Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, festzustellen, ob âDas Parfumâ damit tatsächlich als kritische Infragestellung der modernen Prämissen zu verstehen ist oder ob Süskind möglicher-weise ein völlig anderes Ziel verfolgt haben könnte. Es soll analysiert werden, inwieweit der Roman den Motiven und MaÃgaben der postmodernen Literatur entspricht und ob seine offenkundigen Anspielungen auf Huysmans. âBibel der Décadenceâ, insbesondere der Rück-griff auf den dekadenten Ãsthetizismus, als parodistische Wiederaufnahme vergangener, moderner Prämissen gedeutet werden können â ein Darstellungsverfahren, das wie zuvor er-wähnt als charakteristisch für den postmodernen Roman bezeichnet wird.31 Der Fokus der textanalytischen Untersuchung wird auf die beiden Kunstfiguren Des Esseintes und Grenouille gerichtet, die gegenübergestellt und deren zentrale Gemeinsamkeiten auf-gezeigt werden sollen. Das Hauptaugenmerk wird dabei auf die literarische Darstellung des Ãsthetizismus gelegt, da dieser für beide Figurenkonzeptionen eine entscheidende Rolle spielt und zudem eine auffällige Verbindungslinie zwischen Huysmans
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Décadence des Fin de Siècle – eine literarische Strömung zwischen Endzeitstimmung und Zukunftseuphorie
2.1. Zeitgeschichtlicher Hintergrund
2.2. Literarische Merkmale und Motive
2.2.1. Degeneration und Verfall
2.2.2. L’art pour l’art – Ästhetizismus als neuer Lebenskult
2.2.3. Der isolierte „Dandy“ – Dekadente Ästhetizisten am Rande der Gesellschaft
3. Das Zeitalter der Postmoderne
3.1. Zeitgeschichtliche Einordnung
3.2. Die Literatur der Postmoderne – Zentrale Kennzeichen und Motive
3.3. „Das Parfum“ und die Spuren des Ästhetizismus – Süskinds Grenouille und Huysmans’ Des Esseintes im Vergleich
3.3.1. Die dekadenten Ästhetizisten im „flüchtigen Reich der Gerüche“
3.3.2. Die isolierten Sonderlinge zwischen Narzissmus und Lebenskrise
4. Der dekadente Ästhetizist im Fin de Millénaire – eine postmoderne Parodie?
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarischen Bezüge zwischen Joris-Karl Huysmans' "Gegen den Strich" und Patrick Süskinds "Das Parfum", um zu analysieren, ob letzterer Roman als postmoderne Parodie auf den dekadenten Ästhetizismus des Fin de Siècle zu verstehen ist.
- Analyse des Fin de Siècle als literarische Epoche
- Charakterisierung des Ästhetizismus und des Dandy-Motivs
- Gegenüberstellung der Protagonisten Jean Floressas Des Esseintes und Jean-Baptiste Grenouille
- Untersuchung der Bedeutung des Ästhetizismus in der postmodernen Literatur
Auszug aus dem Buch
3.3.1. Die dekadenten Ästhetizisten im „flüchtigen Reich der Gerüche“
Im Abschnitt 2.2.2. wurde Huysmans’ Des Esseintes und dessen Verkörperung des Ästhetizismus bereits vorgestellt. Es wurde festgehalten, dass es sich bei Huysmans’ Protagonisten um den Inbegriff eines dekadenten Ästhetizisten handelt, der seine hypersensible Sinneswahrnehmung nutzt, um sich mithilfe der Kunst in alternative Traumwirklichkeiten zu flüchten. Die Welt, die sich Des Esseintes während seines von der Wirklichkeit isolierten Daseins errichtet, ist einzigartig, extravagant und vor allem ist es eine künstliche Welt. Die Beschäftigung mit auserlesenen Werken der dekadenten lateinischen Literatur und die Betrachtung kostbarer Gemälde versetzen Des Esseintes immer wieder in halluzinatorische Rauschzustände. Im zehnten Kapitel aus „Gegen den Strich“, das den für die vorliegende Untersuchung bedeutsamsten Abschnitt darstellt, wird jedoch deutlich, dass es vor allem auch Düfte sind, an denen sich Des Esseintes berauscht.
Eingeführt wird dieses Kapitel mit einem vom Protagonisten wahrgenommenen Geruch, der ihn permanent verfolgt und geradezu belästigt. An jenem Tag wird Des Esseintes klar, dass er den anfänglichen Glauben, von seiner Nervenkrankheit genesen zu sein, wieder verwerfen muss: [...] ohne daß er es sich hätte erklären können, warum, erwachte Des Esseintes eines schönen Morgens und war völlig gesund; kein Husten mehr, der ihn zerriß, keine Keile mehr, die ihm mit Holzhammerschlägen in den Nacken getrieben wurden, nur noch ein unaussprechliches Wohlgefühl [...]. Dieser Zustand währte einige Tage; dann traten eines Nachmittags unvermittelt Geruchshalluzinationen auf. [...] Er läutete seinem Diener: „Riechen Sie nichts?“ fragte er. Der andere sog schnüffelnd die Luft ein und erklärte, keine einzige Blume zu schnuppern: es bestand kein Zweifel: die Neurose war wieder einmal ausgebrochen [...].
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Epoche des Fin de Siècle ein, definiert den Begriff und beleuchtet das ambivalente gesellschaftliche Krisenbewusstsein um 1900.
2. Die Décadence des Fin de Siècle – eine literarische Strömung zwischen Endzeitstimmung und Zukunftseuphorie: Dieses Kapitel beschreibt den historischen Kontext sowie die zentralen literarischen Motive wie Degeneration, den Ästhetizismus als neuen Lebenskult und die Rolle des Dandys.
3. Das Zeitalter der Postmoderne: Hier wird die Postmoderne als zeitgeschichtliche Epoche eingeordnet und ihre Ästhetik des Spielerischen sowie das Heldenbild der Boulevardepoche analysiert, wobei insbesondere der Vergleich zwischen Des Esseintes und Grenouille gezogen wird.
4. Der dekadente Ästhetizist im Fin de Millénaire – eine postmoderne Parodie?: Dieses Kapitel hinterfragt die Funktion der Anspielungen Süskinds auf den Ästhetizismus und diskutiert, inwiefern der Roman als kritische Parodie auf die postmoderne Gesellschaft dient.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass Süskind den dekadenten Ästhetizismus radikalisiert und "Das Parfum" als Antwort auf die postmoderne Gesellschaft zu verstehen ist, in der der künstlerische Feingeist durch Narzissmus und Substanzlosigkeit ersetzt wurde.
Schlüsselwörter
Fin de Siècle, Postmoderne, Décadence, Ästhetizismus, Dandy, Jean-Baptiste Grenouille, Jean Floressas Des Esseintes, Patrick Süskind, Joris-Karl Huysmans, Narzissmus, Parodie, Literaturwissenschaft, Moderne, Künstlichkeit, Geruchssinn.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die literarischen Verbindungslinien zwischen der frühen Moderne (Fin de Siècle) und der Postmoderne am Beispiel der Romane "Gegen den Strich" von Joris-Karl Huysmans und "Das Parfum" von Patrick Süskind.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die literarische Strömung der Décadence, das Konzept des Ästhetizismus, die Figur des Dandys sowie die Merkmale der postmodernen Literatur wie Ironie und Parodie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist festzustellen, ob Süskinds Roman "Das Parfum" als parodistische Wiederaufnahme moderner Prämissen oder als kritische Auseinandersetzung mit der postmodernen Gesellschaft zu deuten ist.
Welche wissenschaftliche Methode findet Anwendung?
Es handelt sich um eine textanalytische Untersuchung, die beide Werke vergleicht und in ihren historisch-sozialen Kontext einbettet.
Welche Aspekte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kunstfiguren Des Esseintes und Grenouille, ihre Lebensentwürfe im künstlichen Paradies sowie ihre jeweiligen Konzepte von Ästhetik, Narzissmus und Isolation.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Ästhetizismus, Décadence, Postmoderne, Narzissmus, Künstlichkeit, Identitätslosigkeit und Parodie.
Inwiefern spielt der Geruchssinn in beiden Romanen eine zentrale Rolle?
Für beide Protagonisten ist der Geruchssinn ein existenzielles Werkzeug, um die Realität zu filtern, alternative künstliche Welten zu erschaffen und ihre Isolation zu kultivieren.
Was schlussfolgert die Arbeit über die Parodie-Funktion in Süskinds Roman?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Süskind nicht den Ästhetizisten des 19. Jahrhunderts selbst parodiert, sondern den in der Postmoderne verkommenen, erfolgssüchtigen Narzissten kritisiert.
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- Christina Klemke (Author), 2011, Der dekadente Ästhetizist in der Literatur des Fin de Siècle und seine Wiederkehr im Fin de Millénaire - eine postmoderne Parodie?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181549