Kleists "Penthesilea" aus der Sicht Christa Wolfs und Jochen Schmidts

Ein Vergleich zweier unterschiedlicher Deutungen


Hausarbeit, 2011
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Penthesilea - Entstehung, Veröffentlichung, Uraufführung und zeitgenössische Reaktionen

3 Die geistesgeschichtliche Literaturwissenschaft und die Problemgeschichte
3.1 Ein allgemeiner Exkurs zur Definition
3.2 Die Interpretation Jochen Schmidts

4 Die feministische Literaturwissenschaft und die Gender studies
4.1 Ein allgemeiner Exkurs zur Definition
4.2 Die Interpretation Christa Wolfs in direktem Vergleich zu der von Schmidt

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Penthesilea ist neben Familie Schroffstein das zweite Trauerspiel des deutschen Dramatikers, Dichters und Erzählers Heinrich von Kleist, dessen Publikationen zum Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Reihe kontroverser Diskussio- nen unter seinen Zeitgenossen auslöste.1 Das Drama thematisiert in insgesamt 24 Auftritten den antiken Stoff der Amazonenkönigin Penthesilea, ihrem Volk, den Amazonen, und dem Griechenhelden Achill sowie weiterer Griechen zur Zeit des Trojanischen Krieges. Eine den Gesetzen der Völker nach verbotene Liebe zwischen beiden führt während des Kriegs um Troja in einem Massaker zum Tod Achills durch die Hand Penthesileas. Der beschriebene Kannibalismus der Amazonenköni- gin, als resultierende Handlung aus einer Situation heraus zwischen Liebe und Ge- setzen, die diese Liebe verbieten, führt aufgrund seiner Grausamkeit zu allgemeiner Ablehnung des Stückes im 19. Jahrhunderts.

Thema dieser Hausarbeit ist der Vergleich zweier Interpretationen des Dramas. Da- bei mache ich zunächst einen kurzen Exkurs über die Entstehung des Werkes, seine ersten Publikationen und die kontroversen Reaktionen der Zeitgenossen Kleists. An- schließend betrachte ich eine problemgeschichtliche Deutung des Germanisten und Literaturwissenschaftlers Jochen Schmidt, dessen Habilitation Heinrich von Kleist zum Thema hat; dabei gehe ich auch auf die Besonderheiten der Problemgeschichte sowie der Geistesgeschichte ein. Im Anschluss ziehe ich einen Vergleich zu einer feministischen Interpretation der Schriftstellerin Christa Wolf, die in ihrer Erzählung Kassandra2 ebenfalls den antiken Stoff des Trojanischen Krieges verwendet. Ent- sprechend der antiken, schriftlichen Vorlagen über den Krieg um Troja - insbesonde- re des Epos Ilias von Homer3 - kommt es auch in Kassandra zu einem Kampf zwi- schen dem griechischen Helden Achill und der Amazonenkönigin Penthesilea, die bei ihrem Volk Schande auf sich geladen hat und nun den Tod im Kampf sucht.4 Dieser Tod wird ihr - anders als in Kleists Darstellung - in Kassandra gewährt. An- schließend wird ihr Leichnam von Achill, der in Wolfs Erzählung durchgehend als animalisch, brutal und sadistisch dargestellt wird, geschändet.5 Anders als in Kleists Darstellung zeugen die altertümlichen Quellen von keiner komplexen Liebesbezie- hung der beiden; erst im Moment von Penthesileas Tod entdecken beide ihre Liebe für den anderen und Achill hält den leblosen Körper der Amazone noch lange Zeit in Armen.6 Der Gegenüberstellung beider Analysen schicke ich einen kurzen, definito- rischen Einstieg in das Thema der feministischen Literaturwissenschaften und der Gender studies voraus. Abschließend ziehe ich ein persönliches Fazit, in dem ich erläutere, welche der beiden Interpretationen mir plausibler erscheint und warum.

2 Penthesilea - Entstehung, Veröffentlichung, Uraufführung und zeitgenössische Reaktionen

Die Entstehung des Dramas Penthesilea hatte ihren Ursprung im Sommer 1806. Der zu diesem Zeitpunkt 28-jährige Heinrich von Kleist befand sich in Königsberg, wo er unter anderem den Zerbrochenen Krug vollendete, das Manuskript zum Lustspiel Amphytryon entwarf und noch vor seinem ungewollten Weg als Gefangener nach Frankreich das Manuskript zur Erzählung Erdbeben in Chili an Freunde weiterreich- te.7 Trotz dieser äußerst produktiven Zeit in Königsberg machte sich Heinrich von Kleist im Januar 1807 auf den Weg nach Berlin;8 seine Reise endete jedoch in fran- zösischer Gefangenschaft, da man ihm Spionage zum Vorwurf machte.9 Doch auch diese Zeit nutzte Kleist, an seinem Trauerspiel weiterzuarbeiten und konnte somit Penthesilea bereits im Spätherbst 1807 fertigstellen, nachdem er im Juli desselben Jahres aus der Gefangenschaft entlassen worden und nach Dresden gereist war.10

Erstmalig publiziert wurde ein Teil des Textes Penthesilea, versehen mit diversen Anmerkungen seines Verfassers, Anfang 1808 im ersten Heft des Ph ö bus - Ein Journal f ü r die Kunst,11 einer Zeitschrift, die von Heinrich von Kleist und Adam Müller im Jahr 1808 herausgegeben wurde und insgesamt zwölf Ausgaben umfasst.12 Die erste vollständige Veröffentlichung des Dramas in Buchform wollte Kleist im Selbstverlag drucken lassen, musste jedoch aufgrund finanzieller Einschränkungen umschwenken und wandte sich an den Verleger Johann Friedrich Cotta.13 Eine erste Aufführung erlebte Penthesilea wenige Monate vor Kleists Tod im April 1811 in Berlin in pantomimischer Form mit Erläuterungen der Handlung. Erst 1876 gab es eine tatsächliche Uraufführung des bearbeiteten Stückes, ebenfalls in Berlin.14

Zeitgenossen nahmen Kleists Werk nur wenig und mit großer Skepsis an. Viele drückten ihr Entsetzen über die schaurigen Szenen aus und bezeichneten Penthesilea als ein „seltsames Ungeheuer“.15 Kleist selbst schickte Johann Wolfgang von Goe- the, der mit seinem Drama Iphigenie auf Tauris16 ein weitaus weniger groteskes, fast schon harmonisches Bild der Antike geliefert hatte, bereits am 24. Januar 1808 das vollständige Werk mit den berühmten Worten: „Es ist auf den ‚Knieen meines Her- zens‘ daß ich damit vor Ihnen erscheine“.17 Dieser reagierte zwar sachlich- distanziert, machte aber seine Ablehnung Kleists Drama gegenüber unmissverständ- lich deutlich mit den Worten: „Mit der Penthesilea kann ich mich noch nicht an- freunden. Sie ist aus einem so wunderbaren Geschlecht und bewegt sich in einer so fremden Region daß ich mir Zeit nehmen muss mich in beide zu finden.“18

3 Die geistesgeschichtliche Literaturwissenschaft und die Prob- lemgeschichte

3.1 Ein allgemeiner Exkurs zur Definition

Ein erstes Auftauchen des Begriffs der Geistesgeschichte fand 1812 in einer Litera- turvorlesung des Philosophen und Schriftstellers Friedrich Schlegel statt. Im 19. Jahrhundert war jedoch die naturwissenschaftliche die führende Forschungsmethode aller Wissenschaften - ein Echo der Aufklärungszeit. Wilhelm Dilthey, deutscher Philosoph und Psychologe, forderte jedoch eine Abgrenzung der Geisteswissenschaf- ten von den Naturwissenschaften und postulierte die Differenzierung, Naturwissen- schaften befassen sich mit materiellen Dingen, während die Geisteswissenschaften wesentlich schwieriger zu erklärende Phänomene des Menschseins behandeln. Des Weiteren wird das Verstehen zum Aufgabengebiet der Geisteswissenschaften dekla- riert; im Gegensatz dazu ist das Erklären der Auftrag der Naturwissenschaften.19 Ei- ne Ausrichtung der geistesgeschichtlichen Literaturwissenschaft findet sich in der problemgeschichtlichen. Begründet von Rudolf Unger und Walter Rehm diskutiert die Problemgeschichte in der Literatur psychische, menschliche Probleme und ihre seelischen Ursachen.20

3.2 Die Interpretation Jochen Schmidts

Ein Beispiel für eine problemorientierte Textanalyse liefert Jochen Schmidt in sei- nem Buch Heinrich von Kleist: Die Dramen und Erz ä hlungen in ihrer Epoche zum Drama Penthesilea, indem er analytisch den psychischen Konflikt der Protagonistin Penthesilea beleuchtet, die zwischen ihrer Liebe dem Griechenhelden Achill gegen- über und den strengen Amazonengesetzen, denen sie sich verpflichtet fühlt, steht.

Die dreigeteilte Analyse beginnt mit einer Betrachtung des „Problemgehalt[s] und tragische[n] Konflikt[s]“21 des Dramas. Schmidt erläutert den Konflikt Penthesileas: das Gegenüberstellen von „den Normen der Gesellschaft [und] natürlichen Gefühlen“.22 Er spricht Kleist eine negative Einstellung der Gesellschaft gegenüber zu und begründet und veranschaulicht Penthesileas Konflikt wie folgt:

„Weil sie die gesellschaftlichen Normen im Zuge des Sozialisationsprozesses internalisiert haben, können sie diese nicht als falsche Normen erkennen und abschütteln, oder sie können erst, wenn es zu spät ist, an ihrer eigenen Lebens- katastrophe begreifen, daß es sich um fragwürdige Normen handelte.“23

Als repräsentierende Szenen des Konflikts benennt Schmidt die ersten Auftritte der Amazonen in den Szenen fünf bis acht, während er der neunten Szene eine besondere Relevanz zuspricht, da diese Szene den Bruch mit dem Amazonengesetz verdeutli- chen soll, indem Penthesilea mit Achill eine individuelle Liebeswahl trifft und ihrem Herzen folgen möchte; weiterhin betont Schmidt, dass dieser Gesetzesbruch schon einen weiter zurückliegenden Ursprung habe, da Otrere, die Mutter Penthesileas, schon an ihrem eigenen Sterbebett ihrer Tochter Achill als zukünftige Liebe prophe- zeit hat.24

Im zweiten Teil seiner Deutung legt Schmidt seinen Fokus auf die Figur der Ober- priesterin, Penthesileas Einstellung zum Gesetz der Amazonen und die 15. Szene, die seiner Meinung nach die Schlüsselszene des gesamten Dramas ist.25 Unter der Über- schrift „Penthesileas Sakralisierung des Amazonengesetzes“26 analysiert Schmidt das Verhalten der Amazonen und beschreibt ihre Traditionen - insbesondere das Entfer- nen der linken Brust und das Verbot der Liebeswahl - als naturwidrig und „Denatu- rierung“.27 Auch der Grund, weshalb die Amazonen die Gesetze so in Ehren halten, erhält von Schmidt ein abwertendes Urteil; die Tatsache, dass das Amazonenvolk die Gesetze wegen ihres Alters und ihrer langjährigen Tradition als heilig betrachten, ihnen Immunität gegenüber jeglicher Kritik gewähren und sie als allgemein gültig betrachten, bezeichnet Schmidt als falsch und sieht darin den Ursprung für Penthe- sileas Wahn, da die Protagonistin kein Lossagen vom Gesetz als Möglichkeit in Be- tracht ziehen könne.28 Einen weiteren Schwerpunkt legt Schmidt auf die Religions- kritik Kleists in ebendiesem Zusammenhang: Repräsentiert werde in Penthesilea die Rolle der Kirche zum einen in den Gesetzen und zum anderen in Form der Ober- priesterin, die als namenlose Figur kein Individuum darstellt sondern die Institution vertritt. Sie wache über das Wertesystem und besonders in Zusammenhang mit der Bluttat an Achill sieht Schmidt einen bedeutenden Konflikt: Penthesilea, die zwar physisch für die Tat verantwortlich ist, sich jedoch vom System genötigt gefühlt hat, und die Oberpriesterin, die zwar aus ihrer eigenen Sicht keinen Fehler begangen hat, aus objektiver Betrachtungsweise jedoch das herrschende Wertesystem aufrecht er- hält, sehen sich in der Schuldfrage beide als unschuldige Opfer. Diesen psychischen Konflikt der beiden Figuren untermauert Schmidt mit einer Vielzahl aussagekräftiger Zitate.29

[...]


1 Vgl. Nutz (2008), S. 127.

2 Siehe hierzu auch: Wolf, Christa: Kassandra, Neuwied 1983.

3 Zur griechischen Vorlage siehe: Homer: Ilias, übers. von Roland Hampe, Ditzingen 1986.

4 Vgl. Vogt (2009), S. 202.

5 Vgl. Wolf (1983), S. 135.

6 Vgl. Vogt (2009), S. 202.

7 Vgl. Schulz (2007), S. 296.

8 Vgl. ebd., S. 303.

9 Vgl. Nutz (2008), S. 127.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd.

12 Eine digitale Version der Hefte bietet die Universität Bielefeld in ihrer Online-Präsenz: http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufkl/phoebus/index.htm (zuletzt eingesehen am 8.10.2011).

13 Vgl. Nutz, S. 128.

14 Vgl. ebd.

15 Ebd.

16 Siehe: Johann Wolfang von Goethe: Iphigenie auf Tauris. Text und Kommentar. Berlin 2011.

17 Kleist (1808), S. 407.

18 Goethe (1808), S. 410.

19 Vgl. Bluhm (2007), S. 268.

20 Vgl. Schweikle (2007), S. 609. Für weiterführende Literatur zur Problemgeschichte siehe: Rudolf Unger: Literaturgeschichte und Geistesgeschichte. In: Žmegač, Viktor (Hg.): Methoden der deutschen Literaturwissenschaft. Eine Dokumentation. Frankfurt am Main: Athenäum, S. 99-114.

21 Schmidt (2009), S. 116.

22 Ebd., S. 117.

23 Ebd.

24 Vgl. Schmidt (2009), S. 118.

25 Vgl. ebd., S. 119.

26 Ebd.

27 Ebd.

28 Vgl. ebd., S. 120-121.

29 Vgl. ebd., S. 122-123.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Kleists "Penthesilea" aus der Sicht Christa Wolfs und Jochen Schmidts
Untertitel
Ein Vergleich zweier unterschiedlicher Deutungen
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Weiterführendes Proseminar "Lessing, Schiller, Kleist: 3 Dramen, 3 Frauen"
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V181609
ISBN (eBook)
9783656049081
ISBN (Buch)
9783656048671
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kleist, Penthesilea, Christa, Wolf, Jochen, Schmidt, Gender, studies, Geistesgeschichte, Literaturtheorie, Feminismus, feministisch, Interpretation, Problemgeschichte
Arbeit zitieren
Stefan Voßen (Autor), 2011, Kleists "Penthesilea" aus der Sicht Christa Wolfs und Jochen Schmidts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181609

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