Leadership und der Radikale Konstruktivismus

Die Ideen Maturanas im Kontext der Führung


Studienarbeit, 2011
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Wesen radikal-konstruktivistischer Wahrnehmungsmodelle
2.1 Historisch-philosophischer Kontext
2.2 Sozio-kultureller Kontext
2.3 Entscheidungstheoretischer Kontext

3 Maturanas radikaler Konstruktivismus
3.1 Toleranz und Respekt
3.2 Menschenrechte
3.3 Ästhetische Verführung

4 Einfluss radikal-konstruktivistischer Theorien auf das Führungsverhalten
4.1 Konventionelle Führung
4.2 Führung nach Maturanas Modell
4.3 Grenzen und kritische Anmerkungen

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

1 Einleitung

„Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Markus 16, 15 f, Die Bibel, Einheitsübersetzung). Dieser Missionsauftrag des christlichen Religionsstifters war ein Kernstück der damals neuen Religion (Schnabel, 2002). Menschen mussten von der Exklusivität des Heilsanspruches überzeugt werden. „Richtig“ galt dem Christen ausschließlich die eigene Ansicht; andere Standpunkte waren für ihn unhaltbar.

Auch wenn sich die christliche Religion seit wenigen Jahrzehnten in Westeuropa auf dem Rück­zug befindet (Schröder, 2009), bleibt festzuhalten, dass Europa auf gut 17 Jahrhunderte christ­liche Tradition zurückblickt. Die hinter dem Missionsauftrag stehende Philosophie, andere Men­schen aus guter Absicht heraus von der Richtigkeit der eigenen Ansicht überzeugen zu müssen, kann als kulturprägend bezeichnet werden (vgl. auch Duelfer & Joestingmeier, 2011).

Davon ist kein Lebensbereich ausgenommen: Westlich geprägte Fachliteratur zum Thema „Mit­arbeiterführung“ ist bis auf den heutigen Tag häufig erfüllt von der Idee der ziel­gerichteten Einflussnahme auf den Mitarbeiter[1] oder – weniger beschönigend formuliert – von der Frage nach den wirksamsten Manipulationstechniken. In einer Zeit, in der Waren- und Geldströme immer globaler – und damit kulturübergreifend – werden und die Unternehmen sich dieser Herausforderung durch eine zunehmend internationale Vernetzung zu stellen versuchen, er­scheint ein unreflektiertes Beharren auf derartigen Methoden geradewegs anachronistisch.

Diese Arbeit geht der Frage nach, welchen Einfluss moderne Erkenntnistheorien auf den Führungsansatz von morgen haben können. Dabei wird sie sich insbesondere dem radikalen Konstruktivismus aus der Sicht Humberto Maturanas widmen. Kapitel 2 beleuchtet zunächst die Hintergründe radikal-konstruktivistischer Wahrnehmungsmodelle, bevor sich das dritte Kapitel mit führungsrelevanten Denkansätzen Maturanas befasst. Im Anschluss daran wird aufgezeigt, inwieweit diese Erkenntnisse das traditionelle Führungsverständnis verändern können.

2 Das Wesen radikal-konstruktivistischer Wahrnehmungsmodelle

Eine einheitliche Definition des radikalen Konstruktivismus findet sich in der Literatur nicht. Aus diesem Grund wird im Folgenden sein Wesen in historisch-philosophischem, sozio-kulturellem und entscheidungstheoretischem Kontext erläutert.

2.1 Historisch-philosophischer Kontext

Ansätze konstruktivistischer Erkenntnistheorien finden sich bereits in der Antike. Platon (370 v. Chr.) lässt in seinem Höhlengleichnis den Menschen immer höhere Stufen der Erkenntnis er­klimmen, die dieser im jeweiligen Moment der Wahrnehmung hinsichtlich ihrer Objektivität für absolut und damit nicht weiter steigerungsfähig hält. Doch das, was der Mensch als objektive Tatsache wahrnimmt, erweist sich kurze Zeit später als subjektives Gedankenkonstrukt aus Sinnesreizen und bisherigen Erfahrungen.

Dieser Gedanke setzt sich in der Neuzeit bei Kant (1783, S. 62) fort: „Alle unsere Anschauung geschieht aber nur vermittelst der Sinne, der Verstand schauet nichts an, sondern reflectirt nur“. Doch wenn der Mensch – wie Kant damit einräumt – die objektive Realität gar nicht zu erkennen vermag, ist jeder Disput darüber, wessen oder welche wahrgenommene Realität dichter an der objektiven Realität sei, ein hypothetischer.

Die Vertreter des radikalen Konstruktivismus haben die Idee der einen, objektiven Wirk­lichkeit aufgegeben. Wirklichkeit existiert nicht unabhängig von der Person; jeder ist gleichzeitig Gestal­ter und Gestalteter seiner eigenen Realität (von Glasersfeld, 2010). Dabei folgt die Wahrneh­mung dem Prinzip der kognitiven Homöostase: „Das Nervensystem ist so organisiert – oder or­ganisiert sich selbst so –, daß es eine stabile Wirklichkeit errechnet“ (von Foerster, 2010, S. 57).

Damit einher geht die Aufgabe jeglicher objektiven Realität als Bezugsgröße der Wahrnehmung und des Handelns. Diese wird ersetzt durch „die Beziehung zwischen dem Du und dem Ich“ (von Foerster, 2010, S. 59). Die Folge daraus ist ein „Multiversum“ von Realitäten (Maturana, 2008, S. 39), je nachdem, wer gerade mit wem eine kommuni­kative Beziehung eingeht und so Wirklichkeit gestaltet (Watzlawick, 2011). Die „Loslösung von unseren eigenen Wahrnehmun­gen und Werten, um Rücksicht zu nehmen auf Wahrnehmungen und Werte anderer“ wird damit zur ethischen Pflicht (Varela, 2010, S. 309).

2.2 Sozio-kultureller Kontext

Der Blick auf die Welt wird bedeutend durch die Einflüsse des gesellschaftlichen Umfeldes, in dem man aufwächst und lebt, geprägt. So werden Grundannahmen, Werte, Normen, Einstel­lungen und Überzeugungen oftmals unreflektiert hingenommen, ohne zu realisieren, dass für andere Gruppen abweichende Möglichkeiten des Denkens, Fühlens und Handelns als selbstver­ständlich gelten (Kutschker & Schmid, 2011).

Kulturelle Normen geben Orientierung, schaffen Identität und Ordnung in den Zusammen­hängen einer sozialen Einheit und ermöglichen die Integration in diese (Kutschker & Schmid, 2011).

Eine Erklärung für die unterschiedliche Weltanschauung von Individuen bildet die Unterschei­dung in verschiedene Kulturdimensionen. So benennen z. B. Kluckhohn & Strodtbeck (1961) fol­gende Kriterien:

- gute / böse menschliche Natur,
- harmonische / unterwerfende Beziehung des Menschen zur Natur,
- vergangenheits- / gegenwarts- / zukunftsbezogene Zeitorientierung,
- daseins- / handlungsbezogene Aktivitätsorientierung,
- individualistische / kollektivistische Beziehung der Menschen untereinander.

Diese sind in unterschiedlichen Kulturen jeweils anders ausgeprägt: “All alternatives of all solutions are present in all societies at all times but are differentially preferred” (Kluckhohn & Strodtbeck, 1961, S. 10).

Berger & Luckmann (1966) unterscheiden in ihrer konstruktivistischen Definition von Kultur zwischen objektiver (z. B. politische und ökonomische Systeme, Kunst und Landesküche) und subjektiver Kultur (Weltanschauung der Menschen einer Gesellschaft), wobei sich beide Arten von Kultur wechselseitig beeinflussen: Die einzelnen Individuen nehmen die Institutionen der Gesellschaft aus ihrem subjektiven Verständnis und ihren bisherigen Erfahrungen heraus wahr; die Realität wird sozial konstruiert (Bennett & Bennett, 2004).

Damit ist der kulturelle Ausgangspunkt des Individuums maßgeblich entscheidend dafür, was es zu beobachten glaubt und wie es daraus seine Realität gestaltet.

2.3 Entscheidungstheoretischer Kontext

Generelle entscheidungstheoretische Phänomene tragen zusätzlich dazu bei, dass sich jeder seine eigene Realität schafft.

Wiederholtes Erleben bildet Präferenzen für das Erfahrene aus (Hoeffler et al., 2006); Men­schen mögen lieber das, was sie kennen.

Stanovich & West (2000) unterscheiden zwischen System-1- und System-2-Denken. Das System-1-Denken wird als automatisch und unbewusst ablaufend charakterisiert, während sich das System-2-Denken als kontrollierter Denkprozess durch analytische und bewusste Vorgehens­weise auszeichnet. Je mehr ein Mensch ausgelastet und in Eile ist, desto stärker verlässt er sich auf die schnellen und automatisierten heuristischen Prozesse des System-1-Denkens (Bazerman & Moore, 2009). Dabei wird er anfälliger für verzerrtes und voreingenommenes Denken und Entscheiden.

In seinem Konzept der beschränkten Realität definiert Simon (1957) den Begriff des Satisficing: Bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt der Mensch nur eine begrenzte Anzahl von (naheliegenden) Entscheidungsalternativen, da bei Vorliegen einer annehmbaren Lösung die Suche nach weiteren Alternativen beendet wird.

Das Bild des Menschen von der Welt wird geprägt durch Beispiele und Ereignisse, die leicht ins Gedächtnis zu rufen sind (Tversky & Kahnemann, 1973); durch Stereotypisierung und Zurück­greifen auf vermeintlich repräsentative Beispiele werden Wahrscheinlichkeiten falsch beurteilt. Des Weiteren suchen Menschen vorrangig nach Belegen für die Richtigkeit ihrer Meinung, nicht aber nach gegensätzlichen Beweisen. Daher überschätzen sie ihr eigenes Urteil. Hinzu kommt das Anchoring (Bazerman & Moore, 2009), wonach Entscheidungen in einer neuartigen Umge­bung von einem (beliebigen) Startpunkt abhängen können, um den dann alle weiteren Überle­gungen kreisen (Ariely, Loewenstein & Prelec, 2003).

Kurz: Der Mensch berücksichtigt nie das, an das er nicht denkt, und er erkennt nicht, was er nicht kennt.

Im Folgenden wird erläutert, wie Maturana diese erkenntnistheoretische Perspektive für sich interpretiert.

3 Maturanas radikaler Konstruktivismus

Humberto Maturana geht bei der Darlegung seiner radikal-konstruktivistischen Weltsicht neue Wege, definiert altbekannte Begriffe um, fordert weitere Menschenrechte und prägt den Be­griff der Ästhetischen Verführung.

3.1 Toleranz und Respekt

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden Toleranz und Respekt oft synonym verwendet. Maturana (2008) plädiert für eine strikte Trennung dieser beiden Begriffe; für ihn stehen sie im Gegensatz zueinander.

Toleranz würdigt die Vielfalt möglicher Wirklichkeiten nicht ausreichend. Außerdem führt sie zu einer Haltung, die mögliche Konsequenzen verdrängt. Wer Toleranz fordert, der fordert „eigentlich dazu auf, die vermeintlich angebracht erscheinende Ablehnung und Abwertung des anderen noch ein wenig hinauszuzögern und aufzuschieben“ (Maturana, 2008, S. 47). Eine inhaltliche Beschäftigung mit der Weltsicht des anderen findet nicht statt. Vielmehr wird die eigene Sicht auf die Realität als die einzig wahre Wirklichkeit angenommen. Aus dieser Perspek­tive heraus gibt es keinen Anlass, sich mit der Realität des anderen zu befassen. Eine allge­meingültige Bestätigung für diese Wahrheit liegt freilich nicht vor. Oder anders formuliert: „Die meisten Menschen glauben nicht, dass sie glauben, sondern sie glauben zu wissen, denn sie wissen nicht, dass sie glauben“ (Maturana, 2008, S. 43).

Die desinteressierte Toleranz birgt das Risiko, die Realität des anderen zu verkennen, obwohl letztere auch das eigene Wohlbefinden steigern könnte. Schwerer jedoch wiegt die Gefahr, dass eine in der Realität des anderen innewohnende Gefahr oder Bedrohung für sich selbst nicht erkannt wird und daher keine Konsequenzen abgeleitet werden (Maturana, 2008).

Im Gegensatz zur Toleranz steht bei Maturana der Respekt. Jede andere Meinung und Weltan­schauung – also jede andere Wirklichkeit – besitzt ihre Existenzberechtigung. Respekt akzep­tiert die „grundsätzliche Legitimität“ der Weltsicht des anderen und endet demzufolge „nie“ (Maturana, 2008, S. 47 f). Es geht in einem ersten Schritt um das Zuhören und Einlassen auf die Realität des anderen. Dieser unendliche Respekt erscheint auf den ersten Blick wie eine Verharmlosung jeder beliebigen Ansicht und damit noch weniger mit Konsequenzen behaftet als die Toleranz (Maturana, 2008).

Maturana verfolgt dabei aber ein anderes Ziel: Der Respekt schafft für ihn die Basis, sich offen mit der Sichtweise des anderen zu beschäftigen, um dann für sich die entsprechenden Schlüsse und Konsequenzen zu ziehen. Respekt vor dem anderen ist nicht als vorbehaltlose Akzeptanz des Inhalts zu verstehen. Vielmehr meint er die intensive gedankliche Auseinandersetzung mit der Anschauung des anderen. Die eigene Wirklichkeit wird mit den neuen Impulsen abgeglichen und ggf. wandelt sich dadurch das zugehörige Bild der Welt (Maturana, 2008).

[...]


[1] Vergleiche dazu Kapitel 4.1 der vorliegenden Arbeit.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Leadership und der Radikale Konstruktivismus
Untertitel
Die Ideen Maturanas im Kontext der Führung
Hochschule
Frankfurt School of Finance & Management
Veranstaltung
Executive Master of Business Administration
Note
1,0
Autoren
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V181649
ISBN (eBook)
9783656051008
ISBN (Buch)
9783656051268
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
radikaler Konstruktivismus, Maturana, Leadership, Führung, Kant, von Foerster, Watzlawick, Wirklichkeit, kognitive Homöostase, Kulturdimensionen, Realität, Entscheidungstheorie, Toleranz, Respekt, Wahrheit, Menschenrechte, Ästhetische Verführung, Authentizität, Kongruenz, Harmonie, Konsequenz, Objektivität, interkulturelle Kommunikation, Change Management, Coaching
Arbeit zitieren
Michael M. Drebing (Autor)Nadine Greulich (Autor)Guido Groß (Autor)Reinhold Knobloch (Autor), 2011, Leadership und der Radikale Konstruktivismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181649

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