1. Einleitung
Am 14. September 1993 titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung:
„Großer Schritt zum Frieden im Nahen Osten“1 und kommentierte somit
den historischen Händedruck zwischen Yitzhak Rabin und Yassir Arafat
auf dem Rasen vor dem Weißen Haus in Washington. Es war der
Schlusspunkt der Verhandlungen, auf die schließlich die feierliche Unterzeichnung der Prinzipienerklärung über die vorübergehende Selbstverwaltung der palästinensischen Autonomiegebiete folgte. Nachdem der israelische Ministerpräsident und der Vorsitzende der Palestine Liberation Organization kurze Erklärungen zu den in Oslo ausgehandelten Zielen abgegeben hatten, reichten sich die beiden Staatsmänner die Hände und schufen somit ein Bild, das in kürzester Zeit um die Welt ging und gleichzeitig zum Sinnbild für den erhofften Frieden zwischen Israelis und Palästinensern wurde. „Für viele Beobachter war dies ein historischer Moment, der den Anfang vom Ende des israelischpalästinensischen Konfliktes symbolisierte“. Die Erwartungen an die Verhandlungsführer waren groß und ließen die Hoffnung auf eine friedvolle Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes ins Unermessliche steigen. Die Verleihung des Friedensnobelpreises im Dezember 1994 an Rabin und Arafat unterstrich diese positive Stimmung und ließ zum ersten Mal seit der Intifada der Jahre 1987-1993 wahre Zuversicht aufkommen.
Fast genau sieben Jahre nach dem historischen Händedruck
wurden eben diese Hoffnungen auf ein friedliches Ende des Konfliktes
begraben, als einen Tag nach dem Besuch des israelischen Oppositionsführers Ariel Sharon auf dem Tempelberg am 28. September 2000 Unruhen und bewaffnete Kämpfe zwischen Israelis und Palästinensern ausbrachen. Der zweiten Intifada, die erst am 8. Februar 2005 mit einer Waffenruhe beendet wurde, fielen tausende Menschen zum Opfer.
Die deutsche Sozialwissenschaftlerin Margret Johannsen sieht in dieser Gewalteskalation während der so genannten al-Aqsa-Intifada sogar den Grund für das Zerbrechen des gesamten Friedensprozesses.
Mit der vorliegenden Arbeit soll der oben beschriebene Weg von
der Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten zur großen Enttäuschung
untersucht werden. Vorzugsweise richtet sich dabei das Augenmerk auf
den Einfluss und die besondere Rolle der USA während der Amtsperiode
des US-amerikanischen Präsidenten Bill Clinton.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung: Frieden - Konflikt - Krieg
3. Eine Analyse des israelisch-palästinensischen Konflikts
3.1 Konfliktgegenstände und -ursachen
3.1.1 Ein- vs. Zweistaatlichkeit
3.1.2 Flüchtlinge
3.1.3 Jerusalem
3.1.4 Siedlungen & Grenzverlauf
3.2 Die USA und ihre Rolle im Nahostkonflikt
4. Von Hoffnung zu Enttäuschung – Der Verlauf des Friedensprozesses und die Beteiligung der USA
4.1 Die Prinzipienerklärung
4.2 Die Oslo-Abkommen
4.3 Yitzhak Rabins Ermordung
4.4 Der Besuch Ariel Scharons auf dem Tempelberg
5. Die Aussichten auf Frieden eine Dekade nach der Ära Clinton - ein Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Friedensprozess im Nahen Osten in der Ära von US-Präsident Bill Clinton und analysiert dabei insbesondere die Rolle und den Einfluss der Vereinigten Staaten als Vermittler zwischen Israel und den Palästinensern. Ziel ist es, die Gründe für das Scheitern der einstigen Hoffnungen auf eine friedliche Lösung zu ergründen und das Spannungsfeld zwischen diplomatischem Engagement und realpolitischen Hürden zu beleuchten.
- Historische und strukturelle Analyse zentraler Konfliktursachen (Flüchtlingsfrage, Jerusalem, Siedlungsbau)
- Die besondere Rolle und das strategische Engagement der USA im Nahostkonflikt
- Der Verlauf des Friedensprozesses von der Prinzipienerklärung 1993 bis zum Beginn der zweiten Intifada
- Die Bedeutung von Führungspersönlichkeiten und deren innenpolitischer Handlungsspielraum
- Die Auswirkungen von Gewalteskalationen und religiös motivierten Provokationen auf diplomatische Bemühungen
Auszug aus dem Buch
3.1.2 Flüchtlinge
Nach der Staatsgründung Israels erfolgten zwei große Flüchtlingswellen, die im Bezug auf die Endstatusverhandlungen von Bedeutung sind: In der ersten verließen im Jahr 1948 über 700 000 Menschen palästinensischer Herkunft Israel und flohen somit vor den gewaltsamen Auseinandersetzungen während des ersten israelisch-arabischen Krieges. Die meisten Vertriebenen fanden im Gazasatreifen, der Westbank und vor allem den arabischen Nachbarstaaten eine neue Heimat. Bislang herrscht keine genaue Einigkeit darüber, ob dieser Teil der Bevölkerung nun als Flüchtlinge oder Vertriebene eingestuft werden kann. Einerseits verließen viele Palästinenser das israelische Staatsgebiet, da sie der Ankündigung der Nachbarstaaten Glauben schenkten, dass der Krieg nur von kurzer Dauer sei und mit einem Sieg der arabischen Streitkräfte enden würde. Sie flohen aus Gründen der eigenen Sicherheit und hofften auf eine baldige Rückkehr. Wie sich später herausstellte, war dies eine Fehleinschätzung. Andererseits kann der israelischen Armee aktive Vertreibungspolitik während des ersten israelisch-arabischen Krieges von 1948/49 nachgewiesen werden. Unter anderem besetzten die jüdischen Untergrundorganisationen Etzel und Lechi - die brutaler und entschlossener vorgingen als die Hagana - das für den weiteren Kriegsverlauf unbedeutende und bereits eroberte Dorf Dir Jassin bei Jerusalem und verübten ein Massaker, dem 254 Menschen, meist Frauen und Kinder, zum Opfer fielen. Von dieser Gewalttat distanzierten sich unmittelbar danach die Jewish Agency sowie die israelischen Streitkräfte. Das Massaker von Dir Jassin sowie eine darauf folgende Verbreitung von Panik von Seiten israelischer Radiosender, die auf Arabisch sendeten und über blutige Anschläge auf arabische Zivilisten berichteten, um ein Gefühl von Chaos und Panik zu verursachen, sorgten für einen enormen Anstieg der bis dato stattgefundenen Flüchtlingsbewegungen. Unter Berücksichtigung dieser Umstände ist es möglich, sowohl von Vertreibung als auch von Flucht der arabischen Bevölkerung zu sprechen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Zäsur des Friedensprozesses in der Ära Clinton ein, beleuchtet die anfängliche Euphorie nach dem Händedruck von 1993 und thematisiert das spätere Scheitern der Hoffnungen durch die Eskalation der zweiten Intifada.
2. Begriffsklärung: Frieden - Konflikt - Krieg: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe im Kontext der Friedens- und Konfliktforschung und verdeutlicht, dass die bloße Abwesenheit von Krieg nicht mit einem positiven Frieden gleichzusetzen ist.
3. Eine Analyse des israelisch-palästinensischen Konflikts: Es werden die zentralen, miteinander verknüpften Konfliktgegenstände wie die Zweistaatenlösung, die Flüchtlingsfrage, der Status Jerusalems und die Siedlungsproblematik detailliert analysiert und die Rolle der USA in diesem komplexen Gefüge beleuchtet.
4. Von Hoffnung zu Enttäuschung – Der Verlauf des Friedensprozesses und die Beteiligung der USA: Dieses Kapitel zeichnet den Verlauf des Friedensprozesses nach, angefangen bei der Prinzipienerklärung von 1993 über die Oslo-Abkommen bis hin zu den entscheidenden Wendepunkten durch die Ermordung Yitzhak Rabins und den Besuch Ariel Scharons auf dem Tempelberg.
5. Die Aussichten auf Frieden eine Dekade nach der Ära Clinton - ein Resümee: Das abschließende Resümee bewertet die Ära Clinton als eine Phase intensiver, wenn auch letztlich gescheiterter Bemühungen und diskutiert die strukturellen sowie asymmetrischen Faktoren, die einer nachhaltigen Friedenslösung entgegenstehen.
Schlüsselwörter
Israel-Palästina-Konflikt, Friedensprozess, Ära Clinton, Zweistaatenlösung, Oslo-Abkommen, Flüchtlingsfrage, Siedlungspolitik, Jerusalem, USA, Nahost, Bill Clinton, Yassir Arafat, Yitzhak Rabin, Intifada, Friedens- und Konfliktforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Friedensprozess im Nahen Osten während der Amtszeit des US-Präsidenten Bill Clinton und untersucht, inwieweit das diplomatische Engagement der USA dazu beitragen konnte, den israelisch-palästinensischen Konflikt einer friedlichen Lösung zuzuführen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Abgrenzung von Begriffen wie Frieden und Krieg, die Analyse der Hauptkonfliktursachen (Flüchtlinge, Siedlungen, Jerusalem) sowie die Rolle der USA als politische und vermittelnde Supermacht in der Region.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den Weg von der Hoffnung auf ein friedliches Ende des Konflikts in den frühen 90er Jahren hin zur großen Enttäuschung zu untersuchen und zu bewerten, warum der Friedensprozess trotz intensiven Engagements scheiterte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine politikwissenschaftliche Analyse, basierend auf der Friedens- und Konfliktforschung, unter Einbeziehung relevanter Literatur, historischer Dokumente und der Analyse des diplomatischen Verhaltens der beteiligten Akteure.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte Analyse der Konfliktgegenstände, eine detaillierte Untersuchung des diplomatischen Verlaufs unter Clinton sowie eine kritische Auseinandersetzung mit den Wendepunkten wie der Ermordung Rabins und den Provokationen durch Ariel Scharon.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern gehören Israel-Palästina-Konflikt, Friedensprozess, Zweistaatenlösung, Oslo-Abkommen, Siedlungspolitik sowie die spezifische Rolle der USA in der Ära Clinton.
Warum war der Händedruck von 1993 so bedeutsam?
Der Händedruck zwischen Rabin und Arafat auf dem Weißen Haus gilt als historisches Symbol und Höhepunkt der damaligen Zuversicht, dass eine friedliche Koexistenz zwischen Israelis und Palästinensern möglich ist.
Welche Rolle spielten die US-Präsidenten bei der Vermittlung?
Bill Clinton versuchte als Vermittler Rahmenbedingungen zu schaffen und Vorschläge zu unterbreiten, während unter seinem Nachfolger George W. Bush eine deutlich einseitigere pro-israelische Politik festzustellen war.
Warum scheiterte das Friedensabkommen laut Autorin?
Das Scheitern wird auf eine Kombination aus ungelösten, hochsensiblen Streitfragen, dem Widerstand von Hardlinern auf beiden Seiten, den traumatischen Erfahrungen der Akteure sowie dem asymmetrischen Machtverhältnis zurückgeführt.
Inwiefern beeinflusst der Siedlungsbau den Friedensprozess?
Der Siedlungsbau wird als Haupthindernis betrachtet, da er das Westjordanland geografisch zerstückelt und die Schaffung eines zusammenhängenden, eigenständigen Staates Palästina faktisch erschwert oder gar unmöglich macht.
- Citar trabajo
- Julia Klewin (Autor), 2011, Der israelisch-palästinensische Konflikt in der Ära Clinton, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181663