Die Rhetorik des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt in seinen Reden

Anlässlich des Falles Hanns Martin Schleyer und hinsichtlich der Redegattung Krisenrede


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Grundbegriffe aus dem System der Rhetorik
2.1 Die Redegattungen.
2.2 Die Redeteile
2.3 Besonderheiten politischer Rede

3 Reaktionen der bundesdeutschen Regierung
3.1 Die Rede Schmidts vor dem Deutschen Bundestag und ihre Analyse
3.1.1 Beschreibung der Rede
3.1.2 Vokabular
3.1.3 Struktur.
3.2.4 Schriftsprache und gesprochene Sprache
3.2.5 Videoanalyse
3.2 Die Rede an die Nation und ihre Analyse
3.2.1 Beschreibung der Rede
3.2.2 Vokabular
3.2.3 Struktur,
3.3 Vergleich
3.4 Reden von einer Krise: Krisenrede?

4 Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

19. Oktober 1977 - In Mulhouse (Frankreich) wird die in einem Audi 100 versteckte Leiche eines Mannes gefunden, der mehr als einen Monat vorher von einem Kommando der Rote Armee Fraktion im Kugelhagel entführt worden war: Es ist der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer.1

Mit diesem schrecklichen Fund endet ein ebenso schreckliches Kapitel der deutschen Geschichte innerhalb vieler Ereignisse, die unter dem Begriff Deutscher Herbst subsumiert werden.

Dem Mord an Hanns Martin Schleyer, dessen Aktivitäten im Dritten Reich und dessen Verhalten in seinem Amt als Arbeitgeberpräsident der linksextremen RAF ein Dorn im Auge waren gehen nach seiner Entführung am 5. September 1977 zwei weitere, in negativer Hinsicht bedeutsame Ereignisse voraus, nämlich die Befreiung der Geiseln und die Erschießung dreier Entführer der Flugmaschine Landshut in Mogadischu durch die GSG 9 am 18. Oktober 1977 sowie die Selbstmorde der RAF- Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin sowie Jan- Carl Rapse in der Haftanstalt Stammheim. Die Tatsache, dass diese beiden Ereignisse am selben Tag geschahen, zeugt von einem kausalen Zusammenhang, von turbulenten Tagen injenem Herbst des Jahres 1977.

Ebenso unschwer zu erkennen ist ein kausaler Zusammenhang zwischen den Selbstmorden und der Tötung der Geißel Schleyer.

Diese Taten zeugen von einer krisenhaften Lage gesellschaftliche Normen, die auf den politischen Bereich dadurch übergreift, dass die Terroristen sich mit Forderungen direkt an den damals amtierenden Bundeskanzler, Helmut Schmidt, richten. Doch das Verhandeln mit Terroristen widerspricht den rechtsstaatlichen Grundsätzen der Bundesrepublik Deutschland. Somit befindet sich auch das politische Handeln in einer Krise.

Die Reaktion der Bundesregierung lässt nicht lange auf sich warten: Helmut Schmidt gibt am 15. September eine Regierungserklärung anlässlich der Schleyer-Entführung ab. Kurz nach dem Mord an Schleyer hält er zudem eine Rede an die Nation, um Position zu beziehen, den Terrorismus und ihre Drahtzieher zu verurteilen und um sich hilfesuchend an die Bevölkerung zu richten.

Die Bundesrepublik Deutschland steckt in der Krise.

Ziel dieser Arbeit ist es, anhand der erwähnten Reden eine rhetorische und vergleichende Analyse durchzuführen. Dies geschieht unter dem Blickpunkt auf die Redegattung der politischen Rede.

Der rhetorischen Analyse geht eine Klärung einschlägiger Fachbegriffe der Rhetorik hinsichtlich der Redegattungen und Redeteile voraus.

Da eine politische Rede zwar eine spezifische Redegattung ist, welche aber Lob- und Tadelrede, Beratungsrede und dergleichen mehr einschließt, soll versucht werden, den Begriff Krisenrede und entsprechende Kriterien dafür zu definieren.

2 Grundbegriffe der Rhetorik

Zuerst soll ein Überblick über die wichtigsten Begriffe der Rhetorik gegeben werden und zwar in dem Maße, wie sie in dieser Arbeit Verwendung finden.

Da die politische Rede keine Redegattung der klassischen, antiken Rhetorik ist, sondern vielmehr eine Mischform, soll sie in Punkt 2.3 kurz charakterisiert werden.

2.1 Die Redegattungen

In der klassischen Rhetorik, die durch Cicero und Aristoteles Verbreitung fand, wurden drei Redegattungen, genera orationis, unterschieden. Dazu gehören die Gerichtsrede genus indicale, die Beratungsrede genus deliberativum sowie die Lobrede genus demonstrativum. Göttert2 ordnet der Gerichts- und Beratungsrede die urteilende Funktion zu, während die Lobrede die Funktion erfüllen soll, dem Hörer genussvollen Inhalt nahe zu bringen. Schlüter3 erweitert die dritte Redegattung um das Gegenteil des Lobes, indem er auch die Tadelrede aufführt, von der aber klar sein muss, dass diese eine „sichere Sache [res certa] zum Gegenstand hat“4.

Jeder Redegattung kann zudem eine Zeitperspektive zugeordnet werden. Handelt die Gerichtsrede von vergangenen Sachverhalten, indem der Redner das Gericht zu überzeugen versucht, das bereits begangene Unrecht ginge zu (Un-)Lasten seines Mandanten, so ist die Beratungsrede vor allem in der Volksversammlung5 zu finden und mit ihrer beratenden Funktion vor allem zukunftsgerichtet. Die Lob- und Tadelrede bezieht sich auf gegenwärtige Ereignisse oder auch Personen.6

2.2 Die Redeteile

In der traditionellen Rhetorik werden fünf Bearbeitungsphasen unterschieden, deren sich drei (inventio, dispositio und memoria) auf die Gedanken beziehen und zwei (elocutio und pronuntiatio) auf die Sprache und deren Schmuck. Die dispositio, also die Anordnung der Gedankenvoll in dieser

Arbeit ebenso wenig interessieren wie die memoria, das Auswendiglernen der Rede, da es sich bei beiden zu untersuchenden Reden um vom Papier abgelesene Reden handelt.

Umso interessanter wird sein, wie der Redenschreiber die elocutio vorgenommen hat, wie er seine Rede sprachlich dargestellt, geschmückt hat.

Wie die Rede gehalten wird (pronuntiatio), kann ebenso eine Fragestellung sein, die zu beantworten sich lohnen könnte. Hier muss die Untersuchung beschreibend erfolgen. Eigenheiten des Redners und Gestik und Mimik betreffende Umstände können auf Angemessenheit gemäß der Redesituation und des Redeinhalts können in die Analyse einfließen.

Den Fokus auf die Rede selbst gerichtet muss die inventio weiterhin unterteilt werden. Die Einleitung {exordium7 ) hat folgende Aufgaben: „Erlangen der Aufmerksam, [...] Erweiterung der Aufnahmefähigkeit [.] [sowie] Erlangen des Wohlwollens“8

Es folgt die Schilderung des Sachverhalts {narratio). Die Schilderung muss bestimmte Kriterien erfüllen, um als gute Rede angesehen zu werden. Göttert spricht von den „drei Tugenden“: „Kürze {narratio brevis), Klarheit {narratio aperta), Glaubwürdigkeit {narratio prohabilis)“9 Außerdem gelten die zur Orientierung dienenden Fragen, diejeder Redenschreiber in der Phase der inventio an sich stellen sollte, nämlich Wer, Was, Warum, Wo, Wann, Wie und Ob.10

Mit der Begründung {argumentado) bringt der Redner Beispiele in die Rede ein, die seine Erzählung stützen, seine Argumentation erhärten und plausibilisieren sollen. Zu den Möglichkeiten, eine Rede zu stützen, zählen Zeichen, Beispiel und Gründe11

Der Schluss {peroratio) kann eine konkrete Handlungsanweisung, eine Stellungnahme enthalten. „Fast alle Autoren [haben] betont, dass am Schluss dem Affekt die größte Bedeutung zukommen. Vor allem in der Form der Entrüstung [...] sowie in der Form der Wehklage als Gewinnung [der] Sympathie“ liegt das Geheimnis der guten Rede.

Inwieweit die Gedanken sprachlich gestaltet sind, wird in Punkt 4, im Rahmen der rhetorischen Analyse zu untersuchen sein.

2.3 Besonderheiten politischer Rede

Uwe Pörksen12 trägt einen weiteren Wirkungskreis der oratoria genus demonstrativum hinzu, sie sei nämlich auch gewissermaßen der Richtplatz „menschlicher Taten und Untaten“, eben „Platz der Kritik“13.

Da sich weder die zweite, die Gerichtsrede, noch die dritte, die Beratungsrede als Klassen für die Reden Helmut Schmidts anlässlich der Entführung Hanns Martin Schleyers eignen, soll die politische Orientierungsrede ausführlicher charakterisiert werden.

Am Beispiel der von Kurt Georg Kiesinger gehaltenen Totenrede14 auf den gerade verstorbenen Altkanzler Konrad Adenauer zeigt Pörksen aus der Vorbildwirkung heraus, Normen auf: „Die vor Augen führende, Lob und Tadel verteilende, der Orientierung des Allgemeinbewußtseins dienende Rede ist ein Ort, wo die Normendiskussion ausgetragen, derNormenwandel eingeleitet wird.“15 16 Die Orientierungsrede darf polarisieren, muss aber auch deutlich ihre Position erklären, welche Seite sie nämlich vertreten wird. Es muss unmissverständlich klar sein, dass nicht irrtümlich die Gegenseite als Opfer dargestellt wird, wenn es gilt, um die wahren Opfer zu trauern und den Tätern eine den Zeitumständen geschuldete Amnestie gewährt.

Zur grundlegenden Definition unter dem Aspekt des pragmatischen Ziels sagt Pörksen: „Die Orientierungsrede handelt dadurch, dass sie Fundamente sichert und umgräbt. Sie ist Gedächtnis und Urteilsbildung einer Gemeinschaft als öffentliche Einrichtung.“17 Sie gilt als „kritische Analyse der öffentlichen Seele“.17

Hans-Martin Gauger gibt Mitte der 90er Jahre ein Bild der politischen Rhetorik ab, das negativ stimmt. Er registriert einen „beträchtlichen Niedergang“18 in den politischen Reden, vermutlich verursacht durch die politischen Reden gerade jener Zeit. Umso tragischer ist dieses Urteil, da Gauger weiter feststellt, dass eigentlich nur Worte19 das Handwerkszeug des Politikers sind. Sind also die Worte schon nicht richtig gewählt, ist eigentlich die Arbeit des Politikers auch nicht als gut anzusehen. Trotzdem hätte es gute Redner gegeben und es gäbe sie auch noch. Helmut Schmidt beispielsweise sei ein Redner, der von Stil viel verstünde, Rudolf Scharping sei ernst, wirke aber maskenhaft, Joschka Fischer dagegen impulsiv.20 21

Gauger stellt gewissermaßen einen Katalog auf mit Kriterien für eine gute, politische Rede. 22

- Betroffenheit: Signalisiert der Redner eigene Betroffenheit und schildert eigenes Empfinden, so wird die Wirkung beim Hörer ebenso eine emotionale sein.
- Modus: Eine Rede muss nicht zwingend etwas Falsches oder Anstößiges enthalten, um langweilig oder unattraktiv zu wirken. Die Art der Rede und Kontrolle über Sprechtempo, Stimmlage und Betonung sind wichtige Faktoren.
- Schauspielerische Begabung;: Darunter ist nicht die Selbstverleugnung zu verstehen, sondern eine darstellende Weise, die Inhalte an den Lesen zu bringen. Stures Ablesen ist kontraproduktiv. Bei allem nötigen Ernst muss auch auf passende, angemessene Inszenierung geachtet werden. Sie vermittelt vor allem des Eindruck des Glaubhaften.
- Rekrutierung der Politiker: „Heute fehlt es schlicht an Persönlichkeiten.“23 Heutige Politiker haben meist keine andere berufliche Qualifikation als die des Politikerdaseins. Sie sind also Berufspolitiker und keine Politiker mit Beruf.24 Meist ist die rhetorische Qualität daher von der gleichnamigen Schulung abhängig, kann aber nur durch die Informationen der Referenten, der Zuarbeiter mit beständigem, fundamentalem Wissen gefüllt werden, da anderes Sachwissen nicht zwingend vorhanden ist. Helmut Schmidt beispielsweise ist studierter Volkswirt. Eine entsprechende fachliche Qualifikation ist also von Vorteil.
- Statements: In einer Zeit großer Informationsflut bilden den Löwenanteil politischer Äußerungen nicht mehr durchdachte, wohlformulierte, inhaltsträchtige Reden, sondern kurze Statements vor der Kamera. Diese haben die Möglichkeit, eine Meinung zu erhaschen, die durch „kurze, griffige Formeln“25 ausgedrückt wird und schnell im Rundfunk und Fernsehen ausgestrahlt werden kann. Die Wahrhaftigkeit solcher Aussagen ist m.E. nicht gegeben und die Möglichkeit, komplexe Zusammenhänge in kurze Textsequenzen zu pressen, ist fragwürdig hinsichtlich des Ziels, aufklärende Äußerungen zu treffen. Eine Rede muss also vor allem plausibel, erklärend und ausführlich sein.
- Adressatenorientiertheit: Der Politiker muss wissen, an wen er seine Rede richtet. Ist es ein Angriff auf die Opposition, eine Ermutigung oder sogar Lob und Tadel an die eigene Fraktion oder richtet sich die erklärende Rede an die Bevölkerung?

[...]


1 Vgl. Peters 2004, S. 837

2 Göttert, Karl -Heinz: Einführung in die Rhetorik. Wilhelm Fink Verlag: Paderborn 2009.

3 Schlüter, Hermann: Das Handbuch der Rhetorik. Anaconda: Köln 2006.

4 Schlüter 2006, S. 23

5 Da hier von den Redegattungen gemäß der antiken Rhetorik die Rede ist, ist der Begriff Volksversammlung hier durchaus angebracht. Ein heutzutage gängiges Äquivalent wäre die Vollversammlung (lat. Plenum), die aber weder im antiken Griechenland noch im antiken Rom in der heutigen Form existiert.

6 Schlüter 2009,S.21

7 Griech: prooimion

8 Ueding/Steinbrink: Grundriß der Rhetorik. Geschichte, Technik, Methode. Verlag J.B. Metzler: Stuttgart 1994, S. 259ff.

9 Göttert 2009,S.34.

10 Lat.: quis, quid, cur, ubi und quando, quemadmodum, quibus adminiculis. Zitiert nach Göttert 2009, S. 35

11 Vgl. Göttert 2009,S.35

12 Pörksen, Uwe: Die politische Zunge. Eine kurze Kritik der öffentlichen Rede. Klett-Cotta: Stuttgart 2002.

13 Pörksen 2002, S. 163

14 Vgl. Pörksen 2002, S. 168

15 Pörksen 2002, S. 169

16 Pörksen 2002, S. 173

17 Pörksen 2002, S. 174

18 Gauger, Hans-Martin: Zur politischen Rhetorik - heute. In: Heinrich F. Plett (Hrsg.): Die Aktualität der Rhetorik. Wilhelm Fink Verlag: München 1996, S. 38

19 Gauger 1996, S. 42

20 Vgl. Gauger 1996, S. 43

21 Man denke an die Äußerung Fischers: „Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch.“ vom 18. Oktober 1984

22 Die Kriterien werden zusammenfassend im Indikativ geschildert. Zur ausführlichen Beschäftigung mit den Kriterien vgl. Gauger 1996, 44 ff.

23 Gauger 1996, S. 45

24 So ähnlich auch eine Wahlwerbung der FDP vom Beginn des 21. Jahrhunderts.

25 Gauger 1996, S. 46

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Rhetorik des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt in seinen Reden
Untertitel
Anlässlich des Falles Hanns Martin Schleyer und hinsichtlich der Redegattung Krisenrede
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Germanistik und Kommunikation)
Veranstaltung
Rhetorik der Rede und des Gesprächs
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V181672
ISBN (eBook)
9783656048220
ISBN (Buch)
9783656047896
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rhetorik, altbundeskanzlers, helmut, schmidt, reden, anlässlich, falles, hanns, martin, schleyer, redegattung, krisenrede
Arbeit zitieren
Kay Nagel (Autor), 2011, Die Rhetorik des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt in seinen Reden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181672

Kommentare

  • Gast am 14.3.2014

    Ich habe mir die Hausarbeit gekauft und muss sagen, dass sie insgesamt sehr hilfreich ist. Irreführend ist jedoch die Angabe des Datums der "Rede an die Nation". Es wird geschrieben, dass sie nach dem 18. Oktober sein müsse, was jedoch nicht möglich sein kann. Viel eher war sie am 05 September 1977, da Schmidt von dem "heutigen" Mordanschlag (der sich auf die Begleiter Schleyers bezieht, nicht auf ihn selbst) in Köln spricht.

Im eBook lesen
Titel: Die Rhetorik des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt in seinen Reden



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden