er führt ein Second Life als Widergänger seiner selbst, als eine fast zeitlos gewordene Kultfigur, deren Astralleib sich von der historischen Person weitgehend gelöst hat […]“[46].

Koenen sieht den Anfang der Entstehung dieses „Astralleibs“ in der „frappierenden Leichtigkeit der kubanischen Revolution“[47], die sich zwar aus den besonderen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Kubas der späten 1950er Jahre ergab, die sich oberflächlich und romantisierend aber als ein Sieg Davids gegen Goliath, als Beweis für Guevaras revolutionäre Fokustheorie deuten ließ. Verstärkend wirkte Guevaras Erscheinungsbild: „[…]man ist bei Che […] in der auratischen Sphäre eines Starkults und Sexappeals, der zuweilen auf beide Geschlechter gleichermaßen wirkt und dem sich auch der nüchternste Geist oder wütendste Homophobe nicht völlig entziehen kann“[48], was Koenen mit einigen Zitaten zu belegen weiß[49]. Doch das überhöhte Bild vom „vollkommensten Mann seiner Zeit“[50], vom „edlen Wilden“[51] speist sich zudem aus dem Guevara eigenen „Flair des Intellektuellen“[52], seinem gleichermaßen sozialistisch-vorbildlichen Arbeitseinsatz[53] und ganz wesentlich aus dem frühen Märtyrertod, den Guevara „gerade früh genug, um der Forderung Die young! […] zu genügen“[54] starb, denn „ein Sieg ist weltlich, eine Niederlage ist heilig“[55].

In der historischen Person Ernesto Guevara kann Koenen wenig Heiliges finden. Besonders mit Blick auf den Umgang mit den batistianos nach der kubanischen Revolution sieht er Guevara in einer Reihe mit dem skrupellosen Tscheka-Gründer Felix Dserschinski und zieht gar gewisse Parallelen zu dem „globalen Djihad eines Bin Laden“[56] [57]. Aus zahlreichen Notizen und Schriften Guevaras gewinnt Koenen den Eindruck von einem eigenbrötlerischen Stalinisten mit „apokalyptischen Todes- und Gewaltfantasien, die eher an einen mittelalterlichen Mystiker und Aufrührer erinnern als an einen modernen Revolutionär“[58], der sich, ganz in seiner eigenen Welt lebend, als neuer Don Quijote begriff[59]. In der Tat lassen manche Dokumente Guevaras auf einen gewissen, krankhaft anmutenden Hang zur Gewalt schließen[60].

Die Welt stieg nach der Veröffentlichung von Koenens Werk in seinen Tenor ein und verschärft ihn sogar. Guevara sei ein selbstsüchtiger Gewaltneurotiker, ein „im Grunde genommen Unzurechnungsfähige[r]“[61] gewesen, dem soziales Unrecht und gesellschaftliche Entwicklungen gänzlich egal gewesen seien und dem „faschistoide Faszination totaler Macht“[62] zu attestieren seien. Demgegenüber sagt Taibo über den Januar 1959 auf Kuba nach Batistas Sturz: „Che ist in die zweite Reihe verbannt worden. Er will allerdings auch gar nicht in der ersten stehen, er hat keinen Hang zur Macht, keinen Willen zur Macht"[63].

In einem weiteren, sehr kritischen welt-artikel wird er als „todessüchtiger Doktrinär, der Stalin verehrte“[64] betitelt. Zudem wird prognostiziert, dass, trotz aller negativen Wahrheiten über ihn, Guevara auch in Zukunft weiter verehrt und heroisiert werden wird:

„Linke verbinden mit seiner Legende die Illusion, es habe doch einmal eine reine, unbefleckte Variante eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz gegeben. Diese Illusion wollen sie sich um keinen Preis verderben lassen. Und die moderne Mediengesellschaft insgesamt braucht den Glauben an ins Überirdische entrückte Idole als Religionsersatz. Che wird deshalb als kollektives Phantasma weiterleben“[65].

Bereits 2003 beleuchtet der stern in einem Artikel die vielseitige und teils eindimensionale Wahrnehmung und Verwendung Guevaras („Palästinenser demonstrieren unter seiner Flagge, im Westjordanland hängt sein Bild an der Wand eines jüdischen Kibbuz, und die Kirche kämpft in England mit einem Guevara-Plakat um neue Christen“[66] ) und von dessen Symbolträchtigkeit, die einige inhaltliche Makel – wobei in dem Artikel weder Zwangslager, Stalin-Verehrung oder fragwürdige Aussagen Guevaras als Makel aufgegriffen und kritisiert werden – ohne Weiteres kaschiert, so dass auch selbst ernannte Pazifisten ihn bewundern und ob seines unbedingten Willens sein Bild auf Demos tragen[67].

Der US-amerikanische Schriftsteller Paul Berman kritisiert entschieden den Kult um Guevara. Er werde als Freiheitssymbol gefeiert, obwohl er ein Gegner der Freiheit gewesen sei, was sich speziell durch sein Lagersystem auf Kuba nachweisen lasse, in dem nicht nur Dissidenten, sondern auch Homosexuelle und AIDS-Kranke eingekerkert worden seien[68] [69].

Sein Beispiel inspirierte ferner zehntausende junge Lateinamerikaner, die in der Folge nichts außer weiterer tausender Tote erreicht hätten. Berman echauffiert sich regelrecht über die romantisierende, eindimensionale und unrealistische bzw. nicht wahrheitsgetreue Darstellung des Spielfilms „Motorcycle Diaries“, die die unreflektierte Verehrung von Guevara und die Verdrängung all seiner schrecklichen Taten weiter zementiere[70].

Die Arbeitslager auf Kuba, beispielsweise Guanahacabibes, wo Guevara allerdings selbst oftmals im Rahmen freiwilliger, sonntäglicher Arbeitseinsätze die Tätigkeiten mit den Bestraften bewältigte, wurden mit den Konzentrationslagern Nazi-Deutschlands und den Gulags der Sowjetunion verglichen und galten Kritikern der Kubanischen Revolution als Ausweis deren totalitären Wesenszügen.

Der vielzitierte Che-Biograph Taibo zeichnet mit Hilfe von Guevara-Zitaten ein weitaus gemäßigteres Bild: Zwar war Guanahacabibes wahrlich ein Zwangsarbeitslager, die Arbeit sei hart, aber nicht bestialisch gewesen und die zwischen einigen Wochen und mehreren Monaten Bestraften kehrten nach Verbüßung der Strafe rehabilitiert, revolutionär gestärkt und nicht etwa verbittert in ihre Heimatorte zurück[71].

Insgesamt hat man bei Taibo manchmal das Gefühl, er sei auf dem linken Auge blind oder er bewerte zumindest manche Eigenschaften Guevaras sehr naiv, beispielsweise wenn er nach Guevaras gewaltverherrlichendem Brief von einem „Abenteurer-Beobachter“[72] spricht oder vom „amourösen Problem“[73] eines Revolutionärs an Stelle der Bestrafung eines Homosexuellen ob seiner sexuellen Orientierung. Zudem kaschiert er Guevaras Stalin-Verehrung durch das Verschweigen wichtiger Informationen.

Auf den letzten Seiten seines Werks kann Taibo sich dann auch nicht mehr zurückhalten und schwärmt von „Ches Ruhmestaten“[74] und geht noch weiter in seiner Verehrung: „Im Zeitalter des Schiffbruchs ist er [Guevara] unser weltlicher Heiliger“[75]. Meines Erachtens lässt diese persönliche Nähe Taibos zu Guevara einige positive Darstellungen über den Revolutionär zumindest in einem fragwürdigen Licht erscheinen.

2.4 Rezeption in Werbung und Merchandise

Dass Werbung Personen und Sachverhalte instrumentalisiert um bestimmte Produkte anzupreisen liegt in der Natur der Sache. Einen Kapitalismuskritiker, der keinen großen Wert auf materielle Güter legt, dafür zu nutzen scheint jedoch selbst für die Werbeindustrie gewagt, aber Glaubwürdigkeit wird zu Gunsten von Ironie oft vernachlässigt bzw. erst dadurch scheinbar erreicht. So lässt sich der tote Berufsrevolutionär mittlerweile in zahlreichen Werbespots und auf unzähligen Produkten finden, auf die es sich lohnt, einen genaueren Blick zu werfen.

[...]


[1] Vgl. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,480241,00.html.

[2] Vgl. http://www.schickeria-muenchen.org/index.php?id=278.

[3] Vgl. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,394248,00.html.

[4] Vgl. http://www.taz.de/?id=start&art=5721&id=koepfe-artikel&src=HL&cHash=c36acdc6f7.

[5] Vgl. http://www.antifa.de/cms/index.php?searchword=guevara&option=com_search&Itemid=.

[6] http://www.antifa.de/cms/content/view/1169/32/.

[7] http://www.antifa.de/cms/content/view/813/93/.

[8] Vgl. http://www.antifa-versand.de.

[9] Unter anderem dadurch, dass der rechtskräftig verurteilte Holocaustleugner David Irving verteidigt und geehrt wird, lässt sich eine geschichtsrevisionistische und rechtsextreme Gesinnung attestieren.

[10] Vgl. http://antiantifa-usa.blogspot.com/2008/08/we-are-here-we-are-everywhere.html.

[11] http://antiantifa-usa.blogspot.com/2008/11/che-guevara-communist-hero-racist-mass.html.

[12] vgl. Anderson, Jon Lee : Che Guevara. A revolutionary Life, New York 1997, S. 92.

[13] Des Weiteren kritisierte Guevara kurze Zeit nach diesem Tagebucheintrag die Diskrimierung von Schwarzen durch Weiße in den USA sehr scharf; vgl. dazu: Anderson, S. 94.

[14] Vgl. Niess, Frank: Che Guevara, Reinbek 2003, S. 66-67.

[15] Niess, S. 67.

[16] Ebenso die Erschießung des Verräters Eutimio Guerra, die Castro dem Guerillero Universo Sánchez auferlegte, die Guevara jedoch kurzer Hand und freiwillig selbst übernahm. Vgl. hierzu: Taibo II, Paco Ignacio: Che. Die Biographie des Ernesto Guevara, Hamburg 1997, S. 131-132.

[17] Taibo, S. 283.

[18] Vgl. ebd. 282-283.

[19] http://antiantifa-usa.blogspot.com/2008/11/che-guevara-communist-hero-racist-mass.html.

[20] Vgl Niess, S. 67.

[21] http://antiantifa-usa.blogspot.com/2008/11/che-guevara-communist-hero-racist-mass.html.

[22] Vgl. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,480241,00.html.

[23] Vgl. ebd.

[24] Vgl. hierzu: http://afaarea.blogsport.de/images/neonazisinneuemgewand.pdf.

[25] Vgl. dazu u.a. Taibo, S. 465: „Infantilismus der Kongolesen“. Der vermeintliche Rassismus Guevaras wird weiter unten noch stärker thematisiert.

[26] Vgl. hierzu: Niess, Frank: Che Guevara, Reinbek 2003, S. 74 und S. 86.

[27] Vgl. http://blog.nrwspd.de/2007/06/28/rote-socken-kampagne-teil-3-oder-weg-mit-che/.

[28] Ebenda.

[29] Ebenda.

[30] Vgl. ebenda.

[31] Vgl. http://www.tagesspiegel.de/berlin/junge-union-ernennt-che-guevara-zum-ehrenmitglied/455770.html.

[32] Vgl. ebd.

[33] Vgl. dazu auch: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,366931,00.html.

[34] http://www.abendblatt.de/hamburg/kommunales/article1425688/Hamburgs-Junge-Liberale-und-der-Che-Guevara-Skandal.html.

[35] Ebd.

[36] Ebd.

[37] Vgl. dazu u. a. Taibo, S .50 und Anderson, S. 167.

[38] Vgl. dazu: Castañeda, Jorge G.: The Life and Death of Che Guevara, New York 1998, S. 181.

[39] Vgl. https://shop.die-linke.de/index.php?cat=KAT07&product=P000044&sidAF2B543A191444BAB0B07911F2AC9069=c45154e5f57a9e7a7fe92d59ea03f7a9.

[40] Vgl. https://shop.die-linke.de/index.php?cat=KAT07&product=P000040.

[41] http://www.taz.de/?id=start&art=5721&id=koepfe-artikel&src=HL&cHash=c36acdc6f7.

[42] Ebd.

[43] Vgl. ebd.

[44] Ebd.

[45] Vgl. hierzu: Koenen, Gerd: Traumpfade der Weltrevolution. Das Guevara-Projekt, Köln 2008.

[46] Koenen, S. 545.

[47] Ebd.

[48] Ebd., S. 546.

[49] Vgl. ebd.

[50] Jean-Paul Sartre zitiert nach Niess, S. 7.

[51] Koenen, S. 545.

[52] Ebd., S. 546.

[53] Vgl. hierzu die Darstellung Guevaras Einsatz bei der Zuckerrohrernte bei Taibo, S. 379-382. Bei taibo finden sich zudem nahezu unzählige Beispiele für die unermüdliche Motivation, mit der Guevara in den verschiedensten Fabriken und Werken, ja sogar Arbeitslagern unter der Woche und an Wochenenden zur Arbeit antrat und von allen Mitgliedern des Industrieministeriums zumindest einmonatige Arbeitseinsätze in den ihn unterstellten Fabriken forderte "um zu sehen, wie diese Dinge ablaufen, die du jeden Tag unterschreibst"; Taibo, S. 407; Anderson spricht davon, dass Guevara normalerweise 18-20 Stunden an sechs Tagen der Woche arbeitete und sonntags zur Freiwilligenarbeit ging; Anderson, S. 624-25.

[54] Koenen, S. 548.

[55] Paul Berman zitiert nach Koenen, S. 549.

[56] Koenen, S. 9.

[57] Vgl. hierzu auch: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,394248,00.html.

[58] Koenen, S. 13-14.

[59] Vgl. Koenen, S. 23-28.

[60] Im Juli '54 schreibt Guevara unter dem Eindruck der US-amerikanischen Bombardierungen Guatemalas seiner Mutter: "Mit einer gewissen Scham teile ich Dir mit, daß ich mich in diesen Tagen köstlich amüsiert habe. Dieses magische Gefühl der Unverletztbarkeit [...] bewirkte, daß ich Geschmack daran fand, wenn ich die Leute wie Verrückte wegrennen sah, kaum daß sie ein Flugzeug gesehen hatten; oder nachts während der Verdunkelung, wenn der Lärm von Schießereien die Stadt erfüllte. Ganz nebenbei kann ich Dir mitteilen, daß der Beschuß aus der Luft Respekt einflößt", Taibo, S. 61.

[61] http://www.welt.de/kultur/article2718714/Che-Guevara-wollte-die-Waffen-in-Blut-tauchen.html.

[62] Ebd.

[63] Taibo, S. 280.

[64] http://www.welt.de/politik/article1240245/Die_Wahrheit_ueber_ein_Emblem_der_Moderne.html.

[65] Ebd.

[66] http://www.stern.de/politik/geschichte/che-guevara-revolutionaer-und-popstar-505241.html.

[67] Ebd.

[68] http://www.slate.com/id/2107100/.

[69] Taibo dazu verharmlosend: Francisco Martínez Pérez, Leiter der Kommunistischen Jugend wurde "wegen eines amourösen Problems [...] mit sechs Monaten bestraft worden", S. 397.

[70] Vgl. http://www.slate.com/id/2107100/.

[71] Vgl. Taibo, S. 396-397.

[72] Taibo, S. 61.

[73] Ebd., S. 397.

[74] Ebd., S. 608.

[75] Ebd., S. 609.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Rezeption von Che und Guevara
Untertitel
Eine Überblicksdarstellung zur Wahrnehmung von Bild und Person Ernesto Guevaras
Hochschule
Universität Hamburg  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
54-336 Hauptseminar NZ: Che Guevara, 1928 - 2010
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V181538
ISBN (eBook)
9783656064077
ISBN (Buch)
9783656064114
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezeption, guevara, eine, überblicksdarstellung, wahrnehmung, bild, person, ernesto, guevaras
Arbeit zitieren
Robert Pilgrim (Autor), 2011, Rezeption von Che und Guevara, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181538

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rezeption von Che und Guevara


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden